Die Versöhnung von Bitburg in Frankfurt - DER SPIEGEL
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SPIEGEL Essay Die Versöhnung von Bitburg in Frankfurt

Steiman, 30, in New York geboren und in Frankfurt aufgewachsen, ist Mitglied der Frankfurter Jüdischen Gemeinde und der oppositionellen »Frankfurter Jüdischen Gruppe«. Darin haben sich überwiegend linke Intellektuelle zusammengeschlossen, die sich kritisch mit der offiziellen Politik der Gemeinde und des Zentralrats auseinandersetzen. *
• aus DER SPIEGEL 44/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was vor drei Jahren in Bitburg zum vierzigsten Jahrestag der Kapitulation vor dem inzwischen zum Freund gewordenen Feind kläglich scheiterte und nicht trotz, sondern gerade wegen dessen Machtfülle auch scheitern mußte, soll nun in Frankfurt an einem anderen »runden« Jahrestag in verbesserter Besetzung neu aufgelegt werden. Die Spätgeborenen schaffen sich ihre eigenen Opfer - um sie zu umarmen.

40 Jahre lang trauerte die jüdische Nachkriegsgemeinde mit Gedenkansprachen und Trauergebeten. Die eingeladenen Lokalvertreter schlossen sich dem an und hörten auch andächtig zu. In den vergangenen Jahren, vor allem seit der Inszenierung von Bitburg, wandelte sich dieses Bild allmählich: Zu den Lokalvertretern gesellte sich die regionale Politprominenz, die auch ausgiebig Rederecht verlangte. Als nächstes drängten sich Spitzenpolitiker auf, und eigens für sie geschaffene »zentrale Gedenkfeiern« standen plötzlich im Mittelpunkt. Mit ihrem Anhang samt Leibwächtern füllten diese Politiker die Synagogen mit den sie stets begleitenden Medien und machten selbst dort die Juden zu einer Minderheit.

Wie kommt es nun, daß deutsche Politiker auf Kosten von Millionen Opfern ihrer Amtsvorgänger sich in Synagogen stellen, um sich dort von eben jenen Amtsvorgängern zu distanzieren? Woher dieses Phänomen, aller Welt zeigen zu müssen, daß der Antisemitismus hierzulande keine Staatsideologie mehr ist? Warum muß die Staatsräson einen real existierenden virulenten Antisemitismus erst verleugnen, um ihn zugleich mit Empörung zu verurteilen?

Eine Panne der Wirklichkeit, die politisch vertuscht werden soll? Vielleicht. Schließlich ist der ganzen Welt ein enger Zusammenhang bewußt zwischen der neuesten deutschen und jüdischen Geschichte und ebenso die offensichtlich als wichtiger empfundene Tatsache, daß zwischen antidemokratischen und antisemitischen Tendenzen gerade hierzulande eine ganz besonders enge Beziehung besteht. Zum Ende gedacht: Hat die politische Führungsschicht gar Angst um ihr Renommee als verläßlicher Bündnispartner?

Ganz so weit läßt sie's nun nicht kommen, es reicht ihr schon der bloße Verdacht, um ganz im Sinne ihres verfassungsmäßigen Auftrages und gemäß ihres Treueeids auf den Plan zu treten mit dem Versuch, Schaden von der Republik abzuwenden. Die Synagogen und der Jahrestag ihrer Schändungen scheinen sich bestens für diesen Auftritt zu eignen.

Das ganze Prozedere ist schließlich auch konsensfähig: Niemand im Lande, auch der kühnste Rechtsaußen nicht, leugnet das Geschehen des 9. November 1938 - wie denn auch, die Synagogen haben ja um die Ecke gebrannt, vor aller Welt Augen. Auschwitz dagegen war weit weg und bleibt es für diese Gesellschaft bequemerweise auch.

Der Konsens muß also her. Das Schauspiel findet mit dem Kanzler in der Hauptrolle statt, die Synagoge wird zur Kulisse. Aber das Schauspiel ist trotz (oder gerade wegen) seiner ihm eigenen Konsensfähigkeit noch verlogener als seine Vorgänger: Es ist der vorläufige Gipfel einer Politik, die unter dem merkwürdigen Titel »Versöhnung« firmiert - als ob sich hier zwei feindliche Kontrahenten gegenüberstünden. Das Feindbild von ehedem wird somit nicht abgebaut, sondern verlagert: Nachträglich erfahren die Opfer eine makabre Anerkennung als gleichgesetzte Kriegsgegner, mit denen man sich dann auch hinterher versöhnen kann. Wie in Verdun oder in Bitburg. Nur: Das Schlachtfeld von Auschwitz ist keins, weil dort Menschen nicht einmal wie Menschen im Krieg behandelt, sondern wie Ungeziefer vernichtet wurden. Und: Nicht einmal Gräber gibt es, über die hinweg »versöhnt« werden könnte.

