»Digitales Science-fiction«
Auch nachts um zwei kommt Greg Meidel nicht zur Ruhe. An der Hotelbar des Martinez in Cannes wird der mächtige Chef der MCA Television Group aus Hollywood regelrecht umlagert.
Alle wollen ihm zum Geburtstag gratulieren, artig sprechen die Manager und Filmhändler der internationalen Medienkonzerne ihre Glückwünsche aus. Mit dem Mann aus Los Angeles muß man sich gut stellen, das weiß jeder, der zur Filmmesse nach Cannes gereist ist.
Meidel hat das Sagen beim weltberühmten Hollywood-Studio MCA Universal ("Casino«, »Apollo 13"), er bietet an, was die europäischen TV-Sender so dringend brauchen - alte und neue Filme, und das tausendfach zum derzeitigen Mindestpreis von insgesamt 1,5 Milliarden Mark.
Gönnerhaft spendiert er den Gratulanten dicke Zigarren, und dann ein Prosit der Gemeinsamkeit: »Wir werden viele gute Geschäfte in den nächsten Jahren machen.« Die umstehenden Bertelsmann-Manager nicken erfreut. _(* Oben: am 20. April in Cannes; unten: ) _(Mike Tyson nach seinem WM-Sieg im März ) _(in Las Vegas. )
Der Film-Boß hat gut lachen. Die Branche erlebe einen »Goldrausch«, sagt Helmut Thoma, Chef des Senders RTL, die Preise seien »völlig überdreht«. Am Ende würden sich die deutschen Sender noch selbst verkaufen, um nur die Filmpakete zu bezahlen.
Nie zuvor war soviel Tamtam auf der Filmmesse: 1000 Aussteller, 10 000 Fachbesucher und Geschäftsabschlüsse en gros. Die Financial Times berichtet vom »digital star wars«.
Im bevorstehenden Kampf um die Eroberung des Fernsehmarkts in Europa werden die letzten Vorbereitungen getroffen. Strategische Allianzen und Nichtangriffspakte müssen vereinbart, Bastionen ausgebaut, Programmgeschütze geladen werden.
Die TV-Konzerne (siehe Grafik) kaufen alles, was sich senden läßt. Die deutschen Medienrivalen Bertelsmann und Leo Kirch überbieten einander, die Milliarde ist zur normalen Recheneinheit geworden. Thoma warnt: »Das ist eine Spekulationsgeschichte von jenen, die sich einen Startvorteil für das digitale Science-fiction erwarten.«
Keiner kann es sich leisten, abseits zu stehen. Aus Not werden die einst zurückhaltenden Filmeinkäufer zu Draufgängern. Kirch-Geschäftsführer Jan Mojto: »Wenn man zum Geschäftsessen verabredet ist, weiß man nie, ob es nicht bei einem Deal endet.« Jeder stehe unter dem »ungeheuren Druck«, keinen strategischen Vorteil preiszugeben, sagt Bertelsmann-Manager Rolf Schmidt-Holtz.
Es geht um einen Fünf-Milliarden-Dollar-Markt, der sich in den nächsten zehn Jahren vervielfachen soll: Das Abonnenten-TV, bei dem der Zuschauer für die Filme zahlt, gilt als das ganz große Geschäft in Europa. Business Week schätzt für das Jahr 2005 bereits ein Marktvolumen von 20 Milliarden Dollar.
Bisher finanziert sich das Privatfernsehen ausschließlich aus Werbegeldern - und die stagnieren. Erst wenn der Kunde vor dem Bildschirm als Geldquelle angezapft wird, kann der TV-Boom wirklich beginnen. Beim digitalen Pay-TV rechnet die Financial Times europaweit mit »1800 neuen Kanälen«.
Die Revolution der Fernsehtechnik heizt die Erwartungen der TV-Manager an: Durch digitale Kompression können die Sender zehnmal mehr Programme als bisher durch die Netze jagen. Die Kosten für die Übertragungstechnik werden laut Expertenschätzung radikal fallen - um bis zu 90 Prozent.
