»Die Siedlungen gehören zum Verteidigungssystem«
Brigade-General Ariel Scharon, 51, der im Nahost-Krieg von 1973 seine Panzerdivision zum Durchbruch über den Suezkanal nach Ägypten führte, trat nach Begins Wahl dem rechten Likud-Block bei. Als Landwirtschaftsminister ist er für die Besiedlung arabischer Gebiete zuständig.
SPIEGEL: Herr Minister, muß Israel nicht befürchten, daß im Zeichen der Energiekrise der auf Erdöl angewiesene Westen immer mehr ins arabische Lager gleitet?
SCHARON: Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, der westlichen Welt klarzumachen, daß Israel der einzige Stabilitätsfaktor im Nahen Osten ist, das einzige Land, auf das der Westen sich verlassen kann. Wenn er ins Lager der Araber überginge, wäre das ein schwerer Fehler. Und es wäre ein Irrtum anzunehmen, daß Israel seine Sicherheit gefährden wurde, nur damit der Westen, oder die USA, billigeres Öl erwerben könnten. Man kann uns bedrängen und bedrängen, bis zu einem gewissen Punkt. Schließlich haben wir keine Alternative. Wenn wir auch nur einen einzigen Krieg verlieren würden, wäre das ...
SPIEGEL: ... das Ende des Staates. SCHARON: Ja, es wäre unsere Ausrottung, und was Ausrottung bedeutet, wissen wir besser als jedes andere Volk.
SPIEGEL: Warum will Israel weiterhin in Gebieten, die anderen gehören, Siedlungen errichten, die zweifellos die Spannungen in diesem Raum erhöhen?
SCHARON: Ich möchte zunächst betonen, daß der Ausdruck »Gebiete, die anderen gehören« völlig falsch ist. Wir sind jetzt seit zwölf Jahren in Westjordanien. Vorher war König Hussein dort 18 Jahre lang, nicht länger. Die Jordanier waren dort Besetzer, obwohl sie das Gebiet gar nicht selber erobert hatten, sondern nur mit Hilfe der Ägypter und Iraker. 1949 haben Ägypter und Iraker dann diese Gebiete verlassen, König Abdallah von Jordanien und später König Hussein übernahmen sie.
SPIEGEL: Aber die Bevölkerung des von Israel besetzten Westjordanien ist doch überwiegend arabisch.
SCHARON: Dieses ganze Gebiet, das man als Palästina bezeichnet, war einmal die Heimat des jüdischen Volkes, darüber kann kein Zweifel bestehen. Es ist allerdings auch eine unbestreitbare Tatsache, daß die Araber hier seit Jahrhunderten lebten. Aber ungeachtet aller Teilungen gibt es heute eine palästinensische Mehrheit östlich und eine jüdische Mehrheit westlich des Jordan-Flusses. Dennoch habe ich nie behauptet, daß wir Menschen in den Gebieten aus ideologischen Motiven ansiedeln. Ich habe diesen Ausdruck nie verwendet. Unsere ganze Siedlungspolitik gründet sich ausschließlich auf Sicherheitsbedürfnisse. Ich möchte das anhand einer Landkarte erläutern (legt Karte auf den Tisch). Gut, daß Sie die Landkarte nicht photographieren können.
SPIEGEL: Die ist also noch geheim?
SCHARON: Hier in der schmalen Küstenebene leben 60 Prozent der jüdischen Bevölkerung des Staates, zwischen Hadera und Aschdod. Und hier entlang der grünen Linie, auf der westlichen Seite der früheren israelischen Grenze, haben wir eine massive israelisch-arabische Bevölkerung. Der schmale Korridor, in dem die Juden leben, ist nicht breiter als acht bis höchstens neun Kilometer. Dessen muß man sich bewußt sein. Und gleich daneben gibt es eine massive arabische Bevölkerung.
Wenn man die arabische Bevölkerung auf beiden Seiten dieser Grenze zusammenrechnet, und sie gehören zusammen, dann kommt man auf etwa 300 000 bis 350 000 Araber, von denen etwa 140 000 israelische Araber sind. Wir sprechen ja nicht mehr von Grenzen, Minenfeldern, Stacheldrahtverhauen und so weiter. Wir sprechen von der jetzigen Lage, mit offenen Grenzen, einer Lage, in der die jüdische Bevölkerung in einen sehr schmalen Korridor gedrängt wird.
