USA / NEGER-FRAGE Die Saat der Gewalt
Draußen tobte die Menge. Drinnen dozierte der Professor über amerikanische Literaturgeschichte. Auf der ersten Bank, dicht vor dem Professor, saß Autherine Lucy, 26 Jahre alt, die erste und bisher einzige dunkelhäutige Studentin, die es jemals an der Universität des amerikanischen Südstaates Alabama in dem Städtchen Tuscaloosa gegeben hat.
Neben Autherine, aber am anderen Ende der Bank, hatte sich eine weiße Studentin niedergelassen. Sie hatte Autherine beim Setzen ermutigend zugelächelt.
Während der Professor ein Gedicht vorlas, hörte man von draußen das Gejohle der Menge: »Hey, ho, ho, Autherine must go.« Manchmal war auch Schlimmeres und Unflätigeres dabei. Dann polterte jemand gegen die Tür des großen Vorlesungsraumes.
»Ich sah umher«, erinnerte sich die Lucy später, »und meine Klassenkameraden sahen kalkweiß aus.« Aber der Professor tat so, als höre er nichts. Er las mit gleichmütiger Stimme weiter.
Lucy: »Ich begann zu beten. ,Herr, Dein Wille geschehe.' Man betet in solchen Lagen. Aber dann fragt man sich, wem damit gedient ist, wenn man jetzt stirbt. Ich war nicht zur Universität von Alabama gekommen, um zu sterben. Ich war dahin gegangen, um etwas zu lernen. Und so kommt man dazu, um die Vollendung seiner Aufgabe zu beten und es dann Ihm zu überlassen.«
Das Poltern an der Tür hörte schließlich auf. Eine Weile war noch Krach auf dem Flur, bis auch der abebbte. Aber als der Unterricht zu Ende war, kam Sarah Healy, die Beauftragte für die Studentinnen der Universität, und führte Autherine in ein leeres Klassenzimmer. Von dort sah sie, daß es unmöglich war, die Universität zu verlassen.
Vor dem Gebäude randalierten rund 300 Weiße, vorwiegend - wie es schien -Leute, die nicht zur Universität gehörten. Sie hatten Knüppel bei sich, und manche hatten Steinhaufen um sich gesammelt. Andere hatten Tüten in der Hand, in denen offenbar faule Tomaten und Eier waren.
Die Lucy wußte, was das bedeutete. Sie war schon vor dem Literaturunterricht auf der Fahrt von einem anderen Universitätsgebäude zur Literatur-Vorlesung mit knapper Not dem Steinigen entgangen. Mrs. Sarah Healy hatte sie durch einen Hinterausgang zu einem Auto geführt. Die Verfolger waren noch gerade zurecht gekommen, um das aufheulend davonschießende Auto mit einem Steinhagel zu überschütten. Dann hatte die Menge offenbar ihre Spur verfolgt, hatte während der Literatur-Vorlesung einige Flure durchstöbert, war aber schließlich von der Polizei und den Universitätsbeamten wieder aus dem Gebäude herausgedrängt worden.
Schwarze Jungfrau Johanna
Lucy wartete. Sarah Healy brachte ihr ein Frühstück und sagte: »Es tut mir leid, daß alles so gekommen ist, Autherine. Und wir tun alles, was wir können.«
Lucy: »Tun Sie wirklich alles?«
Healy: »Ja, Autherine, alles.«
Lucy: »Ich verstehe.«
Es war wohl etwas Bitterkeit in Autherines Antwort, aber später besann sie sich und sagte: »Ich bin Ihnen dankbar, Mrs. Healy. Sehr dankbar!«
Dann kam einer der Professoren und brachte Autherine ein Buch. »Es war«, erzählte sie nachher, »etwas über Kinder und Poesie. Es war sehr lustig.«
Schließlich - es war schon Mittag - traf Gendarmerie ein. Sie zerstreute die Menge, und ein Polizeiwagen brachte Autherine Lucy nach Hause in die Drei-Zimmer-Wohnung, die sie in Birmingham-einer nahe Tuscaloosa gelegenen Stadt - zusammen mit ihrem Schwager, ihrer Schwester und deren fünf Kindern bewohnt.
Am Abend klingelte das Telephon. »Sind Sie Miss Lucy?« fragte eine Stimme, und sie antwortete: »Ja.« Daraufhin sagte die Stimme: »Well, es wäre besser für dich, wenn du deinen schwarzen Hintern möglichst bald aus Alabama entfernst.«
Dann kam ein Telegramm an. Diesmal war es die Universität. Ein Beamter teilte der Lucy mit, daß sie »aus Gründen der allgemeinen und ihrer eigenen Sicherheit vorläufig von der Universität verwiesen« sei.
So endete am Abend des 6. Februar der von der größten amerikanischen Neger-Organisation gestartete Versuch, die Rassenschranke zu durchbrechen, die seit etwa drei Jahrhunderten die Weißen des Südens von ihren schwarzen Landsleuten trennt. Die Studentin Lucy - ein adrettes, frommes und wißbegieriges, aber sonst durch keinerlei besondere Reize ausgezeichnetes Mädchen von 26 Jahren - war von den Organisatoren der »National Association for the Advancement of Colored People«, des Nationalverbandes für den Fortschritt der Farbigen (NAACP), dazu ausersehen gewesen, die Gleichheit und Gleichberechtigung der 15 Millionen schwarzen Bürger der Vereinigten Staaten mit ihren 135 Millionen weißen Landsleuten zu demonstrieren.
Die NAACP war bereits im Jahre 1952 auf die Lucy aufmerksam gemacht worden. Anfang jenes Jahres war im NAACP -Büro von Birmingham eine Negerstudentin namens Pollie Ann Myers erschienen und hatte vorgeschlagen, sie selbst und ihre Freundin Lucy auf die weiße Universität Tuscaloosa zu entsenden.
Die NAACP-Chefs sahen sich daraufhin die Lucy an. Sie fanden ein junges, bescheidenes Mädchen, dem der Wille zum Studium glaubwürdig zu Gesicht stand.