Auch von den Nachkommen der Opfer wird »Versöhnung« eingeklagt, ihnen wird nicht eine »Gnade der späten Geburt« oder eine sonstige Ausrede bei der Ausübung dieser ihrer zur nationalen Pflicht erhobenen Duldung eingeräumt. Sie haben sich gefälligst der Tradition ihrer Opfer anzupassen - wer sollte denn sonst für Versöhnung in Frage kommen? Schließlich wird ihnen nach dieser merkwürdigen Logik die Macht, den Tätern zu verzeihen, zugeschrieben.

Dieses makabre Machtmonopol indes ist ein sicheres Zeichen einer wie auch immer gearteten Judenfeindlichkeit, welche traditionell den Juden ähnlich fiktive Formen von Macht zuschrieb: die Macht, Gott zu töten, die Beulenpest loszuschlagen, die Brunnen zu vergiften, einen Krieg zu steuern oder sich ganz und gar gegen die übrige Welt zu verschwören. Unterscheidungsmerkmal zwischen Juden und Nichtjuden ist bei den neueren Varianten dieser abenteuerlichen Hirngespinste das Völkische.

Wieder wird jeder Jude demnach als Repräsentant eines Kollektivs, nicht als Individuum gesehen, um in die Versöhnungs-Pflicht genommen zu werden. Scheitern muß diese Politik deshalb, weil die Juden eine Scheineinheit sind: Die Juden gibt es nicht. Das scheint das Fatalste dieser Politik zu sein: Sie steht in der jahrhundertealten Tradition, den Juden die Individualität als Menschen zu nehmen und sie nur noch als Kollektiv zu sehen, womöglich noch mit einer bestimmten Aufgabe oder Macht oder beidem versehen. Wie auch immer, ein falsches Kollektiv. Und unwürdig dazu, vor allem, weil es dem Menschen, weil er Jude ist, seine Würde als Individuum raubt.

Unter solchen Voraussetzungen kann es hierzulande sehr einsam werden für Juden, vor allem, wenn sie in Ruhe trauern möchten, also ohne den Druck, zugleich auch einen Persilschein ausstellen zu müssen aufgrund ihrer imaginären Macht. Das Aufsuchen einer Synagoge an einem Trauertag ist also naheliegend, um nicht wie sonst in der Trauer einsam sein zu müssen. Vielleicht auch um tatsächlich den gestanzten Reden der Politiker zuzuhören: um durch deren Lippenbekenntnisse, die nur billige Fassaden bleiben, den antisemitischen Alltag und die nicht-öffentliche Meinung, die nicht weniger feindlich ist, verdrängen zu können oder sich dadurch sicherer zu fühlen, was ihnen nachzuempfinden ist.

Unter der Überschrift »Hinter der Fassade« schrieb Max Horkheimer 1959 in seinen Notizen unter anderem: »Die Kotaus vor den Widerstandskämpfern, die offiziellen Absagen an den Antisemitismus, von den Synagogenbesuchen der Bürgermeister bis zum Schweigen bei Anne Frank, all dieses bereits kleinlaut und formell gewordene Schuldgetue hat bloß die Funktion, sich zum rechten Patriotismus wieder das gute Gewissen zu machen.« Was Horkheimer nicht ahnen konnte: Das Schuldgetue hat sich gewandelt; die Bürgermeister sind auch nicht mehr, was sie waren - einer will (wenn auch kleinlaut) wieder Juden totschlagen, sicherlich (formell) eine Ausnahme, trotz der Welle von Sympathiekundgebungen, die ihm anläßlich seines Rücktritts entgegenkamen.

