* 5. Die Zukunft der Wirtschaft * 5.3. Die Welt im Sog der Globalisierung DIE VISION DES »DR. M.«
Auf dem Nummernschild der schwarzen Luxuslimousine prangt die Zahl 2020. Meist parkt das Gefährt der Marke »Proton« während des Freitagsgebets vor der rosa glitzernden Putra-Moschee, und die Gläubigen, die zum Gottesdienst strömen, blicken ehrfürchtig hinüber. Jeder hier weiß, wem der Wagen gehört: Mahathir Mohamad, dem Herrscher Malaysias.
Die »2020« ist eine symbolische Zahl für das asiatische Land. Denn bis zum Jahr 2020 - diese ehrgeizige Vision hat der Premier ausgegeben - soll Malaysia zur Industrienation aufsteigen. Und deshalb lässt der 74-jährige Autokrat eine der modernsten und prächtigsten Regierungsstädte der Welt aus dem Boden stampfen.
Die Retortenstadt Putrajaya liegt 25 Kilometer südlich der Hauptstadt Kuala Lumpur. Vor wenigen Jahren wuchsen hier nur Ölpalmen und Kautschukbäume. Bis 2005 will der Premier die meisten Ministerien hier ansiedeln; 330 000 Menschen sollen hier leben und arbeiten. Anders als Kuala Lumpur, dieses verstopfte und versmogte Dickicht aus modernen Wolkenkratzern und modrigen Kolonialbauten, soll Putrajaya der Nation wie auf dem Reißbrett einen geraden Weg in die Hightech-Zukunft weisen.
Die neue Stadt liegt im Zentrum von Malaysias »Multimedia Super Corridor« - einer 750 Quadratkilometer großen Industriezone, Lieblingsprojekt des Premiers Mahathir. In dem staatlich geplanten asiatischen Silicon Valley sollen sich später Hightech-Firmen aus aller Welt ansiedeln. Eine zweite Retortenstadt nahe Putrajaya mit dem futuristischen Namen »Cyberjaya« soll dann das geschäftliche Zentrum des Superkorridors bilden.
Noch ist die geplante Science-Fiction-Welt eine lärmende, staubige Großbaustelle. Tausende Arbeiter bauen in der schwülen Hitze Häuser und Autobahnen. Aber die zwei wichtigsten Gebäude von Putrajaya ragen schon fertig aus den Rohbauten heraus: Im vergangenen Jahr bezog Premier Mahathir seinen festungsartigen Amtssitz. Nebenan glänzt in der Sonne die rosa Moschee, die 15 000 Gläubige fasst.
Wie eine Disney-Kulisse spiegeln sich die Prachtbauten in einem großen, künstlich angelegten See. Die bizarre Mischung aus Stahlbeton und Tausendundeiner Nacht offenbart den seltsamen Widerspruch der malaysischen Cyber-Vision: Gleichsam absolutistisch, per Befehl von oben, will Mahathir sein Land ins Internet-Zeitalter lotsen. Aber um sein ehrgeiziges Ziel durchzusetzen, bleibt dem autoritären Bauherrn keine andere Wahl, als seine Verwaltungshauptstadt an den globalen Kommunikationsnetzen auszurichten.
Unter der tropischen Erde von Putrajaya verläuft eines der modernsten Glasfaserkabelnetze der Welt. Die Regierung will ausnahmslos jedes der geplanten 67 000 Häuser sowie Schulen, Hospitäler, Polizei und Feuerwehr miteinander vernetzen. Mit einer Geschwindigkeit von zunächst 2,5 und später einmal 10 Gigabit sollen riesige Datenmengen im Handumdrehen transportiert werden.
Mahathir will »elektronisch regieren«. Der Premier, der seine Landsleute, nun schon im 19. Regierungsjahr und nach einer schweren Bypass-Operation, unermüdlich zur industriellen Aufholjagd mit dem Westen antreibt, will Gesetze, Verordnungen, aber auch Geburts- oder Sterbeurkunden nicht mehr auf Papier, sondern per Computer verkünden und verwalten lassen.
Das Vorhaben der einstigen britischen Rohstoff-Kolonie, die Regierung mitten in einer Hightech-Region anzusiedeln, hat Symbolwert: Mit Putrajaya macht Mahathir das Internet zur Chefsache.
