Doppelte Portion - DER SPIEGEL
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HUNGERSTREIK Doppelte Portion

• aus DER SPIEGEL 22/1968
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Bernd Nitzschke, 24, Psychologie-Student im 10. Semester, suchte eine Pizzeria unweit des Marburger Lahnufers auf und bestellte ein kräftiges Menü: Kotelett mit einer doppelten Portion Pommes frites und zum Nachtisch italienischen Weichkäse.

Die Nahrung mußte 48 Stunden vorhalten. Denn von Sonntag, 17 Uhr, bis Dienstag, 17 Uhr, fasteten letzte Woche 89 Studierende der Universität Marburg -- darunter drei SDS-Mitglieder, viele Unorganisierte und ein Großteil weiblicher Kommilitonen -- aus Protest gegen die Notstandsgesetzgebung. Devise: »Hunger im Bauch ist besser als Notstand im Land.«

Was Deutschlands dickere Damen vom Establishment aus Gründen der Ästhetik betreiben, taten die Marburger Revolutions-Studenten aus politischen Motiven -- mit wesentlich geringerer Ausdauer. Es war eher ein verlängertes Wochenende ohne Speisen denn ein »Hungerstreik«, aber gleichwohl der bislang eigenwilligste Protest gegen das, was Studenten als »parlamentarisches Trauerspiel« empfinden.

Psychologe Nitzschke, stellvertretender Chefredakteur der örtlichen Studentenzeitung »marburger blätter«, hatte zu dem Hunger-in bei einem Teach-in aufgefordert, als das Bonner Parlament gerade mit der zweiten Lesung der Notstandsgesetze beschäftigt war.

So schleppten denn am vorletzten Sonntag Studenten rote Roßhaar- und blaugeblümte Schlaraffia-Matratzen aus dem schummrigen Beat-Keller »Caveau« in einen holzgetäfelten Saal der Evangelischen Studentengemeinde, die -- so ein Flugblatt -- »eine Entwicklung zu gewaltlosen Formen des Protestes zu fördern« bestrebt war. Das katholische Pendant mochte nicht abseits stehen: Katholische Studenten kochten schwarzen Tee ohne Zucker für die 89 Aufrechten, die sich alsbald niederließen.

Während deutsche TV-Zuschauer die jüngste »Bonanza«-Folge ("Zieh schneller, Johnny") beäugten, breiteten die Studenten auf dem gewienerten Fußboden Schlafsäcke und Wolldecken, Feldpritsche und Matratzen aus. Kommilitonen pusteten Luftmatratzen auf, Kommilitoninnen ordneten akkurat Bündel und wollenes Bettzeug für das gemischte Nachtlager. Bartträger in dicken Wollpullovern verstauten den vorsorglich gekauften Zigarettenvorrat. Vor einem nachtblauen Wand-Transparent ("Hungerstreik") kramten Blue-jeans-Träger nach mitgebrachten Kartenspielen in den Reisetaschen. Ein Teilnehmer blätterte in einem Werk des indischen Hunger-Vorbildes Mahatma Gandhi.

Doch als nach knapp fünf Stunden der Marburger Erziehungswissenschaftler Professor Leonhard Fronse -- einer von vierzehn Marburger Professoren, die ihre »Achtung und Sympathie« für den Hungerstreik bekundeten -- den Studenten eine Beat-Band ("The Rockers") schickte, schienen die Protestanten nicht sonderlich erbaut. Sie verlangten Politik statt Musik.

Nach fünfstündiger Nachtruhe begannen sie, auf nüchternen Magen, zu diskutieren. Über Stunden erörterten sie neue Protestformen angesichts der »Degradierung des mündigen Staatsbürgers zum ohnmächtigen Stimmvieh«. Dabei gewannen sie die traurige Erkenntnis, daß »gewaltlose Aktionen im jetzigen Stadium effektiv sinnlos sind« (Nitzschke).

Prompt beschloß die Versammlung, die noch verbleibenden Stunden der Enthaltsamkeit im Foyer des Marburger Auditoriengebäudes zu beenden. So geschah es am folgenden Morgen, Dienstag. Die übernächtigten Camper, die keineswegs entkräftet waren -- ein Studenten-Arzt, der in Bereitschaft stand, brauchte nicht tätig zu werden -, zogen nun mit Sack und Pack ins Foyer des Audimax.

Es war -- Erlaubnis lag nicht vor -- eine Art Besetzung. Denn, si ein eilends gefertigtes Flugblatt: »Da haben wir gemerkt, daß wir gegen Sachlichkeit, die nichts weiter als Müdigkeit bedeutet, gegen demokratisches Verhalten, das dazu dient, die Demokratie nicht aufkommen zu lassen, gegen Ruhe und Ordnung, in der die Unterdrücker sich ausruhen -- daß wir gegen diese ganze Scheiße am sachlichsten argumentieren, wenn wir aufhören zu argumentieren und uns hier auf den Fußboden setzen.«

Dort blieben sie sitzen -- auch dann noch, als die selbstgesetzte Frist zur Beendigung des Hungerstreiks verstrich und der Asta aus Mensabeständen Linsensuppe mit Würstchen anfahren ließ. Frisch gestärkt, faßten sie den Beschluß, das gastliche Uni-Quartier auch noch die folgende Nacht, notfalls sogar bis zum Tag der dritten Lesung der Notstandsgesetze im Bundestag besetzt zu halten.

Der Marburger Rektor Professor Otfried Madelung, Experte für Festkörperphysik, ließ den Protestanten die Gebäudeschlüssel überreichen. Die Studenten blieben noch eine Nacht und gaben den Schlüssel ordnungsgemäß wieder ab.

Einer der Kommilitonen holte dann in der Mensa nach, was er während des Hungerstreiks versäumt hatte: Er bestellte zwei Gerichte und aß abwechselnd von zwei Tellern -- mal Kotelett, mal Rippchen mit Brot.

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