Miss Lucy ist das neunte Kind eines der vielen kleinen Neger-Pächter, die den »schwarzen Gürtel« des Südens besiedeln. Ihre Vergangenheit ließ sie als die Idealfigur der aufstrebenden, gutwilligen Negerjugend Amerikas erscheinen. Sie hatte eine ordentliche Erziehung hinter der Schranke der Rassentrennung durchlaufen, sie war eifriges Chormitglied ihrer baptistischen Kirche, und sie war als Frau für ihre puritanische Umwelt unangreifbar. Die Lucy schien in der Tat wie keine zweite geeignet, Hirne und Herzen in Bewegung zu setzen. In ihr konnte der Anspruch der Neger auf Gleichberechtigung eine rührend-anständige Gestalt annehmen, die ihre Wirkung auf eine fromme und sentimentale Öffentlichkeit nicht verfehlen würde.
Noch im Sommer 1952 reichten Pollie Ann Myers und Autherine Lucy ihre Aufnahmeanträge bei der Universität Tuscaloosa ein. Sie wurden zunächst genehmigt, dann aber abgelehnt. Die NAACP beschloß daraufhin, den Fall der Autherine Lucy vor den Gerichten durchzufechten. Offenkundig schätzten die Propaganda-Fachleute der NAACP den Werbe-Wert der braven Bauernstudentin Lucy höher ein als den der Myers, die sich schon früher als Demagogin der Neger-Bewegung einen Namen gemacht hatte. Die Lucy - das schlichte, wißbegierige Mädchen vom Lande - sollte zur einprägsamen Symbolfigur der Sache der Neger gemacht werden, gleichsam zur »Jungfrau Johanna der Neger-Befreiung«.
An einem Tag im September 1952 erschien die schwarze Johanna vor dem Rundesdistriktsgericht von Birmingham und klagte auf Zulassung zur Universität Tuscaloosa. Der Prozeß dauerte über drei Jahre. Inzwischen aber - am 17. Mai 1954 - hob Amerikas höchstes Gericht den bis dahin gebilligten Grundsatz auf, daß die Schülerziehung von Schwarzen und Weißen zwar gleich sein müsse, aber getrennt durchgeführt werden könne. »Wir können«, sagte Chefbundesrichter Earl Warren, »die Uhr nicht zurückdrehen. Wenn man Jugendliche aus rassischen Gründen trennt, dann erzeugt man bei der Minderheit das Gefühl der Minderwertigkeit.«
Angesichts dieser Grundsatz-Entscheidung blieb auch den Distriktrichtern von Birmingham nichts anderes übrig, als der Lucy Zutritt zur Universität von Tuscaloosa zu gewähren. Am 30. Januar 1956 erging ihr Urteil. Vier Tage später erschien die Lucy in den Vorlesungsräumen von Tuscaloosa, und weitere drei Tage später - am 6. Februar - war ihr Versuch, der Gleichberechtigung des Negers eine Bresche zu schlagen, praktisch gescheitert. Es hatte sich erwiesen, daß das Rassenproblem Amerikas nicht durch eine juristische Entscheidung zu lösen ist.
Onkel Tom in Ketten
Die Geschichte des amerikanischen Rassen-Problems begann 1619. An einem Augusttag jenes Jahres landete an der Küste des Staates Virginia ein holländisches Kriegsschiff. Es hatte 20 Negersklaven von der westafrikanischen Goldküste an Bord. Der Kommandant bot die schwarze Ware den Siedlern an, und die griffen zu. Denn sie brauchten Arbeiter zum Roden der Wälder und zur Ernte auf den Baumwollfeldern.
Aus dem Gelegenheitskauf wurde ein regelrechter Import. 1790 war die Zahl der Neger in den USA bereits auf 700 000 gestiegen, und 1820 waren von den 2.9 Millionen Bewohnern des Südens 51 Prozent schwarze Sklaven.
Der Norden nahm an dieser Entwicklung kaum teil. Den bigotten englischen und, deutschen Kleinbauern, die im Nordosten der Vereinigten Staaten siedelten, war die Sklaverei aus religiösen Gründen zuwider. Überdies stellten ihre kinderreichen Familien genügend Arbeitskräfte, um die Felder zu bestellen, die meistens kleiner waren als die großen Baumwollplantagen des Südens. Und endlich zweifelte man daran, daß die Neger das rauhere Klima des Nordens vertragen würden.
Aus solchen Gegensätzen entwickelte sich in kurzer Zeit ein tiefer Zwiespalt in der amerikanischen Zivilisation. Die Pflanzer-Aristokratie Virginias - vorwiegend zweite und dritte Söhne aus britischen Adelsgeschlechtern - fand zudem Geschmack an der romanischen Kultur, die von New Orleans her über den. Süden ausstrahlte. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Gebiet am unteren Mississippi - vor allem Louisiana - zeitweilig spanischer und zeitweilig französischer Besitz gewesen, erst 1803 war es an die USA verkauft worden.
Während die Siedler im Norden mit ihren eigenen Fäusten den Boden urbar machten und nach der Arbeit höchstens noch ein Kapitel aus der Bibel lasen, breitete sich auf den Schlössern des Südens eine vornehme, europäisch gefärbte und von den ritterlichen Idealen des französischen Adels durchtränkte Kultur aus. Der Neger ermöglichte der südlichen Aristokratie die geistvolle Muße und den festlichen Glanz eines Herrenlebens, dessen Widerschein noch heute in dem Charme des Südstaatlers spürbar ist.
Zugleich wurde die Grenze zwischen den südlichen »Sklaven-Staaten« (South Carolina, Mississippi, Florida, Alabama, Georgia, Louisiana, Texas, Tennessee, Virginia, Arkansas, North Carolina) und den frommen, arbeitsamen Nordstaaten allmählich zu einer Grenze des Hasses. Die Aristokraten des Südens begannen, die nach saurem Arbeitsschweiß riechenden, in eine glanzlose Religiosität eingesperrten Nordstaatler zu verachten und zu verspotten. Die Nordstaatler dagegen blickten mit dem Grimm der Gerechten auf das gottlose Leben in den weißen Herrenhäusern des Südens.
Da drang vom Süden her, wo man sich vermittels der französischen Sprache über die wichtigsten literarischen Ereignisse in Europa auf dem laufenden hielt, die Kunde von einem französischen Philosophen namens Jean Jacques Rousseau nach dem Norden. Der lehrte, das der primitive, von keiner Zivilisation entstellte »Wilde« der Prototyp des vollkommenen Menschen sei. Primitivität setzte dieser Philosoph mit Kindlichkeit gleich, und Kindlichkeit mit Vollkommenheit.
