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KIRCHE Dinge weg

Der Chef des deutschen Kollegs in Rom steht unter dem Verdacht, kirchliche Kunstschätze verschleudert zu haben. Die Affäre beschäftigt Amtsstellen beiderseits der Alpen.
• aus DER SPIEGEL 23/1974
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Gesucht werden muß demnächst wahrscheinlich ein neuer Großkanzler des Ritterordens vom Heiligen Grab, und auch ein halbes Dutzend anderer katholischer Spitzenämter wird über kurz oder lang neu besetzt werden.

Zur Zeit hat sie noch der Päpstliche Hausprälat Bernhard Hanssler, 67, inne. Doch er wird so wenig ehrenamtlicher Großkanzler bleiben, wie er noch hauptamtlicher Rektor des Camposanto Teutonico, des Deutschen Kollegs in Rom, ist. In der vergangenen Woche ließ er sich beurlauben.

Kurienkardinäle, deutsche Bischöfe und sogar der deutsche und der österreichische Botschafter beim Heiligen Stuhl mußten sich noch vor Pfingsten mit der Affäre Hanssler befassen. In aller Eile wurde als Interims-Rektor der Monsignore Herbert Michel, 40, derzeit Domvikar und Sekretär des Generalvikars in Köln, nach Rom beordert.

Über Nacht ist Hanssler, bislang einer der angesehensten Rom-Deutschen, zur Unperson geworden, über die alle zuständigen kirchlichen Amtsstellen die Auskunft verweigern. Der Prälat, 1967 in Bonn als »große Persönlichkeit des deutschen Katholizismus« mit dem Großen Bundesverdienstkreuz dekoriert, steht unter ungewöhnlichem Verdacht: Er soll seiner Kirche einen Schaden von vermutlich mehreren hunderttausend Mark zugefügt haben.

Vom Studentenseelsorger in Tübingen und Stadtpfarrer in Stuttgart war der gebürtige Schwabe bis ins Zentralkomitee der deutschen Katholiken aufgestiegen, den Dachverband aller katholischen Verbände. Dort war er mit Sitz in Bad Godesberg zunächst geistlicher Direktor, später als Nachfolger des Bischofs Hengsbach Generalassistent.

Gegner schuf sich Hanssler nicht nur unter weltoffenen Katholiken, die sich, wie Heinrich Böll, seinem klerikalen Kurs widersetzten. Als seine Ernennung zum Weihbischof unvermeidlich schien, nutzten deshalb einflußreiche Hanssler-Gegner die Chance, ihn statt dessen über die Alpen zu befördern.

Im Camposanto Teutonico, einer unmittelbar neben dem Vatikan gelegenen deutschen Enklave, oblag Hanssler der »geistige Austausch zwischen Deutschland und Rom« ("FAZ"). Alle deutschen Bischöfe und viele Pilger waren seine Gäste. Zu seinen Nebenpflichten gehörte es, die reichen Kunstschätze des traditionsreichen Kollegs zu hüten. Und eben hierbei hat sich Hanssler offenbar vergriffen, als er Besucher um Spenden für das Kolleg anging und sich erkenntlich zeigen wollte.

Der gravierendste Vorwurf: Ein Pilger, der 45 000 Mark bot, erbat und erhielt von Hanssler als Gegenleistung einen Engel, der im Kolleg-Keller verstaubte. Später wurde das Kunstwerk auf einer deutschen Auktion für knapp eine halbe Million Mark angeboten.

Dem Vernehmen nach hat Hanssler auf diese oder ähnliche Weise den Kunstbesitz der »Erzbruderschaft vom guten Tod«, der Rechtsträgerin des Kollegs, nicht unerheblich reduziert. Dazu Hanssler: »Es sind Dinge weggegangen, die nicht hätten weggegeben werden dürfen.«

Gern mokierte sich der Prälat über weniger erfolgreiche Priester im Schatten des Vatikans: »Hier in Rom gibt es Gescheiterte in jeder Menge.«

Nun gehört er, wenn sieh der Verdacht erhärtet, selbst dazu. Einziger Unterschied zu den anderen: Noch keiner stürzte aus so großer Höhe.

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