DIPLOMATEN Dräcker lebt
Vergebens antichambrierte der Abgeordnete Ernst Majonica -- hinter sich die CDU und eine große Zukunft -- eine geschlagene Woche lang in Moskau. Er wurde höheren Orts nicht vorgelassen.
Zur gleichen Zeit empfingen hohe Bonner Regierungsbeamte vertrauliche Berichte, wonach ein deutscher Ex-Diplomat in geheimer Mission an die »Moskwa gereist, mit den prominentesten Sowjetführern diniert und bei Kaviar und Krimsekt die deutschrussischen Beziehungen beraten habe.
Sein Name: Edmund F. (für Friedemann) Dräcker, 79 -- ein AA-Ministerialdirigent außer Diensten und gewiß die geheimnisvollste Persönlichkeit, die Deutschlands Diplomatie je hervorgebracht hat.
Zum erstenmal trat Edmund F. Dräcker 1936 im deutschen Auswärtigen Dienst in Erscheinung.
Damals meldete eines sonnigen Morgens der Amtsgehilfe Möller in der Deutschen Botschaft zu Rom dem Legationssekretär Hasso von Etzdorf, der in einer ebenso langwierigen wie langweiligen Konferenz beim Botschafter von Hassell saß, einen Ministerialrat Dräcker vom Reichsfinanzministerium aus Berlin; der Herr sei soeben eingetroffen und wünsche ihn dringend zu sprechen.
Eilends verließ Etzdorf die Routinesitzung -- und stürmte, an dem grinsenden Amtsgehilfen Möller vorbei, um die nächste Straßenecke, wo an der Piazza del Santissimi Apostoli ein Brauerei-Ausschank kühles »Birra Dreher« zapfte.
Denn den Ministerialrat Dräcker, der angeblich soeben eingetroffen war, den gab es gar nicht.
Dreher, der Name der Triester Brauerfamilie, hatte Etzdorf zu einer Phantasie-Figur inspiriert, die ihm und seinen Freunden in der Botschaft dazu verhelfen sollte, Bier trinken zu gehen, anstatt zu konferieren. Ein Phantom mit Homburg war geboren.
Immer häufiger meldete der Amtsgehilfe Möller auf Etzdorfs Weisung: »Herr Dräcker erwartet Sie.« Etzdorf -- heute Botschafter im Ruhestand in Oberbayern -- erinnert sich: »Auf dieses Wort hin mußte alles stehen- und liegengelassen werden, und jeder eilte in die Taverne.«
Dräcker gewann an Farbe und Kontur. Seine Freunde legten ihm imponierende Eigenschaften bei. Etzdorf: »Wir ließen Dräcker wie ein lebendes Wesen agieren und überall in der Welt auftreten, wo Leute aus unserem Kreise saßen.«
Im Olympia-Jahr 1936 galt Dräcker als großer Sportsmann, der die 100-Meter-Strecke in 10,8 Sekunden bewältigte und dabei »doch aussah wie Hugenberg« (Etzdorf).
Dräcker hatte auch bald, was ein deutscher Mensch braucht, um als existent gelten zu können: Papiere.
Durch eine Anfrage beim Reichsarchiv »betr. Ministerialrat Dr. Dräcker« machte der damalige Archivar im Auswärtigen Amt an der Berliner Wilhelmstraße, Johann Ullrich, den vermeintlichen Ministerialkollegen aktenkundig.
Sorgsam sammelte Ullrich -- er war später auch Archivleiter des neuen AA in Bonn -- alle Zeugnisse und Verlautbarungen, die Dräckers dankbare Freunde über dessen Leben· und Wirken in Umlauf brachten. So entstand eine dicke Dräcker-Akte.
Nach diesen Unterlagen wurde Edmund F. Dräcker am 1. April 1888 in Suleyken bei Gumbinnen. (Ostpreußen) als ältester Sohn des dortigen Ortspfarrers Gotthilf Emmanuel Dräcker geboren. Die Familie ist hugenottischen Ursprungs und geht zurück auf den 1686 nach Brandenburg an der Havel eingewanderten Apotheker Jacques Drequeres de Dreque aus St. Thomas in den Cevennen.
Der junge Dräcker diente 1908/09 als Einjährigfreiwilliger im 3. Garde-Feldartillerie-Regiment, avancierte zum Leutnant der Reserve und trat am 8. Juli 1910 »probeweise und unter Vorbehalt »des Widerrufs behufs Vorbereitung für die konsularische Laufbahn« in das Auswärtige Amt ein.
Im August 1914 rückte er als Reserveoffizier ins Feld, nahm an der Schlacht bei Tannenberg teil und wurde am Abend beim Schein eines Biwak-Feuers durch General Hindenburg persönlich dekoriert.
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges geriet der Diplomat in Niederländisch-Indien ·bei einer Jagd-Expedition auf seltene Schmetterlinge in höchste Lebensgefahr. Besorgte Freunde in der Heimat ließ Dräcker-Vater von Etzdorf -- er diente damals im Oberkommando des Heeres -- durch Zeitungsnotiz in einem NS-Gaublatt wissen, Dräcker lebe und führe wichtige Finanzverhandlungen in New York.
Der ehemalige Staatssekretär und heutige CDU-Bundestagsabgeordnete Felix von Eckardt« ein alter Dräcker-Freund, gibt allerdings zu, hier klaffe eine Lücke im Lebenslauf: »Dräckers Verhalten in der NS-Zeit ist nie völlig aufgeklärt worden.«
Beim Aufbau des neuen AA in Bonn saß wieder ein Dräcker-Freund, der spätere Indien-Botschafter Wilhelm Melchers, in der Personalabteilung. Offiziell fragte dieser bei der alliierten Hochkommission an, ob Dräcker Pg gewesen sei. Antwort der Alliierten: Nein, die Zentralkartei der NSDAP enthalte keinerlei Eintragung über ihn. Damit war Dräcker offiziell entnazifiziert. Gegen seine Weiterverwendung bestanden keine Bedenken.
