TV-MOVIES Die Rolle eines Lebens
Auch Bullen sind nur Menschen. Manchmal heißt so einer Wolfgang, ist Oberkommissar, geschieden und allein erziehender Vater einer halbwüchsigen Tochter, die mit Ecstasy erwischt wird. Soll er sie anzeigen? Soll er''s vergessen?
Wolfgang schwankt zwischen Liebe und jener Paragrafenpedanterie, die zwar sein Leben übersichtlich, ihn selbst aber auch hart gemacht hat. Er ist kein Missionar und kein Held, eher ein lebender Akten-Ordner. Unauffällig hat er Verbrechen verwaltet. Und als alles zusammenzubrechen droht, zieht er vor einer Kollegin Bilanz: »Jeden Tag der gleiche Hass. Jeden Tag die gleichen Lügen. Jeden Tag die gleichen Butterstullen.«
Es ist ein guter, weil karger Text. Es ist eine Rolle, keine leichte, aber eine tragende in dem Spielfilm »Abschnitt 40«, den RTL am Donnerstag um 21.15 Uhr zeigt. Vor allem ist es der bisherige Höhepunkt in der Schauspielerkarriere von Christof Wackernagel.
Den 49-Jährigen hält es vor Euphorie kaum auf dem Stuhl, wenn er von seinem Alter Ego Wolfgang erzählt. Er hat ein großes Foto mit dem »Abschnitt 40«-Ensemble in die Glastür seines Bochumer Ateliers gehängt, damit seine Nachbarn es lesen und sich dann den Film anschauen. Ob das die Quote hochtreiben wird, ist eher unwahrscheinlich. Aber erst die Quote, das weiß Wackernagel, adelt jene Qualität, die er im Privatfernsehen gar nicht mehr für möglich gehalten hätte.
Er wusste es gleich, als er das Drehbuch bekam. Da war diese Zerrissenheit. Dieses Pathos tragischer Alltäglichkeit. Diese Zweite-Reihe-Tristesse, die auch Wackernagel kennt, weil er seit
Jahren vor allem von Kleinstkunst lebt.
Ein- bis Drei-Tages-Rollen oft, für die andere nicht mal aufstehen würden. Winzige Auftritte wie in Sönke Wortmanns »Der bewegte Mann«, wo er als schwäbelnder Alt-68er-Witz in der Männer-Therapie-Gruppe nur drei Worte hatte: »Titten, Titten, Titten!« Das war Karikatur, nicht Charakter, Brot statt Spiele. Wackernagel litt.
Jetzt, sagt er, könne er »es endlich mal allen zeigen«. Er reißt die Arme auseinander: »Die ganze Bandbreite vom reaktionären Arschloch bis zum liebenden Vater.« 90 Minuten lang. Prime Time. Christof als Wolfgang. Ausgerechnet in der Rolle eines Streifenpolizisten. Ausgerechnet Wackernagel, der als ganz realer Terrorist einst ohne Zögern Bullen niederschoss, die für ihn damals keine Menschen waren.
Seine Arme fallen herab. Regnet''s draußen? Ja, es regnet.
Klar, dass das jetzt kommen musste. 1977 in Amsterdam. Wackernagel und sein RAF-Freund Gert Schneider waren in eine Polizeikontrolle geraten. Schneider warf eine Handgranate. Wackernagel ballerte wild drauflos. Am Ende lagen auch drei Polizisten verwundet am Boden.
Mann, das ist alles so verdammt lange her. Wie lange, lässt sich an den großen Augen von Tina Land ablesen. Die 27-Jährige arbeitet in der Pressestelle von RTL in Köln und will an diesem verregneten Morgen eigentlich ihren »TV-Movie« verkaufen. Nun sitzt sie mit in Wackernagels Wohnküche, nippt an lauwarmem Kaffee und schaltet vorsichtshalber ihr türkisfarbenes Handy aus.
Das hier droht zu einer Geschichtsstunde zu werden. Sie war drei Jahre alt, als ihr Star inhaftiert wurde. Und die Bundesrepublik war ein anderes Land. Damals.
