Die Schöne und das Tier - DER SPIEGEL
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DEZEMBER 2005 Die Schöne und das Tier

Das legendäre Abenteuerspektakel »King Kong« hat viele Imitationen inspiriert. Nun messen sich die neuseeländischen »Herr der Ringe«-Macher mit einer Neuverfilmung am Original von 1933.
Von Urs Jenny
• aus SPIEGEL Chronik 54/2005
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Es gibt nur eine kleine Hand voll von Kinogeschöpfen, die so berühmt sind, dass Millionen sie kennen, obwohl sie den Film selbst gar nie gesehen haben. Eines dieser Geschöpfe ist der furchterregende Riesenaffe King Kong. Niemand hätte, als der Film 1932/33 in nicht enden wollender Bastelarbeit entstand, seinen Ruhm und Nachruhm vorauszusagen gewagt; vorherrschend in Hollywood war die Meinung, das unmäßige Werk werde seine Schöpfer unter sich begraben. Es kam anders, und der Schatten des Sensationserfolgs »King Kong« ist so übermächtig, dass darin alles, was Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack als Autoren, Regisseure und Produzenten ansonsten zustande gebracht haben, in Vergessenheit geraten ist.

Wer heute spät nachts durch Zufall auf einem TV-Kanal in »King Kong« hineingerät, amüsiert sich rasch angesichts der leicht wackeligen Monster-Tricks und der rührend hanebüchenen Story von leichtsinnigen Filmemachern, die auf einer Südseeinsel für ein Horrorwerk ein echtes Ungeheuer ablichten wollen. Und doch: Dies ist eine filmische Pioniertat von Rang, ein Meilenstein in der Entwicklung der Trick-Kunst und ein Horror-Fantasy-Märchen, das mit Geist und effektvollem Pathos vom Zusammenstoß zwischen unbändiger Urnatur und destruktiver moderner Technik erzählt.

Die »King Kong«-Schöpfer Cooper & Schoedsack müssen ziemliche Querköpfe gewesen sein: ein abenteuerlustiger Südstaaten-Erbe der eine, gelernter Slapstick-Kameramann der andere, beide passionierte Piloten. Sie hatten sich als Jagdflieger 1920 in einer Freiwilligen-Squadron kennen gelernt, die unter polnischer Flagge gegen die Rote Armee kämpfte. Ein paar Jahre später kamen sie durch zwei höchst ungewöhnliche ethnologische Dokumentarfilme zu Ruhm (der erste handelte von einem Nomadenstamm im gebirgigen Persien, der zweite von einem Dorf tief im siamesischen Dschungel), doch der Sprung in die Spielfilm-Produktion in Hollywood gelang nicht überzeugend.

Cooper fand bei Produzenten so wenig Zuspruch für seine Lieblingsfilmidee mit einem Riesengorilla, dass er 1930 zur Fliegerei zurückkehrte und in New York bei Pan American Airways einstieg. Doch der Jung-Produzent David O. Selznick (der später durch Großtaten wie »Vom Winde verweht« zu Ruhm kam) lockte Cooper zurück nach Hollywood zu der jungen, leider finanzschwachen Firma RKO.

Anfangs hatte der dschungelerprobte Naturfilmer Cooper offenbar ein halbdokumentarisches Projekt mit einem echten Gorilla und ein paar Komodo-Waranen als Dinosaurier-Darsteller im Sinn. Doch zunehmend sog der Stoff in seiner blühenden Phantasie das Märchen vom Untier und der Schönen und viele andere Mythenmotive auf, deren Realisierung fraglich blieb - bis zu dem Tag jedenfalls, wo Cooper bei RKO dem Mann begegnete, der gleichberechtigt als dritter »King Kong«-Schöpfer gelten muss: Willis H. O'Brien.

O'Brien hatte sich seit 1915 als Pionier des Puppentrickfilms mit Einzelbild-Aufnahmetechnik das Renommee eines einsamen Alleskönners erworben und werkelte bei RKO an einem Saurier-Projekt, dem jedoch ein plausibles Drehbuch fehlte. Für Cooper wurde das Trick-Universum, das ihm O'Brien erschloss, zur Offenbarung: Er vereinnahmte den Puppen-Zauberer mitsamt seinen Dinos auf der Stelle für »King Kong«. Damit aber die sparsamen RKO-Leute eine halbe Million Dollar für den Affenfilm bewilligten, musste Cooper ein zehnminütiges Musterstück weitgehend aus eigener Tasche finanzieren. Die Probe überzeugte, doch bis zur Vollendung verschlang der Film fast 700 000 Dollar. Die Ausarbeitung der Trickszenen begann, von Coopers präzisen Visionen ausgehend, bevor es ein Drehbuch gab. Der berühmte Edgar Wallace lieferte, nur ein paar Wochen vor seinem Tod, ein Exposé, von dem aber wenig (außer dem Namen des Autors) im fertigen Film Verwendung fand.

Dann endlich fand Cooper eine Autorin, die ihm nach Maß lieferte, was er wollte: Schoedsacks junge Ehefrau Ruth Rose. Für die Regie der Realszenen, die sie schrieb, hatte ihr Mann mehr als genug Zeit, während Cooper und O'Brien in ihrem Laboratorium bis zum Exzess neue Tricktechniken entwickelten und kombinierten - über das ganze Jahr 1932 hin, in dessen Lauf Produzent Selznick schon die kriselnde Firma verließ und sich in der Außenwelt von Monat zu Monat die Wirtschaftskrise verschärfte. Auch die Schauspielerin Fay Wray hatte die vermeintlich unattraktive Rolle des »King Kong«-Opfers samt der blonden Perücke, die man ihr aufstülpte, nur angenommen, weil man damals froh sein musste, »überhaupt einen Job zu kriegen« - der Riesenaffe ließ ihr dann Zeit genug, um Hauptrollen in zwei anderen Filmen zu spielen.

Im März 1933, als »King Kong« zur Uraufführung kam, in den beiden größten New Yorker Kinos mit zusammen 10 000 Plätzen, steckten die USA in der tiefsten Tiefe der Depression. Drüben in Hollywood saßen die Studio-Bosse ungewohnt einträchtig beisammen und verabschiedeten einen Appell an ihre Mitarbeiter, der alle Besserverdienenden zu einem 50-prozentigen Lohnverzicht für acht Wochen aufrief - anderenfalls würde das ganze System zusammenbrechen. Der Aufruf kam an, Hollywood überstand die Krise, der Sensationserfolg von »King Kong« sanierte die Firma RKO auf Jahre.

Im Lauf von sieben Jahrzehnten hat der unverwüstliche Riesengorilla mancherlei Imitationen und Remakes erdulden müssen, sogar einen japanischen Horrorkampf gegen die Riesenechse Godzilla. Doch die Neuverfilmung, die für den neuseeländischen Tausendsassa Peter Jackson und sein Team nun zum Sensationserfolg der Jahreswende 2005/06 werden soll, hat höhere Ambitionen: Sie nimmt den Stoff ernst und erweist mit der ganzen Computerkunst von heute dem Original und seiner Zeitgebundenheit ihre Reverenz. In Jacksons Film ist, auf das Jahr 1933 datiert, die Wirtschaftskrise das Motiv, das die abenteuerhungrigen Filmemacher auf ihre Expedition in die Südsee treibt. Ein Stunt aber bleibt unwiederholbar: Cooper & Schoedsack selbst spielen am Schluss des originalen »King Kong« die Jagdflieger, die den tragischen Affen vom Empire State Building herunterschießen. URS JENNY

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