Die Strippenzieher - DER SPIEGEL
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Die Strippenzieher

Interne Protokolle dokumentieren den Feldzug der Tabakindustrie gegen Rauchverbote in Deutschland. Mit Hilfe von Wissenschaftlern manipulierte sie die Gesundheitspolitik.
• aus DER SPIEGEL 24/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt in Deutschland nur wenige, die so gut wissen, was die Tabakindustrie in den vergangenen Jahrzehnten getrieben hat, wie Annette Bornhäuser. Die junge Frau ist Gesundheitswissenschaftlerin in Heidelberg, und seit vielen Monaten wühlt sie sich Tag für Tag durch einstmals geheime Unterlagen der Zigarettenkonzerne. »Immer wieder stoße ich dabei auf Überraschungen«, sagt sie.

Zusammen mit zwei Forschern der Universität von Kalifornien in San Francisco hat sie jetzt eine Studie vorgelegt. Das Ergebnis: »Bis zum heutigen Tage« wird die Gesundheitspolitik in Deutschland »von den Interessen der Tabakindustrie dominiert«. Auch die Weltgesundheitsorganisation konstatiert über den Verband der Cigarettenindustrie (VDC), dass dieser »über Jahrzehnte die deutschen Bundesregierungen beeinflusst« habe - zum »Schaden der öffentlichen Gesundheit«.

Der VDC ist einer der erfolgreichsten Lobbyverbände der Republik. Perfekt organisiert und optimal vernetzt, dienen all seine Manöver einem Ziel: den Absatz eines Produktes zu fördern, von dem jeder weiß, dass es die Gesundheit ruiniert.

Bisweilen waren die Manager selbst überrascht, wie erfolgreich sie waren. Voller Stolz berichtete 1992 der deutsche Vertreter von Philip Morris dem Mutterkonzern in den USA, dass die Zusammenarbeit der Tabakindustrie mit der deutschen Regierung »ein guter Deal« sei; die deutschen seien dank guter Lobbyarbeit »einflussreicher« als die US-Konzerne.

Regelmäßig trafen sich die Spitzen der deutschen Tabakindustrie hinter verschlossenen Türen und berieten darüber, wie sie den Gang der Geschäfte beflügeln könnten. Bei der Vorstandssitzung des VDC am 6. Februar 1991 in Bonn fuchste die Lobbyisten ein Thema besonders: die Debatte über das Passivrauchen.

Da, so vermerkt das Sitzungsprotokoll, meldete sich ein Firmenvertreter zu Wort. Man befinde sich an einem »Scheideweg«, sagte er, doch mit dem, was die Zigarettenindustrie in den vergangenen Jahren erreicht habe, könne man mehr als zufrieden sein. »In praktisch allen entwickelten Ländern dieser Welt«, erklärte er, gelte »die Frage der gesundheitlichen Schädigungen des Passivrauchens als entschieden«. Und wissenschaftlich betrachtet sei eine solche Schädigung auch »zweifelsfrei anzunehmen«. »Die einzige wissenschaftliche Gemeinde, in der diese Frage noch offengehalten wird, ist die Bundesrepublik.« Darin sieht der Lobbyist nicht zuletzt ein Verdienst »der Zusammenarbeit unserer Industrie mit der Wissenschaft«.

Das Protokoll ist ein ungewöhnlich ungeniertes Dokument des Triumphs: Gefeiert wird hier der Sieg einer milliardenschweren Interessengruppe über die Wahrheit. Die Zigarette sei ein »legal produziertes Produkt«, so rechtfertigt der VDC-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Hainer heute die Aktivitäten. Die Unternehmen müssten »selbstverständlich die Gelegenheit haben, im öffentlichen Raum ihre Positionen zu beziehen«.

Dass die Wahrheit über den Verband nun ans Licht kommt, verdankt die Öffentlichkeit den Tabakprozessen in den USA. Ende der neunziger Jahre wurden Zigaretten-Multis wie Reynolds überführt, die Öffentlichkeit über die Risiken des Rauchens getäuscht zu haben. Die Konzerne verpflichteten sich daraufhin, Firmenunterlagen zu veröffentlichen. Seitdem haben sie über 40 Millionen Seiten ins Internet gestellt. Da der VDC regen Austausch mit US-Unternehmen pflegte, gelangten auch deutsche Papiere ins Netz.

Gemeinsam steckten US-Konzerne und deutsche Firmen die strategischen Linien ab. Für die eigentliche Lobbyarbeit bildete der VDC jeweils sogenannte Aktionskreise. Diese bekämpften Steuererhöhungen, Rauchverbote oder Werbeeinschränkungen mit klar definierten Zielen.

Zwar musste der VDC immer wieder kleine Rückschläge hinnehmen. Einen wirksamen Schutz der Nichtraucher jedoch konnte er weitgehend verhindern. Dieser Erfolg ist umso erstaunlicher, als die Bundesregierung schon 1974 erkannt hatte, dass »Passivrauchen Krankheiten, Frühinvalidität und Tod verursachen« kann. Prompt witterte der VDC Gefahr und beschloss, allen Plänen, Rauchverbote zu erlassen, mit »aggressiver PR« zu begegnen.

