KALTER KRIEG Dollar sticht
General Kong Le, Kommandeur der neutralistischen Truppen in Laos, bewahrt in seinem Führerzelt fünf sorgfältig verschlossene Aktentaschen, die unter seiner Schlafbank verstaut sind. Von Zeit zu Zeit liebt er es, vor Besuchern die Harmlosigkeit der fünf Aktentaschen zu demonstrieren: Er öffnet vorsichtig eine Tasche und holt ein Paar Herrensocken hervor.
Nur wenige seiner Besucher aber wissen, daß der General neuerdings in einer Aktentasche eine Aufzeichnung von weltpolitischer Bedeutung aufbewahrt: Notizen eines vertraulichen Gespräches, das dem Westen unverhofft die Chance eröffnet, den bereits verloren geglaubten hinterindischen Königstaat Laos dem Einfluß des kommunistischen Blocks wieder zu entreißen.
Die Notizen General Kong Les spiegeln Geheimverhandlungen zwischen ihm und einem Vertreter seines schärfsten Gegners, des nationalistischen Anführers Phoumi Nosavan, wider, die dem laotischen Bürgerkrieg eine ganz neue Wendung geben könnten. Die beiden Rivalen haben - unter diskreter Assistenz amerikanischer Diplomaten - beschlossen,, gemeinsam gegen die Kommunisten Front zu machen.
»Zunächst waren die Kommunisten sehr gut zu uns«, sagt der 155-Zentimeter-General. »Aber jetzt weiß ich, daß sie nicht für Laos kämpfen, sondern nur für einen fremden Kommunismus.«
Die Annäherung zwischen Kong Le und Phoumi ist der erste Erfolg eines
weltweiten Unternehmens der amerikanischen Außenpolitik, die zum erstenmal ernsthaft versucht, den Bruderstreit zwischen Moskau und Peking für den Westen zu nutzen. Ohne den roten Machtkampf würde Kong Le noch heute auf Moskau schwören.
Denn seit der damalige Fallschirmjäger-Hauptmann Kong Le im August 1960 gegen die korrupte Regierung des US-unterstützten Nationalisten Phoumi Nosavan putschte, hatte er auf die sowjetische Karte gesetzt. Damals entfachte er durch seinen Putsch den latenten Bürgerkrieg in Laos aufs neue, der nun zwischen drei Gruppen ausgefochten wurde:
- den durch Kong-Soldaten verstärkten Neutralisten um den Laos-Premier Souvanna Phouma,
- den mit ihnen zunächst verbündeten
Kommunisten und
- den Nationalisten um Phoumi Nosavan, mit dessen Hilfe die USA Laos zu einem antikommunistischen Bollwerk ausbauen wollten.
Da Neutralisten dem Washington des John Foster Dulles ebenso suspekt waren wie Kommunisten, fiel es Moskau nicht schwer, die neutralistischen Truppen zu unterstützen. Während die laotischen Kommunisten immer stärker unter den Einfluß Rotchinas gerieten, versorgte Moskau die Neutralisten mit einem unablässigen Strom von Waffen, Material und Beratern.
Den unaufhaltsam vorpreschenden kommunistischen Truppen wäre auch der letzte laotische Quadratmeter in die Hände gefallen, hätte nicht Amerikas neuer Staatschef John F. Kennedy in letzter Minute den Kurs geändert: Er gab das Konzept des antikommunistischen Bollwerks auf und erklärte sich mit einem Laos neutralistischer Prägung einverstanden.
Kaum aber hatte Washington die Sowjets 1962 für einen Waffenstillstand in Laos gewonnen, da warf der Moskau-Peking-Streit seinen Schatten über den Dschungelstaat. Die Sowjets zogen sich immer deutlicher zurück.
Die amerikanischen Diplomaten folgerten, Moskau habe erkannt, daß jede weitere Unterstützung der Laos -Kommunisten nur die Sache Pekings fördere; die Neutralisten aber könne Moskau nicht gegen Rotchina unterstützen, wolle es nicht vor den (im Moskau-Peking-Streit schwankenden) Kommunisten Asiens das Gesicht verlieren.
Tatsächlich ließ sich der sowjetische Rückzug an konkreten Fakten ablesen:
- Moskau berief die Piloten und Techniker bei den neutralistischen Truppen zurück,
- stoppte die Waffen- und Materialhilfe
für Kong Le und
- lähmte die Arbeit der internationalen Überwachungskommission für Laos.
Die sowjetische Verlegenheit nutzte nun die amerikanische Diplomatie zu einem vorsichtigen Vorstoß bei Kong Les zivilem Herrn, dem Ministerpräsidenten Souvanna Phouma. Washington spielte die einzige Karte aus, die ihm geblieben war: die Dollar-Karte.
Da nur amerikanische Wirtschaftshilfe (1963: 33,5 Millionen Dollar) das
Land ohne Export vor dem Bankrott bewahrt, schlug Washington dem Premier vor, die von Kommunisten bedrohten Meo-Stämme mit Lebensmitteln zu versorgen. Souvanna stimmte zu, und bald starteten von Formosa aus die ersten amerikanischen Maschinen.
Doch noch zögerte General Kong Le, amerikanische Hilfe anzunehmen. Da kauften die von Peking unterstützten Kommunisten einen Teil der Kong-Soldaten auf, ermordeten einige Offiziere des Generals und eröffneten im Mai eine Offensive gegen die neutralistischen Truppen.
Den hart bedrängten Kong-Legionären schickte Nationalist Phoumi - auf amerikanischen Wink - vier Artillerie-Bataillone zu Hilfe. Der General versuchte einen letzten Ausbruch aus den- Armen Amerikas: Er reiste Anfang August nach Moskau, doch die Sowjets winkten ab.
Seither verhandelt der enttäuschte Moskau-Pilger mit seinem Rivalen Phoumi über eine engere Zusammenarbeit ihrer Streitkräfte. Ein erster Erfolg bahnt sich bereits an: Die seit einem Jahr unbesoldeten Kong-Krieger sollen Dollarlöhne erhalten.
Neutralist Kong Le
US-Gunst gewonnen