In den Herrenhäusern des Südens hatte man die absonderliche These des Rousseau interessiert, aber unverbindlich diskutiert. Im Norden jedoch wurde sie zu einem Impuls. Sie mischte sich mit der strengen Frömmigkeit der Siedler und dem mächtigen Wunsch nach Freiheit und Gleichheit. Rousseaus Lehre gab dem Grimm des Nordens gegen den Süden eine sentimentale Rechtfertigung: Wenn die »Wilden« wirklich die Guten waren, durften die Neger nicht länger in Ketten schmachten.
Im nördlichen Massachusetts machte sich eine biedere Pfarrerstochter namens Harriet Beecher-Stowe daran, nach dem Rezept von Rousseau über die Neger zu schreiben, obwohl sie kaum je einen Neger gesehen hatte. Es wurde der ebenso ergreifende wie unechte Rühr-Roman »Onkel Toms Hütte« daraus.
Schließlich - im Jahre 1860 - kam es zwischen Nord und Süd zum Bruch. Die Südstaaten erklärten ihren Austritt - ihre Sezession - aus dem Verband der USA und nannten sich die Konföderierten. Vier Jahre hielten sie in einem mit grausamer Härte geführten Krieg gegen den Norden stand. Dann war ihre Kraft erschöpft.
Am 9. April 1865 mußte General Lee, der Oberbefehlshaber der Südstaaten-Armee, in Appomatox die bedingungslose Kapitulation unterzeichnen, die 80 Jahre später Franklin Delano Roosevelt zu dem »karthagischen Frieden« inspirierte, den er den Deutschen des zweiten Weltkrieges zugedacht hatte.
Die Behandlung der besiegten Südstaaten gleicht aufs Haar der Entnazifizierung in Deutschland nach 1945. Der Süden wurde in fünf Besatzungszonen eingeteilt, die je einem General der Unions-Armee als Militärgouverneur unterstanden. Dann begann die »re-education« des Südens.
Die Regierungen und Parlamente der einzelnen Südstaaten wurden aufgelöst, die Behörden und Gerichte ihrer Funktionen entkleidet. 100 000 Männern wurde das Wahlrecht entzogen, weiteren 100 000 wurde jegliche politische Betätigung untersagt. Sämtliche Beamten und Diplomaten, sämtliche Gouverneure der einzelnen Staaten, Offiziere im Generalsrang, Kongreßabgeordnete, Richter und Bürger mit einem Vermögen über 20 000 Dollar verfielen dem, was die Nachkriegsdeutschen unter dem Begriff »automatischer Arrest« kennenlernten.
»Du kannst dir kaum eine Vorstellung machen, wie gründlich dieses Land verwüstet worden ist und wie tief gedemütigt jeder einzelne im Süden ist«, schrieb General Sherman, eine Art »Rommel der Nordstaaten-Armee«, seinem Bruder.
Als Ersatz für die alte Pflanzer- und Bürgerschicht holten sich die Unions-Generale die politisch und rassisch Verfolgten des beseitigten Regimes, die ehemaligen Negersklaven. Die Neger erhielten ohne Rücksicht auf ihren Bildungsstand das volle Wahlrecht, und unter den Negerführern pickten sich die »Yankees« die pfiffigsten heraus, denen sie nun die politische Macht im Süden anvertrauten.
Neger amtierten als Gouverneure von Mississippi und Louisiana, zwei Neger wurden auch als Senatoren Mississippis in den Washingtoner Kongreß entsandt. Im Washingtoner Repräsentantenhaus saßen damals 20 Neger (heute drei). In den meisten Südstaaten waren Neger stellvertretende Gouverneure, sie wurden Vorsitzende der Parlamente, Staatssekretäre, Erziehungsminister und Richter in den Obersten Gerichten der Staaten.
Hand in Hand mit der politischen Umerziehung ging eine rücksichtslose Plünderung. Politische Glücksritter strömten in den Süden, von den Südstaatlern in ohnmächtigem Haß die »carpet - baggers« genannt: die Reisenden, die in ihren Taschen den Reichtum des Landes davonschleppten, das Tafelsilber der Herrenhäuser, die Geschmeide der Damen und die Besitztitel riesiger Areale.
Der unheimliche Ulk
»Die politische Geschichte des Südens jener Zeit war eine Geschichte der Korruption übelster Sorte«, schrieb der amerikanische Soziologe Maurice R. Davie. »Das Recht wurde nur zu einem Teil wiederhergestellt, und überall breiteten sich Gewaltsamkeit und Unordnung aus.«
Der Norden hatte die Lebensgrundlage der Südstaatler zerstört: die Sklaverei. Darüber hinaus aber demütigte er die Weißen des Südens, indem er an die Stelle des alten Unrechts neues Unrecht setzte. Er machte den Süden arm, böse, verstockt und tückisch. Er behandelte die Weißen des Südens als Rechtlose und stieß damit den 'Ohnmächtigen die Tür zum Zynismus auf, zum Suff, zum Trieb und zur Verachtung von Recht und Gesetz. Kennzeichnend für diesen moralischen Niedergang waren die Folgen eines Studentenulks.
In einer Kleinstadt des Staates Tennessee namens Pulaski überraschten junge Studenten im Jahre 1865 die Teilnehmer eines Sommernachtsfestes durch einen gruseligen Mummenschanz. Sie hatten sich weiße Masken mit engen Mund- und Nasenschlitzen vor das Gesicht gestülpt und lange weiße Roben umgehängt. So abenteuerlich ausstaffiert, erschreckten sie die Gäste. Sie nannten sich den Klan des Ku-Klux.
Aus dem Ulk wurde blutiger Ernst.
Eine Gruppe weißer Südstaatler verkleidete sich wie die Studenten und bildete unter dieser Maske eine heimliche Feme gegen die schwarzen Schützlinge der Besatzer. Bald war der Ku-Klux-Klan eine über den ganzen Süden verbreitete waffenstarrende Geheimorganisation. Seine maskierten Sendboten ritten nachts durch das Land und riefen gleichgesinnte Männer auf, die Verteidigung von Haus und Weib in die eigene Hand zu nehmen.
