Diffuse Ängste
(Nr. 15/1992, SPIEGEL-Titel: Ist Der Asylanten-Strom zu stoppen?)
Wir Deutschen sind so bescheuert mit unseren beknackten Paragraphen, daß uns recht geschieht, wenn unser Asylrecht ausgenutzt wird. *UNTERSCHRIFT: Hamburg F. H. JEPSEN
Ich war verärgert, als ich das Titelfoto sah. Es suggeriert einen Massenansturm von Flüchtlingen und schürt damit diffuse Ängste gegen Flüchtlinge. *UNTERSCHRIFT: Nürnberg MONIKA BUCHNER
Warum denn so bescheiden? Und warum so spät? Eine Woche früher, und Sie hätten mit diesem Titelbild den Rechtsradikalen zu noch ein paar Prozentpunkten mehr verholfen. *UNTERSCHRIFT: Bonn JÜRGEN KLEIN-SCHULZE-SELMIG
In Ihrem Artikel wird unterstellt, daß die meisten Asylbewerber aus wirtschaftlichen Gründen zu uns kommen. Nach wie vor sind jedoch politische Verfolgung, Gefahr für Leib und Leben sowie schwere Menschenrechtsverletzungen die Hauptfluchtursache. *UNTERSCHRIFT: Göttingen SABINE SEIFERT
Der SPIEGEL-Redaktion stünde es nicht schlecht an, sich und uns zu informieren, wie die Bedingungen der »Glückssuche« im deutschen Exil tatsächlich sind (man könnte dies auch im europäischen wie im historischen Vergleich tun), wie auch, welches Glück hier gesucht wird. Ich jedenfalls kann versichern, daß keiner meiner Mandanten, weder die Asylantragsteller noch die Asylberechtigten, bislang einen Mercedes-Benz erworben hat. Der Stern kann's also nicht gewesen sein, der sie hierher gezogen hat. *UNTERSCHRIFT: Berlin CHRISTINE RÖLKE-SOMMER
In einem der ärmsten Länder der Welt, im afrikanischen Malawi, sind von 8,8 Millionen Einwohnern eine Million Flüchtlinge. Das stellt wohl einen anderen Problemdruck dar als die aktuellen Zahlen von Asylsuchenden in unserem Land. *UNTERSCHRIFT: Hamburg KLAUS MILKE
Als alte Frau traue ich mich in Berlin und Frankfurt abends nicht mehr auf die Straße. Schämt man sich in Bonn und in den Magistraten nicht, unsere Landsleute einer täglich wachsenden Ausländerkriminalität auszusetzen? *UNTERSCHRIFT: Berlin EDITHA BECKER
Jeder zusätzliche Asylant erzeugt weitere Rechtswähler! *UNTERSCHRIFT: Vlotho (Nrdrh.-Westf.) SIEGFRIED KLÄTTE
Ich möchte Ihnen meine ausdrückliche Zustimmung mitteilen. Selbstverständlich darf das Grundgesetz unter gar keinen Umständen geändert werden. Sonst haben wir keinerlei Aussicht, Schönhuber & Co. mit zweistelligem Wahlergebnis im Bundestag sitzen zu sehen. *UNTERSCHRIFT: Burbach (Nrdrh.-Westf.) JAN H. SCHÄFER
Die eigentliche Lösung des Asylantenproblems ist nur dadurch zu erreichen, daß die Ungerechtigkeit und Unfreiheit in den Herkunftsländern der Asylanten durch die Uno bekämpft wird, so daß es für diese Menschen nicht mehr notwendig ist, ihre Heimat zu verlassen. Deutschland, als eines der am meisten von Asylanten betroffenen Länder, sollte dabei eine führende Rolle übernehmen. *UNTERSCHRIFT: Nicosia (Zypern) HARIS DEMETRIOU *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:
Kleinkarierte Denkblockade *EINLEITUNG: (Nr. 16/1992, SPIEGEL-Titel: Parteien in Panik - Münchens Oberbürgermeister Georg Kronawitter (SPD) über seine Partei, die Regierung und die Asylpolitik) *
Die flotte Anbiederung von Georg Kronawitter an den rechten Stammtischpopulismus, die er auch noch als bürgernahe Politik bezeichnet, kann nicht unwidersprochen bleiben: Wie kann sich Münchens Oberbürgermeister als Sprecher der kleinen Leute gegen den Mißbrauch des Asylrechts ausgeben, wenn er mit keinem Wort den Grund für flüchtende Opfer von Bürgerkriegen anspricht? Wie kann er so einfach von Wirtschaftsflüchtlingen reden, wenn jeder vierte Mensch auf der Erde mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen muß und damit am Rande oder unterhalb des Existenzminimums lebt? Weiß er nicht, daß in über 30 Ländern die Kindersterblichkeit bereits bei über 20 Prozent liegt?