Was es bedeutet, die Zigarettenlobby als Gegner zu haben, bekamen in der Folgezeit viele Firmen und Organisationen zu spüren. Die Lufthansa zum Beispiel prüfte Anfang der neunziger Jahre, das Rauchen auf allen innerdeutschen Flügen zu verbieten. Sofort zündete der VDC ein Feuerwerk von Abwehrmaßnahmen.

Zunächst gerieten die politischen Entscheidungsträger ins Visier, da der Bund Mehrheitseigentümer des Konzerns war. Bald konnten die Emissäre Erfolge melden. »Käme es im Lufthansa-Aufsichtsrat zu einer Abstimmung«, so versprach laut Protokoll ein Staatssekretär, »wären Vertreter des Ministeriums angewiesen, gegen ein Rauchverbot zu stimmen.«

Der VDC-Vorstand beschloss zudem, so heißt es in Dokumenten, »Raucherzwischenfälle

an Bord der Maschinen zu provozieren«. Passagiere in Nichtraucherflügen sollten zur Revolte angestiftet werden. Zudem gelte es, den generellen Unmut von Lufthansa-Kunden in Bezug auf »Pünktlichkeit, Freundlichkeit, Abfertigungsservice zu bündeln und unser Thema mit einzubringen«.

»PR-mäßige Inszenierungen« bestreitet der VDC heute, wohl aber hätten sich Raucher »in einer ganzen Reihe von Fällen« gegen die Einschränkungen gestellt. Irgendwann kapitulierte die Kranichlinie und setzte das Rauchverbot aus. Wieder einmal waren ein paar Jahre des Qualmens gewonnen. Erst einige Zeit später, nachdem viele internationale Gesellschaften Rauchverbote erlassen hatten, zog die Lufthansa nach.

Undenkbar wäre der Erfolg des VDC gewesen ohne das fein abgestimmte Doppelpassspiel mit deutschen Wissenschaftlern. Dem Zigarettenkartell gelang es, weite Teile einer Berufsgruppe als Hilfstrupp zu gewinnen, die wegen ihrer vermeintlichen Unbestechlichkeit höchste Reputation genoss (SPIEGEL 49/2005). Zahllose Mediziner ließen sich von der Tabakindustrie bezahlen. Der Gesundheitswissenschaftler Thilo Grüning sieht darin »einen der größten Skandale der Medizin der Nachkriegsgeschichte«.

Im Jahr 1975 gründete der VDC den »Forschungsrat Rauchen und Gesundheit«. Laut Dokumenten wurde der Rat genutzt, um tabakkritische Wissenschaftler in Schach zu halten und die Gefahren des Rauchens zu verharmlosen. Der VDC habe »unabhängige Wissenschaftler mobilisieren« können, lobte sich ein Firmenvertreter bei einem Vortrag vor Kollegen in Washington selbst. Zu den VDC-Vertrauten zählten etwa Karl Überla, seinerzeit Leiter des Bundesgesundheitsamts, oder Jürgen Freiherr von Troschke, Leiter der Abteilung für Medizinische Soziologie der Universität Freiburg.

Viele der von der Tabakindustrie bezahlten Mediziner behaupten heute, sie hätten das Geld verwandt, um wichtige Studien durchführen zu können. In der Tat finanzierte der VDC bisweilen Projekte der Grundlagenwissenschaft. Doch das waren Schutzmäntelchen, um die wahre Funktion des Forschungsrats zu verschleiern.

Als etwa die Gesundheitsministerin Rita Süssmuth (CDU) 1988 ihre Absicht bekanntgab, Nichtraucher vor dem Zigarettenqualm zu schützen, brachte der VDC seine Wissenschaftler in Stellung. Und zwar, so heißt es in einem Protokoll, die »ganze Korona des medizinischen Establishments«.

Wichtigstes Organ des VDC neben dem Forschungsrat war der »Aktionskreis Ökonomische Rahmenbedingungen«. Seine Aufgabe war es, direkte Kontakte zu Politikern und Ministerien zu pflegen, um so Werbeverbote und Steuererhöhungen zu verhindern. Seit Jahrzehnten sponsert die Tabaklobby Parteitage jeder Couleur, sie gab Geld für Stiftungen, Medientreffs und VIP-Veranstaltungen.

Als 1989 eine Steuererhöhung angekündigt war, zeigte sich der Wert der Mühen. Vorstand und Geschäftsführung des VDC führten laut internen Aufzeichnungen »insgesamt mit über 80 politischen Meinungsträgern Gespräche, angefangen von Bundeskanzler Kohl über Minister Stoltenberg bis zu den einzelnen Abgeordneten des Haushalts- und Finanzausschusses«. Am Ende konnten die Lobbyisten zwar die Steuerhöhung nicht verhindern, sie erreichten aber »marktschonende« Schritte, wie es intern hieß. Gemeint war eine Erhöhung in zwei Stufen, die es Rauchern erlaubt, sich besser an den höheren Preis zu gewöhnen, statt sich das Rauchen abzugewöhnen.

Der VDC rechtfertigt seine Lobbyarbeit mit seiner Verantwortung für die deutsche Volkswirtschaft: Jede Steuererhöhung mindere den Absatz, koste Arbeitsplätze und fördere den Schmuggel nicht versteuerter Zigaretten.

Was der VDC verschweigt: Besonders auf viele Jugendliche wirkt ein höherer Preis abschreckend. Die Rate der jungen Konsumenten ist nach den Steuererhöhungen seit 2001 von 28 auf 20 Prozent gesunken. UDO LUDWIG

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