Wo immer eine weiße Frau von einem Neger vergewaltigt oder belästigt worden war oder ein Sheriff sich saumselig zeigte, Neger-Verbrechen zu sühnen, wo Neger weiße Menschen boykottierten, beraubten, benachteiligten, schädigten - da galoppierte »Richter Lynch« in einer vermummten Kavalkade heran und hielt unter verschwiegenen, nächtlichen Bäumen kurzes »Gericht«. 5000 Neger wurden in zwölf Jahren heimlich gemordet.
Aber auch die nordstaatlichen Besatzungsgenerale verloren allmählich das Vertrauen zu ihren Negerschützlingen. Die Schwarzen wollten sich nämlich immer weniger in das abstrakte Emanzipations -Schema der nordstaatlichen Aufklärer einfügen und stellten plötzlich Ansprüche, die selbst die Rousseau-Schüler aus dem Norden betroffen machten.
Den Besatzern dämmerte, daß in den Schwarzen urmenschliche Impulse rumorten, die der naive Philanthrop Rousseau niemals in den »Wilden« vermutet hatte. Die Vergewaltigungen weißer Frauen durch Neger häuften sich. Das Lager der Lust war zu dem Schauplatz geworden, auf demnach dem Willen der Neger die letzte Entscheidung im schwarz-weißen Rassenkampf fallen sollte. Der Schwarze verlangte nach der weißen Frau als dem Ausweis seiner menschlichen Gleichberechtigung. Das Literaten-Geplauder hatte sich unversehens mit Kräften und Mächten angefüllt, die weit jenseits der aufklärerischen Ideale des Philosophen Jean Jacques Rousseau lagen.
Nach zwölfjähriger Herrschaft schien es den nordstaatlichen Besatzern an der Zeit sich aus der Situation herauszumogeln, die ihnen immer peinlicher wurde. Im Jahre 1877 gab der Norden dem Süden die Selbstbestimmung zurück. Die Weißen übernahmen wieder die Macht in den Südstaaten.
Im Rücken der abziehenden Besatzungsgeneräle blieb eine seelische Wüste zurück. Das Selbstbewußtsein und das Rechtsgefühl der Weißen waren geknickt, das Vertrauen der Schwarzen auf den Norden war gebrochen. Weiße und Schwarze belauerten einander mit Furcht. Der »tiefe Süden« war zum Land der Angst, der Lethargie und des Verbrechens geworden, und während der Norden um die Jahrhundertwende begann, die USA an die Spitze der Weltmächte zu führen, verdorrte der Süden in Tatenlosigkeit, Armut und Zynismus.
Seither wird der Kampf der Schwarzen und der Weißen im Süden auf der tiefsten Ebene der menschlichen Existenz geführt. Es geht um die Befriedigung der primitivsten Triebe - vom Neger aus gesehen um den Besitz der weißen Frau; vom Weißen aus gesehen um die Verteidigung der weißen Frau, aber auch (unter der Decke bürgerlicher Rassenkonventionen) um die schwarze Frau.
Weißes Blut unter schwarzer Haut
Der weiße Sklavenhalter vor dem Sezessionskrieg hatte häufig schwarze Konkubinen, und auch nach dem Bürgerkrieg blieb das illegale Konnubium des Weißen mit schwarzen Frauen üblich. Nur so erklärt sich, daß - nach wissenschaftlichen Schätzungen - sieben bis acht Millionen Schwarze (also mehr als die Hälfte der Negerbevölkerung) weißes Blut und umgekehrt ebenso viele Weiße schwarzes Blut haben. Dank dieser vorwiegend illegalen Rassenmischung können pro Jahr schätzungsweise 20 000 bis 30 000 Neger ins weiße Lager überwechseln.
Dieser auf nahezu animalischer Ebene geführte Kampf wird durch keinerlei ethische Hemmungen gemildert - sondern nur durch die Furcht der Weißen und der Schwarzen des Südens vor der materiellen Übermacht des Nordens halbwegs in Schranken gehalten. Der durch den Bürgerkrieg moralisch korrumpierte Süden respektiert die im fernen Washington erlassenen Gesetze nicht, weil sie eine moralische Verpflichtung enthalten, sondern weil hinter ihnen die Macht des Nordens steht. Er sieht darum auch nichts Bedenkliches darin, diese Gesetze zu umgehen und zu verfälschen. Der Zynismus des Roßtäuschers ist die offizielle Moral der Südstaaten.
So erklärt es sich, daß einer der geachtetsten Männer des Südens, der außenpolitische Berater Eisenhowers und demokratische Senator Walter F. George, in aller Unschuld sagen konnte: »Wir (die Südstaaten) haben die größte Sorgfalt aufgewendet, um nicht den Buchstaben der Bundesverfassung zu verletzen. Aber wir haben auch mit Fleiß und Schlauheit die Gesetze umgangen, die den Neger zu dem Glauben verführen könnten, er sei den Weißen gleichgestellt. Wir werden auch in Zukunft so verfahren.«
George steht mit dieser Offenheit nicht allein. Ein anderer, inzwischen verstorbener Südstaaten-Senator namens Carter Glass erklärte: »Diskriminierung des Negers! Genau das wollen wir, das streben wir an. Diskriminierung bis zur äußersten Grenze dessen, was die Bundesverfassung noch erlaubt. Es ist eine listige Diskriminierung, die wir mit unseren Plänen verfolgen.«
Zwar waren den Negern nach dem Bürgerkrieg durch zwei Zusatzbestimmungen in der Bundesverfassung gleiche Bürger- und Wahlrechte zugesichert worden, aber nach 1877 wurde es immer mehr in das Belieben der Südstaaten gestellt, wieweit sie diese Rechte verwirklichen wollten.
Durch heimlichen Terror wurden die Neger an der Ausübung ihres Wahlrechts gehindert. Mehrere Staaten erhoben eine »Wahlsteuer«, die zu zahlen nur die wenigsten Schwarzen imstande waren. Andere Staaten führten den »Großvater-Paragraphen« ein, der bestimmte, daß nur solche Neger wählen durften, die selbst oder deren Vorväter vor dem Bürgerkrieg das Wahlrecht besessen oder während des Krieges als Soldaten (des Südens oder des Nordens) gedient hatten. Oft wurde auch die Ausgabe eines Wahlscheines von einem »Verfassungs-Examen« abhängig gemacht, in dem die Schwarzen angeblich auf ihre
Fähigkeit, die Verfassung zu interpretieren, geprüft - in Wirklichkeit von der Abgabe ihrer Stimme abgehalten wurden.
