RECHTSCHREIBUNG dpa-Chef plädiert für »Kundenumfrage«
Seit die »Frankfurter Allgemeine« am 1. August zur alten Rechtschreibung zurückkehrte, ist die Debatte über Sinn und Nutzen der Rechtschreibreform neu entbrannt. Befürworter der Reform geraten immer mehr unter Druck. So beschloss der Deutsche Hochschulverband in der letzten Woche, dem Beispiel der »FAZ« zu folgen; die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ließ verlauten, die Reform sei von Anfang an eine »Mißgeburt« gewesen. Goethe-Instituts-Chef Hilmar Hoffmann rief als Mitglied des deutschen PEN-Zentrums seine Kollegen auf, sich »angesichts der ungebrochenen Ablehnung in weiten Teilen der Bevölkerung« für eine Rücknahme der Reform auszusprechen. Aktuelle Umfragen belegen, dass sich rund 75 Prozent der Deutschen beim Schreiben an die alten Regeln halten - womit sich eine zumindest in jüngerer Zeit einzigartige Kluft auftut zwischen dem, was die Deutschen schreiben, und dem, was sie lesen. Wie verhält sich die Deutsche Presse-Agentur (dpa) in der Debatte?
SPIEGEL: Herr Herlyn, schließt sich die größte deutsche Nachrichtenagentur bald dem Schritt der »FAZ« an?
Herlyn: Nein. Wir sind ja nicht allein auf dem Markt. Wir würden die alten Regeln nur dann einführen, wenn unsere Kunden und die anderen deutschsprachigen Nachrichtenagenturen das auch wollten. Eine Sonderrolle werden wir nicht spielen. Die neue Rechtschreibung haben wir schließlich auch gemeinsam mit den deutschsprachigen Agenturen eingeführt, nachdem wir eine möglichst einheitliche Interpretation des Regelwerks erarbeitet hatten.
SPIEGEL: Sie sind also gänzlich unbeeindruckt?
Herlyn: Am Tag, als die »FAZ« mit ihrer Meldung die Diskussion um die Rechtschreibung entfachte, habe ich eine E-Mail an die Chefredakteure der anderen Agenturen geschickt und erklärt, dass wir die Lage erst beobachten wollen. Im Herbst werden wir uns dann zusammensetzen und über alles noch mal reden.
SPIEGEL: Über was?
Herlyn: Über unsere Kundenreaktionen. Wir Agenturen sind ja Dienstleister. Die neue Rechtschreibung haben wir vor allem eingeführt, weil unsere Medienkunden das so wollten. Ich plädiere dafür, dass wir je nach Verlauf der Diskussion eine Kundenumfrage starten und uns dann dem Votum der Kunden unterwerfen. Bisher hat uns aber nur die »Deister- und Weserzeitung« aufgefordert, wie die »FAZ« zur alten Rechtschreibung zurückzukehren.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass in Deutschland bald wieder die alte Rechtschreibung eingeführt wird?
Herlyn: Nein. Aber ich könnte mir sehr gut vorstellen und ich hoffe das auch, dass einige der neuen Rechtschreibregeln wieder rückgängig gemacht werden. Verdreifachungen von Konsonanten wie im Wort »Balletttänzer« finde ich zum Beispiel schrecklich.
SPIEGEL: Halten Sie sich persönlich an die neuen Rechtschreibregeln?
Herlyn: Nein, ich schreibe privat nach den alten.