Diskrete Winke - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 12 / 53

EISENHOWER-REDE Diskrete Winke

• aus DER SPIEGEL 13/1959
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit einer Rundfunk- und Fernsehrede an sein Volk ist dem amerikanischen Präsidenten Dwight Eisenhower in der vergangenen Woche ein Kunststück gelungen, dessen ihn nur noch wenige Beobachter für fähig hielten: Ein paar schlichte Worte über die Stärke der Vereinigten Staaten haben genügt, dem amerikanischen Volk die Hoffnung einzuimpfen, an seiner Spitze stehe ein energischer, aktionsfähiger Führer, bereit, jede Minute seiner Amtszeit dem Weltfrieden zu opfern.

Während Tausende von Telegrammen ich Weißen Haus eingingen und Dankes-Chöre in Bonn und Paris das große Ereignis feierten, bejubelte der Washingtoner Star-Kommentator David Lawrence die präsidiale Kraftentfaltung: »Mr. Eisenhower übt die Führerschaft in einer geradezu meisterhaften Form aus. Die Geschichte wird dereinst zu berichten wissen, daß er seinen Kopf inmitten all der hysterischen Stimmen hochhielt und Amerika durch eine gefährliche Krise hindurchsteuerte.«

Indes, so unbestritten auch der psychologische Wert der Rede Eisenhowers gewesen sein mag, dem späteren Geschichtsschreiber wird sie vermutlich nur wegen ihres Datums bemerkenswert erscheinen. Eisenhower trat am Abend des 16. März vor die Fernsehkameras, also drei Tage vor dem Amerika-Besuch des Mannes, der nicht nur dem Staatsmann Eisenhower, sondern auch der Weltmacht Amerika den Rang eines Führers der westlichen Welt abzulaufen drohte: des britischen Premierministers Harold Macmillan.

Die Berater des Präsidenten - so verlautete aus glaubwürdigen Quellen in Washington - hätten Eisenhower empfohlen, seine Rede, in der er sich mit der Abhaltung einer Gipfelkonferenz einverstanden erklärte, noch vor dem Eintreffen Macmillans in Washington zu halten. Andernfalls könne in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, der Rußland-Tourist Macmillan habe dem Herrn des Weißen Hauses das Ja zur Gipfelkonferenz erst im persönlichen Gespräch abgerungen.

Für diese Version spricht, daß Sprecher der Regierung noch wenige Tage zuvor angedeutet hatten, Eisenhower werde erst dann einen Appell an die Nation richten, wenn sich die Berlin-Krise verschlimmere. So scheint es denn nicht die Berliner Frage gewesen zu sein, die Eisenhowers Konterfei auf die Fernsehschirme zauberte, sondern eher die Überlegung, es sei für die Weltmachtstellung der USA nicht mehr zumutbar, in den Spuren Macmillans zu fahren.

Tatsächlich gibt es seit geraumer Zeit einige eindeutige Inidizien dafür, daß Washington die diplomatischen Extratouren des britischen Premiers mit Unbehagen verfolgte. Anstatt dem Briten dankbar zu sein, daß er in die Lücke sprang, die durch die schwere Erkrankung von John Foster Dulles entstanden war, ließ es Washington an jedem aufmunternden Wort fehlen. Allerdings hielt es die US-Regierung im Gegensatz zu der kalten Indignation in Bonn und Paris immerhin für opportun, ihre Kritik an Macmillan zu unterdrücken, solange der Premierminister in Sowjet-Rußland verhandelte.

Kaum aber hatte der Brite sowjetischen Boden verlassen, wurde Washingtons Grollen hörbar. Die ekstatischen Elogen, mit denen die britische Presse den Heimkehrer aus Moskau empfing, verschärften noch die amerikanische Reaktion. Mißmutig lasen die Amerikaner in der Londoner »Times«, Harold Macmillan sei nun zum wahren Führer des Westens avanciert, während sich der »Observer« gar zu der verwegenen Behauptung verstieg: »Frankreich, Deutschland und Amerika haben brummend die Führerschaft Macmillans anerkannt, weil es sonst überhaupt keinen Führer geben würde.«

Großbritanniens Premierminister sah sich plötzlich von allen Seiten isoliert. In den Spalten der »New York Times« tauchten offensichtlich vom State Department inspirierte Berichte auf, in denen die Briten zu einer größeren Bescheidenheit in der Weltpolitik aufgerufen wurden. Das einflußreiche Blatt notierte »verstärkte Verärgerung in Washington über Macmillans Annahme, er spiele eine zentrale Rolle in den Verhandlungen mit Rußland«. Personen innerhalb der US-Regierung seien der Meinung, »daß die Briten die Krankheit von Dulles dazu benutzt hätten, eine wichtigere Rolle in der Lenkung der westlichen Außenpolitik zu okkupieren.«

Informationen aus Washington besagten außerdem, die westlichen Regierungen hätten London einen diskreten Wink gegeben, den außenpolitischen Ehrgeiz nicht zu übertreiben. Noch heftiger war die Reaktion in Bonn und Paris, wo man den ohnehin verwässerten Disengagement -Plänen Macmillans offen den Kampf ansagte. Das Mißtrauen Italiens gegen Macmillan war sogar so derbe, daß der britische Botschafter in Rom ausdrücklich die Behauptung einer italienischen Zeitung dementieren mußte, der Britenpremier habe in Moskau einen Geheimvertrag über Berlin abgeschlossen.

So hatte denn Macmillan allen Anlaß, mit einer Blitztour nach Paris und Bonn zunächst einmal das ärgste Mißtrauen gegen seine Diplomatie auszuräumen. Zwar ließ sich Frankreichs olympischer Staatschef nur für kurze Zeit sprechen, dem Bonner Kanzler dagegen hat der Brite anscheinend die taktische Richtigkeit seiner Moskau-Mission beweisen können. Englands skeptischer »Manchester Guardian« konstatierte: Der Premierminister habe General de Gaulle und Dr. Adenauer besänftigt, wenn auch nicht überzeugt«.

Just den Augenblick aber, da Harold Macmillan sich der wichtigsten Station seiner Reise - Amerika - zuwandte, wählte nun Eisenhower zu einer dramatischen Geste, mit der er dem Briten das Rollenbuch des westlichen Führers aus der Hand nahm. Während amerikanische Ledernacken die Umgebung des historischen Militärlagers Camp David im US -Staate Maryland abriegelten, wo Eisenhower und Macmillan am vergangenen Wochenende zusammentrafen, bekundete der Präsident seine Entschlossenheit, wieder an die Spitze des Westens zu treten.

Das Veto gegen Macmillans selbstgewählte Führer-Rolle in der Dulles-losen Zeit wußte Eisenhower mit einer bedeutsamen Konzession zu verzuckern. Er erklärte sich nahezu bedingungslos bereit, noch im Sommer dieses Jahres an einer Gipfelkonferenz mit Chruschtschew teilzunehmen. Gleichzeitig aber ließ er durchblicken, daß Amerika das zweite Anliegen der Diplomatie Macmillans - die militärische Ausdünnung Mitteleuropas (Disengagement) - ablehnt.

Selbst erfahrene Kritiker des bequemlichen US-Präsidenten staunen über die energische Attitüde, die Eisenhower seit der Erkrankung von Dulles offenbart. Nach ihrer jüngsten Umfrage meldeten die Mitarbeiter des Dr. Gallup, Dwight

Eisenhower sei zur Zeit so populär, daß

er mit genau den gleichen Mehrheiten wiedergewählt werden würde wie in den Wahlen von 1952 und 1956.

Zur Ausgabe
Artikel 12 / 53