»Die Welt ist im Fluß«
Schon lange bevor der Zweite Weltkrieg in Europa mit der Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschlands am 8. Mai 1945 zu Ende ging, verteilten die Alliierten das Fell des Bären, den sie gerade erlegten. Das größte Beutestück, so viel war schon Monate vor Kriegsende klar, sollten die östlichen Teile des Deutschen Reiches sein; unklar war nur, wie die Westgrenze Polens aussehen würde.
Bereits beim ersten Treffen der »Großen Drei« - Amerikas Präsident Franklin Roosevelt, Großbritanniens Premier Winston Churchill und UdSSR-Diktator Josef Stalin - vom 28. November bis 1. Dezember 1943 in Teheran machte der Mann aus Moskau einen Anlauf, seinen Grenz-Plan zu verwirklichen: Die UdSSR sollte ihr Gebiet weit nach Westen auf Kosten des polnischen Nachbarn erweitern, der dafür deutsches Gebiet in Westen erhalten würde.
Doch die westlichen Verbündeten waren noch nicht soweit. »Ich bin nicht vom Parlament ermächtigt«, wehrte Churchill den ungeduldigen Stalin in der iranischen Hauptstadt ab, »mich auf bestimmte Grenzlinien festzulegen, wahrscheinlich auch Präsident Roosevelt nicht.« Der britische Premier wich lieber ins Philosophische aus: »Nichts ist endgültig, die Welt ist im Fluß.«
Ganz leer ging Stalin dennoch nicht aus. Churchill nahm drei Streichhölzer (Deutschland, Polen und die Sowjetunion) und legte sie nebeneinander. Verrückte er das sowjetische nach Westen, schob er die anderen zwei davor her. »Das amüsierte Stalin«, erinnerte sich später der Premier, »und in dieser Stimmung gingen wir einstweilen auseinander.«
Das simple Spiel wurde in die Tat umgesetzt. Die Grenzziehung im polnischen Osten war unter den »Großen Drei« kaum umstritten, Schwierigkeiten gab es im Westen. Zwar hatte Churchill noch in Teheran erklärt, ihm werde wegen der Abtretung eines Teils von Deutschland an Polen das »Herz nicht brechen«. Doch Stalins Plan, Polen bis an die Oder und die Lausitzer Neiße zu verschieben, ging den westlichen Kriegspartnern zu weit.
Noch am 1. Februar 1945 verständigten sich die Außenminister Londons und Washington darauf, Stalins Forderung nicht nachzugeben. In einem Memorandum für die Konferenz von Jalta (4. bis 11. Februar 1945) empfahl die US-Delegation: »Wir sollten uns nachdrücklich den Bestrebungen widersetzen, die polnische Grenze bis an die Oder-Linie oder an die Oder-Neiße-Linie vorzuschieben.«
Doch als sich die »Großen Drei« wenig später in Jalta im Schloß Liwadija, der ehemaligen Sommerresidenz der Zaren auf der Krim, zusammensetzten, schwand der Widerstand gegen Stalin. Den Streit, ob Stalins Polen bis zur Oder und zur Glatzer Neiße (der östlichen) oder bis zur Lausitzer Neiße (der westlichen) und nach Stettin reichen sollte, beendete ein genervter Churchill: »Seien wir vernünftig. Unterlassen wir es, eine Westgrenze zu präzisieren.«
Die vage Formel, auf die man sich in Jalta schließlich einigte, lautete, »daß Polen bedeutenden Gebietszuwachs im Norden und Westen erhalten muß« und »daß die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens danach bis zur Friedenskonferenz zurückzustellen ist«.
Noch während die Mächtigen in Jalta redeten, handelte die provisorische polnische Regierung im Schutze der Roten Armee. Sie baute eine polnische Verwaltung in den Gebieten bis zur Oder-Neiße-Linie auf. Als sich die Sieger über Hitler-Deutschland vom 17. Juli bis 2. August 1945 in Potsdam zur ersten Nachkriegskonferenz trafen, meldeten Truman, Nachfolger des verstorbenen US-Präsidenten Roosevelt, und Churchill Protest an. Der US-Präsident: »Wollen wir Deutschland stückchenweise weggeben?«
Die Anglo-Amerikaner trieb dabei weniger Mitleid mit dem Besiegten um. Sie schreckte vielmehr die Zahl der zu Vertreibenden. Aus dem Gebiet zwischen den beiden Neißen und um Stettin kamen noch einmal drei Millionen zu den fünf Millionen Deutschen hinzu, welche die Ostgebiete des Reiches verlassen mußten. Churchill, der noch 1944 von dem britischen Unterhaus die Vertreibung als »das befriedigendste und dauerhafteste Mittel« gepriesen hatte, angesichts der Aussicht, daß Briten und Amerikaner als Besatzungsmächte in den Westzonen weitere hungrige Mäuler stopfen müßten: »Wir haben nicht den geringsten Wunsch, uns mit einem überbevölkerten Rumpfdeutschland belastet zu sehen.«
Doch Stalins Drängen nach der Oder-Neiße-Grenze hatten Truman wie Churchill nichts entgegenzusetzen. Der Abschnitt IX des Potsdamer Abkommens über Polen war denn auch ein fauler Kompromiß. Die »Häupter der drei Regierungen« stimmten darin überein, daß »bis zur endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens die früher deutschen Gebiete« östlich von Oder und Lausitzer Neiße mit dem Gebiet um Swinemünde an der Odermündung - ohne den an die Sowjetunion fallenden Teil Ostpreußens - »unter die Verwaltung des polnischen Staates kommen« sollten.
»In Potsdam«, rechtfertigte sich Truman später im aufkommenden Kalten Krieg, »wurden wir vor eine vollendete Tatsache gestellt . . . Es war ein willkürlicher Gewaltakt.«