So blieb den Schwarzen des Südens bis vor kurzem die Teilnahme am politischen Leben des Landes nahezu völlig versagt. Selbst unter dem demokratischen (und sozialrevolutionären) Präsidenten F. D. Roosevelt (1933 bis 1945) konnten im Jahre 1940 von den etwa vier Millionen Neger: Wählern des Südens nur 250 000 ihre Stimme abgeben.
Doch wächst mit dem Problem der Neger-Wähler des Südens eine Gefahr für das amerikanische. Zwei-Parteien-System heran. Ihr erstes Opfer wird wahrscheinlich die Einheit der Demokraten sein.
Seit 1877 - also seit dem Ende der »Entnazifizierung« der Südstaaten - wählen die Südstaatler nahezu einheitlich die Demokraten. Seit nahezu acht Jahrzehnten gibt es daher im Süden keinen echten Wahlkampf zwischen Demokraten und Republikanern. Die Weißen des Südens bilden einen geschlossenen politischen Block, der durch seine Einheitlichkeit und durch seinen Terror gegen die schwarzen Wähler von vornherein alle Versuche blockiert, den Schwarzen ins politische Spiel zu bringen.
Daß die Weißen des Südens einheitlich demokratisch und nicht einheitlich republikanisch wählen, ist nur durch das Festhalten an einer - von der Entwicklung längst überholten - Tradition zu erklären: Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, am Vorabend des Bürgerkrieges, waren die Republikaner die liberalere der beiden Parteien. Unter ihrem Führer, dem Präsidenten Abraham Lincoln, traten sie für die Rassenemanzipation ein.
Inzwischen aber sind die Republikaner längst zur konservativen Partei des Landes geworden, und längst hat sich die Demokratische Partei in den Nordstaaten zu einer Partei der Intellektuellen, der Angestellten und der Gewerkschaften entwickelt. Mit wachsendem Unbehagen sehen diese Nordstaaten-Demokraten auf ihre stockkonservativen Parteigenossen im Süden, und alles deutet darauf hin, daß die Partei demnächst in eine südliche und eine nördliche Hälfte auseinanderbrechen wird. Viele Gewerkschaftsbosse - Förderer der Demokratischen Partei - drängen auf den Bruch, weil ihren Organisationen viele schwarze Mitglieder angehören, und auch in der demokratischen Partei-Maschine des Nordens gibt es viele Leute, die sich ausrechnen, daß die schwarzen Wähler des Südens trotz des weißen Terrors über kurz oder lang in politischen Kalkulationen berücksichtigt werden müssen. Bei den Wahlen des Jahres 1952 gab es bereits 1,1 Millionen schwarze Wähler.
»Baby, hab' keine Angst!«
Der Neger entpuppt sich so als ein Faktor, der eines Tages das amerikanische innenpolitische System zerstören könnte. Ein Auseinanderbrechen der Demokratischen Partei dürfte mit Sicherheit dazu führen, daß die konservativen Südstaaten-Demokraten Anschluß an den rechten Flügel der Republikaner (um die Senatoren Knowland und McCarthy) suchen und daß die liberalen Republikaner (die sich heute »Eisenhower-Republikaner« nennen) mit den Nordstaaten-Demokraten Fühlung aufnehmen.
Daß sich diese Entwicklung anbahnte, ist letztlich das Ergebnis einer schwarzen Völkerwanderung, die mit dem ersten Weltkrieg einsetzte (siehe Graphik).
Als die Vereinigten Staaten in den ersten Weltkrieg eintraten und die im Norden konzentrierte Rüstungsindustrie dringend Arbeitskräfte benötigte, verließen Massen von Schwarzen die Baumwollfelder des Südens. Sie zogen nach dem Norden, in die Industriezentren Chikago, Philadelphia, Detroit und New York. Dort tat sich ihnen eine neue Welt auf, die Welt der nordamerikanischen Großstädte.
Ein neues Negertum entstand. Bis dahin hatten die Schwarzen in dichtgeschlossenen Siedlungsgebieten auf dem Lande gelebt, jetzt tauchten sie in dem Labyrinth der Großstädte unter. Auch im Norden gab es und gibt es die Rassentrennung, aber sie ist hier gleichsam privat und gilt nur für den gesellschaftlichen Verkehr.
Die Neger lernten im Norden, sich frei zu fühlen von dem Alp ihrer Sklaven-Vergangenheit, die den schwarzen Bruder im Süden noch immer bedrückt.
Im Norden rückten langsam gebildete Neger in hohe Positionen der Wirtschaft, der Politik und der Kultur auf. Es sind vornehmlich Nordstaaten-Neger, die heute als Ärzte (32 000), Zahnärzte (1400), Advokaten (1000) und Krankenschwestern (800) die Elite des amerikanischen Negertums bilden. Der Sänger Robeson, der Opernstar Marian Anderson, der UN-Diplomat Bunche, der Luftwaffengeneral B. 0. Davis - sie kommen sämtlich aus der Welt des schwarzen Nordens.
Langsam sickerte die Kunde von dem wirtschaftlichen Aufstieg der Nordstaaten-Neger nach dem Süden. Elegant gekleidete Neger kamen in die Dörfer des Südens auf Besuch, protzten mit der Unbekümmertheit von Großstadtjungen mit knisternden Dollarscheinen, blinkenden Limousinen und mit ihren Erfolgen bei weißen Frauen.
Welche psychischen Gewalten damit mobilisiert worden sind, haben Ausschreitungen erwiesen, die sich in den letzten Jahren ereigneten. Der jüngste und wohl grausigste Fall war der des 14jährigen Chikagoer Negerjungen Emmet Till.
