»Die UdSSR hat Angst vor dem polnischen Volk« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 39 / 65

»Die UdSSR hat Angst vor dem polnischen Volk«

SPIEGEL-Interview mit dem polnischen General Leon Dubicki über die Vorbereitung der Militärdiktatur Leon Dubicki, 66, General a. D. der polnischen Armee, absolvierte die Warschauer Generalstabsakademie gemeinsam mit Polens heutigem Militärdiktator Jaruzelski. Der holte den Weltkrieg-II-Rotarmisten Dubicki als Berater ins Verteidigungsministerium, sogar über das Pensionsalter hinaus. Dubicki wußte um die Vorbereitungen der Militärs, die Macht zu übernehmen, und setzte sich im August während einer Studienreise in die Bundesrepublik in den Westen ab.
• aus DER SPIEGEL 53/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Dubicki, was kann einen polnischen Offizier dazu bewegen, auf Arbeiter, unter denen auch seine Verwandten sein können, schießen zu lassen?

DUBICKI: Er ist eingebunden in die Armeedisziplin und steht unter ständiger Einwirkung der Parteiorganisationen.

SPIEGEL: Hat die Indoktrinierung Erfolg?

DUBICKI: Nicht im ideologischen Sinn, dafür aber im psychologisch-moralischen Sinne. Der Mensch muß nicht das glauben, was er tut, der Indoktrinationsapparat steuert sein Handeln.

SPIEGEL: Werden die gemeinen Soldaten ebenso ideologisch bearbeitet?

DUBICKI: In noch höherem Maße.

SPIEGEL: Aber sie sind diesem Einfluß nur für zwei Jahre ausgesetzt.

DUBICKI: Die Dienstzeit von zwei Jahren ist nicht wichtig. Die Polit-Offiziere sind sehr stolz darauf, daß es ihnen gelungen ist, die Soldaten so zu agitieren. Dazu kommen noch der moralische Terror, der Zwang, die Strafmittel, dann die sogenannte Ehre der Uniform, die Liebe zur Autorität der Armee.

SPIEGEL: Kann ein Soldat nur aus Liebe zur Uniform auf seinen Vater oder Bruder, der Mitglied der »Solidarität« ist, schießen?

DUBICKI: Nein, nur durch Zwang, durch das System, nach dem eine Armee geführt wird und das im sozialistischen Lager perfektioniert worden ist.

SPIEGEL: Wie sieht das praktisch aus?

DUBICKI: Zum Beispiel werden die Soldaten so aufgestellt, daß der ideologisch gefestigtere den unsicheren im Auge behält. Außerdem muß der eine den anderen denunzieren. So werden unsichere Leute gleich eliminiert. Bei Aktionen wie den von Ihnen erwähnten bleibt deshalb ein bedeutender Teil der Gemeinen in den Kasernen, ganze Bataillone und Kompanien. Ein Teil der Soldaten verweigert überhaupt den Befehl, wird verurteilt, unter Arrest gestellt. In der polnischen Armee gibt es jetzt sehr viele Offiziere und Gemeine unter Arrest.

SPIEGEL: Herr General, Sie möchten die Ehre Ihrer Truppe unbefleckt erhalten. 1970 wurden in Danzig Armeeeinheiten gegen Arbeiter eingesetzt, sie haben geschossen.

DUBICKI: Außer der Miliz wurde auch die Armee eingesetzt, aber die Soldaten wurden vorher streng ausgewählt ...

SPIEGEL: Die unsicheren Soldaten blieben in den Kasernen?

DUBICKI: Ja, sie wurden nicht eingesetzt.

SPIEGEL: Bei allen anderen Meinungsverschiedenheiten war sich die Gewerkschaft »Solidarität« in einem Punkt einig - ein polnischer Soldat werde nicht auf einen polnischen Arbeiter schießen. Und nun schießen sie doch.

DUBICKI: Ja. Eben das habe ich versucht, diesen Gewerkschaftern einzutrichtern. Aber sie glaubten es mir nicht.

SPIEGEL: Dann war also die Vorstellung der Opposition, daß im Falle einer sowjetischen Invasion die polnische Armee ihre Waffen umdrehen und gegen die Sowjets richten würde, illusionär?

