»Die USA sind provinziell« - DER SPIEGEL
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MEXIKO »Die USA sind provinziell«

Der Schriftsteller Carlos Fuentes über die bevorstehenden Wahlen in Mexiko, über Revolutionen, Diktaturen und die Gefahren für die Demokratie in Lateinamerika
• aus DER SPIEGEL 20/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fuentes, 71, mexikanischer Essayist, Diplomat und Romancier, zählt zu den großen Autoren Lateinamerikas. Jetzt erscheint auf Deutsch der Roman »Die Jahre mit Laura Díaz«. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Fuentes, sind Romanschreiber heute die besseren Geschichtsschreiber?

Fuentes: Ein Historiker ist gehalten, logisch zu denken und nur Beweisbares niederzuschreiben. Das literarische Denken dagegen ist poetisch und lässt sich nicht beweisen. Die literarische Wahrheit ergänzt die historische und umgekehrt. Doch manchmal überdauert die Weltsicht der großen Schriftsteller die der Geschichtsschreiber.

SPIEGEL: In Ihrem Roman »Die Jahre mit Laura Díaz« beschreiben Sie den Kampf der Mexikaner um einen besseren Staat seit der Revolution 1910. Was ist von den Träumen der Revolutionäre geblieben?

Fuentes: Die Revolution brachte uns die nationale Identität, denn sie zeigte das Land, wie es war. Vorher wussten wir Mexikaner genauso wenig wie andere Lateinamerikaner, ob wir uns als Spanier, Indios, Afrikaner, Franzosen oder Engländer fühlen sollten.

Dieser Prozess der bewussten Entdeckung der eigenen mexikanischen Vergangenheit kam in sehr reichem Kulturschaffen zum Ausdruck. Denken Sie an Maler wie Diego Rivera, Frida Kahlo oder José Clemente Orozco, an Schriftsteller wie Octavio Paz und Juan Rulfo. Musiker, Architekten, Philosophen, sie alle wären ohne die Revolution nicht denkbar ...

SPIEGEL: ... die auch den Bürgern zu mehr Rechten verhalf.

Fuentes: Ja, das Recht auf Arbeit und das Recht auf Grund und Boden wurden konstitutionell fest verankert. Das ganze Land verwandelte sich durch diese Reformpläne.

SPIEGEL: Doch dann blieben die Reformen stecken. Es folgten sieben Jahrzehnte Herrschaft einer einzigen Partei, der PRI, der Partei der Institutionalisierten Revolution. Die verwandelte den Staat in eine Art Diktatur.

Fuentes: Man dachte, einigermaßen nachhaltige wirtschaftliche und soziale Fortschritte könnten genügen. Man vergaß, dass auch eine demokratische Entwicklung nötig war. So wurden die einstigen Revolutionäre politisch rückständig und selbstzufrieden, was zum Desaster von 1968 führte ...

SPIEGEL: ... als Präsident Gustavo Díaz Ordaz wenige Tage vor Beginn der Olympischen Spiele auf demonstrierende Studenten schießen ließ und hunderte junge Mexikaner starben. Hat sich das System seither gewandelt?

Fuentes: Natürlich. Heute regiert auf mehr als der Hälfte des Staatsgebiets die Opposition, die auch das Parlament dominiert und den Bürgermeister der Hauptstadt stellt. Aber der beste Beweis für Wandel ist die Aussicht, dass die Opposition am 2. Juli gewinnen kann.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass die Präsidentschaftswahlen diesmal sauber sein werden?

Fuentes: Ich war da ganz sicher, bis ich erfuhr, dass der PRI-Kandidat Francisco Labastida die schlimmsten Fossile aus der bösen Vergangenheit dieser Partei für seinen Wahlkampf zu Hilfe gerufen hat. Sie sollen gar noch aus Steinen Stimmen rausholen. Da macht Labastida einen schweren Fehler, denn er hätte auch ohne Manipulation gewinnen können, wenngleich vielleicht sehr knapp.

SPIEGEL: Muss denn die PRI tatsächlich fürchten, dass der konservative Oppositionskandidat Vicente Fox ohne den eingefahrenen Machtapparat Mexiko in den Griff bekommt?

Fuentes: Das ist jedenfalls seine Schwierigkeit. Die Intellektuellen und die städtische Mittelschicht könnten für die Opposition stimmen. Aber die PRI reicht in die entlegensten Winkel, in die Berge, in die Bauerndörfer. Für die Armen ist es die PRI, die ihnen Schulen, Elektrizität, Telefon, einfach alles schenkt. Greift Labastida jetzt auf die Dinosaurier zurück, die alten Spezialisten für Wahlbetrug, dann zeigt das, dass er Angst hat.

SPIEGEL: Welche Aussichten hat Demokratie überhaupt in einem Land, in dem immer noch Gewalt, Korruption und Armut unkontrolliert wuchern, um es mit den Worten eines der Protagonisten Ihres Romans zu sagen?

Fuentes: Das ist nicht schicksalhaft, das müssen wir ändern. Wir müssen die Kraft der Basisorganisationen in den Dörfern stärken, damit sie sich nicht den bestechlichen Bonzen unterwerfen.

SPIEGEL: Hat die zweite Revolution, die der Zapatisten unter Subcomandante Marcos in Chiapas, das Selbstbewusstsein der indianischen Landarbeiter tatsächlich gestärkt?