Im digitalen Pay-TV wollen die Medienriesen auch in Deutschland neue Kanäle anbieten, für Männer, Frauen, Alte und Junge, für Cineasten und die Freunde von Soap-operas, für Kulturfreaks, Action-Fans und Porno-Liebhaber. Wer zahlt, ist König.
Doch für das neue Zeitalter brauchen die TV-Konzerne Programme, Programme, Programme. Die Nachfrage nach dem Rohstoff des neuen Zukunftsmarkts steigt, das treibt die Preise. Vor fünf Jahren kostete ein Hollywood-Film im Schnitt rund 450 000 Mark, heute liegt der Preis bei rund zwei Millionen Mark.
Auf der Filmmesse in Cannes ging es zu wie auf einem orientalischen Basar. Auf winzigen Ständen boten die Fernsehdealer auf drei Etagen ihre Ware feil. In den Boxen wurden selbst Filme, die noch nicht gedreht sind und für die noch nicht mal ein Drehbuch existiert, in spontanen Auktionen verkauft.
Die großen Deals wurden in den Restaurants und Bars von Cannes, Mougins oder Golfe-Juan beredet, bevorzugt in den feudalen Hotels Majestic, Carlton und Martinez. In den schneeweißen Fin-de-siecle-Kästen wohnte jeder, der im Fernsehbusiness etwas zählt - es sei denn, er logierte auf der eigenen Jacht im Hafen.
Die Hersteller der Zauberware Film lockten mit Stars und Sternchen. Eine französische Produktionsgesellschaft bot Top-Model Claudia Schiffer auf, die mit zehn Leibwächtern erschien. Die Schauspielerin Iris Berben warb auf der Dachterrasse des Sofitel für die Krimi-Serie »Rosa Roth«, die international als Derrick-Ersatz vermarktet werden soll.
Im August wird Leo Kirch mit seinem Digitalangebot als erster auf Sendung gehen. Er plant den Start von 50 Kanälen in seinem neuen Unternehmen Digitalfernsehen DF 1 - für Sport, klassische Musik ("Classica"), Bildung ("Leonardo"), Western, Kinderfilme und Serien.
Allein auf neun Kanälen läßt der Medienunternehmer dann seine Kinofilme laufen: »Cine Comedy« bietet lustige Filme a la »Nackte Kanone«, »Cine Royal« wartet mit aktuellen Hits wie »Basic Instinct« auf.
Einige Monate später will auch Bertelsmann starten. Der Gütersloher Medienriese hat mit dem Medientycoon Rupert Murdoch, Canal plus und dem französischen Konzern Havas eine Allianz geschmiedet, um die deutschen TV-Zuschauer mit Pay-Programmen zu beliefern. Im Angebot sind Spartenkanäle aller Art - und ab 1998 womöglich alle Spiele der Fußball-Bundesliga live.
Vor allem für gute Filme und Sportübertragungen seien die Deutschen bereit, in die Tasche zu greifen, sagen die Experten von Kirch und Bertelsmann. Auf bis zu 700 Mark pro Jahr könnten die privaten Medien-Budgets für Pay-TV demnach wachsen.
Ein Großteil des Materials für die Träume der Medienmanager kommt aus den Traumfabriken der amerikanischen Westküste. Da entstehe eine »neue riesige Einnahmequelle«, freut sich Jeff Schlesinger, Präsident von Warner International TV. RTL-Chef Thoma weiß auch, warum: »Wir haben die Raffinerien, die haben das Öl.«
Kurz hintereinander gelangen den Filmverkäufern Milliarden-Deals. Die Film- und Fernsehfirmen aus den USA verbandelten sich mal mit Bertelsmann und dem Luxemburger Konzern CLT, mal mit Kirch.
