Diktatur des Blaustifts - DER SPIEGEL
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FBI Diktatur des Blaustifts

Ein ehemaliger FBI-Beamter beschreibt die gruselig-skurrile Welt der amerikanischen Bundespolizei unter ihrem Alleinherrscher J. Edgar Hoover.
• aus DER SPIEGEL 35/1975
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schemenhaft huschten die 40 Polizeianwärter in das Arbeitszimmer des Bosses, bauten sich sekundenlang vor dem Schreibtisch auf, um einen Handschlag in Empfang zu nehmen, und eilten wieder zum Zimmer hinaus. Jedes Jahr spielte sich die Szene ab: J. Edgar Hoover, Chef des Federal Bureau of Investigation (FBI), Amerikas Bundespolizei, inspizierte die Teilnehmer des neuen Kurses der Polizeiakademie.

Nach einer Minute war die Show vorbei. Der Ausbildungsleiter dienerte heran, das Orakel zu befragen. Der Boß war wieder einmal ungehalten. Hoover: »Einer von denen ist ein Dummkopf. Weg mit ihm!« Sagte es, riß eine Tür auf und verschwand in seinen Privaträumen.

Der Ausbildungsleiter aber hatte Mühe. das Urteil des Chefs zu vollstrecken. Da es unschicklich und zugleich gefährlich war, den Boß um eine Erläuterung zu bitten, mußte der Ausbilder selber das Orakel enträtseln. Hoover hatte von einem »Dummkopf« gesprochen und dabei den Slang-Ausdruck »pinhead« (Stecknadelkopf) verwendet. Der Ausbilder folgerte daraus, es müsse sich um einen Mann mit einem auffallend kleinen Kopf handeln.

Er ließ die Klasse zusammentreten und musterte einen Kopf nach dem anderen, ohne jedoch fündig zu werden. Da hatte er eine Idee: Während der nächsten Schießübung, die alle Kursanten von ihren Quartieren fernhielt, untersuchte der Ausbilder die in den Schränken zurückgelassenen Hüte seiner Schüler.

Hut um Hut maß der Ausbilder, bis er endlich eine verdächtige Minigröße (6 7/8) fand. Die Entdeckung machte ihn freilich auch nicht glücklicher, denn gleich drei Hüte hatten die Dummengröße. Doch die Furcht vor dem Boß ließ ihm keine Wahl -- die drei Hutbesitzer wurden wegen mangelnder Qualifikation entlassen.

Mit solchen Stories illustriert der ehemalige FBI-Sonderagent Joseph L. Schott, 53, die absurde, fast paranoide Welt der US-Bundespolizei und des schrankenlosen Egozentrikers, der ein halbes Jahrhundert lang ihr Chef, Diktator, Antreiber und Apostel war. In einem jüngst erschienenen Buch schildert der Autor wie noch kein anderer Insider vor ihm das gruselig-groteske Innenleben des Hooverschen FBI*.

»Das FBI unter J. Edgar Hoover«, so Autor Schott, »war eine einzigartige Institution, ein Ein-Mann-Unternehmen. So wie einst der alte Henry

* Joseph L. SchaLt: No Left Turns«; Praeger Publishers, New York: 214 Seiten: 7,95 Dollar.

Ford die Ford Motor Company personifizierte, so war Hoover das FBI.«

Der kleine, bullige Boß, der sich gerne »Amerikas Revolvermann Nr. 1« nennen hörte, regierte sein Polizeiimperium wie ein absolutistischer Monarch, praktisch unabsetzbar und gleichsam »auf einer Bergspitze, die von den trüben Wolken der Mystik verhüllt wird« (Schott). Er hielt sich für unersetzlich und verfolgte jeden, der an seiner Unfehlbarkeit zweifelte.

Sein oberstes Gesetz faßte er in den drei Buchstaben DED zusammen: »Dissent Equals Disloyalty« -- wer mit dem Direktor differiert, ist ein Verräter. Da er sich und Amerika von einem »Rattenheer« von Kommunisten, rosaroten Störenfrieden und »Pseudointellektuellen« verfolgt sah, beurteilte er jeden seiner Beamten nach dessen Treue zu der Person und den zahllosen Edikten des FBI-Direktors.

