Die rumänische Kur - DER SPIEGEL
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VERJÜNGUNG Die rumänische Kur

• aus DER SPIEGEL 37/1957
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine vollerblühte Fünfzigerin präsentierte sich am Mittwoch voriger Woche auf dem Karlsruher Therapie -Kongreß fünftausend deutschen und ausländischen Ärzten als neueste Heilsbotin östlicher Verjüngungsmethoden. Seit der Ruhm des angeblich verjüngenden Bogomoletz-Serums durch Stalins Tod gelitten hat, arbeiteten die Altersforscher jenseits des Eisernen Vorhangs intensiv an der Erprobung eines neuen Mittels. Es heißt schlicht »Stoff H 3«.

Die rumänische Professorin Anna Aslan war nach Karlsruhe gekommen, um den dort versammelten Ärzten die Ergebnisse ihrer Versuche mitzuteilen. Bis jetzt, berichtete die Rumänin, seien 5251 Patienten regelmäßig mit dem »Stoff H 3« gespritzt worden. 28 Prozent hätten sich »sehr viel besser«, weitere 61 Prozent »besser« gefühlt. Als durchschnittliches Sterbealter der von ihr betreuten Greise errechnete Frau Professor Aslan das 84. Lebensjahr.

Das Mittel mit dem seltsamen Namen »Stoff H 3« entpuppte sich für die Ärzte als vertrautes Medikament. Hinter der Bezeichnung verbarg sich das in allen Ländern benutzte Novocain, das gebräuchlichste Medikament für die örtliche Betäubung. Es wurde kurz nach der Jahrhundertwende von dem Chemie-Professor Alfred Einhorn entdeckt und ersetzt seitdem das Kokain, mit dem der deutsche Arzt Carl Ludwig Schleich seine erste Lokalanästhesie ausführte.

Novocain blockiert die schmerzleitenden Nerven in der Nähe der Einstichstelle der Injektionsnadel und wird deshalb bei kleinen chirurgischen Eingriffen und beim Zahnziehen angewandt. Es hat aber auch, wie sich später herausstellte, eine beruhigende Wirkung auf das vegetative Nervensystem, das die Arbeit der Drüsen und Organe aufeinander abstimmt. So fußt beispielsweise auch die sogenannte Neural -Therapie des Düsseldorfer Arztes Ferdinand Huneke (SPIEGEL 50/1950), die unter anderem eine Umstimmung des vegetativen Nervensystems bezweckt, auf der Wirkung des Novocains, das in dem Kombinationspräparat »Impletol« enthalten ist.

Die rumänischen Forscher wollen aber noch weitere Wirkungen des Novocains auf den Körper entdeckt haben. In Karlsruhe berichtete Frau Aslan, man habe bei Tierversuchen festgestellt, daß die größte Menge einer eingespritzten Novocainlösung im Gehirn gespeichert wird. Daraus sei auch die zunehmende geistige Frische der Patienten zu erklären.

In den Blutgefäßen wirke das Mittel ähnlich wie ein Vitamin. Die Novocainspritzen verhinderten Ablagerungen von Schlacke in den Adern und könnten mithin der fortschreitenden Arterienverkalkung vorbeugen. Die Arterien blieben »jung und elastisch«.

Schließlich folgerten die rumänischen Forscher, die in Bukarest in dem von Professor C. I. Parhon geleiteten »Institut für Geriatrie« (Altersheilkunde) arbeiten, aus verschiedenen Beobachtungen, daß Novocain den Stoffwechsel* fordert. Sie vermuten, daß es einen direkten Einfluß auf die Atmung hat, mehr aber noch auf den Stoffwechsel in den Zellen. So seien manchen Patienten während der mehrwöchigen Kur die Haare gesprossen, und dank dem besseren Stoffwechsel hätten graue Haare wieder ihre natürliche Farbe angenommen.