Wackernagel wird das jetzt wieder ein paar Mal erklären müssen. Er musste es immer erklären. Seit er vor 13 Jahren aus der Haft entlassen wurde, ist er im Nebenberuf unehrenamtlich »Ex-Terrorist«. Egal ob er den Roman »Nadja« veröffentlichte, Klanghörspiele produziert oder jene winzigen Pretiosen ausstellt, die er einst hinter Gittern auf den Rand von Briefmarkenbögen kritzelte. Völlig Wurst.
Momentan bereitet er eine Karawane vor, zu der 200 Künstler aus aller Welt ein Jahr lang durch die Wüste Afrikas ziehen sollen. Irgendwas Multikulturelles mit Festivals. Im Januar war Wackernagel deswegen bei Bundespräsident Johannes Rau. 35 Minuten habe der mit ihm geredet über die Entdeckung der Langsamkeit, freut er sich. Anfang 2003 will er loslaufen. In die Wüste. Weg vor was? Dem Regen in Bochum? Der Vergangenheit in Amsterdam? Dem Etikett?
Der »Ex-Terrorist« klebt an ihm. Als seien all seine Engagements seither nur so eine Art öffentliche Resozialisierung. Als komme er nicht aus einer Künstlerfamilie, wo der Papa Intendant und die Mama Theater-Diva war. Als habe er selbst nicht seit Jugendzeit geschauspielert.
Wackernagel war erst 15, als er in dem Film »Tätowierungen« auftrat, für den ihm die »FAZ« ein »gewinnendes Bild von Jugend« bescheinigte. Irgendwann brach der Jungstar die Schule ab, wurde Kommunarde in Schwabing, Kiffer in Basel, Aushilfsarbeiter in einer Stuttgarter Bibeldruckerei und am Ende Tontechniker bei dem Anwalt Klaus Croissant, der die RAF-Prozesse in Stuttgart-Stammheim begleitete.
Wackernagel verteilte bald lieber Flugblätter und Kampfaufrufe als Autogramme. Aber als Schauspieltalent wurde er noch immer zum Kanzlerfest eingeladen, wo er ein Video drehte, das damals als Medium noch völlig neu war. In Croissants Kanzlei haben sie sich schlapp gelacht. Aber der Showdown war programmiert.
Nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer tauchte Wackernagel unter - und nur noch auf Fahndungsplakaten auf, die zu jener Zeit in jedem Metzgerei-Schaufenster hingen. Er galt als einer der meistgesuchten Terroristen des Landes. Bis Amsterdam. Dann konnten die Metzger auch sein Bild durchstreichen.
Wackernagel wurde zu 15 Jahren Haft wegen versuchten Mordes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Im Namen des Volkes saß er danach mit Gert Schneider hinter Gittern und studierte Karl Kraus und Adorno. Mit der Pedanterie des Verzweifelten, der im Kokon streng bewachter Isolation einen Halt suchte. Manchmal kritzelten sie zu zehn Seiten Marxscher Theorie 100 Blätter eng beschriebener »Sekundärliteratur« voll, nur um sich zu beweisen, dass es keinen Beweis dafür gab, dass Mord als politisches Mittel taugte. 1984 sagten sich beide öffentlich von der RAF los, womit die Restkader ebenso Probleme hatten wie Wackernagel selbst.
Man kann da verdammt einsam werden, wenn die alten Freunde entweder tot sind oder einen selbst für tot erklären und neue Freunde noch nicht in Sicht sind. Jeden Tag der gleiche Hass. Jeden Tag die gleichen Lügen. Jeden Tag die gleichen Butterstullen. So wurde Wackernagel nach zehn Jahren frühzeitig zur Freiheit verurteilt.
Zunächst durfte er als Regieassistent am Bochumer Schauspielhaus debütieren. Nichts Besonderes, aber schon das reichte, dass ein Politiker der nordrhein-westfälischen CDU den damaligen Ministerpräsidenten Rau aufforderte, dieser »ungeheuren Provokation der Öffentlichkeit« entgegenzutreten.
