Dribbeln auf Dari - DER SPIEGEL
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AUSLANDSFERNSEHEN Dribbeln auf Dari

Rummenigge, das Moorhuhn und Franzis Busen - aus dem Berliner Wedding versorgt die Deutsche Welle das kriegsgebeutelte Afghanistan mit TV-Nachrichten.
• aus DER SPIEGEL 33/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nein, sagt Saifur Ibrahim-Khail und klingt fast ein bisschen beleidigt, er sei nicht nervös, »natürlich nicht«. Dabei hätte der hagere 52-Jährige allen Grund. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren sitzt er in einem Fernsehstudio, gleich wird er in seiner Muttersprache Paschtu die Weltnachrichten moderieren.

In seiner alten Heimat Afghanistan war der Mann, der 1990 als Asylbewerber nach Deutschland kam und zuletzt in Frankfurt für ein medizinisches Labor arbeitete, ein Medienstar - so etwas wie der Ulrich Wickert vom Hindukusch. 24 Jahre hat er beim afghanischen Rundfunk die Nachrichten verlesen, die meiste Zeit als Chefsprecher für TV und Radio; über den Regierungswechsel von König Zahir Schah zu »Präsident« Daud hat er berichtet, über die Machtübernahme der Kommunisten und den Einmarsch der Russen. Dreimal haben ihn die Afghanen zum beliebtesten Moderator gewählt.

Heute geht es um eine Sendung von gerade mal zehn Minuten - aber eine, für die er, anders als früher, keinen Ärger zu fürchten braucht: weder Zensur durch die Kommunisten noch Morddrohungen der Mudschahidin. Sein neuer Arbeitsplatz liegt mitten im Berliner Wedding, es ist das orange-blau dekorierte Studio 1 von DW-TV, dem Fernsehangebot der Deutschen Welle.

Ibrahim-Khail und seine zwei Kollegen Hossein Anosh und Shamz Mayel, die dieselbe Sendung noch einmal in der zweiten Landessprache Dari moderieren, sind die »Anchormen« beim neuesten Projekt des deutschen Auslandsfernsehens, für das DW-Fernsehdirektor Christoph Lanz an diesem Montag im Hauptsitz des afghanischen Staatsfernsehens Afghan TV (ATV) in Kabul offiziell den Sendestart erklärt.

Täglich wird die afghanische DW-Redaktion in Berlin den Kabuler Kollegen, die derzeit mit primitivsten Mitteln ein sechstündiges Notprogramm zusammenstellen, via Satellit jeweils zehn Minuten Weltnachrichten auf Dari und Paschtu überspielen; zudem soll es wöchentlich zweimal zwei Stunden Tierfilme und Doku-Serien aus DW-Beständen geben. Auch eher leichte Archivware wird für den Export nach Kabul vorbereitet: Eine 13-teilige Fußballschule mit Karl-Heinz Rummenigge und Lothar Matthäus soll dem afghanischen Nachwuchs die Kunst des Dribblings nahe bringen - natürlich auch auf Dari und Paschtu.

Auf die Idee für die »mediale Notfallhilfe«, wie Christoph Lanz das Projekt deklariert, kamen die Sender-Hierarchen Anfang des Jahres. Seit Präsident Hamid Karsai bei seinem Berlin-Besuch im März grünes Licht gab, laufen die Vorbereitungen.

In der afghanischen DW-Redaktion ist seither die wichtigste Frage: Was können, was dürfen, was müssen wir zeigen, ohne die Menschen zu überfordern oder zu provozieren? In einem Land, in dem unter den Taliban ein strenges Bilderverbot herrschte, in dem praktisch nur noch der Koran gelehrt wurde und 90 Prozent der Menschen Analphabeten sind? Wie schwierig dieses Unterfangen werden wird, schwant Christoph Lanz spätestens seit den ersten Probesendungen in der vorigen Woche.

Der Bericht über die Schwimm-EM in Berlin mit der jubelnden Franziska van Almsick? Keine Chance, sagen Lektoren und Übersetzer. Der Oberkörper sei zu deutlich zu sehen, zumindest die Jubelszene müsse raus. Der Beitrag über die Düsseldorfer Modemesse? Geht gerade noch - es war ja Abendgarderobe. Das Stück über die neuen Börsenregeln, das mit dem Moorhuhn-Spiel der Skandalfirma Phenomedia bebildert ist? Raus damit, meint Lanz. »In Kabul gibt es keine Börse.«

Kontrovers wird es beim Thema Karsai. Ibrahim-Khail stört sich an der Meldung, dass der Präsident sich künftig von US-Elitetruppen schützen lassen will - man könne dies als mangelndes Vertrauen ins eigene Volk interpretieren. Und ein Übersetzer merkt an, es verletze die Afghanen, wenn Palästinenser als »Terroristen« bezeichnet würden, auch wenn es sich um ein Zitat von Ariel Scharon handle. Zeit für ein Machtwort. »Wir machen hier objektive Nachrichten, es geht nicht darum, den Afghanen zu gefallen«, sagt Lanz. »Und die Mullahs sind eh nicht unsere Zielgruppe.«

Sonst indes ist fast nichts sicher bei dieser TV-Entwicklungshilfe. Nicht die Verbreitung - niemand weiß, wie viele Fernsehgeräte es derzeit gibt und ob das Programm auch außerhalb Kabuls zu empfangen sein wird. Nicht die Laufzeit - es gibt einen Vertrag über ein Jahr, aber Lanz will sich »sofort zurückziehen«, wenn ATV die internationale Berichterstattung selbst übernehmen kann. Und vor allem nicht die Finanzierung. Zwar gab es eine mündliche Zusage, dass die Kosten von rund 1,3 Millionen Euro durch die erhöhte Tabaksteuer gedeckt werden könnten - derzeit sei dies aber wieder gefährdet, so Lanz.

Dari-Moderator Mayel hat trotzdem seinen Job als Sanitäter in Kassel gekündigt und ist mit seiner Frau nach Berlin gezogen. »Das ist ein einmaliger Versuch, den Afghanen zu zeigen, dass es auch ein Leben jenseits von Krieg und Schmerzen gibt«, sagt er. Ibrahim-Khail hat auch eine eher private Hoffnung: Von seinem Bruder hat er seit sechs Jahren nichts gehört. »Vielleicht schreibt er ja einen Brief, wenn er mich sieht.« MARCEL ROSENBACH

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