SPIEGEL: Unmittelbar an der Meeresküste?
SCHARON: Ja. Und für uns bedeutet das ein ernstes Problem. Denn von dieser Hügelkette kann man Tel Aviv sehen (weist auf die Karte). Von diesen Hügeln, auf denen die arabische Bevölkerung wohnt, sieht und beherrscht man den ganzen jüdischen Landstreifen, von Haifa bis Aschdod. Und um diesen Küstenstreifen zu schützen, muß Israel Siedlungen auf der Hügelkette, östlich des dicht von Arabern besetzten Landstreifens, gründen, und zwar in einem Gebiet, das nun wieder eine sehr dünne arabische Bevölkerung hat. Von Westen nach Osten haben wir nunmehr eine Zone massiver jüdischer Bevölkerung, eine Zone massiver arabischer Bevölkerung und dann wieder eine Zone jüdischer Bevölkerung in den Siedlungen.
SPIEGEL: Können aber wenige Siedlungen mitten im Araber-Gebiet wirklich Schutz bieten?
SCHARON: Bisher gibt es in diesem Gebiet etwa 20 Siedlungen, das heißt ohne die im Jordan-Tal. Einige dieser Dörfer werden klein bleiben. Andere werden Städte, vielleicht große Städte werden. Dabei gibt es Gegenden, in denen wir keine Juden ansiedeln werden, etwa bei Nablus, Jenin oder Hebron.
SPIEGEL: Aber eine Neusiedlung in Nablus wurde doch gegründet.
SCHARON: Ich würde nicht sagen in Nablus, sondern eher nördlich der Stadt. Und dann haben wir noch ein Problem, nämlich Jerusalem. Gewisse Maßnahmen sind unabdingbar, damit Jerusalem die Hauptstadt dieses Staates bleibt, und das wird sie bleiben: Es gilt dafür zu sorgen, daß in 20 oder 30 Jahren die Stadt eine jüdische Bevölkerung von einer Million Menschen hat.
SPIEGEL: Heute sind es aber erst 260 000.
SCHARON: Ja, um unser Ziel zu erreichen, müssen wir eine Reihe von Vorstädten gründen, was schon jetzt geschieht: Gusch Ezion, Tekoa, Maale Adumim. Wir können und wollen das Wachstum der arabischen Bevölkerung nicht verhindern. Was wir tun können ist, sie zu umgehen. Deshalb entstehen solche Vorstädte rings um Jerusalem, bis zu 20 Kilometer vom Stadtkern entfernt.
SPIEGEL: Eine Art Ring also.
SCHARON: Ja.
SPIEGEL: Abgesehen von der Frage nach dem Eigentum an diesem Land, woher sollen denn die Menschen für alle diese Siedlungsprojekte kommen. Es gibt doch zur Zeit keine nennenswerte Einwanderung nach Israel mehr.
SCHARON. Wir werden, wie schon immer, genügend Menschen haben.
SPIEGEL: Wie viele Juden siedeln zur Zeit außerhalb der israelischen Staatsgrenzen von 1967 in den besetzten Gebieten?
SCHARON: In Judäa und Samaria, inklusive Jordan-Tal, etwa 10 000.
SPIEGEL: Und Sie wollen den Plan, diese Gebiete zu besiedeln, niemals aufgeben, auch nicht, wenn Sie dadurch einen Frieden mit Jordanien und Syrien ermöglichen würden?
SCHARON: Die Besiedlung hat nichts mit Frieden zu tun. Man muß es ganz klar sagen: Alle Vorstellungen, Israel werde sich, unter gewissen Umständen, auf die Grenzen von 1967 zurückziehen, sind völlig unrealistisch, und zwar aus reinen Sicherheitserwägungen.
SPIEGEL: Sollen diese Siedlungen denn Verteidigungsanlagen sein?
SCHARON: Seit langen Jahren sind wir der Überzeugung, daß alle Siedlungen in diesem kleinen Staat Teil unseres Verteidigungssystems sind. Sie sollen mit ihren eigenen Waffen einen Angriff so lange aufhalten -- eventuell nur um Stunden -, bis unsere Reserven mobil gemacht sind. Das ist unser Konzept. Wenn es Leute gab, die sich aus ideologischen Motiven auf dem Jordan-Westufer niederließen, dann waren wir zufrieden, weil wir sie aus sicherheitspolitischen Überlegungen brauchten.