Olympia Dös pack' ma
Beim Karneval und bei Fußballspielen, bei Festivals und Kongressen gehören polizeiliche Absperrketten oder gar Einsatzwagen von Polizei-Hundertschaften zum gewohnten Bild. Bei der größten sportlichen Massenveranstaltung dieses Jahres aber, den Olympischen Spielen vom 26. August bis zum 10. September in München, will die Polizei nicht in Erscheinung treten.
Statt uniformierter Beamter sollen auf den Olympiastätten Zivilisten im Safari-Look für Ordnung sorgen -- ohne polizeiliche Befugnisse, ohne Gummiknüppel und ohne Zwangsmaßnahmen. Polizisten freilich sind sie. hauptberuflich, alle -- wie Hermann Wöhrle, 38, Polizeirat in Hamburg und mehrfacher deutscher Polizeimeister im 400-Meter-Lauf; er ist Referent der Abteilung 13 ("Der Ordnungsbeauftragte") im olympischen Organisationskomitee und somit für Ruhe und Ordnung auf dem Münchner Oberwiesenfeld während der Spiele verantwortlich.
Auf sein Kommando hört drei Wochen lang »alles, was im deutschen Polizeisport Rang und Namen hat« (Wöhrle). An die 2000 Mann (und 45 Damen) aus der Bundesrepublik und West-Berlin, die »im Polizeisport national oder international hervorgetreten sind«, sollen während der Spiele für ein »Minimum an Ordnung und kanalisiertem Ablauf« sorgen so Münchens Polizeipräsident Manfred Schreiber. Und zwar: »diskret«.
Denn mehr noch als die 4000 einheimischen Polizisten, die um 4000 Beamte aus anderen Bundesländern verstärkt werden, sollen sich die Kollegen aus dem Norden an der von Schreiber entwickelten, sanften »Münchner Linie« orientieren, die in olympischen Polizeischulungsbriefen auch als »Psycho-Masche« bezeichnet wird. Schreiber, für die Dauer der Spiele Wöhrles unmittelbarer Vorgesetzter: »Etwaige Störungen sollen bei uns möglichst nicht nur durch Gummiknüppel unterdrückt werden.«
In die Verlegenheit, Konflikte mittels Schlagstock zu lösen, werden die 2000 Ordnungshelfer auf dem Oberwiesenfeld freilich gar nicht erst kommen. Denn die Leih-Beamten aus dem Bundesgrenzschutz und den Polizeien der Bundesländer werden für die Dauer der Spiele vom Dienst suspendiert, in hellblaue Safari-Anzüge gesteckt und gar nicht erst mit Waffen ausgerüstet. Ihre Dienstordnung (Schreiber: »Rund um die Uhr") orientiert sich eher an olympischen Disziplinen.
So werden sich etwa der Frankfurter Polizeibezirkskommissar Erwin Blask (Berlin 1936: Silber im Hammerwerfen) und der Wuppertaler Polizeioberkommissar Manfred Kinder (Mexiko 1968: Bronze in der 4 X 4OO-Meter-Staffel) um das Olympia-Stadion kümmern. Der Bremer Polizeikommissar Peter Gerber (Vize-Europameister im Halbschwergewichtsboxen) und der rheinland-pfälzische Polizeimeister Paul Hogh (Deutscher Meister im Halbmittelgewichtsboxen) werden die Boxhalle bewachen.
Der Berliner Polizeirat Peter Hanisch (früher aktiv und jetzt Präsident des Berliner Leichtathletik-Verbands) wird die Leichtathletikhalle, der Mainzer Polizei-Inspektor Claus Zimmer (Deutscher Meister im Doppelzweier) die Regattastrecke observieren. Die frühere Rechtsreferendarin der Berliner Polizei (jetzt Oberregierungsrätin im Berliner Abgeordnetenhaus) Jutta von Haase (Norddeutsche Meisterin im 800-Meter-Lauf) wird die Athletinnen im Frauendorf beschützen. Wöhrle über die Disziplinen-Disziplin: »Wir glauben, daß ein Leichtathlet eher weiß, wie er mit Leichtathleten umgehen muß.«
Mehr Sorgen als auf den Spielfeldern erwarten die Olympia-Ordnungshelfer auf dem Freigelände des Olympiabergs und des Olympiaparks« »wo möglicherweise Leute, die keine Unterkunft bekommen haben, im Schlafsack nächtigen wollen« (Wöhrle). Dort könnten, so der Ordnungsreferent, »Sittlichkeitsdelikte, Rauschgiftdelikte, Schlägereien und Raub« an der Tages- und Nachtordnung sein.