Als Bundespressechef bewilligte Felix von Eckardt einmal 400 Mark für eine angeblich von Dräcker geplante Cocktail-Party. Da dieser das Geld aber nicht abrief, entstand ein umfänglicher Briefwechsel mit dem Bundesrechnungshof.
Mit dem Aufstieg seiner Freunde in der diplomatischen Hierarchie des Bonner Staates machte auch Dräcker Karriere. Am 15. Dezember 1952 wurde er laut »biographischem Auszug aus der Personalakte« als »Ministerialdirigent z. W.« im AA eingestuft, bereits vier Wochen später aber »in den Ruhestand mit der gesetzlichen Pension« versetzt.
Als Pensionär freilich entfaltete der vitale Ostpreuße erst seine wahren Fähigkeiten, Die Freunde im AA setzten ihn fortan als diplomatischen Spezialagenten an allen Krisenplätzen ein -- bis er 1959 von einer Geheimmission nach Beirut nicht zurückkehrte.
Erst drei Jahre später nahm der Fernost-Korrespondent der »Welt«, Thilo Bode, Dräckers Spur wieder auf. Die Zeitung druckte am 22. Februar 1962 ahnungslos eine Meldung Bades ab, wonach der »vermißte Ministerialdirigent i.R. Dräcker ... im Dorf Mehrauli bei Neu-Delhi als Wanderastrologe wieder aufgetaucht« sei.
Damals wechselten der Bonner Indien-Botschafter Georg Duckwitz und Dräckers Förderer-Kreis zu Bonn und anderwärts Staatsdepeschen über den wiedergefundenen Freund und seine neuesten Abenteuer.
Auf der Empfängerliste: die Staatssekretäre Herwarth (Bundespräsidialamt) und von Hase (Bundespresseamt), die AA-Ministerialdirektoren Krapf (heute Botschafter in Tokio), Sachs (heute Botschafter In Brüssel), die Botschafter von Etzdorf (damals London), von Holten (damals Oslo), Botschaftsrat Limbourg (damals persönlicher Vertrauter von Außenminister von Brentano und später Botschaftsrat in Rom), die Bonner Chefdolmetscher Weber und Kusterer, AA-Archivleiter Ullrich und der Leiter des Europa-Referats im Bundespresseamt Stercken.
Als Bundespräsident Lübke Ende November 1962 zum Staatsbesuch nach Indien kam, meldete sich Dräcker aus dem Hinterland zurück. Botschafter Duckwitz -- heute Im Ruhestand -- erinnert sich: »Dräcker war auch auf dem großen Empfang in der Deutschen Botschaft, aber er ist dem Bundespräsidenten nicht vorgestellt worden.«
Dennoch trug die Begegnung Dräckers mit dem deutschen· Staatsoberhaupt Früchte. Lübke erkundigte sich in Rourkela nach der Unterkunft der deutschen Stahlwerker: »How are they undercome?« Solche Sprachkünste inspirierten Dräcker.
Nach einem von Botschafter Duckwitz zusammen mit seinem Presseattaché Ritter verfaßten Bericht vom 14. Dezember 1962 verstieg sich der Ex-Diplomat bei mehreren Vorträgen vor deutsch-indischen Zirkeln zu verblüffenden englischen Wendungen. Der Bericht nannte einige Beispiele: > she 15 better than her cry, > to be more than to shine, > he has one in the crown, > he Is lying like printed.
Diesem Bericht zufolge stellte Dräcker in kleiner Gesellschaft einen Legationsrat der Deutschen Botschaft als »legation wheel« vor.
Der Report aus Neu-Delhi vermeldete zum Schluß: »Dräcker ist nach einem erfolgreichen Vortrag in Bombay plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Seine sonderliche Neigung, immer wieder unterzutauchen, tritt damit wieder einmal zutage.«
Sonderling Dräcker tauchte in den letzten Jahren freilich auch immer wieder auf -- so zum Beispiel beim Zweiten Vatikanischen Konzil, wo er sich, laut Meldung der deutschen Vatikanbotschaft, als Korrespondent der englischen Gesellschaftszeitschrift »Wild and Hunt« ausgab.
Letzten Sommer teilte Bonns Israel-Botschafter Rolf Pauls aus Tel Aviv mit, ihm liege eine Anfrage vor, ob der Ministerialdirigent a. D. Dräcker für einen Job als Public-Relations-Manager einer renommierten Firma in Tel Aviv geeignet sei. Doch die Anfrage langte bei nicht eingeweihten Beamten der Bonner AA-Zentrale an, und Pauls stieß auf ablehnendes Unverständnis.
Mit besserem Erfolg hatte sich Rolf Pauls vor einigen Jahren, als er noch Botschaftsrat in Athen war, nach Dräckers Schicksal erkundigt. Damals erreichte ihn beruhigende Antwort aus dem Bundespresseamt.
Europa-Referatsleiter Stercken, der in seinem Keller einen Raum mit Dräcker-Dokumenten geschmückt hat kabelte amtlich: »Soeben Nachricht erhalten. Dräcker lebt. Vollmast flaggen.«
* »Dräcker Im Kaisermanöver 1909«, »Welt«-Meldung, »Dräcker auf Inspektionsreise Im Hinteren Orient 1992«.