Hochschulen Diffuses Gefühl
Als Martje Schulz, 21, vor zwei Jahren aus Hamburg an die Humboldt-Uni in den Berliner Osten kam, war sie »erst einmal irritiert«. Sie war es von ihrer Schule nicht gewohnt, daß sich Seminarteilnehmer per Handschlag voneinander verabschieden.
Inzwischen empfindet Schulz soviel Verschwisterung unter Kommilitonen durchaus als angenehm. Die Hamburgerin gehört zu den 7350 Zugezogenen aus den alten Bundesländern, die an der Vorzeige-Uni der einstigen DDR studieren. Die Zahl der West-Berliner unter den insgesamt 30 130 Humboldt-Studenten ist unbekannt, da sie in der Hauptstadt-Statistik nicht mehr gesondert erfaßt werden.
An keiner anderen Bildungsanstalt der Republik sind Studenten- und Professorenschaft so deutsch-deutsch gemischt wie an der 1810 gegründeten Berliner Traditionshochschule. Den 165 Ost-Professoren, die zum Teil schon zu DDR-Zeiten tätig waren, stehen mittlerweile 248 West-Dozenten zur Seite.
Nur mit ihrer eigenen Vergangenheit tut sich die Universität, eine der wichtigsten Kaderschmieden der DDR, noch immer schwer. Keine Ausstellung oder Gedenktafel erinnert an die Studenten und Wissenschaftler, die aus politischen Gründen von der Hochschule vertrieben wurden. In keinem Seminar ist die Geschichte der Humboldt-Uni zu DDR-Zeiten ein Thema.
Um die Vergangenheit machen auch die meisten Humboldt-Studiosi einen weiten Bogen. Marxismus ist nicht mehr gefragt, die »Hochschulgruppe Demokratischer SozialistInnen«, mit Nähe zur PDS, umfaßt ganze zwölf Genossen.
Die Erben von Karl Marx versammeln sich jeden Mittwoch bei Dämmerlicht im »Wissenschaftsklub« in einer Seitenstraße am Prenzlauer Berg. Die Diskutanten, durchweg fortgeschrittene Semester, klagen vor allem über »Nachwuchsprobleme« oder die »Überalterung« ihrer Kader. Melancholisch räsonieren sie über die Frage, »ob sich die Marxisten noch auf einen gemeinsamen Marxismus verständigen können«.
Ihr Sprecher Michael Weber bekennt freimütig, »daß wir mit einem Bezug zur DDR bei den Studenten keinen Blumentopf mehr gewinnen können«.
Vor ein paar Jahren war das noch ganz anders: Da demonstrierten Studenten für ihren wegen seiner Stasi-Spitzelei vom Berliner Senat gefeuerten Rektor Heinrich Fink und feierten den Professor der Evangelischen Theologie mit Ovationen und Sprechchören: »Unsern Heiner nimmt uns keiner.«
Das trotzige Wir-Gefühl der Ostler ist längst jener Haltung gewichen, die im Westen seit den achtziger Jahren die Hochschulen beherrscht: Die große Mehrheit der Studenten ist unpolitisch, denkt vor allem an Examen und Karriere. _(* Eingangsportal Unter den Linden. )
Dem widerspricht auch nicht, daß bei der Berliner Wahl im Oktober nach Schätzungen von Wahlforschern rund die Hälfte der zur Urne gegangenen Humboldt-Studenten PDS wählten. Bei vielen ostdeutschen Studierenden gilt die SED-Nachfolgepartei als Protesttruppe gegen die Bonner Politik. Attraktiv für ostdeutsche Wähler ist auch der intellektuelle Anstrich der Gysi-Truppe.
Daß die Vergangenheit uninteressant ist, erfährt der Historiker Siegfried Prokop Tag für Tag. Der Professor gehörte zu den härtesten Verfechtern der SED-Geschichtspropaganda. In der Honecker-Ära rechtfertigte er den Mauerbau als »erforderliche militärische Schutzmaßnahme«, die es endlich ermögliche, »den Aggressoren Einhalt zu gebieten«.
Heute doziert der frühere SED-Prediger über die »stalinistischen Strukturen« im allgemeinen und das »stagnierende System des Realsozialismus« im besonderen. Doch gerade mal 20 Studenten hören ihm zu.
Die Uni-Leitung wollte Prokop wegen »persönlicher Nichteignung« entlassen, doch vor dem Arbeitsgericht erstritt der Altgenosse das Recht, bis Ende 1996 weiter lehren zu dürfen.
Deutlich mehr Zuspruch als der fossile Prokop findet der frühere DDR-Oppositionelle Rudolf Bahro. Der Dissident, der wegen seines Buches »Die Alternative« von 1977 bis 1979 in DDR-Haft saß, zog in seine Vorlesungen Hunderte Hörer aus Ost und West. Derzeit allerdings steht Bahro, der schwer an Krebs erkrankt ist, nicht auf dem Uni-Programm.
Soweit Politik und Ideologie eine Rolle spielen, verlaufen die Fronten nicht mehr zwischen Westlern und Ostlern, sondern eher zwischen den Ostlern.
Egal, ob es um den Abriß des Palastes der Repbulik geht oder um Militäreinsätze in Bosnien, ob Geheimdienste oder Ökosteuern zur Diskussion stehen - in Seminaren ist meist nicht erkennbar, wer aus welchem Teil Deutschlands stammt. Bei der Frage, wie mit Stasi-Mitarbeitern zu verfahren ist, gerät die Debatte schnell zu einer ostinternen Kontroverse.
Die deutsch-deutschen Gegensätze verschwinden so - dank günstiger Lage und Struktur - an der Humboldt-Uni schneller als in der einstigen DDR-Provinz, etwa an den Hochschulen in Magdeburg, Rostock oder Jena.
Vielfach ergänzen Ost und West sich aufs Beste. Die Oldenburgerin Petra Rothbart, 26, hat vor drei Jahren in einem Seminar die Ost-Berlinerin Michaela Hanisch, 32, kennengelernt.
Die Westlerin schätzt an ihrer Freundin aus dem Osten, »daß sie disziplinierter ist als ich«. Die Ostlerin empfindet ihre westdeutsche Kommilitonin als »die Kreativere«. Das deutsch-deutsche Duo schreibt derzeit an einer Diplomarbeit über Bevölkerungspolitik in der DDR. Y
* Eingangsportal Unter den Linden.