Doch kann der Versuch gelingen, das scheinbar Unvereinbare - Macht und Multimedia, Kontrolle und Kreativität - zu verketten? Der Superkorridor sei ein »Hightech-Unsinn« schmähte das US-Magazin »Business Week«. Aber Globalisierungsfan Mahathir lässt wie besessen bauen. Es ist nicht das erste Mal, dass er Kritiker im Westen mit seiner Variante des autoritären asiatischen Entwicklungsmodells herausfordert.
Im Norden und Süden wird Malaysias Superkorridor von zwei Megabauten begrenzt: den Petronas Twin Towers - den höchsten Bürotürmen der Welt - und dem neuen Flughafen Kuala Lumpur, einem der größten Airports in Asien.
In der Asienkrise galten beide Bauten als abschreckende Wahrzeichen für die Vermessenheit der Tigerländer. Berauscht vom scheinbar grenzenlosen Wachstum hatten sie sich seit den Achtzigern zu immer verwegeneren Investitionen hinreißen lassen. Mit Hilfe ausländischer Kredite blühte in Asien eine Vetternwirtschaft von Politikern, Bürokraten und Bossen.
Doch dann kam es im Frühsommer 1997 zum Crash: Zuerst stürzte der Kurs des Baht in Thailand, dann steckte das Virus der Abwertung die Währungen Südkoreas, Malaysias und Indonesiens an. Einer nach dem anderen baten Asiens einst stolze Tiger den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Milliarden-Kredite.
Die IWF-Sanierer verordneten den Tigern eine radikale Liberalisierung der Märkte, um den Filz zwischen Regierungen und Firmen zu bekämpfen. Die Nebenwirkung dieser Rosskur: Banken und Firmen gingen reihenweise Bankrott, Millionen Menschen verloren Ersparnisse und Arbeit, Politiker wie Indonesiens Diktator Suharto stürzten.
Nur einer verteidigte erfolgreich seine Macht: Malaysias Mahathir. Er feuerte seinen populären Stellvertreter Anwar Ibrahim, der westliche Reformen nach IWF-Rezepten befürwortet hatte, und ließ ihn mit verschiedenen dubiosen Anklagen wegen »sexueller Verfehlungen« zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilen (siehe Seite 152). Das blaue Auge, das dem Politiker in der Untersuchungshaft geschlagen wurde, geriet weltweit zum Symbol von Mahathirs Willkür-Regime.
Ökonomisch schottete Mahathir Malaysia mit Kapitalverkehrskontrollen gegen Währungsspekulanten ab und zwang ausländische Investoren, ihr Geld für ein Jahr im Land zu lassen. Kränkelnde Banken und Firmen rettete er mit niedrigen Zinsen und staatlichen Mega-Projekten wie Putrajaya und dem Multimedia-Superkorridor.
So machte sich Mahathir erst einmal zum Buhmann der globalen Finanzmärkte. Doch seit dem Ende der Asienkrise lockerte er die Kontrollen wieder. Viele der internationalen Großanleger kamen zurück, und selbst Kritiker rühmen den Premier nun dafür, dass er die IWF-Rezepte nicht befolgte.
Transparenz? Shareholder-Value? Wie zum Triumph über die Lehre der freien Marktwirtschaft ragen die Petronas Twin Towers stolz in den malaysischen Himmel. Das gestärkte Selbstbewusstsein des »Dr. M.« - so nennt die regierungstreue Presse den Premier - gibt auch dem Multimedia-Superkorridor neuen Schwung.
Nach dem Sturz von Anwar zögerten ausländische Firmen zwar zunächst mit Investitionen. Doch immer mehr Investoren, angeführt vom japanischen Telekom-Riesen NTT, der unlängst in Cyberjaya ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für 16 Millionen Dollar eröffnete, verlieren ihre Hemmungen.
Bei der Betreiberfirma des Korridors in Cyberjaya zieht Manager Abu Talib bin Bachik stolz eine Liste von fast 400 Firmen aus dem Ordner. Hightech-Hersteller wie Siemens, SAP oder die US-Firmen Microsoft oder Sun Microsystems haben sich um den Status als »Korridor-Firmen« beworben. Die meisten Firmen residieren zwar noch in den Petronas Towers, so auch der deutsche Software-Hersteller Net-linx aus Dresden. Doch gleichzeitig baut Netlinx in Cyberjaya schon ein Labor sowie 106 Wohnungen für einen Teil seiner Software-Entwickler.
