»Diese Kunst wird sich behaupten« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 87 / 161

»Diese Kunst wird sich behaupten«

Der Galerist Gerd Harry Lybke über die Leipziger Maler-Stars und den Boom deutscher Kunst auf dem Kunstmarkt
• aus SPIEGEL Chronik 54/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Lybke, die sogenannte Neue Leipziger Malerei wird von Asien bis Amerika weltweit gefeiert und gekauft. Sie gelten als Initiator dieser ostdeutschen Erfolgsgeschichte. Sind Sie ein Marketing-Genie?

LYBKE: Eher ein Meister der Geduld. Ich hatte schon vor mehr als zehn Jahren das Gefühl, dass wir in dieser Galerie auch im internationalen Vergleich die beste, tollste und intensivste Kunst vertreten, die es überhaupt gibt. Nur stand ich mit dieser Meinung damals ziemlich allein da. Heute gibt es tatsächlich diesen Erfolg. Und ich verschweige auch nicht, dass ich mich darüber freue. Mit Vermarktung hat das wenig zu tun ­ sondern mit guter Kunst. Schlechte Kunst können Sie nicht schönreden.

SPIEGEL: Auf der New Yorker Kunstmesse »The Armory Show« ist immer von »Young German Art« die Rede. Aber eigentlich geht es doch nur um die tüchtigen »Leipzig Painters«.

LYBKE: Oft werden Leute mitgezählt, die eigentlich in Dresden oder Berlin leben und dort studiert haben. Trotzdem ist an dem Motto »Leipzig Painting« nicht so viel auszusetzen, denn der stärkste Impuls geht seit Jahren tatsächlich von Leipzig aus. Ich weiß, die Kunstszene hält solche Etikettierungen für banal und geradezu anstößig ­ für mich ist ein solcher, oft verwendeter Begriff auch ein Zeichen dafür, dass diese Kunst außerhalb der Branche zum Gesprächsthema geworden ist.

SPIEGEL: Kritiker lästern schon, es gebe in Leipzig einen »Gruppendruck zur guten Laune«, und dafür seien Sie mit verantwortlich.

LYBKE: Das klingt lustig, stimmt aber überhaupt nicht.

SPIEGEL: Sie haben Ihre Galerie zu DDR-Zeiten gegründet.

LYBKE: So komisch das heute klingt, das war die Zeit, als wir alle Wert darauf legten, möglichst unverkäufliche Kunst zu zeigen. Wir wollten nicht mit dem staatlichen Kunsthandel in Verbindung gebracht werden.

SPIEGEL: Nach der Wende haben Sie eine Filiale in Berlin eröffnet, weil Sie den Sammlern nicht zumuten wollten, ihre teuren Autos auf den löchrigen ostdeutschen Straßen zu ruinieren. Inzwischen reist Ihre Klientel ja schon im Privat-Jet nach Leipzig.

LYBKE: Mir ist es ganz gleich, wie die Sammler anreisen. Ich finde es toll, dass sie überhaupt so gern nach Leipzig kommen. Sie sind sehr neugierig auf die Stadt. Natürlich gibt es welche, die fliegen mit dem Jet oder dem Helikopter ein, aber das sind Leute, die bewegen sich eben nur auf diese Weise fort.

SPIEGEL: Was fasziniert das Ausland, vor allem die Amerikaner, so sehr an der Malerei aus dem deutschen Osten?

LYBKE: Es gibt weltweit ein ungeheures Sehnsuchtspotential nach Malerei, insbesondere nach einer Malerei, die es wieder wagt, die Welt abzubilden. Das Interesse und die Aufmerksamkeit sind auch in Deutschland riesig, viele renommierte Sammler und Museen besitzen Malerei aus Leipzig ­ aber gerade die Amerikaner trauen sich eben, ihre Begeisterung offen zu zeigen.

