Drauf oder dran - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 40 / 86

FRANKREICH Drauf oder dran

Wenn der Kriegsverbrecher Klaus Barbie vor Gericht steht, muß Frankreich eine unrühmliche Vergangenheit bewältigen. Barbie will seine Kollaborateure nennen.
• aus DER SPIEGEL 7/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mörder kehrte an seinen Tatort zurück, nach 40 Jahren: in das Militärgefängnis Montluc in Lyon.

In der südfranzösischen Stadt, in der ehemaligen Sanitätsschule Avenue Berthelot 14, hatte 1943 der Obersturmführer Klaus Barbie, damals 30, den französischen Widerstandsführer Jean Moulin, 44, gefoltert und dann mit den Worten eine Treppe hinuntergestoßen: »Wenn der Hund morgen noch nicht verreckt ist, schlage ich ihn endgültig tot.«

So berichtet es heute Barbies damaliger Dolmetscher Gottlieb Fuchs, 79. Drei Tage später, so glaubte man bisher, starb Moulin beim Abtransport nach Deutschland. Barbie bestreitet die Tat und behauptet, was ihn kaum entlastet, daß Moulin Selbstmord verübt habe.

Der Nationalheld, der im Auftrag des Exil-Generals Charles de Gaulle die französische Resistance geeinigt hatte, habe sich, an den Händen gefesselt, an der Mauer seiner Gefängniszelle selbst drei Stunden lang den Schädel eingerannt. Andere Version - ebenfalls vom Jahresanfang 1983: »Ich habe ihn in gutem Gesundheitszustand den französischen Behörden übergeben.«

Der Fall Moulin ist der spektakulärste Tod, den Barbie zu verantworten hat, doch der bescheidenste Teil der Verbrechen des Gestapochefs von Lyon (im Rang eines Oberleutnants).

Sein »Jagdkommando« von 120 SS-Leuten gegen Partisanen in Südfrankreich S.114 rottete von 1942 bis 1944 ganze Dörfer aus, ein Resistance-Lager bei Grenoble, ein Nonnenkloster in Lyon; er selbst folterte im Fort Montluc, erschoß unschuldige Geiseln aus dem Gestapo-Keller in der Avenue Berthelot und ließ 7591 Menschen deportieren. Französische Militärgerichte haben Barbies persönliche Teilnahme an 4342 Morden und an der Verhaftung, teilweise Folterung von 14 311 Widerstandskämpfern festgestellt. 1952 und 1954 verurteilten sie ihn dafür zum Tode - in Abwesenheit: Nach dem Krieg (und einem Juwelen-Diebstahl) spitzelte Barbie erst einmal für 1700 Dollar Monatsgehalt in US-Diensten (Decknamen: Spehr, Behrends, Mertens, Holzer), 1951 betätigte er sich unter dem Namen »Klaus Altmann« als Holzgroßhändler in Bolivien, dessen Links-Präsident Hernan Siles Suazo ihm 1957 die Staatsbürgerschaft gewährte.

Für Rechtsregierungen organisierte er dann eine Geheimpolizei; mit einem Diplomatenpaß reiste er zum Waffenkauf sogar nach Frankreich. Als 1982 wieder eine Linksregierung in Bolivien an die Macht kam (Präsident: Hernan Siles Suazo), verhandelte der Sonderberater des Präsidenten Mitterrand und Südamerikakenner Regis Debray in La Paz. Vor drei Wochen wurde Barbie, 69, unter dem Vorwand einer Betrügerei verhaftet und nach Frankreich abgeschoben.

Das Bonner Auslieferungsbegehren gemäß Haftbefehl des Augsburger Amtsgerichts blieb erfolglos (siehe Kasten Seite 115).

Mit Barbie, dem »auferstandenen Horror« ("Le Figaro") und »Urtyp des Naziteufels« ("Liberation"), hat Frankreich nun sein Symbol deutscher Besatzungsherrschaft und Mordlust - alle Medien der Republik geben seiner Person Vorrang, seitenlang in den Zeitungen, stundenlang im Fernsehen, und sie ist allemal Anlaß für nationales Pathos.

Außenminister Cheysson übte Vernunft: Eine Wiederholung der NS-Geschichte sei »nicht mehr denkbar, weil Deutschland nicht mehr allein ist, weder allein in seiner Macht nocht allein in seiner Hoffnungslosigkeit«.

