Die Terror-Gegner - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 28 / 61

FRANKREICH / KOMMUNISTEN Die Terror-Gegner

• aus DER SPIEGEL 43/1958
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Maurice Thorez, der kranke Generalsekretär der französischen KP, richtet nur selten das Wort an seine Parteigenossen. Am 10. Oktober - zwei Wochen nach der kommunistischen Schlappe bei dem Volksentscheid über die neue Verfassung de Gaulles - entschloß er sich nach langem Schweigen dazu. Die Parteizeitung »L'Humanité« druckte eine Rede ab, die der 58jährige Generalsekretär vor den Mitgliedern des Zentralkomitees in der vergitterten Parteifestung am »Carrefour de Châteaudun« gehalten hatte - einer berühmten Pariser Straßenkreuzung, die nach dem ungarischen Oktoberaufstand von 1956 den symbolkräftigen Namen des ungarischen Freiheitskämpfers Kossuth erhielt.

Die Rede des KP-Chefs lieferte der gesamten französischen Presse die Schlagzeilen: Thorez hatte zum erstenmal öffentlich Kritik an der algerischen Nationalistenorganisation »Front der Nationalen Befreiung« (FLN) geübt und die algerischen Rebellen unumwunden aufgefordert, ihre Sabotageakte und Terroraktionen in Frankreich einzustellen.

»Die Methoden, die von der FLN in Frankreich angewendet werden«, stand im »Humanité«-Text des ZK-Referates zu lesen, »haben der gerechten Sache des algerischen Volkes, die stets aus dem Verständnis und der politischen Unterstützung der revolutionären französischen Arbeiter Nutzen ziehen konnte, nicht gedient. Wenn die FLN glaubt, die Volksmeinung in Frankreich damit aufrütteln zu können, so irrt sie; sie nimmt die Volksmeinung gegen sich ein. Weit davon entfernt, Sympathien zu gewinnen, verliert sie Sympathien. Solche Methoden liefern eine bequeme Handhabe gegen die Algerier und außerdem - man muß diese Dinge vor dem ZK aussprechen - erlauben sie jede Art von Provokation gegen uns.«

Wessen Sympathien die algerischen Rebellen mit ihren Sprengstoffattentaten und Überfällen verlieren, geht aus einem Situationsbericht hervor, den der französische KP-Chef nach der Volksabstimmung vom 28. September verfaßte und publizieren ließ. Darin heißt es: »Wenn ein Teil der Arbeiterklasse von der forcierten Propagandakampagne für das ,Ja' im Radio, von Illusionen und von der Furcht vor einem Bürgerkrieg beeinflußt war, so muß doch festgestellt werden, daß die Arbeiter in der Algerienfrage noch nicht völlig von den Folgen der kolonialistischen Ideologie befreit sind. Hier liegt der Hauptgrund für den Erfolg des 'Ja'.«

Seit über einem Jahr haben die KP -Funktionäre aus den unteren Etagen der Kaderpyramide die wachsende Kritik der Arbeiter, ja selbst vieler Parteigenossen, an der Algerienpolitik der Partei signalisiert, aber das ZK hatte keine Konsequenzen daraus gezogen. Die Agitation mit der Parole »Freiheit und Selbstbestimmung für Algerien« wurde ohne Rücksicht auf die Stimmung unter den Arbeitern fortgesetzt.

Zweifellos war den KP-Chefs in Paris nicht entgangen, daß die Masse der Arbeiterschaft seit Anfang 1957 den algerischen Rebellen gegenüber immer feindseliger wurde. Sie waren aber Gefangene der in Moskau mit ihrer Zustimmung ein für allemal festgelegten Zielsetzung, die Unabhängigkeitsbewegung in Afrika müsse für die Vorbereitung der kommunistischen Revolution genutzt werden. Ihre eigenen Analysen der Bedingungen für eine kommunistische Politik in Nordafrika und im schwarzen Afrika hatten den französischen KP-Chefs zudem die Erkenntnis vermittelt, daß der Kommunismus in Afrika bedeutende. Zukunftschancen hat, wenn die Forderung nach einer sozialen Revolution mit den Selbständigkeitsbestrebungen der Nationalisten verkoppelt würde.

Um dieser Chancen willen machten Maurice Thorez und seine Genossen vom ZK der »kleinbürgerlich-chauvinistischen« Feindseligkeit von Arbeitern und kleinen Angestellten gegenüber der algerischen Rebellion keine Zugeständnisse. Sie beschränkten sich darauf, die Konsequenzen aus dem Fehlschlag ihrer 1956 gestarteten Kampagne für die Verweigerung des Wehrdienstes in Algerien zu ziehen: Die Kampagne gegen den Wehrdienst wurde unauffällig abgeblasen.