Fuentes: Der Aufstand in Chiapas zum Jahresanfang 1994, gerade als das Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten in Kraft trat, wirkte wie ein Weckruf auf Mexiko. Das Land wollte damals zeigen, dass es zur Ersten Welt gehört. Und die Mexikaner mussten sich bewusst werden, dass eben nicht alle Probleme gelöst sind, dass sie sich um die Welt tiefster Armut kümmern müssen.

SPIEGEL: Noch immer sind 40 Prozent der Mexikaner arm; in ganz Lateinamerika leben 183 Millionen Menschen, die zum Überleben täglich weniger als zwei Dollar haben. Verlieren diese Massen nicht das Vertrauen in die gewählten Regierungen, wenn die nicht ihr Elend mildern?

Fuentes: Wir ließen bestialische Diktaturen hinter uns, wie die von Augusto Pinochet in Chile oder die der Juntas in Argentinien und die der Militärs in Guatemala. Dann schufen wir formale Demokratien in ganz Lateinamerika.

Aber das genügt nicht, wenn Demokratie nicht die Lebensqualität hebt. Ohne bessere Schulen, Gesundheitsversorgung, Wohnungen und Arbeitsplätze kommt es zu schrecklichen Rückfällen. In Venezuela, in Ecuador, in Peru laufen die Menschen autoritären Populisten nach. In Bolivien kam der ehemalige Diktator Hugo Banzer durch die Urnen wieder an die Macht. Paraguay ist stark putschgefährdet. In Kolumbien haben Guerrilla und Drogenkartelle den Staat nahezu in die Knie gezwungen. Die Regression in den Autoritarismus liegt so nahe, denn die Alleinherrschaft eines starken Mannes hat in Lateinamerika eine viel stärkere Tradition als die Demokratie.

SPIEGEL: Bringt die Globalisierung der Wirtschaft Lateinamerika neue Chancen?

Fuentes: Vorteile sehe ich eher auf anderen Gebieten. Weil Information heute überall zugänglich ist, können autoritäre Regime ihre Verbrechen nicht mehr verbergen. Das hat zu einem großartigen Sieg der Menschenrechte geführt. Der Fall Pinochet zeigt, dass die politischen Gewalttäter nicht mehr straflos davonkommen.

Wirtschaftlich gesehen befürchte ich aber, dass darwinistische Kämpfe um den Zugang zu dieser Wunderwelt der Informations- und Investitionsströme stattfinden werden. Millionen Menschen bleiben für immer ausgeschlossen.

SPIEGEL: Die Hoffnungslosigkeit zu Hause zwang Millionen Latinos, sich in den prosperierenden Norden Amerikas aufzumachen. Dort ist die stille Reconquista in vollem Gang.

Fuentes: 30 Millionen Spanisch Sprechende leben schon in den USA. Die Immigranten kommen mittellos an, aber viele haben sehr schnell Erfolg. Die Latinos sind besonders in Kalifornien und Texas eine ernst zu nehmende Potenz. Die Vereinigten Staaten können gar nicht ohne die Einwanderer auskommen, der Dienstleistungssektor ist auf Zuwanderer angewiesen. Sogar die beiden Präsidentschaftskandidaten der USA müssen sich nun ein paar Sätze in Spanisch abringen.

SPIEGEL: Sie haben oft Lateinamerikas Bevormundung durch die USA kritisiert. Hat sich die Haltung Washingtons gegenüber den Nachbarn im Süden verändert?

Fuentes: Die Vereinigten Staaten sind zu einem sehr provinziellen Land geworden, sie nehmen kaum Informationen über die Welt um sie herum auf. Aber mit der Gewohnheit des Kalten Krieges, blutige Regime zu stützen, ist jetzt zum Glück Schluss.

SPIEGEL: Könnte nach den Präsidentschaftswahlen Bewegung in die festgefahrenen Beziehungen der USA zu Kuba kommen?

Fuentes: Bush wird auf keinen Fall nachgeben, und Gore ist ein Zauderer. Die Kubapolitik Washingtons ist von einer monumentalen Dummheit. Wenn Castro sich an der Macht halten konnte, dann dank des immer weiter verschärften Embargos. Die USA sind blind gegenüber der kubanischen Realität. Sie können sich nicht zu einem versöhnlichen Schritt entschließen, wie sie ihn sogar Vietnam gegenüber taten, wo sie 58 000 Tote zu beklagen hatten.

SPIEGEL: Die Revolutionen des vergangenen Jahrhunderts führten zu Diktaturen. Welche Mittel bleiben jungen Lateinamerikanern des neuen Jahrtausends, um die Zukunft ihrer Länder mitzugestalten?

Fuentes: Im Augenblick findet eine Entpolitisierung statt. Viele protestieren gegen die Globalisierung und die Weltbankrezepte, wie die Krawalle in Seattle, in Washington und am 1. Mai in London gezeigt haben. Die jungen Rebellen suchen nach Idealen und Leitbildern.

SPIEGEL: Die Linke hat ihre Anziehungskraft verloren. Wie könnte sie die abtrünnigen Söhne und Töchter zurückerobern?

Fuentes: Die Linken sind in einen akuten Schock verfallen. Doch ich vertraue darauf, dass sie sich zu modernisieren verstehen. Sie müssen wieder wagen, die Marktwirtschaft zu kontrollieren. Sie sollten, ihrer Tradition getreu, den Bedürftigsten einen politischen Raum schaffen. Denn diese Millionen Menschen, die unsere Glitzerwelt der neuen Technologien ausgrenzt, werden nicht einfach klaglos sterben. Sie werden sich in irgendeiner Weise bemerkbar machen, und das gibt Chaos. INTERVIEW: HELENE ZUBER

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