DOSTOJEWSKI
Es scheint, als ob der Autor des von Ihnen besprochenen Buches »Dostojewskis drei Lieben«, Marc Slonim, die biographischen Erinnerungen der Witwe Dostojewskis nicht gekannt hat, denn in Ihrer Besprechung fehlen die ebenso interessanten wie wichtigen Vorgänge um den Roman »Schuld und Sühne« ("Raskolnikow") ... Das Werk bekam keinen Verleger: der einzige, der die Aufgabe übernommen hätte, war mit einem anderen großen Werk finanziell zu stark in Anspruch genommen ("Anna Karenina«, wie sich später herausstellte). Dostojewskis Frau gelang es nun, von Hinz und Kunz, Meier und Müller so viel Geld aufzutreiben, daß sie den Roman im Eigenverlag drucken lassen konnte. Nur nahmen ihr nachher die vermutlich unangenehm berührten Buchhändler kein einziges Exemplar ab, so daß den Dostojewskis nichts anderes übrigblieb, als ein Wohnzimmer zu räumen und die Bücher zu horten. Sie gaben aber ein Inserat auf: »Neuer Roman von Dostojewski erschienen ...« Und jetzt geschah es. Bereits am Abend desselben Tages, als Dostojewski nach einem Tag Abwesenheit von einer Vorlesung spät nach Hause kam und er seine Frau ironisch fragte, ob sie schon ein Buch verkauft habe, konnte sie ihn in das leere Zimmer führen. Das Publikum hatte die Buchhandlungen nach seinem geliebten Dostojewski gestürmt, und die mehr oder weniger verlegenen Buchhändler Dostojewskis Wohnung. Für Dostojewski begann damit die Entschuldung und bescheidene Wohlhabenheit ...
Berlin HERBERT HARTMANN