BND Dieser Kram
In den Reihen des Bundesnachrichtendienstes zählte Günter vom Hagen, 61, von jeher zu den begnadeten Knallchargen. Fest verankert im Münchner CSU-Klüngel, machte er weniger mit subversiven Erfolgen von sich reden als mit bizarren Auftritten: »Herr Botschafter, Sie sind ein Arschloch«, schnauzte Hagen als BND-Resident in den siebziger Jahren in Teheran schon mal den Bonner Missionschef Hans-Georg Wieck an.
Pech für Hagen, daß der schwierige Diplomat Wieck 1985 an die Spitze des Auslandsgeheimdienstes trat. CSU-Protektion bewahrte den Derbschwätzer jedoch vor dem Fall. Hagen durfte schließlich die Unterabteilung 43 betreuen; die ist zuständig für so aufregende Dinge wie die Liegenschaften, Rechtsangelegenheiten und den Fuhrpark der gut 6000 Pullacher Schlapphüte.
Längst ist Wieck in Pension gegangen, und auch sein sozialdemokratischer Nachfolger Konrad Porzner, 61, gab gerade entnervt auf. Hagen aber blieb unverrückbar auf seiner Planstelle und macht sich nun gar Hoffnung, von der zuständigen politischen Seilschaft auf den Stuhl des Vizechefs gehoben zu werden. Das kann durchaus klappen, denn im Parteiengerangel um die Spitzenpositionen bei Deutschlands wichtigstem Nachrichtendienst scheint derzeit nichts unmöglich.
Als Favorit für die Nachfolge des durch die Plutonium-Affäre und ständige Reibereien mit Bonns Geheimdienstaufseher Bernd Schmidbauer zermürbten Präsidenten Porzner wurde von interessierter Seite bereits Gerhard Güllich, 58, präsentiert. Für den Konteradmiral, seit August 1994 kommissarisch amtierender Vize, spricht vieles: Güllich ist als Chef der Abteilung Technische Aufklärung ein Profi; er kennt den verkrusteten Apparat, er weiß, wo Reformen ansetzen müssen.
Außerdem besitzt Güllich als nominelles SPD-Mitglied das richtige Parteibuch. Denn Kanzler Helmut Kohl will nach Möglichkeit wieder einen Sozialdemokraten an die Spitze des BND berufen.
Mit Schmidbauer, der sich selbst für den allerbesten Agenten hält, versteht sich der rote Konteradmiral zudem prächtig. Andererseits ist Güllich fester Bestandteil des Dienstes, der spätestens seit der Plutonium-Affäre im Gerede ist und der von Existenzsorgen geplagt wird.
Mit dem Admiral an der Spitze, so meinte der Grünen-Abgeordnete Manfred Such, Mitglied der Parlamentarischen Kontrollkommission (PKK), marschiere der BND zurück »in dunkle Zeiten«. Auch der PKK-Vorsitzende Burkhard Hirsch (FDP) monierte, der Wechsel beim BND müsse zur Reform genutzt werden und bedürfe »eisenharter« Führung.
Den ersten Zuschlag muß der Kanzler erteilen. Wie es seine Art ist, läßt er sich nicht gern unter Zeitdruck setzen. Es gebe »keine Festlegung«, kündigte Kohl Ende März an und sagte eine »vernünftige Entscheidung in ein paar Wochen« zu. Dazu werde er ein Gespräch »mit den Kollegen der SPD« führen.
Deren Vorsitzender Oskar Lafontaine hat kein Interesse »an dem Kram«. Das Kungeln soll Fraktionschef Rudolf Scharping besorgen. Den lud der Kanzler noch vor seinem Abspeckurlaub zum Zwiegespräch, über das beide Stillschweigen vereinbarten.
Gleichwohl verlautete aus dem Kanzleramt, Scharping habe zu bedenken gegeben, ob es für die angestrebte Neuorganisation des BND sinnvoll sei, einen Insider zum Präsidenten zu ernennen. Von Kohl wird die Äußerung kolportiert, »auch ich bin nicht sicher, ob das richtig wäre«.
Das klingt nicht gut für Güllich, muß aber nicht das Aus für seine Chancen sein. Denn kompliziert wird der Personalpoker durch den Wunsch der SPD, die Position des Bonner Geheimdienstkoordinators abzuschaffen. Dann stünde Staatsminister Schmidbauer zur Disposition. Den aber will Kohl bislang nicht fallenlassen.
Den Sozialdemokraten fiele es schwer, eine geeignete Alternative zu Güllich vorzuweisen, etwa einen qualifizierten Außenseiter wie Willfried Penner, gelernter Jurist und seit langen Jahren Innenpolitiker seiner Partei. Denn der hat es sich mit dem Hofe Kohls nach einigen kritischen Interviews verdorben.
Unverblümt pflegt sich bisweilen auch Hamburgs Verfassungsschutzchef Ernst Uhrlau, 49, zu äußern: zur Kurdenpolitik, zur Organisierten Kriminalität, zum Rechtsextremismus. Nach 15 Jahren Verfassungsschutz, so glauben SPD-Parteifreunde, könnte der studierte Politikwissenschaftler durchaus Vergnügen daran empfinden, in den analytischen Auslandsdienst umzusteigen.
Einer, der vom Metier viel versteht, weil er selbst gut drei Jahre in Pullach amtierte, sucht derweil im Hintergrund die Fäden zu ziehen: Klaus Kinkel (FDP).
Er glaubt dem Kanzler einen Kandidaten andienen zu können, dem auch die SPD die Kür kaum verwehren könnte, da er auf ihrem Parteiticket im diplomatischen Dienst Karriere machte: Dieter Kastrup, 59, Osteuropa-Experte unter Willy Brandt wie Hans-Dietrich Genscher, Verhandlungsführer in den Zwei-plus-Vier-Runden und seit Ende 1994 Botschafter in Rom.
Der klammheimliche Favorit für den Job in Pullach ziert sich allerdings noch ein wenig. Y