Doch auch für derlei Sonderprobleme haben die Olympia-Ordner Spezialisten zur Hand. Wöhrle: »Da werden wir Leute einsetzen, die einschlägige Erfahrungen mitbringen: Heidelberger, Berliner und Hamburger.« In diesem Zusammenhang erinnern sich Polizei-Experten freilich zum Beispiel auch an die »große Schlacht am Neckar«, bei der vor zwei Jahren eine Studentendemonstration derart perfekt aufgelöst wurde, daß nach dem Einsatz »nur noch 99 Schuhe, 3 Kofferradios und eine entjungferte Studentin auf dem Schlachtfeld zu finden waren
Für solche Perfektion sind Wöhrles Ordner nicht nur mangels Knüppel nicht gerüstet. Obschon weiter im Sold ihrer Dienstherren (Wöhrle: »Das macht die olympische Idee"), unterliegen sie während der Beurlaubung nicht dem Legalitätsprinzip, müssen also nicht kraft Amtes strafbare Taten verfolgen, sondern gelten während der Olympia-Zeit als Handlungsgehilfen eines Vereins des bürgerlichen Rechts (des Organisationskomitees) mit hausrechtlichen Befugnissen. Wöhrle: »So etwa wie Ordner auf dem Oktoberfest.«
Anders als Schreibers 4000 Leih-Beamte, die nach öffentlichem Recht kurzfristig einem anderen öffentlichen Dienstherrn zugeordnet sind, nehmen die Olympia-Ordner disziplinarrechtlich »eine Zwitterstellung« (Wöhrle) ein: Sie können bei Mißbrauch oder Überschreitung ihrer Befugnisse wie private Angestellte aus ihrer Funktion entlassen werden (Wöhrle: »Sie kriegen dann einfach eine Rückfahrkarte") und dann gegebenenfalls auch noch zu Hause von ihrem öffentlichen Dienstherrn disziplinarrechtlich belangt werden. Wöhrle: »Das bestehende Disziplinarrecht reicht in solchen Fällen noch weit genug in den privaten Bereich eines Beamten hinein.«
Auf dem Olympia-Gelände sollen die vom Münchner Polizeipsychologen Georg Sieber geschulten Ordner nach Möglichkeit weich und psychologisch vorgehen. Wöhrle über die vorgesehene Eskalation in Konfliktfällen-. »Erstens gut zureden, zweitens zerstreuen und abkämmen, das heißt, den harten Kern herausdrängen, und erst drittens die Großräumung« Erst danach, so der Hamburger Polizeirat, »beginnt für uns die Schwelle, wo die Polizei geholt wird«.
Die richtige Polizei, die außerhalb des Olympia-Geländes in Reserve steht, soll ebenfalls in psychologischer Taktik unterwiesen werden. Im Schloß Haimhausen nördlich von München werden die leitenden Beamten schon seit drei Wochen einer Olympia-intensiv-Schulung unterzogen. Auf dem Programm stehen Punkte wie »Begleiten und Herauslösen bedrängter Fahrzeuge und Personen«. »Aversionskreuzungen nationaler, rassischer, weltanschaulicher und geschlechtsspezifischer Konfliktmöglichkelten bei Zugang und Abgang« oder »Führungseinflüsse auf Zufallsgruppen«.
Weil Präsident Schreiber nicht nur den Massenandrang von bis zu 350 000 täglichen Besuchern polizeilich bewältigen muß und nicht nur an die Hippies und Gammler auf der olympischen Spielstraße ("In Gott's Nam', warum net") denkt, sondern auch an politische Störaktionen »von links und von rechts« oder an »Zusammenstöße zwischen ägyptischen Kommandos mit israelischen Athleten« und dabei auch »solche Dinge wie Scharfschützen und Plastikbomberl« einkalkuliert, hat er überdies eine gesetzliche Einschränkung des Versammlungsrechts während der Spiele angeregt.
Inzwischen hat die bayrische Staatsregierung einen Entwurf für ein »Gesetz zum Schutz des olympischen Friedens« vorgelegt, wonach »ausreichend bemessene befriedete Bannkreise um Anlagen und sonstige Örtlichkeiten, die unmittelbar den Veranstaltungen der Olympischen Komitees dienen«, gelegt werden sollen. Auf diese Weise sollen »politisch motivierte Störaktionen in Form von Versammlungen und Aufzügen im Sinne des Versammlungsgesetzes von den Wettkämpfen und sonstigen Veranstaltungen von vornherein ferngehalten werden«.
Eine derartige Tabuisierung der Olympiastätten samt Umgebung für Demonstrationen jeglicher Art hat es bislang weder bei Olympischen Spielen noch bei sonstigen Großveranstaltungen in der Bundesrepublik gegeben, obschon »beispielsweise beim Eucharistischen Weltkongreß 1960 mehr Besucher in der Stadt waren als voraussichtlich jetzt bei den Spielen« -- so Münchens Polizeisprecher Georg Schmidt*.
Schreibers Schmidt: »Wir sind jetzt auf alle Eventualitäten vorbereitet, was kummt, dös pack' ma.«