Das sei ein »ungesunder Wettbewerb«, sagt Bertelsmann-Manager Ewald Walgenbach über den Poker mit Kirch. Erst vergangene Woche vereinbarte Bertelsmann mit dem Studio Paramount, zugleich auch ein Partner Kirchs, die Produktion von TV-Movies. Kirch verband sich mit dem US-Dokumentarsender Discovery.
In Frankreich hat das Digital-TV schon vergangenen Samstag begonnen. Canal plus, Weltmarktführer im Abo-Geschäft mit einem Jahresumsatz von drei Milliarden Mark, startete mit 24 neuen Fernsehkanälen.
Ein Decoder, so groß wie ein Videorecorder, macht den Empfang der diversen Film- und Serien-Kanäle möglich. Das Basispaket des Digital-TV kostet 98 Francs, also rund 29 Mark. Wer sich ein Live-Fußballspiel gönnen will, zahlt 50 Francs, alle neun Spiele der Woche sind für 100 Francs zu haben.
Canal-plus-Chef Pierre Lescure, der mit Bertelsmann und Kirch zusammen in Deutschland den Abo-Kanal Premiere betreibt, will bis Ende des Jahres bereits zwischen 150 000 und 200 000 Kunden gewonnen haben. In zehn Jahren, so rechnet er, besitzt Canal plus 65 Prozent der Marktanteile in Frankreich.
Etwas mehr Ruhe zeigt der australische Medienmulti Rupert Murdoch, zu dessen Reich der britische Abo-Marktführer BSkyB gehört. Angesichts der schwachen Konkurrenz auf der Insel will Murdoch erst im nächsten Jahr mit digitalen TV-Angeboten starten. 200 Kanäle sind in Planung.
Über den Satelliten Astra erreichen heute - mit traditioneller Analog-Technik - erst 28 Programme die Murdoch-Kunden im Vereinten Königreich. Die 5,18 Millionen Zuschauer lassen sich das Abo-Vergnügen bis zu 700 Mark pro Jahr kosten. Vor allem wenn er sportliche Top-Events zu bieten hat, macht Murdoch richtig Kasse.
So zahlten am 17. März rund 650 000 britische Haushalte 15 Millionen Mark, um Sonntag morgens um fünf Uhr Fernsehen zu gucken. Murdoch bot den nicht einmal zehnminütigen Boxkampf zwischen Schwergewicht Frank Bruno und Welt-Box-Legende Mike Tyson.
Sport ist das Hauptgeschäft des Rupert Murdoch. Seine Pay-Kanäle übertragen pro Woche rund 200 Stunden Sport, im Free TV zeigen BBC und ITV nur je 11 Stunden.
Schon regt sich Unmut gegen das Bezahl-Fernsehen in Großbritannien. Nach massiven Protesten gegen die Zwangsgebühr für Fußballfreunde hat sich das britische Oberhaus mit einer Allparteien-Initiative gegen Murdoch gestellt.
Es verfügte, daß acht Sportereignisse von nationaler Bedeutung künftig frei zu sehen sein müssen: das Tennisturnier von Wimbledon, die Pferderennen Derby und Grand National, die Fußball-WM, die Olympischen Spiele, die Fußball-Pokalfinalspiele von Schottland und England und die Cricket-Länderspiele.
Doch der Tycoon läßt nicht locker, setzt mit hohem Risiko auf die Zukunft des Pay-TV. Beim Weltfußballverband Fifa pokert er derzeit wieder - diesmal geht es um die Übertragungsrechte für die Fußball-WM der Jahre 2002 und 2006.
In den USA ist das Pay-TV schon längst gang und gäbe. Und die größten Wachstumsraten beim Verbreiten von TV-Programmen hat ausgerechnet General Motors, der Autokonzern.