SPIEGEL: Greifen die Sammler so unbekümmert zu, weil ihnen die anschauliche Anmutung dieser Malerei so gefällt ­ oder weil sie nach den irrwitzigen Wertsteigerungen der vergangenen Jahre auf weiteren Wertzuwachs hoffen?

LYBKE: Das können Sie gar nicht voneinander trennen. Ich weiß, oft wird das Sammeln von Kunst mit der Spekulation an der Börse verglichen. Aber das ist falsch, das Geschäft mit Aktien ist doch ein Glücksspiel. In der Kunst hängen Qualität und Wert zusammen. Wenn es sich um gute Kunst handelt, um eine, die ihren Platz in der Kunstgeschichte finden und behaupten wird, dann darf man davon ausgehen, dass diese Werke ihren Wert auch langfristig behalten oder steigern. Ich würde übrigens nicht von übertriebenen Preissteigerungen sprechen, sondern eher davon, dass diese Künstler jahrelang spottbillig, geradezu unterbezahlt waren. Die haben sich nur einem angemessenen Preisniveau angenähert. Vor zehn Jahren haben die Gemälde eines Neo Rauch noch 14 000 Mark gekostet. Das war ein Witz.

SPIEGEL: Heute können Sie für seine Bilder über 200 000 Euro verlangen. Rauch ist Mitte 40 und der größte Star dieser Malergeneration ...

LYBKE: ... er ist jemand, der große Leinwände genial beherrscht. Rauch war es, der die Tür für diese Malerei wieder aufgestoßen hat.

SPIEGEL: Weil er nach der Wiedervereinigung als erster Maler aus Ostdeutschland zu Weltruhm gelangte?

LYBKE: Weil er etwas gewagt hat. Der Beginn seiner Laufbahn fiel in eine Zeit, als die Malerei, zumal die gegenständliche, gerade mal wieder als völlig unsexy galt, und er malte diese großformatigen Bilder, das war geradezu eine Revolution. Deutschland und die Malerei ­ das ist ja eigentlich ein altes Thema. Leute wie Georg Baselitz oder Anselm Kiefer sind seit den siebziger Jahren auch international anerkannt. Doch bei Malern wie Neo Rauch kommt noch etwas anderes hinzu.

SPIEGEL: Was denn?

LYBKE: Er ist der erste Maler, der uneingeschränkt als deutscher Künstler wahrgenommen wird.

SPIEGEL: Doch wohl eher als betont ostdeutscher Maler. Liegt nicht gerade darin der Reiz für Ihre Käufer aus New York oder London ­ dass in diesen Gemälden die früher so anrüchige Ästhetik einer Arbeiter-und-Bauern-Diktatur durchschimmert? Auf den Bildern von Rauch scheinen Menschen schon mal eine surreale Verbindung mit Fabrikgebäuden einzugehen.

LYBKE: Diese Malerei ist doch kein Ausdruck einer DDR-Nostalgie.

SPIEGEL: Zu DDR-Zeiten musste sich die Kunst dem Dogma des Sozialistischen Realismus unterordnen. Nun ist von einem »postsozialistischen Realismus« die Rede, der die heutige Malerei kennzeichne ­ man grenzt sich ein wenig von der Vergangenheit ab, zugleich bezieht man sich auf sie, erklärt sie zum Ausgangspunkt.

LYBKE: Alles Quatsch. Rauch spricht gern von den »Schleppnetzen seiner Erinnerung«, aber er bezieht sich damit auf seine private Geschichte, nicht auf die der DDR oder deren Kunst. Sonst könnten sich auch nicht so viele Menschen mit diesen Werken identifizieren.

SPIEGEL: Was ist denn so deutsch an dieser Malerei?

LYBKE: Rauch malt die Landschaften, in denen er aufgewachsen ist, die Erinnerungen an seine Kindheit, er gibt dem Ganzen eine spezielle Atmosphäre, und die wird als deutsch empfunden.