Aus all diesen Beobachtungen schlossen Parhon und Anna Aslan, daß man mit einer planmäßig durchgeführten Novocain -Kur dem ganzen Körper wieder jugendliche Kräfte zuführen könne. Wegen seiner drei Angriffspunkte auf die Alterserscheinungen in Nerven, Blutgefäßen und Stoffwechselorganen nannten sie das Novocain »Stoff H 3«.

Wöchentlich dreimal spritzten sie älteren und jüngeren Patienten je 0,1 Gramm Novocain (in 4,9 Gramm Wasser aufgelöst) in die Gesäßmuskeln; das entspricht der Menge, die bei einer kleinen Lokalanästhesie - etwa beim Zahnziehen - angewandt wird. Nach zwölf Injektionen, also nach vier Wochen, legten sie eine Pause von zehn Tagen ein und begannen dann mit der Kur von neuem. In diesem Rhythmus - vier Wochen Injektionen, zehn Tage Pause - kann die Kur beliebig lange fortgesetzt werden, oft über mehrere Jahre.

Da das Novocain - im Gegensatz zu den anderen komplizierten »Verjüngungsmitteln« wie dem Bogomoletz-Serum und Drüsenextrakten - seit fünfzig Jahren zum Arbeitsgepäck jedes Arztes und Zahnarztes gehört, könnte jeder praktizierende Mediziner Kuren mit dem »Stoff H 3« durchführen. Schon aus diesem Grunde verfolgten die Ärzte auf dem Kongreß in Karlsruhe den Vortrag der Professorin Aslan über die neue Verjüngungsmethode für den Hausgebrauch mit wachem Interesse.

Der Nestor der deutschen Altersforschung, der Chef der Universitätsklinik in Leipzig, Professor Dr. Max Bürger, überraschte die Mediziner, indem er ihnen die rumänische Novocain-Therapie durch seinen Oberarzt ausdrücklich empfehlen ließ. Den Besuchern der Therapie-Woche war noch in guter Erinnerung, daß Bürger 1953 in Karlsruhe die Anhänger anderer Verjüngungsmethoden mit boshaften und ironischen Bemerkungen abgekanzelt hatte.

Diesmal zweifelte Oberarzt Professor Schulz in Bürgers Auftrag lediglich die theoretischen Grundlagen der rumänischen Therapie an. Bürger glaubt nach wie vor nicht an die Möglichkeit einer Verjüngung, weil man die Lebensabläufe nicht zurückdrehen könne. Selbst wenn es möglich sei, das Gehirn, die Stoffwechselorgane und die großen Blutgefäße vor dem fortschreitenden Altern zu bewahren, fehle noch ein entscheidender Beweis für eine echte Verjüngung: Man müsse zeigen, daß nicht nur die großen Blutgefäße des Körpers, sondern auch die aus ihnen entspringenden und sich bis zu jeder einzelnen Zelle verästelnden haarfeinen Adern (Kapillaren) die altersbedingten Abnutzungserscheinungen verlören. Solange dieser Beweis nicht erbracht sei, sagte Bürger, könne er nicht an eine Verjüngung glauben. Das Lob, das er der rumänischen Kur zollte, bezog sich auf die erfolgreiche Bekämpfung der Altersbeschwerden.

Damit haben die deutschen Ärzte nunmehr das Plazet der Schulmedizin: Verjüngungskuren sind nicht mehr verfemt, wenn sie dem Zweck dienen, alten Leuten wieder Frische und Lebenskraft zu geben. Sie sind aber weiterhin als anrüchig zu betrachten, wenn das Schlagwort »Verjüngung« offen ausgesprochen wird oder wenn die behandelnden Ärzte den Anschein zu erwecken suchen, es seien festgefügte wissenschaftliche Grundlagen für diese Kuren vorhanden.

* Stoffwechsel: Im wesentlichen Aufnahme von Energie- und Aufbaustoffen, deren Umsetzung in Energie und körpereigene Substanzen, Abbau -Vorgänge, Ausscheidung von Abfallstoffen.

Altersforscherin Aslan

Verjungung durch Novocain?

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