»Bobo« Till fuhr im Sommer 1955 zu seinem Onkel Moses Wright in die Ferien nach Greenwood im Staate Mississippi. Zuvor hatte ihn seine Mutter gewarnt, sich im Süden nicht die gleichen Freiheiten herauszunehmen wie in Chikago. Doch der naßforsche Asphaltjunge belästigte in Greenwood ungeniert die hübsche Carolyn Holloway Bryant, die er am Arm packte und zu einem Rendezvous einlud: »Hab' doch keine Angst, Baby. Bin schon früher mit weißen Mädchen zusammengewesen!«
Als Roy Bryant, der Ehemann der Carolyn Holloway, von dem Vorfall erfuhr, beschloß er, dem »Bobo« Till einen Denkzettel zu verpassen. Gemeinsam mit seinem Halbbruder Big Milam holte er im Morgengrauen des 28. August den Till aus seinem Bett. Milam fragte: »Bist du der Nigger, der im Laden geschwätzt hat?« Till: »Yeah.«
Milam: »Sag nicht ,Yeah' zu mir, sonst schlage ich dir den Schädel ein. Los, zieh deine Klamotten an!«
Wenige Minuten später saß Till auf dem Rücksitz des Wagens, während Big Milam seinen Chevrolet mit abgeblendeten Lichtern zum Werkzeugschuppen seines Hauses steuerte. Dort schlugen die beiden Männer auf Till ein, der bald heftig blutete. Till aber war vom Mut der Verzweiflung gepackt. Blutüberströmt schrie er: »Ihr verdammten Bastarde, ich habe keine Angst vor euch. Ich bin so gut wie ihr, so viel wert wie ihr. Und ich habe auch weiße Frauen gehabt.«
Keuchte Milam, den blutigen Revolverknauf in der Hand: »Du Chikagoer Bürschchen, das werde ich dir ankreiden. Ich bin es leid, daß Bengel von deinem Typ hier im Süden bei unseren Negern Ärger machen. Verdammt noch mal, ich werde ein Exempel aus dir machen, damit alle Leute wissen, wie ich und meine Leute über euch Negergesindel aus dem Norden denken.«
Dann schubsten die beiden Weißen Till erneut in den Wagen und fuhren zu einem einsamen Platz am Tallahatchie -Fluß, in dem Milam oft Forellen gefangen hatte. Till mußte sich ausziehen, und in einem letzten Gespräch kehrte noch einmal das innerste Motiv des Rassenkampfes im Süden zurück.
Milam: »Bist du noch immer soviel wert wie ich?«
Till: »Yeah.«
Milam: »Hast du immer noch weiße Mädchen gehabt?«
Till: »Yeah.«
In diesem Augenblick lag der Colt in Milams Hand, und ein Schuß in den Kopf machte Tills Leben ein Ende. Drei Tage später fand man seinen Leichnam im Tallahatchie.
Der Mord an Emmet Till fand keine Sühne. Bryant und Milam befinden sich heute auf freiem Fuß. Aber die moralische Entrüstung, die sich auch im Süden der Menschen
bemächtigte, war ein unverkennbares Zeichen dafür, daß die Zeiten der Lynchjustiz ihrem Ende entgegengehen.
Das ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß die Neger heute in den Südstaaten - als Konsumenten - zu einem wirtschaftlichen Machtfaktor geworden sind, den auch die auf Rassentrennung bedachten weißen Unternehmer nicht mehr ignorieren können. Der Bus-Boykott von Montgomery, einer Stadt in Alabama, ist ein bezeichnendes Beispiel dafür.
Seit Dezember des letzten Jahres boykottieren die 45 000 Neger von Montgomery die Busgesellschaft »Montgomery City Lines«, die - wie überall im Süden - in ihren Fahrzeugen strikt auf Rassentrennung besteht. In jedem Bus gibt es vordere Sitze für die Weißen und hintere für die Schwarzen. Die Schaffner der Verkehrsgesellschaft sind mit Polizeibefugnissen ausgestattet und können jeden (schwarzen) Fahrgast verhaften, der sich ihren Anordnungen widersetzt.
Als die 42jährige Neger-Näherin Rosa Parks am 1. Dezember vorigen Jahres der Aufforderung des Schaffners, einen den, Weißen vorbehaltenen Sitzplatz zu räumen, nicht nachkam, wurde sie verhaftet und zu einer Geldstrafe verurteilt. Darauf verzichtete fast die gesamte schwarze Bevölkerung auf die Benutzung der Busse. Die Neger sammelten Geld für einen
»Hilfsfonds« und organisierten für ihre Zwecke eine Flotte von 300 schwarzen Taxis.
Zwar versuchte die weiße Stadtverwaltung, die Boykottbewegung durch die Verhaftung von 115 Neger-Führern und ein Gerichtsverfahren niederzuschlagen, aber inzwischen steht die Busgesellschaft vor dem Bankrott. Die Gesellschaft verliert täglich rund 1000 Dollar und hat 40 Prozent ihres Tagesdienstes einstellen müssen.
Der Führer der Boykottbewegung, der Negergeistliche Dr. Martin Luther King, erklärte: »Die Weißen befürchten, daß der Neger seine wirtschaftliche Macht auch gegen das Geschäftsleben des Südens richten wird. Sie befürchten, daß der Boykott von Montgomery zum Vorbild des Neger -Widerstandes im Süden werden wird. Vielleicht wird das wirklich geschehen.«
Wissen ist Weizen
Der Bus-Boykott von Montgomery bestätigt die Theorie eines Negerführers, der schon Ende des 19. Jahrhunderts gepredigt hatte, nur wenn er wirtschaftliche Macht erringe, könne der Neger hoffen, sein Schicksal zu wenden. »Wohlstand, Wirtschaft, Bildung und christlicher Charakter - das ist des Negers Weizen, alles andere ist Spreu«, hatte er später geschrieben. Der Name dieses Propheten war Booker T. Washington. Washington meinte, daß die Neger durch politische Amokläufe niemals ihr Los verbessern könnten. Ihm schien es zuvörderst wichtig, den schwarzen Massen ein Bildungsniveau zu geben, das sie befähigt, im wirtschaftlichen Leben Amerikas etwas darzustellen. Die Gleichberechtigung werde ihnen dann automatisch zufallen.
Washington schuf damit die Grundlage für eine amerikanische Negerpolitik, die ihre höchste Weisheit darin sah, sich den durch die Weißen geschaffenen Machtverhältnissen anzupassen und auf laute Klagen über die Verletzung der Menschenrechte im Süden zu verzichten. Die Konzentration auf das Wirtschaftsleben schloß zunächst die Anerkennung der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten ein.
Doch bald nach der Jahrhundertwende gab William Edward Burghardt Du Bois, ein schwarzer Soziologe, der unter anderem auch in Berlin studiert hatte, dieser geschmeidigen Politik einen anders gearteten, aggressiven Charakter.