Aus ausländischer Sicht sei der Korridor der ideale Standort, begeistert sich Paul Donlan, Vizepräsident von Net-linx. Die Mieten seien so niedrig wie sonst nirgends in Asien; der Vielvölkerstaat Malaysia biete englischsprachigen Nachwuchs. Weitere Software-Entwickler holte Netlinx aus Vietnam, China oder Indien ins Land. Denn Mahathir hat Superkorridor-Firmen freien Zuzug von Personal versprochen.
So viel Freizügigkeit wäre in Deutschland, trotz »Green Card«, undenkbar. Aber Mahathirs Korridor muss auch mit Nachbarn wie Hongkong und Singapur konkurrieren, die eigene Silicon Valleys aufbauen. Wenn Investoren über bürokratische Hürden klagen, sorgt der allgegenwärtige »Dr. M.« daher oft selbst für Abhilfe. Natürlich sitzt er in den wichtigsten Gremien der Betreibergesellschaft des Korridors.
Eine Zusage dürfte Mahathir allerdings schwer gefallen sein: In einer Art Cyber-Grundgesetz schwört Malaysia jeglicher Zensur des Internet ab. Zwar besitzen erst schätzungsweise elf Prozent der Malaysier einen Computer, und davon ist gerade rund die Hälfte ans Internet angeschlossen. Doch entwickelt sich der Cyberspace immer mehr zum Instrument der Opposition. So agitiert die Webseite »Anwar Online« gegen Mahathir, und die islamische Opposition verbreitet übers Internet ein eigenes Fernsehprogramm.
Von seiner Cyber-Metropole Putrajaya aus will Mahathir die aufkeimende Internet-Gesellschaft aber zumindest lenken, wenn er sie schon nicht verhindern kann: In der Einöde der Retortenstadt Cyberjaya ließ er als erstes eine Multimedia-Universität bauen, in der 4000 Studenten lernen und wohnen. Mit seinen hohen Türmen ähnelt der Campus einem Gefangenenlager - aber die Studenten sind Mahathir dankbar.
Im Computerraum der Uni büffelt Hafizah Zahkaria, 21, an ihrer Diplomarbeit über dreidimensionale Computer-Animationen. Später will sie bei einer globalen Firma im Superkorridor arbeiten. Das Kopftuch weist die Muslimin als Angehörige der Bumiputra, der malaiischen Bevölkerungsmehrheit, aus.
Bei Anstellungen in Staat und Wirtschaft wird diese Bevölkerungsgruppe gegenüber den wohlhabenden chinesischen und indischen Minderheiten bevorteilt. Auf diese Weise hält Mahathir den Vielvölker-Staat zusammen. Die einst blutigen Rassenunruhen gehören der Vergangenheit an, doch unter der Oberfläche schwelen weiter Gegensätze.
Wie will Mahathir den Cyber-Nachwuchs langfristig im Zaume halten? Hafizahs Kommilitonen, die sich nach dem Seminar vom Lernen erholen, surfen durch Sportseiten des Internet - ebenso wie die Kids in den Cybercafés von Kuala Lumpur begeistert Star Wars spielen. Politisch bedrohlich wirkt das nicht, dennoch wollen Mahathirs Planer vorbauen.
Auch durch die neue Putra-Moschee in der Retorten-Hauptstadt, von der fünfmal am Tag der Muezzin zum Gebet ruft: Die Religion, glaubt Korridor-Manager Abu Talib, könne Asiens Jugend gegen die Schattenseiten des Internet immunisieren. »Wer religiös ist«, sagt der Manager, »sieht sich keine Pornografie im Internet an.«
WIELAND WAGNER
DAS ENDE EINER KARRIERE
Malaysia: Vizepremier wegen angeblich homosexuellen Geschlechtsverkehr zu Haftstrafe verurteilt
Ich bin das Ziel einer widerwärtigen politischen Intrige und das Opfer einer schmutzigen Justiz«, schrie Anwar Ibrahim, 53, vergangenen Dienstag in den Verhandlungsraum des »Hohen Gerichts« in Kuala Lumpur. »Sie sind ein kranker Mann«, kläffte der vorsitzende Richter Arifin Jaka zurück. »Das verlangt nach Strafe.«
Wegen angeblichen homosexuellen Geschlechtsverkehrs, der im überwiegend muslimischen Malaysia streng geahndet wird, schickte der Vorsitzende den ehemaligen Vizepremier für neun Jahre hinter Gitter.