Auf die Treue allein mochte sich Hoover jedoch nicht verlassen. Ein kunstvolles Kontrollsystem hielt das Beamtenkorps des FBI in Panik und Spannung: Keiner sollte sich auf seinem Posten sicher fühlen, jeder stets mit seiner Versetzung oder Entlassung rechnen. Auf der FBI-Akademie in Quantico gab es keine Abschlußzeugnisse, im weiteren Dienst keine Zertifikate -- allein der gefürchtete Blaustift, mit dem Hoover immer neue Eintragungen in den Personalakten seiner Beamten vornahm, bestimmte die Karriere eines Bundespolizisten.

Für die FBI-Beamten in Washington und in der Provinz klang jede Notiz Hoovers »wie die Stimme aus dem brennenden Busch, die Strafen zumißt -- Verschiebungen von Gehaltserhöhungen, Herabstufungen, Versetzungen in entlegene Außenstellen, Entlassung »mit Nachteil«, und alles das ohne Regreß, ohne Berufung, ohne Hoffnung auf Gnade« -, so Schott.

Folgen solcher Willkür: Angst, Streß und Denunziantentum. Mancher Abteilungschef oder Leiter einer Außenstelle scheiterte an dem anonymen Tip eines Untergebenen, den Hoover nur allzu gerne aufgegriffen hatte. Spitzel des Direktors sickerten in alle Dienststellen ein, stets auf der Suche nach »Verrätern«.

Nichts konnte einen Beamten im Hauptquartier mehr schrecken als die Nachricht, er sei ins Chefbüro Hoovers versetzt worden. Beamte auf diesem Posten hielten nie lange durch.

FBI-Mann Howard, einer dieser Unglücklichen, erzählte Schott: »Ein verteufelter Posten, man kann da nichts recht machen.« Dabei war Howard fix genug, auch die skurrilsten Wünsche seines Chefs zu erfüllen. Ob es darum ging, dem Boß an einem Wochenende eine ganze Veranda zu bauen, oder darum, eine zu groß geratene Kacheltoilette passend zu machen -- Howard schaffte alles. Nicht einmal Hoovers Fernsehapparat konnte ihn zu Fall bringen.

Hoover hatte ihm eines Morgens eröffnet: »Da stimmt was nicht mit meinem TV. In Ordnung bringen.« Howard alarmierte FBI-Techniker, die den Apparat von Grund auf renovierten. Am nächsten Morgen klagte Hoover, der Apparat sei noch nicht repariert. Wieder holte Howard die Techniker. sie fanden nichts. Hoover beschwerte sich erneut, diesmal wütend.

»Warum hast du ihn nicht einfach gefragt, was nicht in Ordnung war?« wollte Schott wissen. Howard: »Ihn fragen? Sei doch nicht blöd. Niemand bittet ihn, irgend etwas zu erklären. Man sagt nur »Ja, Sir« und versucht dann, herauszubekommen, was er eigentlich will.« Howard konsultierte die Hoover-Sekretärin« die bald wußte, worum es ging: »Wenn er den Apparat einschaltet, muß er fast eine Minute warten. bis das Bild kommt. Er wünscht, daß das Bild kommt, sobald er auf den Knopf drückt. Sofort, verstehen Sie. Er will nicht warten.«

Vergebens wandten die Experten ein, das sei technisch nicht möglich. Doch Howard trieb sie an, bis ihnen eine LÖsung einfiel. Hoover war zufrieden. Das aber machte Howard unvorsichtig und allzu vertrauensselig.

