»Die Uno hat kläglich versagt«
Der gebürtige Brite Ferguson, 40, lehrt an der New York University und in Oxford. Sein Buch »Empire« über die britische Weltherrschaft im 19. Jahrhundert löste vergangenes Jahr eine große Debatte aus. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Mr. Ferguson, in Ihrem neuen Buch »Das verleugnete Imperium« plädieren Sie für einen aufgeklärten amerikanischen Imperialismus, der die Welt ordnen solle*. Nun hat genau der im Irak einen Schlamassel angerichtet.
Ferguson: Die USA haben sich bei der Invasion wie ein Empire verhalten, ohne zu erkennen, dass auch ein Empire Freunde braucht. Das britische Weltreich hat in seinen Bündnissen immer versucht, solche Isolierungen zu vermeiden.
SPIEGEL: Sie selbst waren aber immer für den Irak-Krieg?
Ferguson: Ich war sogar dafür, viel früher loszuschlagen, da keiner sicher sein konnte, dass Saddam Hussein nicht doch über Massenvernichtungswaffen verfügte.
SPIEGEL: Sie behaupten, ein Weltreich müsse seine eigenen Regeln setzen und dürfe sich nicht von internationalen Körperschaften daran hindern lassen.
Ferguson: Die Uno braucht die USA mehr als die USA die Uno. Wer hat den Völkermord an den Bosniern und den Kosovo-Albanern letztlich gestoppt? Das waren die USA und die Nato. Die Uno hat in beiden Fällen kläglich versagt.
SPIEGEL: Dennoch, der amerikanische Imperialismus hat eine Menge missglückter Abenteuer hinter sich, in Chile, in Guatemala, in El Salvador. Dort war er sicher kein Anwalt für die Menschenrechte.
Ferguson: Das ist genau die Frage: Warum kann eine derart starke Supermacht nur eine so durchwachsene außenpolitische Bilanz vorweisen?
SPIEGEL: Und?
Ferguson: Die USA waren immer nur dann erfolgreich, wenn sie sich langfristig in einem Land engagierten. Das war in Japan, Deutschland und Südkorea so. Es geht schief, wenn die Supermacht nur kurzfristig oder indirekt, über lokale Marionetten, eingreift.
SPIEGEL: Gerade haben die Amerikaner verkündet, dass sie sich Ende 2005 möglicherweise ganz aus dem Irak zurückziehen werden.
Ferguson: Damit hinterlassen sie dort eine katastrophale Situation.
SPIEGEL: Die USA haben ein Empire, sind aber nicht bereit, danach zu handeln?
Ferguson: Sie könnten erfolgreicher sein. Auf dem Papier sind sie sowohl militärisch wie ökonomisch dreimal mächtiger als es das britische Empire je war. Und trotzdem diese Niederlagen, die berüchtigtste davon wohl die in Vietnam.
SPIEGEL: Was machen die USA falsch?
Ferguson: Sie planen zu kurzfristig. Kaum haben sie irgendwo interveniert, denken sie auch schon wieder ans Kofferpacken.
SPIEGEL: Die Iraker selbst machen jetzt Druck. Welche weiteren Fehler sehen Sie?
Ferguson: Zunächst das ökonomische Defizit. Die fundamentale Schwäche ist, dass das amerikanische Empire auf Schulden gegründet ist. Ohne die enormen japanischen und chinesischen Investitionen in US-Staatsanleihen würde die Wirtschaft dort nicht wachsen. Hinzu kommt noch das fiskalische Defizit.
SPIEGEL: Die USA sind also ökonomisch wesentlich schwächer als sie erscheinen.
Ferguson: Genau. Zweitens gibt es ein Besetzungs-Defizit. Man kann kein Empire führen, wenn die Menschen nicht in den Kolonien wohnen wollen, und es gibt nicht viele Amerikaner, die im Irak leben würden. Die wollen noch nicht mal für sechs Monate als Reservisten dorthin, und nur ungefähr 250 000 Soldaten stehen für Einsätze in Übersee zur Verfügung.
SPIEGEL: Unterschlägt Ihre Idee vom guten Empire nicht die blutige Kehrseite, auf die es meistens gegründet ist?
Ferguson: Ich spreche durchaus darüber. Aber im Gegensatz zur marxistischen Geschichtsinterpretation bin ich der Meinung, dass das Britische Empire von 1850 bis 1950 unter dem Strich eine gute Sache war, dass es den freien Handel befördert und internationale Stabilität ge- bracht hat.
SPIEGEL: Ist Großbritannien über den Verlust des Empire hinweggekommen?
Ferguson: Mittlerweile schon. Aber die imperialen Reflexe haben bis in die achtziger Jahre hinein eine Rolle gespielt. Keiner hat in Frage gestellt, ob es sinnvoll ist, die Marine über den Atlantik zu schicken und die Argentinier von den Falklandinseln zu vertreiben. So was würde man heute nicht mehr machen.
SPIEGEL: Tony Blair ist in seinen sieben Amtsjahren viermal in den Krieg gezogen. Was treibt ihn an?
Ferguson: Er hat diese merkwürdige Mischung aus Wilson''schem Idealismus und Realpolitik, eigentlich eine eher amerikanische Motivation als eine britische. Deshalb versteht er sich auch mit George W. Bush. Aber beide sollten sich ihrer imperialen Verantwortung stellen.
INTERVIEW: MATTHIAS MATUSSEK
* Niall Ferguson: »Das verleugnete Imperium. Defiziteamerikanischer Macht«. Propyläen Verlag, Berlin; 300 Seiten; 26Euro.