Und nun? Provoziert ein »Ex-Terrorist« in der Uniform eines Streifenpolizisten noch jemanden? Wäre es besser gewesen, einen Feuerwehrmann zu spielen, Arzt oder Häftling? »Das interessiert doch keinen mehr«, glaubt Wackernagel. Er schaut in die unschuldigen Seifenopernaugen der PR-Frau von RTL. Die Gleichgültigkeit im Land fällt ihm ein. Dass alles so Wurst geworden sei. Und dass keiner wage, über die RAF zu sprechen. Jahrelang wollte er nicht reden. Nun wollen die anderen nicht.
Jaaa, wenn es eine Wahrheitskommission gäbe wie in Südafrika, vor der jeder ungestraft aussagen dürfte, »dann könnten wir über alles sprechen": die Jahre 1968 bis 1977. Die Toten auf beiden Seiten. Schleyers Entführung, zumal bis in die neunziger Jahre versucht wurde, Wackernagel nachzuweisen, dass er damals das Erpresservideo drehte. Bis dahin muss er seine Vergangenheit allein bewältigen.
Zum Beispiel durch den Kontakt zu Herman van Hoogen, einem jener Beamten, die er damals in Amsterdam niederschoss. Ausgerechnet dessen Tochter hatte van Hoogen nach der Tat erklärt, dass der Deutsche nicht auf ihn, sondern auf ein System geschossen habe. So kamen sie sich langsam näher: Täter und Opfer, ohne wahrscheinlich je klären zu können, wer eigentlich welche Rolle spielte.
Wackernagel weiß noch, wie er van Hoogen zum ersten Mal besuchte: Als sie um die Ecke in dessen Straße bogen, zog oben im ersten Stock eine Frau den Vorhang auf und schaute heraus. Es war van Hoogens Frau, und in dem Moment wurde Wackernagel klar, dass diese Frau auch damals nach der Schießerei auf ihren Mann wartete. »Und wenn ich ihn erschossen hätte, hätte sie ihn verloren.«
»Abschnitt 40« beginnt damit, dass ein Polizist getötet wird und im Krankenhaus seine Frau mit dem Neugeborenen auf ihn wartet. Wenn der Film einigermaßen ankommt, will RTL daraus eine Serie machen. Wackernagel würde gern weiter den zerrissenen Oberkommissar geben. Es ist die Rolle seines Lebens. Seit den Dreharbeiten studiert er deutsche Beamte mit fast liebevoller Hingabe.
Wie die ihm geduldig erklären, weshalb er in einer Tempo-30-Zone eben nicht 50 fahren darf. Wie die Fahrkartenkontrolleure ganz ruhig bleiben, wenn sie von einem schwarzen Schwarzfahrer reflexartig als Rassisten beschimpft werden. Wackernagel wartet darauf, eingreifen zu müssen. Aber er wird nicht gebraucht. Alles geht gleichgültig seinen Gang. Der Kampf ist zu Ende. Kein Hass mehr. Nur noch Butterstullen.
Es hätte schlimmer für ihn kommen können. Andere Terroristen sitzen noch immer in Haft, sind ausgewandert oder ausgeflippt. Er dagegen hat sich eingerichtet in seinem Wohn-Klo-Küchen-Atelier hinterm Bochumer Hauptbahnhof zwischen Computern, handzerlesenen Büchern, Skulpturen und der Afrika-Karte, auf der sein Karawanen-Traum abgesteckt ist. In seiner etwas anderen deutschen Karriere zwischen RAF und RTL. Er ist kein Missionar mehr und kein Held. Vielleicht waren das auch nur Rollen.
Die junge PR-Frau von RTL sagt, das sei »sehr interessant« gewesen. Sie muss nach Köln zurück in ihre »Gute Zeiten, schlechte Zeiten«-Welt. Es regnet weiter. Auf der Plastikbank im verwuchert-idyllischen Hinterhof-Gärtchen zerplatzen fette Tropfen.
»Lieber gut bürgerlich als schlecht revolutionär«, lächelt Wackernagel. Auch Ex-Terroristen sind nur Menschen.
THOMAS TUMA
* Willy Peter Stoll, Christof Wackernagel, Rolf Heißler, RolfClemens Wagner.