DOSTOEWSKI
Jeder, der Dostojewskis Romane nicht nur als Unterhaltungslektüre, sondern auch in ihrer Beziehung zu seinen politischen Schriften betrachtete, mußte verwundert sein, daß Dostojewski, trotz der Angriffe Gorkis gegen ihn, nicht schon seit langem politisch kanonisiert worden war. Denn das nachfolgende Zitat, das er in den »Dämonen« seinem Helden in den Mund legt, war auch seine eigene dogmatische Auffassung, wie sich aus der wörtlichen Wiederholung in seinem »Tagebuch eines Schriftstellers« ergibt. Es lautet:
»Jedes große Volk glaubt und muß glauben, wenn es nur lange am Leben bleiben will, daß in ihm, und nur in ihm allein, die Rettung der Welt liegt, daß es bloß lebt, um an die Spitze alter Völker zu treten, sie alle in sich aufzunehmen ... .
Im gleichen Abschnitt folgen einige Seiten später Sätze wie:
».. die Slavophilen. .. erklärten in klaren, treffenden Folgerungen, daß Rußland zusammen mit allen Slawen, und selbst an ihrer Spitze, der ganzen Welt das größte Wort sagen wird, das die Menschheit jemals vernommen hat... Folglich ist die nationale russische Idee zu guter Letzt nur die universale allmenschliche Vereinigung; so besteht also unser ganzer Vorteil darin, daß alle so schnell wie möglich ihre Uneinigkeiten beilegen und national, d.h. Russen werden.«
Man wird dies, auch wenn es in den politischen Schriften steht, kaum für politisch halten, sondern eher für psychopathologisch entsprechend jenen Dogmatismen, die Dostojewski mit seinem religiösen Galimathias vortrug, den indes manche protestantischen Theologen leichtgläubig für christliches Werbematerial angesehen haben.
Im übrigen darf zu Ihrem Hinweis auf »deutschfeindliche Zitate« bei Dostojewski gesagt werden, daß sich auch manche deutschfreundlichen, sogar hymnischen Äußerungen bei ihm finden, beispielsweise die 1877 in seinem Aufsatz über »die deutsche Weltfrage« veröffentlichte, daß aus Deutschland »die Stimme Gottes tönte und die Freiheit des Geistes verkündete«. Berlin DR. JUR. MANTEY
Abteilungspräsident