SPIEGEL: Und das macht ihn zu einem gefragten Maler?

LYBKE: Das auch. Er fiel auf, weil er eine ästhetische Ausnahmeerscheinung war. Jahrzehntelang gab es in der Gegenwartskunst so etwas wie eine globalisierte Ästhetik: Man konnte die Installation eines Amerikaners nicht von der eines Japaners unterscheiden. Heute will das Publikum wieder Unterschiede erkennen dürfen, auch herleiten können, woher ein Werk stammt. Nicht die ästhetischen Gemeinsamkeiten gelten als spannend, sondern die Unterschiede. Das sind die Scharniere, die diese Welt zusammenhalten.

SPIEGEL: Die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ist eine Starschmiede. Angehende Maler stehen Schlange, weil sie einen Platz an der Akademie ergattern wollen, an der auch ihr Idol Rauch ausgebildet wurde.

LYBKE: Die Leute werden schnell auf den Boden der Tatsachen geholt. In Leipzig lernt man tatsächlich: Kunst macht Arbeit. Man hat dort von Montag bis Freitag im Atelier zu stehen, man darf nicht sofort genialisch sein, sondern muss sich erst einmal das Handwerkliche hart erarbeiten.

SPIEGEL: Jetzt ist Neo Rauch zum Professor an dieser Hochschule berufen worden. Wird der Olymp jetzt endgültig von Galeristen gestürmt, die hier die Malergötter von morgen entdecken wollen?

LYBKE: Selbst wenn. Es wäre zu spät. Natürlich gibt es einige Studenten und auch Galeristen, die gern dem Trend hinterherrennen würden. Aber so etwas geht immer schief. Rauch ist ja nicht das einzige Vorbild der jungen Malergeneration. Solche Maler wie Tim Eitel, Matthias Weischer oder Katrin Heichel ...

SPIEGEL: ... alle in den Dreißigern und fast alle bei Ihnen unter Vertrag ...

LYBKE: ... haben es schon weit gebracht. Doch sie haben sich ebenfalls in einer Zeit für das Studium der Malerei entschieden, als die noch nicht in aller Munde war. Man sollte auch heute nicht nur deshalb zum Pinsel greifen, weil die Malerei gerade floriert ­ das sieht man der Kunst nämlich an. Viele junge Maler nehmen sich nicht mehr die Zeit, sich zu entwickeln. Das Geld interessiert dabei nicht einmal so sehr. Schneller Ruhm ist das wichtigste Statussymbol. Das halte ich für gefährlich.

SPIEGEL: Also ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Malerei wieder als überflüssig gilt?

LYBKE: Keineswegs. Mir ist es wichtig, dass ein Kunstwerk überzeugt, ganz gleich, in welcher Gattung. Doch die Malerei hat in den vergangenen Jahren wahnsinnig viel Aufmerksamkeit erfahren, und das Gute daran ist, dass sie in das Spektrum der zeitgenössischen Kunst zurückgeholt wurde, dass diese Gattung wieder als etwas Selbstverständliches gilt. Das ist großartig. Und wer von den Nachwuchsmalern wirklich gut ist, wird sich behaupten.

INTERVIEW: ULRIKE KNÖFEL

DEUTSCHE MALER

sind die gefragtesten Stars auf dem internationalen Kunstmarkt. Künstler wie Neo Rauch, Tim Eitel und Matthias Weischer erzielen Höchstpreise für ihre Malerei. Als »Young German Art« werden die Deutschen nun auf der New Yorker Kunstmesse »The Armory Show« gefeiert. Talentschmiede der neuen Kunst ist die Leipziger Kunsthochschule, als aktivster Promotor der »Leipzig Painters« gilt der Galerist Gerd Harry Lybke, 44, der den kreativen Nachwuchs schon zu DDR-Zeiten förderte und nach der Wende den Handel mit deutscher Kunst in Schwung brachte.

Zur Ausgabe
Artikel 87 / 161