Das Verdikt gegen Anwar kommt einem politischen Todesurteil gleich. Denn antreten kann der Verurteilte die Strafe erst nach dem Absitzen einer im letzten Jahr verhängten Haft von sechs Jahren wegen »Amtsmissbrauchs«.
Anwar begann seine nun wohl endgültig beendete politische Karriere in der von ihm gegründeten radikalislamischen Jugendorganisation Abim. Als deren Vorsitzender geißelte er in den siebziger Jahren noch die auf Ausgleich mit der chinesischen Minderheit gerichtete Politik von Premier Mahathir als »unislamisch«. Schockwellen unter den sunnitischen Malaien löste Anwar aus, als er Anfang der achtziger Jahre dem Regime des Ajatollah Chomeini seine Aufwartung machte.
Dennoch holte der säkular gesinnte Mahathir den muslimischen Eiferer 1982 zur Regierungspartei Umno. Schon elf Jahre später stand Anwar, zum liberalen Muslimführer gewandelt, an zweiter Stelle in Staat und Partei - von US-Präsident Bill Clinton ebenso als Gesprächspartner geschätzt wie von Helmut Kohl.
Doch dann blies der Nachwuchspolitiker wohl zu früh zur Entscheidungsschlacht. Als der Alte sich im Juni 1997 für zwei Monate aus der Tagespolitik zurückzog, nutzte der Ziehsohn die Gelegenheit, um die korrupten Machenschaften des »Dr. M.« und dessen raffgierigen Vasallen anzugreifen.
»Ich wollte mehr Demokratie wagen«, sagte der designierte Nachfolger später. Nach offensichtlich vorgetäuschten Unstimmigkeiten über die Bewältigung der Asienkrise, wurde Anwar im September 1998 aus allen Ämtern entfernt. Das anschließende Verfahren wegen »sexueller Verfehlungen« nahm über weite Strecken absurde Züge an.
Der Richter akzeptierte sogar Zeugen der Anklage, die zugaben, auch unter Eid für die Sache des Premiers zu lügen. Das Datum des fraglichen Nachmittags, an dem Anwar angeblich den Chauffeur der Familie missbraucht haben soll, wurde mehrmals mit Zutun des Gerichts geändert.
Die Wähler wussten schon früh, was sie von der »Rechtsbeugung auf Befehl Mahathirs« - so Anwars Anwälte - zu halten hatten. Bei den letzten Parlamentswahlen im vergangenen November machten sie die islamistische Pas erstmals seit Bestehen Malaysias zur zweiten Kraft im Lande.
Die von der Opposition ausgerufene Massendemonstration gegen das Urteil blieb nach dem politischen Urteil dennoch aus. »Nicht genehmigte Menschenansammlungen« von mehr als drei Personen gelten im Reich des »Dr. M.« als strafbar. JÜRGEN KREMB
IM NÄCHSTEN HEFT:* 5. Die Zukunft der Wirtschaft* 5.4. Die Arbeitswelt von morgenGesellschaft: Drei Jobs pro Haushalt - was wird aus derFamilie?Zeitarbeit: Manpower, der größte Arbeitgeber der USAPerspektiven: Walther Ch. Zimmerli über Arbeit in derNet-ÖkonomieSPIEGEL-Gespräch: Meinhard Miegel über die Zukunft derGewerkschaftenDIE KAPITEL IN DER ÜBERSICHT:1. Medizin von morgen 2. Bevölkerungswachstum und knappeRessourcen 3. Das Informationszeitalter 4. Planet Erde -gefährdeter Reichtum 5. Die Zukunft der Wirtschaft 6. Technik:Werkstätten der Zukunft 7. Globale Politik 8. Die Zukunft derKultur 9. Künftige Lebenswelten 10. Die Grenzen der Erkenntnis