»In einer Zeit, die eine organisierte und aggressive Verteidigung der Rechte der Neger erheischt«, lehrte Du Bois, »hat
Washington diese Verteidigung durch seine Predigt für Anpassung niedergewalzt.« Du Bois forderte den aktiven Widerstand. Im Jahre 1909 trat Du Bois in eine Organisation ein, die - von einem Weißen namens Oswald G. Villard gegründet - in wenigen Jahren zu der großen Kampforganisation des Negers wurde. Sie nannte sich »National Association for the Advancement of Colored People« (NAACP).
Die Organisation entstand am 100. Geburtstag Abraham Lincolns, und dies war ihr Programm: Sie wollte den diskriminierten Negern die volle Gleichberechtigung erkämpfen. Die Führer erkannten jedoch, daß sie ihr Ziel nicht im Kampf mit offenem Visier erreichen konnten, sondern nur durch eine opportunistische Politik, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt aggressiver werden sollte.
Die Organisation mutete ihren Anhängern zunächst auch zu, den Grundsatz der Rassentrennung formell zu akzeptieren. Selbst die Rassentrennung schien dem »Fortschritt der Farbigen« Chancen zu bieten. 1896 hatte das Oberste Bundesgericht in einem Urteil festgestellt, die Rassentrennung verstoße nicht gegen die Verfassung, wenn sie den Negern gleiche Chancen der Bildung und wirtschaftlichen Betätigung biete. »Gleichberechtigt, aber getrennt« hieß die juristische Phrase.
Die NAACP drängte darauf die Südstaaten, den Negern auch wirklich gleiche Chancen einzuräumen. Tatsächlich konnte die Organisation erreichen, daß allmählich bessere Schulen für Schwarze geschaffen wurden. Es entstanden moderne Bildungsanstalten für die Neger, darunter sogar fünf Universitäten, außerdem das Hampton Institute, das Tuskegee-Institut und das »Houston-College für Neger«. Die Zahl der schwarzen Analphabeten wurde rapide geringer: 1865 hatten 90 Prozent der amerikanischen Neger nicht lesen können, 1947 waren es nur noch elf Prozent. 1865 hatte es 20 Neger mit Hochschulbildung gegeben, nach dem zweiten Weltkrieg waren es 7000.
Die wirtschaftliche Lage der Neger konnte sich jedoch nicht verbessern, weil der Süden seit dem Bürgerkrieg hoffnungslos verarmt war und es aus Trotz auch blieb. Die weißen Südstaatler verharrten lieber in Armut, als sich bei der Bundesregierung in Washington um wirtschaftliche Unterstützung zu bemühen.
Dann aber löste der zweite Weltkrieg, in dem Millionen von Negern zu den Waffen gerufen wurden, einen revolutionären Wandlungsprozeß aus. Als Vaterlandsverteidiger kehrten die Neger des Südens in ihre elenden Hütten zurück und brachten nicht selten weiße Frauen aus Europa mit.
Die Armee war es, die der Rassentrennung den ersten Schlag versetzte. Sie löste nach dem Kriege die bis 1949 bestehenden Negereinheiten auf und reihte die schwarzen GIs in die normalen Verbände ein. Zu gleicher Zeit setzte im Süden, der bis dahin von der allgemeinen industriellen Entwicklung Amerikas ausgeschlossen war, die Industrialisierung ein. Es erwies sich als unmöglich, die Rassentrennung in den neuen Betrieben aufrechtzuerhalten.
Das war der Augenblick für die NAACP, ihre Taktik zu ändern: Sie zog ihre Anerkennung der Formel von 1896 »Gleichberechtigt, aber getrennt« zurück. Ihre Advokaten bereiteten sich zum letzten juristischen Gefecht vor. Als Schlachtfeld wählten die Generalstäbler der NAACP das Gebiet, auf dem sich die weißen Rassentrenner am sichersten fühlten: die Schule.
Im Dezember 1952 reichte die NAACP beim Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten vier Verfassungsbeschwerden ein, die Fälle betrafen, in denen Negerkinder durch das auf der Rassentrennung basierende Schulsystem des Südens benachteiligt worden waren.
Ein Jahr später erhob sich NAACPChefanwalt Thurgood Marshall vor dem langen Mahagonitisch, hinter dem die neun höchsten Richter Amerikas thronten, und plädierte: »Euer Ehren, jetzt ist die Zeit gekommen, da dieser Gerichtshof klarmachen sollte, daß die Rassentrennung nicht im Sinne der Verfassung ist.« Ein halbes Jahr später erklärte das Bundesgericht die Rassentrennung in öffentlichen Schulen für ungesetzlich,
Neun Männer in schwarzen Roben hatten damit eine Revolution von unübersehbaren Ausmaßen in Bewegung gesetzt. Das gesamte System einer zwar unheiligen, aber tief verwurzelten Sozialordnung schien für verfassungswidrig erklärt.
Empörung bemächtigte sich des weißen Südens. Die Bürger rotteten sich zu Protestdemonstrationen zusammen, es entstanden »Weiße Bürgerräte«, die nach dem Vorbild des Ku - Klux - Klan die Schwarzen niederhalten sollen. Die allgemeine Psychose ließ die alte Mär von der biologischen Überlegenheit des Negers aufleben und füllte die Phantasie der Weißen mit Schreckensbildern eines allmählichen Aufsaugens der weißen Bevölkerung. In Wirklichkeit hat sich das Stärkeverhältnis zwischen Weißen und Schwarzen (90:10) seit einem Jahrhundert kaum geändert. Das ist zum größeren Teil auf die weiße Zuwanderung im Verlauf des 19. Jahrhunderts, zum Teil aber auch auf den hohen Geburtenüberschuß bei den weißen Amerikanern zurückzuführen,
Solche statistischen Tatsachen vermochten die Panik des Südens ob der Entscheidung des Obersten Bundesgerichts nicht zu mildern. »Wir werden niemals die Beschlüsse des Gerichtes durchführen!« trotzte Georgias Gouverneur Talmadge, und Senator Eastland wütete: »Man sollte die neun Bundesrichter wegen Verfassungsbruches belangen!« Virginia beschloß, sein Schulsystem zu privatisieren, um es so dem Zugriff der Bundesbehörden zu entziehen.
In diese Erregung katapultierten die Strategen der NAACP die Studentin Autherine Lucy, die dann am 6. Februar »zeitweilig« von den Vorlesungen ausgeschlossen wurde.