Als Hoover kurz darauf mit seinem Stellvertreter Tolson nach Miami fliegen wollte, verabschiedete sich Howard mit den Worten: »Ich wünsche Ihnen viel Spaß auf der Reise nach Florida, Gentlemen.« Hoover und Tolson erstarrten einen Augenblick, dann fuhren sie ab. Noch am Abend war Howard entlassen. Ein Vorgesetzter klärte ihn auf: »Sie haben unterstellt. daß die beiden Herren runterfahren, um sich eine gute Zeit zu machen. Das tun sie auf keinen Fall.« Im FBI, so erfuhr Howard, gelte der Grundsatz, der Boß reise niemals zu seinem Vergnügen.

Hoover schob Howard in eine Außenstelle, ein »field office«, in der Provinz ab und gab ihm noch einen guten Rat mit. Hoover: »Ein Idiot kann eine Außenstelle leiten, wenn er ein gehorsamer Idiot ist. Leiten Sie die Außenstelle so, wie ich es Ihnen sage, und nichts kann schiefgehen.

Das war seine Vorstellung von den Außenstellen des FBI: »eine Art Sibirien« (Schott), in das man weniger intelligente, in der Zentrale gescheiterte Beamte verbannte. Doch der »Old Man« ließ die Provinz nie aus den Augen. Ein Hagel von Hoover-Orders ging auf die Außenstellen nieder. der Boß wünschte alles geregelt zu sehen: die Kleidung der Beamten, die Ordnung in den Büros. die Leistungsstatistik. Regelmäßig tauchten Inspektoren der Zentrale in den Außenstellen auf und durchforschten jede Ecke der Dienststelle -- stets mit dem Auftrag, Fehler zu finden und Anlässe zu allerhöchsten Rügen zu produzieren.

Manchen Inspektoren entging freilich, daß die Außenstellen bei weitem nicht alle Hoover-Befehle einhielten. »Hätten die Außenstellen«, schreibt Schott, »alle Orders befolgt, so wäre es zu einer Selbstzerstörung des FBI gekommen.« Es gehörte bald zum Gesellschaftsspiel des FBI« möglichst viele Hoover-Befehle zu unterlaufen.

Ein besonders unpopulärer Hoover-Ukas schrieb den FBI-Angehörigen genau vor, wieviel sie wiegen durften. Daraufhin entstand ein neuer Typ von FBI-Beamten: der »Gewichtsillusionist« (Schott), der sich den ständigen Gewichtskontrollen zu entziehen wußte. Charles Elfinbein von der Washingtoner Außenstelle war ein solcher Gewichtsillusionist.

Ein knappes Jahr vor seiner Pensionierung ertappte ihn ein neuer, übereifriger Vorgesetzter und verlangte von ihm, binnen vier Wochen 25 Pfund abzunehmen. Verzweifelt lief Elfinbein durch die Straßen, bis ihm vor einem Kleiderladen ein Gedanke kam. Er kaufte sich einen gebrauchten Anzug, der ihm zwei Nummern zu groß war und deshalb so recht um die Glieder schlotterte, und meldete sich damit bei Hoover.

»Ich wollte Ihnen nur sagen, wie gut ich es finde, daß Sie dieses Gewichtsprogramm eingeführt haben«, jubelte er. »Ich habe 25 Pfund verloren und fühle mich um 25 Jahre jünger. Mein Arzt sagt, ich soll noch weitere 20 Pfund abnehmen, aber verteilt auf die nächsten acht Monate. Meine Frau macht auch Diät und hat 15 Pfund verloren. Gerade heute morgen sagte sie zu mir: »Dank Gott, daß es Mr. Hoover gibt. Er hat mir das Leben gerettet. Sag ihm, ich bete für ihn.«

Kopfnickend hatte der Boß schon seinen Blaustift zur Hand und machte sich eine Notiz für die Personalakte -- lang und deutlich genug, um Charles Elfinbein bis zu seiner Pensionierung vor den Nachstellungen der Hooverschen Gewichtskommissare zu schützen.

Nur so, urteilt der Autor, konnte die Masse der FBI-Beamten der Hooverschen Inquisition entgehen. Schott: »Die meisten von uns waren gute Spieler und haben alles überlebt.«

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