Dorn im Fleisch - DER SPIEGEL
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ISRAEL / JERUSALEM Dorn im Fleisch

• aus DER SPIEGEL 34/1967
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Junge Muselmanen zogen durch die Altstadt von Jerusalem und verteilten hektographierte Flugblätter an ihre Landsleute.

»Araber beugen sich nicht dem Kolonialismus und den Juden«, forderte das Pamphlet und rief zum Generalstreik auf. Israelische Polizisten verhafteten die Zettelmänner.

Doch es war schon zu spät. Tags darauf -- am vergangenen Montag -- ruhte überall im arabischen Teil der Heiligen Stadt die Arbeit. Busse standen still und leer, die Geschäfte blieben geschlossen, die Araber saßen beim Türkischen und palaverten über ihren Streik.

Es war die erste große und organisierte Widerstandsaktion der besiegten Araber gegen die siegreichen Israelis. Sie fand ausgerechnet dort statt, wo sich trotz des lautstarken Wortkriegs der politischen Führer ein friedliches Nebeneinander von Juden und Muselmanen anzubahnen schien.

Zwar hatten die Israelis die Altstadt von Jerusalem allen Uno-Resolutionen zum Trotz unmittelbar nach ihrem Blitzsieg annektiert; zwar hatten sie sofort eine Volkszählung veranstaltet und alle Araber der israelischen Jurisdiktion unterstellt -- aber sie hatten die politischen Maßnahmen durch menschliche Gesten kompensiert: > Arabische Polizisten durften in ihrer gewohnten Uniform -- wenn auch ohne Rangabzeichen -- gemeinsam mit israelischen Kollegen auf Patrouille gehen, arabische Beamte behielten ihre Posten in der Stadtverwaltung.

> Die Altstadt, sonst im Sommer auf drei wöchentliche Wasserrationen aus den Zisternen des Salomon angewiesen, wurde schon am Tage nach der Annexion an das moderne Wasserleitungsnetz der Neustadt angeschlossen.

> Autobesitzer der Altstadt erhielten den Status jüdischer Einwanderer; damit wurden ihnen die immens hohen israelischen Sonderabgaben auf Pkws (etwa 200 Prozent) erspart, die Altbürger für Autobesitz leisten müssen.

Die Araber gewöhnten sich schnell an die Bequemlichkeiten der Zivilisation. Sobald die Grenzen fielen, suchten arabische Frauen israelische Friseure auf, andere berauschten sich am ungewohnt reichhaltigen Sortiment der Supermärkte in der Neustadt. Nur dem Grün-Gelb-Rot der Verkehrsampeln stand mancher Araber verständnislos gegenüber.

Besorgt betrachteten die religiösen Führer der Araber den Burgfrieden, und sie waren es auch, die -- mit unfreiwilliger israelischer Hilfe -- den Anstoß zum Ausstand gaben.

Israels Religionsminister Zerach Wahrhaftig hatte seit dem Tage der Annexion versucht, die mohammedanische Gemeinde von Alt-Jerusalem unter Kontrolle zu bekommen. Seine wichtigste Forderung an die Araber: Sie sollten ihm den Text der Andachten, die freitags (dem islamischen Sonntag) in der El-Aksa-Moschee gehalten und für die Araber in den besetzten Gebieten vom israelischen Rundfunk übertragen werden, vorher zur Genehmigung vorlegen.

Am 24. Juli trafen sich schließlich 25 Muselmanen in der Moschee und unterzeichneten eine Erklärung, in der sie den Zusammenschluß von Altstadt und Neustadt ablehnten und ihre Glaubensbrüder aufriefen, nicht mehr mit den Israelis zusammenzuarbeiten. Acht arabische Stadträte nahmen daraufhin nicht mehr an den Sitzungen der Stadtverwaltung teil, acht der zwölf jordanischen Jerusalem-Richter weigerten sich, weiter Recht zu sprechen.

Premier Levi Eschkol entzog seinem Religions-Eiferer Wahrhaftig daraufhin die Kontrolle über die Muselmanen und ließ dem mohammedanischen Kirchenrat in Alt-Jerusalem mitteilen, er solle seine Wünsche künftig an Verteidigungsminister Dajan richten. Der Text der Freitagspredigt des Imam brauche nur noch dem Chef der arabischen Sendungen von Radio Jerusalem zugeleitet zu werden.

Ein anonymes »Komitee zur Verteidigung des arabischen Jerusalem« machte sich jedoch die Forderungen zu eigen und stachelte die Araber über Radio Kairo und Radio Amman zum Widerstand gegen die Israelis auf.

Am ersten August-Wochenende forderte das Komitee schließlich zum Generalstreik auf. »Um die Araber nervös zu machen«, pinselten israelische Polizisten schwarze Kreuze auf die geschlossenen Rolläden der Geschäfte.

»Ich hatte zwar mit einer Art Streik gerechnet«, gestand Bürgermeister Kollek, »aber nicht so bald.«

Der Grund für die arabische Ausstands-Eile lag auf der Hand: Am Sonntag erschien in der Heiligen Stadt der Schwede Nils Goran Gussing als persönlicher Beauftragter des Uno-Generalsekretärs U Thant.

Ihm wollten die Muselmanen ein Schauspiel arabischer Solidarität gegen Israel bieten, bevor er am Westufer des Jordan andere Eindrücke gewinnen könnte.

Dort nämlich arbeiten Araber und Israelis auf skurrile Art zusammen: Beide bemühen sich um die vom Westufer des Flusses geflohenen Jordanier, die jetzt in die Heimat zurückkehren.

Die Jordanier hoffen, daß die Rückkehrer »ein Dorn im Fleisch des Aggressors werden« (Finanzminister Majali), und ködern sie mit einer Verpflegungsration für drei Monate und 25 Mark Taschengeld.

Die Israelis hoffen, daß die Rückkehrer aus Dankbarkeit mit den neuen Herren zusammenarbeiten, und empfangen sie mit erfrischenden Obstsäften sowie einem Plastikbeutel. Inhalt: Obst, Käse, eine Tomate und ein hartgekochtes Ei.

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