Die meisten seiner Kollegen gehen natürlich nicht ganz so weit; sie finden entweder, daß die bereits totgeschlagenen Juden kein Anlaß zur Scham sind oder daß man sich derer nun genug geschämt habe. Wie auch immer: Die toten Juden sind ihnen ein Störfaktor. Immer lauter wird deswegen bei kleinkarierten Kommunalpolitikern der anfangs eher verschämte Ruf nach einem Schlußstrich. Ehe die Provinzpolitiker den Ruf der Nation leichtfertig aus dem patriotischen Bauch heraus verspielen, springen höhere und höchste Staatsvertreter für sie in den Synagogen ein - und ziehen

dort an eben jenem Schlußstrich. Sie schlagen also nicht nur »zwei auf einen Streich«, sie tun's auch noch so geschickt, daß ihnen fast unterstellt werden muß, es selbst kaum zu bemerken: Wenn das von Horkheimer so treffend beschriebene Schuldgetue erst von den höchsten Repräsentanten des Staates abgeleiert wird, brauchen die unteren Chargen bloß noch nachzuleiern - und es wird halt so lange geleiert, wie's das nationale Interesse erfordert -, das ist der Schlußstrich. Er wird nicht im Stechschritt gezogen, sondern in Leisetretern.

Namen sind schließlich auch Fassade, und so wird seit neuestem auch an Namen herumgeklopft: Alle sind sich einig, daß der Terminus »Reichskristallnacht« der NS-Sprachregelung entstammt. Und plötzlich - spätestens seit Bitburg - verbreitet sich, fast wie ein Gerücht, ein neuer Begriff: »Reichspogromnacht«. Doch damit wird das historische Geschehen nur wieder neu verniedlicht. Ein ganz normales Pogrom? Aber nicht doch, eine Konzession an die Einmaligkeit wird großzügig eingeräumt: Die Silbe »Reichs-» bleibt erhalten, die Ereignisse als Pogrom werden also für das deutsche Reich als durchaus einmalig festgehalten. Nolte läßt grüßen: Ein Pogrom - wie bis dahin sonst nur im Osten üblich, findet in Deutschland zwar statt, aber nach einem Vorbild, das den Deutschen von Russen, Polen, Ukrainern geliefert werde. Eine asiatische Tat gewissermaßen, ein Verbrechen, dessen geistige Urheberschaft im Osten liege, wie andere Verbrechen auch.

Das Restrisiko »Geschichte« muß entsorgt werden und wird entsprechend wie Müll behandelt. Der beim Entsorgen freiwerdende penetrante Geruch bleibt haften: beim falschen Kollektiv der Juden. In antisemitischen Kreisen ist den Juden schon immer ein Geruch nachgesagt worden.

Angemessenere Abladeplätze als Synagogen wären nach dem Verursacherprinzip zu finden. Auf Frankfurt, den Ort der diesjährigen zentralen Gedenkfeier, bezogen, hieße das etwa: Festsaal der Deutschen Bank (oder einer anderen Großbank, die dank »Arisierungen« zu dem wurde, was sie ist), Bundesbahndirektion (deren Struktur fast nahtlos von der Reichsbahn, die den Transport nach Auschwitz bediente, übernommen wurde), das Betriebsgelände der Degesch ("Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung«, produziert bis heute »Zyklon B") oder der Degussa ("Deutsche Gold- und Silber-Scheide-Anstalt«, deren goldene Gegenwart schwer von ihrer braunen Vergangenheit und den Goldzähnen der Toten zu scheiden ist) ...

Doch dies sind Orte, die für ein positives Deutschlandbild gebraucht werden und deswegen nicht in Verlegenheit gebracht werden sollen, von öffentlichen Plätzen, schmucken Fußgängerzonen vor Kaufhäusern zum Beispiel, die Juden geraubt wurden, ganz zu schweigen. Business as usual. Wie ließe es sich denn überhaupt leben, kann hier zu Recht gefragt werden, wenn an solchen Plätzen erkannt würde, daß ein nicht zu verachtender Teil unseres Wohlstandslebens auf Momenten der Kontinuität beruht? Diese Frage mündet fast immer in Verdrängung, nicht selten gar in Verleugnung, wobei die Grenze dazwischen stets fließender wird.

Die zentralen Feierlichkeiten zum fünfzigsten Jahrestag der Synagogenbrände sollen also nun in Frankfurt stattfinden. Es mutet wie ein verzweifelter Versuch des jüdischen Zentralrats an, daß er sich für diese Stadt entschied, als ob er sich seiner Hilflosigkeit bewußt wäre, sich gerade dort dem nicht mehr aufzuhaltenden Trend entgegenzustellen, wo er sich am stärksten manifestiert. Gerade Frankfurt ist zum Kristallisationspunkt des Historiker-Streits geworden. Was in Bitburg begann, wurde und wird weiter in aller Heftigkeit in Frankfurt fortgeführt: der Zwang zur Normalisierung.