Der nächste Schachzug der NAACP -Strategen zeigte, daß es ihnen weniger um das Studium der Lucy, sondern um die Mobilisierung der schwarzen Massen ging. Der Entscheid der Universität hatte Autherine Lucy die Möglichkeit offengelassen, ihr Studium in Tuscaloosa zu einem späteren Zeitpunkt doch noch fortzusetzen, und es ist durchaus anzunehmen, daß der Präsident der Universität, Dr. Carmichael, eben das anstrebte.
Die NAACP verhinderte diese langsame Entwicklung. Sie stattete das schlichte Mädchen Lucy mit herausfordernd modernen Kleidern aus. Autherine veranstaltete in einem Cadillac Triumphzüge durch Birmingham und Tuscaloosa und warf mit Hundert-Dollar-Scheinen um sich. Wenige Tage nach dem 6. Februar erschien sie vor dem Bundesdistriktsgericht in Birmingham und bezichtigte den Präsidenten Carmichael (dessen Kaltblütigkeit sie zweifellos ihr Leben verdankte), er habe mit den Demonstranten gegen sie gemeinsame Sache gemacht.
Carmichael konnte diese Vorwürfe leicht entkräften, rief dann aber den Universitätsrat zusammen, der nun einstimmig beschloß, die Lucy für alle Zeiten zu relegieren. Die Provokation der NAACP machte die wissenschaftliche Laufbahn der Lucy zunichte. Autherine Lucy heiratete in der letzten Woche den Negerpfarrer Foster.
Mit dieser Heirat ist die NAACP zugleich aber auch ihrer zugkräftigsten Symbolfigur beraubt worden: Aus der »schwarzen Jungfrau Johanna« ist ein braves Eheweib geworden. Die Martyrerin des rührenden Bildungsdranges der Schwarzen wird nun kaum noch die Gemüter erhitzen.
Eben das aber ist von allen gutmeinenden Amerikanern mit Erleichterung begrüßt worden. Sie hatten befürchtet, daß der Fall der Autherine Lucy durch die Demagogen der NAACP zu einer leidenschaftlichen und möglicherweise blutigen Auseinandersetzung aufgeputscht würde, bei dem die Weißen des Nordens und die Neger hätten kämpfen müssen - ähnlich wie im Bürgerkrieg von 1861 bis 1865.
Der Dichter der Südstaaten und Nobel-Preisträger William Faulkner (dessen Urgroßvater H. W. C. Falkner im Bürgerkrieg als Oberst auf der Seite des Südens kämpfte), sprach diese Befürchtung in einem offenen »Brief an den Norden« aus, der Anfang April in der Illustrierten »Life« veröffentlicht wurde.
Faulkner hat in seinem dichterischen Werk die moralische Verwüstung beschrieben, die der Norden im Süden anrichtete, als er mit Gewalt die Aufhebung der Sklaverei erzwang. In seinem »Brief an den Norden« ging Faulkner noch weiter. Er warf darin dem Norden vor, daß er das Rassenproblem mit einer simplen juristischen Theorie und einer simplen moralischen Idee« lösen wolle.
Mit diesem Vorwurf zielte Faulkner auf den Kern des amerikanischen Rassenproblems - auf die Frage nämlich: Wie ernst ist es dem Norden Amerikas mit seiner christlich-aufklärerischen These von der Gleichheit aller Menschen?
Der Norden, schrieb Faulkner sinngemäß, moralisiert über eine Frage, die er aus eigener Anschauung nicht kennt, vor deren wirklicher Lösung er sich drückt und bei der er - wenn er schließlich unausweichbar mit ihr konfrontiert wird - sich nicht anders als der Süden verhält. Auch im Norden gibt es eine Rassentrennung, wenngleich sie in den Großstädten des Nordens nicht so deutlich sichtbar in Erscheinung tritt wie im Süden.
Faulkners These, daß die Lösung des Rassenproblems »jenseits von Recht und Moral« zu suchen sei, läßt die Frage offen, in welchem Bereich sie dann gelöst werden soll. Faulkner sagt dazu nur, daß alle Lösungsversuche mit »dem Faktum einer gefühlsmäßigen Veranlagung von wilder Einmütigkeit« rechnen müßten. Mit diesem Faktum meinte er offenbar den tief im Erotischen verankerten Widerwillen des Weißen gegen den Schwarzen.
Faulkners Bitterkeit angesichts der Versuche des Nordens, dieses »Faktum« gleichsam hinwegzumoralisieren, läßt nur den Schluß zu, daß er letztlich in der Neger-Frage ein religiöses Problem sieht - ein Problem, das nach seiner Meinung vielleicht eines Tages durch eine von den Negern ausgehende religiöse Entwicklung gelöst wird.
In Faulkners gestammelten Beschreibungen der sittlich korrumpierten Welt des weißen Mannes im Süden fällt ein versöhnliches Licht zumeist nur auf Schwarze, auf dicke Neger-Mammies und weißhaarige Nigger. In Faulkners Schauspiel »Requiem für eine Nonne«, das in den letzten Wochen von einigen deutschen Bühnen aufgeführt wurde, ist die schwarze Hure Nancy die einzige Figur, der man Größe und Glaubenskraft nachsagen kann. Faulkner hält den Neger für »stetiger, klüger und standfester« als den weißen Mann, und er schreibt dem Neger eine »innere Haltung der Seele« zu, »die man oft groß nennen kann«.
Faulkner scheint die Ansicht des britischen Historikers Arnold Toynbee zu teilen, daß das Christentum - »wenn überhaupt« - nur durch den Neger neu belebt werden kann. Toynbee schrieb in seinem Buch »Der Gang der Weltgeschichte« über die Neger: »Mit ihrer kindlichen geistigen Intuition und ihrer genialen Fähigkeit, gefühlsmäßigen religiösen Erfahrungen spontan sinnlichen Ausdruck zu verleihen, können sie vielleicht die kalte, graue Asche des Christentums, die ihnen von uns übergeben wurde, neu entfachen, so daß in ihren Herzen das göttliche Feuer wieder aufglüht.«
Aufruhr in Tuscaloosa: Steine auf die schwarze Haut
Studentin Autherine Lucy
Studieren um zu sterben?
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Schriftsteller Faulkner
Religiöse Erneuerung durch den Neger