Natürlich kann die Bundesrepublik nicht alle sozialen Probleme der Erde lösen, aber wenn ein Sozialdemokrat zu Recht von Solidarität spricht, dann muß er zumindest Verständnis für die Fluchtursachen zeigen. Kleinkarierter Provinzialismus ist auch eine Form von Denkblockade. Kronawitters These ist richtig, daß die SPD den Konflikt mit der Bundesregierung in sozialen Fragen verstärken muß, beim Mietrecht, in der Steuerpolitik, bei der sozialen Gerechtigkeit. Aber dann, bitte schön, auch auf diesen Feldern und nicht in einer großen Koalition zur Befriedigung der Stammtische.
Billige Vorurteile führen nicht zum rationalen Umgang mit unterschiedlichen Positionen. Was soll das dumme Gerede von den »flotten Enkeln« und der »Toskana-Fraktion«? Es ist nicht nur falsch, es verleitet auch zur Retourkutsche über die teuren Janker, die Kronawitter nun auch nicht bei Woolworth kauft. Wer auf dieser Ebene die Auseinandersetzung sucht, hat den Ernst der Situation wahrlich nicht begriffen. *UNTERSCHRIFT: Bonn MICHAEL MÜLLER, MdB/SPD *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:
Eine Milchmädchenrechnung *EINLEITUNG: (Nr. 15/1992, Bonn/Berlin: Umzug erst im Jahr 2000?) *
Zur Einlösung des Versprechens des Deutschen Bundestages: »Die Bonner bringen ihre Wohnungen nach Berlin mit« sind - wie Sie berichten - bis zu 10 000 Neubauwohnungen in Berlin erforderlich. Eine durchschnittliche Wohnung des Sozialen Wohnungsbaues kostet zur Zeit in Berlin 350 000 Mark; ein einfaches Reihenhaus etwa 600 000 Mark im Westteil der Stadt und etwa 450 000 Mark im Ostteil (jeweils einschließlich Grundstückskosten). Legt man diese Kosten zugrunde, ergeben sich beim Neubau von 5000 Sozialwohnungen Gesamtkosten von 1,75 Milliarden Mark und 5000 Eigenheimen von 2,5 Milliarden Mark. Bei den Kosten von 15 Milliarden Mark, die der SPIEGEL für die nur 5000 Wohnungen für Bundesbedienstete veranschlagt, kann es sich daher eigentlich nur um einen Druckfehler handeln. Bei der Kostenfrage ist weiter zu berücksichtigen, daß der Bund schon heute genügend eigene Grundstücke für den Wohnungsbau in Berlin besitzt, daß in Berlin 1995 über 6500 bundeseigene Wohnungen, die die Alliierten zur Zeit nutzen, frei werden und daß auch in Bonn die Eigenheime der Bundesbediensteten zum erheblichen Teil von den Beamten selbst finanziert worden sind. Zur Milchmädchenrechnung von Staatssekretär Eekhoff ist anzumerken, daß ein Wohnkostenzuschuß für Beamte zwangsläufig zu einer zusätzlichen Belastung auf dem angespannten Berliner Wohnungsmarkt führt. Deshalb sollte der Bund ein eigenes Förderprogramm für seinen Mietwohnungsbau auflegen. *UNTERSCHRIFT: Berlin WOLFGANG NAGEL Senator für Bau- und Wohnungswesen
Senator Nagel hat recht, bei den Gesamtkosten fehlte im SPIEGEL das Komma. -Red. *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:
Erheblich unwohl *EINLEITUNG: (Nr. 14/1992, SPIEGEL-Titel: Störfall von St. Petersburg) *
Es beschleicht mich ein erhebliches Unwohlsein bei der Lektüre der Michailowschen Äußerungen. Vielleicht sollte dieser nervenstarke, gefahrenverkennende Politiker lieber bei der von ihm zitierten Sektflasche bleiben; wenn der Korken davonfliegt, geht er nur bei ihm ins Auge. *UNTERSCHRIFT: Bremen ACHIM JANOWSKI
Am Tag des Störfalls befand ich mich in St. Petersburg. Unzählige Schulklassen von Kindern wurden durch die Paläste, Museen und Eremitage geführt. Lange Schlangen von Menschen standen von morgens bis abends vor den Geschäften. Die Theater waren überfüllt. Mein Eindruck: Die Bevölkerung von St. Petersburg wurde über den Störfall nicht unterrichtet. Das wurde mir von meinen russischen Gesprächspartnern bestätigt. Ich selbst hatte über die Deutsche Welle von dem Störfall erfahren. *UNTERSCHRIFT: Itzehoe (Schlesw.-Holst.) HANS HEBBELN
Müller *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:
Verschwiegene Wahrheit *EINLEITUNG: (Nr. 13 - 15/1992, SPIEGEL-Serie: Kampf um Berg-Karabach und der Völkermord an den Armeniern) *
Ich bin eine 17jährige Armenierin und besuche das Neue Gymnasium. Es erschüttert mich immer wieder, wenn ich mir die Hintergründe und Grausamkeiten des ersten Völkermords des 20. Jahrhunderts vor Augen führe. Hierbei stellt sich mir die Frage: Wie konnte ein Volk ein anderes auf solche bestialische Weise nahezu ausrotten, ohne dafür je zur Rechenschaft gezogen zu werden? *UNTERSCHRIFT: Oldenburg (Nieders.) ARU CHAUAN
Das eigentliche Ziel der Serie ist für mich klar: antitürkische Hetzkampagne! *UNTERSCHRIFT: Garland/Texas (USA) HULUSI EZGI
Ich bedanke mich im Namen meiner in der ganzen Diaspora verstreuten Landsleute für Ihre objektive Darstellung. *UNTERSCHRIFT: Oldenburg (Nieders.) AKOPIAN RAYA, Ärztin
Mit größter Genugtuung entdecke ich, daß der SPIEGEL detailliert eingeht auf den Völkermord an den Armeniern 1915/16 im türkisch-osmanischen Reich während des Ersten Weltkrieges. Als Autor der Fernsehdokumentation »Die armenische Frage existiert nicht mehr« (ein Zitat des damals hauptverantwortlichen Innenministers Talaat Bey) habe ich tiefen Einblick genommen in die Akte »Türkei 183«, Band 36 bis 46, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes zu Bonn: eine überwältigende Dokumentation des Massakers in Form Hunderter und aber Hunderter ausschließlich deutscher Zeugnisse, eine Chronik des Grauens. Meine Erfahrungen mit Türken bei der Arbeit an der Sendung waren niederschmetternd: totale Verdrängung und Verleugnung, ja Umkehr der Opfer-Täter-Situation, was eine einzige Anklage gegen die türkische Politikerklasse und die Intellektuellen seit 75 Jahren bedeutet.
Wer außer den Armeniern hatte in der Zwischenkriegsära 1918 bis 1939 davon gesprochen: die Stummheit der Welt - eine Ermutigung für die Errichtung von Auschwitz. Ich betrachte es deshalb als eine meiner Lebensaufgaben, dem Völkermord an den Armeniern postum jene Publizität zu verschaffen, die die Vernichtung der Juden im deutsch besetzten Europa nach dem Untergang des Dritten Reiches dann ganz selbstverständlich hatte. Apropos: Am Tage nach der Ausstrahlung meiner Fernsehdokumentation im Ersten Programm sagte mir ein Armenier: »Als ich heute morgen vor die Tür trat, hatte die Welt keine Ähnlichkeit mehr mit der von gestern.« Während meines ganzen Journalistenlebens habe ich nie ein schöneres Kompliment erhalten. *UNTERSCHRIFT: Köln RALPH GIORDANO
Ihre Darstellung von den »schlechten« aserbaidschanischen Türken erinnert doch sehr an die Darstellungen von Franz Schönhuber. *UNTERSCHRIFT: Aachen NAIM OKUR Vorsitzender Türkisches Zentrum Aachen
Die wenigen Armenier, die auch heute noch in der Türkei leben, werden weiterhin drangsaliert, unterdrückt, verfolgt. Wie die Kurden. Touristen droht eine Verhaftung, wenn sie öffentlich vom Völkermord sprechen. Die Türken machen alle Kritiker mundtot mit dem Hinweis auf eine besondere Rolle im Nato-Bündnis. Der Westen kuscht und erwartet die EG-Mitgliedschaft der Türken. *UNTERSCHRIFT: München HEINZ GÜRTLER
Wundern Sie sich eigentlich noch über das brutale Vorgehen der türkischen Streitkräfte im Südosten Anatoliens, wo Hunderte Kurden getötet wurden? Gerade Ihre Serie über den Völkermord an den Armeniern zeigt doch, daß diese Handlungsweise eine erschreckende Kontinuität in der türkischen Innen- sowie Außenpolitik aufweist. *UNTERSCHRIFT: Wesseling (Nrdrh.-Westf.) NIKO DROUGIAS
Sowohl im Artikel als auch bei der Auswahl der Archivfotos scheinen Sie einiges verwechselt zu haben. Sowohl der im Artikel verwendete Wortschatz (besser ausgedrückt: der NS-Jargon) als auch die Bilder erinnern mehr an einen schwarzen Fleck in der deutschen Geschichte. *UNTERSCHRIFT: Köln GÜVEN YALINIZ Kultur- und Bildungszentrum Köln e.V.