Bei der neuesten Variante dieser Zwangsvorstellung, nämlich der Umarmung der Opfer, werden alle in der BRD lebenden Juden in eine Rolle gedrückt, die unmöglich, anmaßend und überfordernd zugleich ist: die Lastenträger der Erinnerung. Überlebende Juden und deren Nachkommen werden als Juden auf die Funktion reduziert, der restlichen Gesellschaft den erwünschten Über-Persilschein auszustellen; sie werden dazu in großzügig anmutender Weise ermächtigt (was Repräsentanten wie Nachmann immer schmeichelte), als Gegenleistung wird von ihnen erwartet, daß sie davon im Sinne der Aussteller Gebrauch machen.

Ein billiges Geschäft, vor allem aber ein schmutziges. Fast ganz nebenbei wird hier das antisemitische Vorurteil über das Verhandlungsgeschick der Juden widerlegt; geschickt sind hier, wenn überhaupt, Nichtjuden: Sie lassen eine unbezahlte Forderung einfach vom Lieferanten bezahlen, ohne daß dieser es einmal merkt. Geschickt! Und selbst wenn er's merkt, freut er sich auch noch, einmal ernst genommen worden zu sein, denn man braucht ihn - im nationalen Interesse. Wieder einmal hat das nationale Interesse die Juden hervorgebracht, als falsches Kollektiv.

Die Rollen sind im nationalen Interesse verteilt, und auch die Orte. Was auf einem Schlachtfeld in Verdun fast albern anmutete und auf einem Soldatenfriedhof mit toten SS-Mördern in Bitburg vollends in die Hose ging, soll in einer Synagoge in Frankfurt nun endlich klappen: die totale Versöhnung. Der Bundeskanzler wird statt mit dem französischen oder dem amerikanischen Präsidenten mit dem Vorsitzenden des jüdischen Zentralrates, statt zum Unbekannten Soldaten oder zu wohlbekannten Ungeheuern zu einer Synagogenkanzel schreiten. Der in diesem Akt ebenfalls mitwirkende Bundespräsident findet sich dabei in seiner bewährten Rolle wieder. Wie 1985 auch wird er Selbstverständlichkeiten zu Maximen erheben und dafür breite Anerkennung ernten - was wieder nur allzu deutlich zeigt, wie weit diese Republik vom Anspruch, eine selbstverständliche demokratische Einrichtung geworden zu sein, entfernt ist.

Die totale Versöhnung als Rechtsnachfolger des totalen Kriegs. Eine Unmöglichkeit, denn die jüdischen Opfer, um die es geht, waren wie gesagt keine Kriegsteilnehmer. Nur die bundesrepublikanische Staatsräson erhebt sie nachträglich in diesen Status und erfreut sich dabei noch dieser makabren Großzügigkeit.

Mit Auschwitz wird Politik gemacht: Kulturpolitik. Der aufwendigste Kulturetat der Republik macht sich zugleich zum fragwürdigsten. Der Ernst der Erbschaft von Auschwitz soll mit Geld und Kultur abgegolten werden - ein obszöner Vorgang, der sogar Bitburg in den Schatten zu stellen vermag. Hier wird mehr als die ominöse »Versöhnung« eingeklagt. Hier will man für sein gutes Kulturgeld auch gefälligst eine Gegenleistung sehen. Dieser Vorgang ist mehr als kalte Politik mit Auschwitz - er ist quid pro qui mit Ermordeten. Ein Geschäft, also Business, aber mehr als usual. Mit kostenloser Dreingabe: Exkulpationskultur.

Das wohl herausragendste Beispiel dafür ist ein in seiner Art hierzulande einmaliges »Jüdisches Museum«. Eröffnung, durch den Bundespräsidenten höchstselbst: am 9. November.

Wie zur Bestätigung drängt sich beim Kotzen Adorno auf, dem alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, Müll war. Und dieser Müll kommt auch noch frei Haus, nicht frei Auschwitz - das bleibt weit weg. Für diesen Müll hat sich die Stadt Frankfurt gar einen patriotischen Service ausgedacht: Der Müll wird so serviert, wie er sich gerade noch guten Gewissens ertragen läßt, von einem Bediensteten der Stadt, dessen alleinige Aufgabe die Koordinierung der vielen (offiziellen) Ereignisse des 9. November 1988 ist. Nichts soll schiefgehen - im nationalen Interesse.

Andrew Steiman
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