DUBICKI: Ja. Das Schreckgespenst einer Sowjet-Invasion wurde schon Anfang September 1980 benutzt, in Fernsehsendungen etwa, in denen mit der Erinnerung an die gescheiterten Aufstände des 18. Jahrhunderts Angst gemacht wurde. Das Schreckgespenst der Sowjet-Invasion wurde zu einem Schutzschild gegen die Weiterentwicklung der »Solidarität«, um Angst zu schüren. Zugleich begann man, konkretere Pläne über den Einsatz von sowjetischen und polnischen Truppen auszuarbeiten.

SPIEGEL: Woher wissen Sie das?

DUBICKI: Aus persönlichen Gesprächen mit kompetenten Leuten: zum Beispiel vom General Schtscheglow, dem obersten Vertreter des Warschauer Pakts bei der polnischen Armee. Und auch aus Gesprächen, die Marschall Kulikow im Generalstab in Warschau geführt hat. Daran habe ich nicht teilgenommen, aber ich habe es von den Teilnehmern selbst gehört.

SPIEGEL: Wie sahen die Pläne aus?

DUBICKI: Bis zum 15. Dezember 1980 sollten die sowjetischen Truppen konzentriert und einsatzfähig sein, und zugleich sollte eine stufenweise Infiltration durch sowjetische Truppen stattfinden: Sie sollten über die Grenze kommen, nach Polen und außerdem in die DDR.

SPIEGEL: Blieben nach den Manövern im vorigen Jahr denn nicht genügend sowjetische Truppen in Polen?

DUBICKI: Die Hauptrolle bei der Abrechnung mit der »Solidarität« sollte die polnische Armee spielen, die aber unmittelbar der sowjetischen Armee unterstellt ist.

SPIEGEL: Schon in der zweiten Dezemberhälfte 1980 wurden Truppenbewegungen S.68 der sowjetischen Armee beobachtet.

DUBICKI: Das war eine reine Abschreckungsaktion. In der Zwischenzeit, nachdem man die Reaktion darauf gesehen hatte, verzichtete die sowjetische Führung auf den unmittelbaren Einsatz ihrer eigenen Truppen. Aus Gesprächen mit dem sowjetischen Verteidigungsminister Ustinow, Marschall Kulikow und anderen hohen Sowjet-Offizieren ging hervor, daß eine unmittelbare Okkupation Polens in diesem Augenblick weder notwendig noch lohnend wäre.

SPIEGEL: Warum?

DUBICKI: Die Sowjet-Union hat Angst vor dem polnischen Volk. Und Kania wollte nicht die Rolle des Mannes spielen, der sein Volk in eine Tragödie stürzt.

SPIEGEL: Sie, Herr Dubicki, haben mit der Gewerkschaft »Solidarität« zusammengearbeitet. Haben Sie ihr Informationen zukommen lassen?

DUBICKI: Sehr viele konkrete, technische Informationen, welche die Pläne betrafen. Schon im November habe ich die Gewerkschafter gewarnt, was gegen sie vorbereitet wird, damit sie sich darauf einstellen konnten.

SPIEGEL: Was haben Sie Ihren Verbindungsleuten von der »Solidarität« geraten?

DUBICKI: Ich riet ihnen, ein entsprechendes Organisationssystem allgemeiner Führungszellen aufzubauen, damit sie im Falle einer solchen Situation, wie wir sie jetzt beobachten, fähig sind zum Widerstand. Auch riet ich ihnen, zwei oder drei Führungs-Garnituren einzurichten. Das alles habe ich ihnen schon im letzten Herbst gesagt.

General Jaruzelski zeigte seine wahre Funktion nämlich schon im Februar, als er Ministerpräsident wurde: Er sagte, er werde die »Solidarität« mit Gewalt zermalmen.

Die engere militärische Führung wußte über das, was jetzt im Dezember passiert ist, schon im Februar Bescheid. Seither wurde das Militär darauf vorbereitet, die »Solidarität« gewaltsam zu unterdrücken.

SPIEGEL: War schon ein genauer Termin festgesetzt?

DUBICKI: Es stand fest: Wenn es nicht mit anderen Mitteln gelänge, die »Solidarität« zu zerschlagen, würde man sie am Winteranfang mit Gewalt vernichten. Ab März wurden in den einzelnen Truppenteilen der Armee Selektionen vorgenommen - nach dem Gesichtspunkt, ob sie sich für den Kampf gegen die eigene Klasse, das eigene Volk eignen oder nicht. In den Truppenteilen, die sich eigneten, wurden besondere Einheiten und Personen ausgesucht.

SPIEGEL: Zur selben Zeit bemühte sich Moskau wieder um Entspannung gegenüber dem Westen.