Doch Barbie bleibt den Franzosen ein Zeuge typisch deutscher Unbelehrbarkeit.

Er begrüßte 1966 im Deutschen Club von La Paz den Bonner Botschafter mit einem kräftigen »Heil Hitler«. Er versicherte 1972 einem Reporter: »Ich bin ein alter Nationalsozialist. Obwohl ... mein Kampf zu Ende ist, habe ich meine Meinung nicht geändert.«

1973: »Was soll ich bedauern? In Kriegszeiten gibt es weder Gut noch Böse ... Ich bin stolz darauf, Kommandeur des besten Korps des Dritten Reichs gewesen zu sein.« 1983 zum »Stern": »Man war jung, es war einem alles egal. Man ist drauf oder dran. Es war ein guter Haufen. Das gibt es nie wieder auf der Welt.«

Konservative Politiker in Paris verlangen, die eben von den Sozialisten abgeschaffte Todesstrafe für Barbie wiedereinzuführen. Moulins (geschiedene) Frau sagt: »Ich möchte, daß Barbie erschossen oder hoch und kurz gehängt wird.«

So einfach ist das nicht. Die beiden Todesurteile gegen den Massenmörder sind wie die Delikte selbst einschließlich des Moulin-Mordes verjährt. Aufgrund einer internationalen Vereinbarung, die erst 1974 von Frankreich ratifiziert worden ist, könnte er wegen »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« verurteilt werden, was aber einen Verstoß gegen jenen elementaren Rechtsgrundsatz bedeuten würde, daß kein Strafgesetz rückwirkend angewendet, niemand nach Normen bestraft werden kann, die es nicht gab, als er die Tat beging.

Die französische Justiz, die Unrecht nicht gerade mit Unrecht ahnden möchte, ermittelt denn auch gegen Barbie seit einem Jahr wegen bisher noch gar nicht verfolgter Verbrechen. Ein Telegramm vom 6. April 1944 an die Abteilung IV beim Befehlshaber der Sipo und des SD trägt Barbies Unterschrift:

»In den heutigen Morgenstunden wurde das jüdische Kinderheim 'Colonie Enfant' in Izieu-Ain ausgehoben. Insgesamt wurden 41 Kinder im Alter von drei bis 13 Jahren festgenommen ... Der Abtransport nach Drancy erfolgt am 7. 4. 44.«

Mindestens fünf der Kinder kamen vom Sammellager Drancy bei Paris nach Auschwitz. Sie kehrten nicht zurück.

Auf das französische Gericht kommt nun eine Probe zu, die deutsche Gerichte nicht bestanden haben: ein Prozeß mit zweifelhafter Rechtsgrundlage über Geschehnisse, die länger als eine Generation zurückliegen. Die Nation aber erlebt eine Bewältigung der Vergangenheit, die nicht nur deutsche, sondern auch eigene Schuld aufrührt.

Das Verfahren wird sich laut »Le Monde« mit der »Zeit der Feigheit, der Kompromisse und des Mutes auseinandersetzen«, es wird laut »France-Soir« gewiß »für unser Land eine Prüfung sein, eine Prüfung, die Deutschland nicht auf sich nehmen wollte«.

Politikprofessor Alfred Grosser bezweifelt sogar einen fairen Prozeß, »weil S.116 man es nur ungern zulassen wird, daß die französischen Komplizen der Besatzer in die Sache hineingezogen werden«.

Ganz auf sich gestellt, können 120 Barbie-Jäger Lyon nicht zwei Jahre lang terrorisiert, lediglich 2500 deutsche Polizisten in ganz Frankreich gewütet haben.

»Figaro«-Leitartikler Frossard, der damals selbst in Montluc einsaß: »Der Folterer konnte sein Werk leider nicht ohne die Hilfe einer gewissen Zahl von Verrätern, Denunzianten, Hilfstruppen oder Polizeiangestellten, die keine Deutschen waren, treiben.«

Das verdrängen die Besetzten und Befreiten bis heute.