Nur Haß und Verachtung gegen die Türken kommt hier zum Ausdruck. *UNTERSCHRIFT: Stuttgart KENAN YESLINARK Arbeitsgemeinschaft der islamischen Vereine in Baden-Württemberg
Selten haben die deutschen Medien so ausführlich und genau über die armenische Geschichte berichtet. Das nennt man Menschenrechte. Weiter so! *UNTERSCHRIFT: Wien DIRAN BAGHDADIAN *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:
Vorgelebtes Spiegelbild *EINLEITUNG: (Nr. 14/1992, Kinder: Der kriminelle Nachwuchs) *
Erfolgreich verdrängt wird immer noch, daß das Verhalten von Kindern allein das Spiegelbild dessen ist, was Erwachsene ihnen vorleben. *UNTERSCHRIFT: Detmold NICOLE MEIER
Für jeden TV-Film mit Gewaltverherrlichung (sonst straffrei) müßten die Programmbosse zur Kasse gebeten und den Fernsehanstalten die Gebührenzuweisungen gekürzt werden. *UNTERSCHRIFT: Gießen KLAUS MÖRLER
Ist es nicht Ausdruck einer völlig kranken Gesellschaft, wenn Jugendliche erkennen müssen, daß Delinquenz dank garantierter Straflosigkeit der lukrativste Job ist? *UNTERSCHRIFT: Wangen-Brüttisellen (Schweiz) DR. DANIEL MÜHLEMANN
Ihr sehr spannender Artikel trifft den Nagel vieler Köpfe. Da heute »Elternteile« zu oft übertriebener beruflicher Vollzeitaufopferung tendieren (müssen?), verkommt Kindererziehung zur Katastrophe. Wer sich, besonders zeitlich, seine Kinder nicht leisten kann, sollte keine in diese Welt setzen. Sie stellen fest: Teures Spielzeug ist kein Ersatz für Liebe, Lob und Anerkennung. *UNTERSCHRIFT: Darmstadt ULRICH FAUDT Lehrer
Meine Meinung zur sogenannten humanen offenen Heimerziehung: Ehemalige NVA-Offiziere sollten dort anstelle von weltverbesserischen Alt68er-Ideologen eingesetzt werden. Den Kindern und Jugendlichen würde dann endlich wieder Zucht und Ordnung beigebracht werden, und die ausgesonderten Soldaten brächten ihre zweifellos vorhandene Qualifikation ein und würden dem deutschen Steuerzahler nicht unnötig auf der Tasche liegen. *UNTERSCHRIFT: Hamburg CARL G. HACKENBERGER
Die Erzieherinnen/Sozialarbeiterinnen, die Kinder und Jugendliche »allein lassen«, sind auch nur Menschen. Ständige Personal- und Geldeinsparungen in einem Bereich, der ohnehin unterversorgt ist, tragen nicht gerade dazu bei, die Situation zu verbessern. *UNTERSCHRIFT: Berlin PETRA GINDELEN Erzieherin
Eine Teilauflage dieser SPIEGEL-Ausgabe enthält eine Beilage des SPIEGEL-Verlages / Abo., Hamburg.
Armenisches Opfer (um 1916): Erschreckende Kontinuität
Autor Giordano Stummheit der Welt