Diffuses Bild
(Nr. 16/1974, SPIEGEL-Titel »Die Ängste der Deutschen«; SPIEGEL-Gespräch mit der Juso-Vorsitzenden Heidemarie Wieczorek-Zeul über das Dilemma der Sozialdemokraten)
Wer Angst unterstellt, erhält Angst als Antwort.
Hannover PETER KRÜGER
Jedenfalls ist das Strickmuster des Fragengewebes leicht zu durchschauen: auf Buhmann-Behauptungen ("Verstaatlichungen«, »Radikale«, »Gewalt« und »Terror") buht der Befragte zurück und deutet auf die da oben an der Regierung.
St. Augustin (Nrdrh.-Westf.)
MONIKA VON ALEMANN-SCHWARZ DR. ULRICH VON ALEMANN
Die Umfrage wurde doch bestimmt überwiegend in Niederbayern durchgeführt. Anders kann ich mir dieses Ergebnis nicht erklären.
Frankfurt UDO JUNG
Wenn die tumbe, teutsche Mehrheit mit Tetzlaff-Ideologie die Anstrengungen und Erfolge der sozialliberalen Koalition nicht begreift, wünsche ich der »dußlichen Kuh« einen Strauß (Struthio camelus) als Bundeskanzler.
Ellerbek (Schlesw.-Holst.) ULRICH GREEN
Ob Sie und Ihre Kassandra wohl Tomaten auf den Augen haben? Was sich da zeigt, ist doch vor allem die Unzufriedenheit unserer Bangebürger mit dem Zustand der Zufriedenheit.
Klausdorf (Schlesw.-Holst.) WERNER MENSKI
Seit Jahren bin ich ein SPD-Wähler, und muß auch gestehen, in den letzten Monaten enttäuscht zu sein. Ich sehe persönlich aber den Hauptgrund in den schlechten Ratgebern, sprich Ministern wie Lauritzen, Ehmke, Jahn und Eppler, die tagtäglich auf den Bundeskanzler einreden.
Baunatal (Hessen) WULF WAGNER
Die SPD ist heute mehr denn je eine linkslastige schiefe Ebene, auf der ein Teil ihrer Anhänger in den Sozialismus abrutscht ... Jedem gewissenhaften Deutschen muß Angst und bange sein, wenn Brandt einem Breschnew gegenübersteht.
Hürth-Hermülheim (Nrdrh.-Westf.)
DR. HERBERT KUTSCHERA
Obgleich die rapide Abnahme der Kaufkraft des Geldes eine Erscheinung der gesamten westlichen Welt darstellt, haben es die christlichen Leute verstanden, den deutschen Bundeskanzler zum Erfinder der Inflation zu küren. Und siehe da -- der ängstliche Deutsche der Inflation, Michel, glaubte auch dieses. Niemand soll sich daher wundern, wenn bei dieser Narkotika die Angsthasen zu springen beginnen.
Wolfsburg (Nieders.) LOUIS KUMMER
Sind die Jusos aufrichtig der Meinung, daß sie diese Interessen entschieden und wenn nötig radikal vertreten können, brauchen sie sich nicht aus der SPD »rausschmeißen« zu lassen (Vogel), sondern müssen sich an einer neuen sozialistischen Arbeiterpartei profilieren.
Marienheide (Nrdrh.-Westf.) JOSEF SVEHLA
Wer mit Kommunisten Solidarität üben will (zum Beispiel im Solidaritätskomitee für Chile oder bei der Initiative gegen die sogenannten Berufsverbote), kann nicht gleichzeitig Solidarität sozialdemokratischer Organisationen oder Mitglieder oder Vorstände erwarten.
Ansbach (Bayern) WOLFGANG LIST
Für die SPD gibt es nur die eine Alternative, nämlich die Ankündigung ihres Vorsitzenden, Maßnahmen gegen unbotmäßige Linke durchzuführen, wahr zu machen und nicht in einer Taktik der Verharmlosung zu verharren.
Schwaig (Bayern) OTTO ZAHNER
Als Jungsozialist der 20er Jahre sehe ich dem Kesseltreiben gegen die heutigen Jungsozialisten besorgt zu ... Es liegen sehr viele Mißverständnisse vor, die die heutige Situation der jungen Genossen erschweren. Dabei könnten sie als politischer Nachwuchs durchaus brauchbar sein im Sinne einer Wiederbelebung der sozialistischen Zielsetzung in einer ehemals reinen Arbeiterpartei. Allerdings heißt es dabei Arroganz abzulegen, die auf höheren Schulen und im Kleinbürgertum gezüchtet werden. Dann wird die breite Parteimitgliedschaft sie auch vor Übergriffen von Besserwissern schützen.
Düsseldorf HEINZ HORNUNG
Die Ängste der Deutschen waren uns Hausbesuche machenden Kandidaten schon vor dem Wahltag in Schleswig-Holstein bekannt: Angst vor Verlust der Arbeitsplätze, Angst vor weiteren Preissteigerungen und Ärger über die undifferenzierte Kreditpolitik, die unvermittelt Arbeitnehmer und kleine Selbständige am härtesten traf, sind die Hauptmotive für die Abwendung der Wähler von der SPD. Jedoch, hätte die SPD-Führung entschlossene Arbeitnehmerpolitik gemacht, wie sie es in ihren Sozialismus-Inseraten vor den Bundestagswahlen angekündigt hatte (Willy Brandt: »Und ich verspreche: Wir machen weiter!"), die Wähler hätten sie wieder gewählt. Das an die Adresse der pausenlos aus den Fenstern hängenden SPD-Besitzer, die aus höheren Etagen, ohne Bezug zur Basis, unter Mißachtung von Parteitagsbeschlüssen, ohne selbstkritisches Eingeständnis ihres Anteils an den Wahlniederlagen (Herr Vogel, wo sind die Reformen aus Ihrem Ministerium? Herr Schmidt, haben nicht gerade Sie durch Ihre eigenartigen Interviews Willy Brandts Bild in der Öffentlichkeit unterminiert? Ober die Herren Ahlers und Kühn schweige ich höflich) unter Beifall der CDU/CSU ein für den Wähler diffuses Bild von der SPD herbeigequatscht haben. Mit Linkenhatz und Drängelei um die »Mitte« ist kein Blumentopf zu gewinnen. Denn schließlich hat die SPD inklusive Jungsozialisten und anderen aktiven Linken mit Reformvorschlägen noch im November 1972 zum Wahlsieg mobilisieren können. Wer also hat die Wähler verschreckt? Wer hat der Partei geschadet? Die Antwort gibt Tucholsky. In den Schlußzeilen eines Gedichts heißt es: »... Du zuckst die Achseln beim Hennessy und vertrittst die deutsche Sozialdemokratie. Du hast mit der Welt deinen Frieden gemacht. Hörst du nicht manchmal in dunkler Nacht eine leise Stimme, die mahnend spricht: Genosse, schämst du dich nicht?« Henstedt-Ulzburg (Schlesw.-Holst.)
FERDINAND STORP