Die Franzosen halten es mit dem in Geschichtsbüchern und von Politikern aller Couleur verbreiteten Mythos, wonach (so der in Frankreich aufgewachsene Harvard-Historiker Stanley Hoffmann) »mit Ausnahme einer Handvoll Kollaborateure und einer kleinen Clique von Reaktionären die große Masse der Franzosen sich der Widerstandsbewegung angeschlossen oder sie doch zumindest unterstützt hat«.

Laut dem konservativen »France-Soir« sind die Franzosen noch nicht so weit, um die historische Wahrheit über die Besatzungszeit und ihre eigene Kollaboration zu verkraften. Erst unter Präsident Mitterrand durften sie den 1969 gedrehten Fernsehfilm »Le chagrin et la pitie« (Das Haus nebenan) auch auf dem Bildschirm sehen, der die »amtliche Legende«, so Hoffmann, vom heroischen Frankreich widerlegt.

Wenn der Barbie-Prozeß die Vergangenheit aufwühlt, wird in die Erinnerung gerufen, daß 1941 in der Zeitung »Paris-Midi« der Satz stand: »Die Erledigung des jüdischen Problems ist eine Frage der Müllabfuhr.«

Bei der berüchtigten Razzia vom 16./17. Juli 1942, bei der 12 884 Juden, unter ihnen viele Kinder, in der Pariser Radrennbahn zum Transport nach Auschwitz zusammengetrieben wurden, holten französische Polizei und faschistische Miliz die Opfer aus ihren Wohnungen.

Der Polizeichef des Vichy-Regimes, Bousquet, und sein Generaldelegierter im besetzten Gebiet, Leguay, empfahlen Auslieferung der staatenlosen Juden aus der unbesetzten Zone und die Deportation von Kindern, was die Deutschen noch gar nicht verlangt hatten. Nach dem Krieg avancierte Bousquet zum Bank- und Fluggesellschaftsdirektor, Leguay zum New Yorker Chef der Parfumfirma Nina Ricci. Maurice Papon soll als Generalsekretär des Departements Gironde bei der Juden-Deportation geholfen haben. Von 1978 bis 1981 war er Finanzminister, 1983 wurde er angeklagt.

Laut Linksblatt »Liberation« gab es »mehr Verräter als Widerständler«. Barbie hat bereits angekündigt, er werde, wenn er auspackt, »einigen sehr hochstehenden französischen Persönlichkeiten Unannehmlichkeiten bereiten können«.

Er muß jedenfalls seine Zuträger gehabt haben, als er am 21. Juni 1943, vier Wochen nach Gründung des »Nationalen Widerstandsrats« aus sechs politischen und zwei gewerkschaftlichen Gruppen (Chef: Moulin), die Villa des Arztes Dugoujon am Stadtrand von Lyon besetzen ließ. Er selbst stürmte gleich in den ersten Stock, wo er Mitglieder des Widerstandsrates vorfand, und im Wartezimmer einen Jacques Martel alias Jean Moulin. Zum Verhör brach er von einem Tischchen ein Bein ab und schlug damit los.

Widerständler Gaston Defferre, heute Innenminister, hatte Moulin erfolglos gewarnt: Am Tag zuvor sah er den Kampfgenossen Rene Hardy mit einem Unbekannten auf einer Bank sitzen. Hardy wurde auch in der Arztwohnung festgenommen, konnte aber gleich darauf fliehen. Für Dr. Dugoujon ist er zweifelsfrei der Verräter.

Hardy wurde nach dem Krieg von diesem Vorwurf zweimal freigesprochen, heiratete in Hollywood, wurde Präfekt von Paris und schrieb Spionage-Romane. Er lebt in Niort, Westfrankreich.

Frankreichs Blick zurück, der so lange aufgeschoben wurde, hat begonnen. Das Regierungsfernsehen zeigte alte Bilder aus der Besatzungszeit mit Marschall Petain samt Anhängern beim Hitlergruß.

Petains Residenz Vichy »war im Grunde die Herrschaft der Rechten«, so der Kommentar, »die seit Jahrzehnten auf die Macht hatte warten müssen und sich nun austobte«.

Wenigstens für den aktuellen Streit Links/Rechts läßt sich Barbie so nutzen: Am 6. März finden auch in Frankreich Wahlen statt, für die Gemeinderäte.

Zur Ausgabe
Artikel 40 / 86