DirecTV, eine Tochtergesellschaft des zum Autoriesen gehörenden Unternehmens Hughes Communications, versetzt Amerikas TV-Industrie in Aufregung. Die Firma ist erst seit zwei Jahren am Markt und versorgt heute schon 1,5 Millionen amerikanische Haushalte mit ihren Fernsehprogrammen - direkt vom Satelliten.
Die grau-schwarze Schüssel an der Hauswand oder auf dem Dach ist nicht größer als 45 Zentimeter, der dazugehörige Decoder ist so groß wie ein CD-Spieler. Beide zusammen lassen das bisherige Kabelfernsehen alt aussehen.
Die 1,5 Millionen DirecTV-Abonnenten erleben Fernsehen in einer Klarheit, die sie bisher nicht gewöhnt waren. Und sie haben eine Programmvielfalt, die vorher unbekannt war. Technisch ist DirecTV in der Lage, 900 TV-Kanäle anzubieten.
Für 30 Dollar im Monat liefert der Sender Nachrichten von CNN, bietet Kanäle, die rund um die Uhr nur von Golfturnieren oder vom Basketball berichten. Der Wetterkanal bringt pausenlos die weiteren Aussichten.
Zwei Disney-Kanäle sorgen für brave Familienunterhaltung. Auf drei Western-Channels wird nonstop geballert. Das Programm Discovery liefert Anschauungen aus dem Tierreich, selbst zwei Dutzend Musikprogramme - ohne Bild - gehören zum Repertoire.
Für die Kunden des Pay-Senders ist der Weg in die Videothek überflüssig. Auf 100 Kanälen bietet die Satellitenfirma jeden Monat 30 Kinofilme an. Für jeweils 2,99 Dollar können die Movies zu jeder beliebigen Anfangszeit geordert werden.
Das alles ist wohl erst der Anfang. In Amerika und Europa rechnen sie mit gigantischen Zuwächsen. DirecTV sucht bereits Personal, auch für Deutschland. So wie heute das kaum noch überschaubare Kiosk-Angebot der Verlage soll auch das Geschäft mit dem Pay-TV gedeihen. Für jede noch so kleine Zielgruppe planen die Manager ein eigenes Programm.
Hollywood sieht seine große Chance - und nutzt sie. Längst beschränken sich die US-Studios nicht mehr auf reine »Output-Deals«, bei denen die Sender nach der Devise: »We make it, you take it« alles abnehmen, was produziert wird. Nun beteiligen die Amerikaner die bildersüchtigen Europäer auch am Risiko, als Koproduzenten von Spielfilmen, TV-Movies, Serien oder Mini-Serien.
Das Produzieren sei teurer und schwerer geworden, nun müsse »innovatives Dealmaking« als Ausgleich her, meint Jim McNamara, Präsident von MCA TV Worldwide. Die Deutschen spielen in seinem Modell den willigen Zahlmeister.
Völlig unklar ist, ob die Milliardensummen für die Filmeinkäufe jemals wieder verdient werden. Der einzige deutsche Pay-Sender, der Abo-Kanal Premiere aus Hamburg, hat erleben müssen, wie zögerlich die Deutschen bisher zugriffen. Erst fünf Jahre nach dem Start kam der Sender, bei insgesamt 700 Millionen Mark Anlaufverlusten, in die schwarzen Zahlen. Knapp 1,2 Millionen Zuschauer sind registriert.
Macht nichts, drängen die Amerikaner. Sie bieten schon an, sich an deutschen Sendern zu beteiligen - als Teil der Bezahlung. Premiere-Chef Bernd Kundrun: »Wir bauen den Amerikanern eine Erste-Klasse-Autobahn in den deutschen Medienmarkt.«
Mit sportlichen Top-Events macht Murdoch richtig Kasse
Ausgerechnet General Motors hat die größten Zuwachsraten
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Die großen Filmkaufgeschäfte
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* Oben: am 20. April in Cannes; unten: Mike Tyson nach seinemWM-Sieg im März in Las Vegas.