DUBICKI: Es war vorgesehen, der drohenden Stationierung von amerikanischen Mittelstreckenraketen in Europa mit eigenen Aktivitäten zuvorzukommen.

Die Entwicklung in Polen konnte das Glacis der Sowjet-Armeen behindern, gegen die Armeen der Nato zu agieren. Dieser Situation wurde das Problem einer Liquidierung der »Solidarität« angepaßt.

SPIEGEL: Meinen Sie, die Sowjet-Union habe sich eine Option für den Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung in Europa schaffen wollen?

DUBICKI: Ja, als eine Möglichkeit. Dafür gab es einen Plan. Das ist der Schlüssel für all die folgenden Dinge. Die militärischen Grundlagen dieses Plans wurden im Laufe der gemeinsamen Manöver überprüft, die vom Mai bis zum August dieses Jahres dauerten, große Übungen, für die viele Milliarden ausgegeben wurden.

Doch in all diesen Plänen blieb eine Frage ungelöst: die militärisch-politischgesellschaftliche Sicherung des Korridors, der die Sowjet-Union mit einer eventuellen Front verbindet. Die Ordnung in diesem Korridor wird in diesem Augenblick wiederhergestellt.

SPIEGEL: Demnach ging es gar nicht um die Gefahr, die von der Gewerkschaft ausging ...

DUBICKI: Die Sache mit der »Solidarität« ist ein drittrangiges Problem. Denn zur Liquidierung der »Solidarität« ist die ganze Militarisierung der Wirtschaft überflüssig, wie etwa die Benennung von Kommissaren für Verwaltung und Großbetriebe.

SPIEGEL: Gibt es dafür Beweise?

DUBICKI: Bei den Manövern wurden der vorhandenen Garnison von drei sowjetischen Divisionen wenigstens acht Divisionen hinzugefügt, zuzüglich Versorgungseinheiten.

SPIEGEL: Stimmt es, daß im Laufe des Jahres eine große Menge polnischer Uniformen in die Sowjet-Union geschickt wurden?

DUBICKI: Ja. Ich habe selbst von Offizieren der Intendantur gehört, daß ein Teil der Uniformen, die in Fabriken in Poznan, in der Region Warschau und in Lodz hergestellt werden, in die Sowjet-Union geschickt wurden.

SPIEGEL: Und werden jetzt wirklich verkleidete Sowjet-Soldaten in Polen eingesetzt?

DUBICKI: Ja, zum Schutz bestimmter Einrichtungen auf polnischem Territorium, zum Beispiel Flughäfen, Waffenlager, sowjetische Kommunikationseinrichtungen. Jetzt werden sie höchstwahrscheinlich zu Aktionen eingesetzt. Und außerdem dienen sie als Schreckmittel gegenüber den rein polnischen Einheiten.

SPIEGEL: Wenn dann eine gewaltsame Zerschlagung der Gewerkschaft lange im voraus geplant war, wie hätten sich die Arbeiter wehren können?

DUBICKI: Durch einen Generalstreik im ganzen Land, und zwar vor dem Ausrücken der Truppen. Wenn alle Betriebe von Streikenden besetzt sind und die gesamte Wirtschaft lahmgelegt ist, helfen keine Panzer.

Streiks können nur gebrochen werden, wenn sie isoliert in einzelnen Betrieben und Regionen stattfinden. Immerhin war die Gewerkschaft informiert und gewarnt, daß der Ausnahmezustand vorbereitet war.

SPIEGEL: Heißt das, die Gewerkschafter haben es gewußt und nicht daran geglaubt?

DUBICKI: Sie haben das ganze Problem bagatellisiert. Sie haben es gewußt und nicht gehandelt.

S.67Mit Jaruzelski (2. v. l.) und Kameraden bei Feldübungen in Polen1958.*S.68Zu Dubickis 65. Geburtstag: »... In den Reihen der Sowjetarmee unddann der polnischen Volksarmee, auf dem Schlachtfeld und in denfriedlichen Jahren Ihrer soldatischen Pflichtausübung, in vielenverantwortlichen Befehlshaber- und Stabsfunktionen haben Sie zu denallgemeinen Errungenschaften der Artillerie und der gesamtenStreitkräfte Ihren eigenen wertvollen Beitrag geleistet. An dieseLeistung denkend, wünsche ich Dir, Leon, weiterhin aktivegesellschaftliche Tätigkeit, gute Gesundheit und jeglichenpersönlichen Erfolg."*

Zur Ausgabe
Artikel 39 / 65

Mehr lesen über