In den letzten Monaten mußten die KP -Funktionäre freilich feststellen, daß der Rebellenterror auch bei den kommunistischen Arbeitern wachsende Empörung auslöste. Eine Reporterin des linksoppositionellen Pariser »Express« besuchte nach dem 28. September verschiedene Pariser Vorstädte des »Roten Gürtels«, in dem die KP von jeher ihre stärksten Bastionen besitzt, die aber trotzdem mit beträchtlichen Mehrheiten »ja« zur Verfassung de Gaulles gesagt hatten.

Die Journalistin vom »Express« berichtete ihrer Redaktion, daß die Worte eines ihrer kommunistischen Gesprächspartner in Billancourt für die Stimmung unter den Arbeitern typisch seien: »Manchmal beobachte ich die Algerier, mit denen ich in der Fabrik arbeite, und ich sage mir: Wird uns nicht einer von denen da eines Tages einen Dolch in den Rücken stoßen?« Viele Arbeiter sähen in den algerischen Terroristen instinktiv einen Feind und in allen Algeriern mögliche Feinde.

Noch ein anderer Faktor wirkte sich negativ für die Kommunisten aus: Alle französischen Wehrpflichtigen müssen mindestens sechs Monate in Algerien dienen, und die Erfahrung der beiden letzten Jahre hat gelehrt, daß gerade die jungen Arbeiter, unter denen die KP ihre Neuwähler suchen muß, mit der Überzeugung zurückkommen, Frankreich habe in Algerien eine Aufgabe zu erfüllen und alle Werte dieses Landes seien ausschließlich von Franzosen geschaffen worden. Die politische Beeinflussung der Soldaten durch die aktiven Vorgesetzten und die Armeepsychologen hat sich in den meisten Fällen als solide erwiesen: Die heimkehrenden Jungarbeiter treten oft in den Fabriken

mit der Parole »Algérie francaise« auf.

Ein bedeutender Teil der rund anderthalb Millionen kommunistischen Wähler, die nach Ansicht des KP-Chefs am 28. September für die neue Verfassung de Gaulles stimmten, tat dies - so meinen die kommunistischen Agitatoren in den Fabriken und Bergwerken - gerade wegen des Rebellenterrors und wegen der unpopulären Algerienpolitik der KP. Und was für die kommunistischen Wähler in der Arbeiterschaft und unter den kleinen Angestellten zutrifft, gilt auch für die nichtkommunistischen Arbeitnehmer und die kleinen Leute im allgemeinen.

Diese Erkenntnis war ausschlaggebend für die Änderung der kommunistischen Parteilinie gegenüber der algerischen FLN. Die Partei, so sagten sich die roten Ideologen am »Carrefour de Châteaudun«, kann ihre Isolierung nur durchbrechen und Fortschritte in Richtung auf die Volksfront machen, wenn sie sich nicht in Gegensatz zur Meinung des Volkes stellt.

Der Rückgang des kommunistischen Einflusses auf die Industriearbeiter ist schon deshalb besonders kritisch, weil mit ihm die Gefahr antikommunistischer Maßnahmen im Zuge der Bekämpfung des algerischen Terrors wächst. Die Worte des KP-Chefs, denen zufolge »diese Methoden alle Provokationen gegen uns erlauben«, deuten die Furcht der KP-Leitung vor einer regelrechten Kommunistenverfolgung an.

Dabei schreckt die kommunistischen Führer weniger die Möglichkeit eines Parteiverbots wegen Verfassungsfeindlichkeit, denn die Illegalität während des Krieges ist der Partei sehr gut bekommen. Thorez und seine Genossen fürchten vielmehr die Identifizierung von Kommunisten und Terroristen.

Unter dem Motto »Kommunisten sind Helfershelfer der Terroristen« haben nämlich vor einigen Wochen alle Massenblätter der Rechten eine große antikommunistische Propagandakampagne gestartet. Sollte diese Kampagne die Behauptung, die KP beschaffe den Algeriern Sprengstoffe, Waffen und Informationen, zur Volksmeinung werden lassen, dann könnte es leicht geschehen, daß die Arbeitermassen eine Zerschlagung des kommunistischen Parteiapparats stillschweigend dulden oder ihr sogar zustimmen.

KP-Chef Thorez: »An unserer Niederlage sind die Algerier schuld«

Zur Ausgabe
Artikel 28 / 61