Juli 1998 Die Tour der Apotheker
Das rotgepunktete Bergpreistrikot gilt unter Brüdern als Ehrenkleid, es ist mit 150 000 Franc Siegprämie dotiert. Wer sich bergauf so schindet, daß er am Ende die Punktwertung anführt, der verdient den Respekt des Feldes. Mag der Mann auch noch so klein sein, ein schmales Hemd, ein Bergfloh, eine Bergziege.
Der Bergpreisleader dieses Jahres ist von anderer Statur. Rodolfo Massi, 32, der für das französische Team Casino in die Pedale tritt, ist breitschultrig wie ein Rugbyspieler, hat besonders dicke Oberschenkel, ein XXL-Typ. Man nennt ihn »Il Farmacista«, den Apotheker.
Den Farmacista greift sich die französische Polizei in Aix-les-Bains, nach der 17. Etappe. 3218 Kilometer hat der Troß schon hinter sich, an diesem Tag wurde erst gebummelt, dann stiegen bei Kilometer 32,5 alle Mann vom Rad, aus Protest gegen die »rüden Untersuchungsmethoden«. Am Abend findet die Polizei in Massis Gepäck reichlich Cortison-Präparate. Mehr als einem Mann guttut. Der Italiener bleibt in Haft.
Mühelos hätte Massi seine Schätze über die nahe italienische Grenze bringen lassen können. Dann wäre
er clean gewesen. Offenbar hat der Farmacista aber auf die Omertà vertraut, das Gesetz des Schweigens. Pech, daß Willy Voet gesungen hat, der Belgier, Chef-Pfleger der französischen Equipe Festina.
In seinem Mannschaftsauto, bepflastert mit den offiziellen Tour-Aufklebern, fanden Zollfahnder am 8. Juli, drei Tage vor dem Tour-Start in Irland, eine kostbare Reiseapotheke: 235 Portionen Epo, 82 Ampullen Wachstumshormone, Testosteron, Spritzen en gros und »maskierende« Medikamente, die Dopingfahnder ins Leere laufen lassen.
Der Willy, seit Jahrzehnten im Tour-Troß dabei und als Scherzkeks beliebt, hat mit den französischen Zöllnern auf altbewährte Weise ein bißchen geschäkert - »alles für meinen eigenen Bedarf« - und erst im Knast erkannt, daß über Nacht neue Zeiten angebrochen sind: Schluß mit der Omertà, Ende der Kameraderie, vor dem Gesetz ist jetzt jeder gleich. Auch das noch.
Niemand, der zur Tour gehört - rund 4000 Mann - , hätte sich das träumen lassen. Plötzlich steht die CRS, der martialische schwarze Polizei-Orden ohne Totenkopf, im Zimmer. Breitbeinig (wie immer), maulfaul (wie nie zuvor),
furchteinflößend. Der Schweizer Profi Alex Zülle - ein guter Mensch, wer wär's nicht gern - wandert in eine stinkende Arrestzelle, seine Brille wird konfisziert, das Lager ist ein hartes Brett. Am nächsten Morgen gesteht er jahrelangen Epo-Mißbrauch. »Noch so eine Nacht im Gefängnis, das hätte ich nicht überlebt.«
Sieben Mannschaften werden ausgesperrt oder verlassen die Tour de France, das holländische Team TVM sicherheitshalber bei einem Abstecher in die neutrale Schweiz. Von 189 Fahrern, die 1998 gestartet sind, kommen nur 96 bis Paris. »Die Tour ist tot«, titeln die Zeitungen. Oder halbtot? Jedenfalls gebeutelt wie nie zuvor, von der neuen - kommunistischen - Sportministerin in Paris und dem gefürchteten Untersuchungsrichter Patrick Keil aus Lille verfolgt, plötzlich als kriminelle Vereinigung beschimpft, als Assoziation von Dealern und Fixern. »Sich einen Speer setzen«, so heißt im Jargon die illegale Injektion. Dabei schafft das dreiwöchige Rundstreckenrennen 1998 einen paradoxen Rekord: Alle Dopingproben, alle, sind negativ.
Oh, mon dieu. Die Deutschen sind sprachlos. Ihr Favorit Jan Ullrich redet sowieso wenig, Französisch kann er nicht. Auch deshalb hält sich die Beliebtheit des Teams Deutsche Telekom bei der Grande Nation in Grenzen. 1997 hat Ullrich die Tour gewonnen, als erster Deutscher, bon, das kann vorkommen. Aber Monsieur Ullrich soll nicht glauben, er habe nun ein Abonnement. Dazu ist er viel zu farblos - kein »Kannibale« wie Eddy Merckx, kein listiger Dachs wie Bernard Hinault, kein Verrückter wie Fausto Coppi, alle mehrmalige Tourgewinner.
Jan Ullrich ist brav, ein bißchen ängstlich, in diesem Jahr noch dazu schlecht vorbereitet, eigentlich also ein Langweiler. Der fährt so Rad, wie Maske
boxt. So was kann die Tour nicht gebrauchen. Sie lebt ja davon, daß Männer vor aller Augen verglühen, stürzen, sterben. Oder daß sie ganz unvernünftige Risiken auf sich nehmen, va banque spielen, siegen. Wie Sportsfreund Bertolt Brecht schon so richtig gesagt hat: Wer über sich selber den Sieg erringt, der erringt auch den Lohn.
Die deutsche Art zu siegen hat in Frankreich wenig Freunde. Weil viele Zuschauer glauben, daß die Germanen vom Dopingskandal und dem Festina-Ausschluß auch noch profitieren, werden sie für einige Tage zu den Buhmännern des Feldes. Einmal, wirklich nur einmal, schreit Jan Ullrich im Etappenziel von Cap d'Agde wie ein weidwundes Tier laut auf, er brüllt vor Wut. Fast alle an- deren Fahrer sind heute gegen ihn gefahren, eine pädagogische Maßnahme.
Dann rettet Marco Pantani die Tour. Einer rettet sie immer, denn die Tour ist unsterblich. Pantani, 28, nur 56 Kilogramm schwer, hat abstehende Ohren und wird deshalb von seinen Landsleuten liebevoll »Elefantino« genannt.
Er ist ein Bergfloh, ein Verrückter ist er außerdem. Er greift an, wenn die Luft dünner wird: Elf Minuten nimmt er Jan Ullrich, dem gewichtigeren (73 Kilo), größeren (1,83 Meter) Deutschen in den Bergen ab. Keiner kann ihm folgen, keiner hat mit Pantani gerechnet. Wahrscheinlich nicht einmal er selbst.
Im kommenden Jahr soll alles ganz anders werden, heißt es nun bei Sportlern und Organisatoren. Keine Dopingsünder mehr, großes Radfahrer-Ehrenwort. Nie wieder Anabolika, Cortison, Epo und so weiter. Statt dessen Fair play wie bei der Heilsarmee. Wer's glaubt, wird selig, kommt aber nicht in den Radfahrerhimmel.
Hans Halter