AUSLÄNDER Droge Video
Wenn in türkischen Wohnstuben der Fernseher angeht, bleibt es nicht bei Köpcke, Thoelke oder Rummenigge.
Da reitet auf einmal, mit gezücktem Säbel, »Karaoglan« über den Schirm, unterwirft fremde Länder, und ihm zur Seite trottet der Graue Wolf, Symbol der türkischen Rechtsextremisten. Ein Publikumsgünstling namens Cüneyt Arkin gibt, zwischen Plüsch und Lieblingsfrauen, den Pascha ab. Es darf auch gelacht werden, etwa über Kemal Sunal, den türkischen Didi Hallervorden.
Szenen und Gestalten wie diese beherrschen ein expandierendes Stück Fernsehen in Deutschland, den türkischen Videomarkt. Türken, in Westdeutschland vielfach schlecht gelitten, am öffentlichen Leben nur am Rande beteiligt und von den Funkmedien fast vergessen, bauen sich rund um den heimischen Recorder eine Gegenwelt auf - »die Heimat aus der Konserve«, wie Barbara John findet, die Ausländerbeauftragte des Berliner Senats.
Vor allem in West-Berlin, der mit etwa 120 000 Köpfen größten deutschen Türkengemeinde, läuft ein heißes Geschäft mit »Türkce Video Kasetler«. Nach einer Emnid-Umfrage besitzen 53 Prozent aller türkischen Haushalte in Berlin einen Videorecorder, sehen 90 Prozent der Befragten daheim oder bei Verwandten Videofilme, die Hälfte von ihnen mindestens fünf, 15 Prozent gar zwischen sechs und neun Stück in der Woche.
Rund ein Dutzend in Deutschland ansässige türkische Kopierfirmen beliefert die Verleiher, in West-Berlin an die 80. Ganz genau weiß es niemand, weil nur die wenigsten als reine Videotheken firmieren. Meist gehen die Kassetten bei Reisebüros, Friseuren, Grünhökern und
Trödlern nebenbei über den Tresen - bei beträchtlichem Geschäftsvolumen.
Mehr als 800 türkische Titel auf weit über 300 000 Kassetten sind im Umlauf - zu jeweils 20 bis 23 Prozent Komödien, Musikfilme und Melodramen aus der türkischen Unterhaltungsfilmindustrie. Aber Porno auf türkisch kommt immerhin auch schon auf über fünf Prozent.
Eine türkische Videothek am Kottbusser Damm etwa hat binnen elf Monaten 11 457 Kassetten an 349 feste Kunden verliehen. Die videowütigsten unter ihnen brachten es mühelos auf 30 Filme im Monat. Stammkunde Balik gab binnen zehn Monaten 1060 Mark für Videogucken aus. Kunde Akgusch gar 870 Mark binnen vier Monaten - das war für 174 Kassetten, alle zwei Tage drei neue.
Zwar wird der Videokonsum fast ausschließlich mit geliehenen Konserven bestritten, doch ein kleines Kontingent selbstgemachter Filme gehört auch dazu, durchschnittlich fünf bis zehn Kassetten pro Videohaushalt und vorzugsweise in Schmuckschatullen und Dekorboxen verwahrt.
Die türkische Recorder-Gemeinde ist abgeschottet gegen Entwicklungen der ebenfalls ARD-müden Videocity Berlin, deren Szene neben dem Angebot der Videotheken - über 4000 Titel - sich zunehmend an neuen Bildschirminhalten delektiert: Videoclips und Rockfilme in den New-Wave-Läden Schönebergs,
Videoartistik in den Galerien, hausgemachte Politstreifen in alternativen Medienläden und neuerdings auch »Schrägspur«, eine Stadtzeitung auf Band.
Die türkischen Videokonsumenten begnügen sich im wesentlichen mit Kommerzqualität aus dem Mutterland. Sozialkritische Filme, die das türkische Kino im westlichen Ausland bekanntgemacht haben, sind kaum gefragt. So sind von dem international renommierten Regisseur Yilmaz Güney ("Yol - der Weg") vorwiegend Filme aus jener Zeit, da er noch Schauspieler war und in Karaoglan-Schinken auftrat, im Verleih.
Immerhin erfüllen solche türkischen Filme den Wunsch der von den deutschen Funkmedien hinsichtlich Sendezeit und -plazierung stiefmütterlich behandelten Türken nach Unterhaltung in der Muttersprache und bestärken sie in der angestammten kulturellen Identität. Das freilich machen sich auch die Vertreiber rechtsradikaler und religiöser Agitpropfilme zunutze, das rechtslastige Videoangebot nimmt zu.
Bei vielen Türken ist dieser teils problematische Rückzug ins Heimatliche eine Antwort auf die im westdeutschen Umfeld vielfach erlebten Diskriminierungen und Enttäuschungen, zugleich aber auch Indiz für eine »endgültige Abkoppelung« von den Deutschen, »da der für ein Funktionieren des gesellschaftlichen Lebens notwendige Informationsfluß zu versiegen droht« - so der Medienexperte Dietrich Klitzke, der das Türken-Video untersucht hat. _(Dietrich Klitzke: »Das 4. Programm - ) _(Studie zum türkischen Videomarkt«. ) _(Express-Edition, Berlin; 24,80 Mark. )
»Sie versuchen der sozialen Isolierung durch Flucht ins Video zu entfliehen«, sagt der türkische IG-Metall-Sekretär Necati Gürbaca. »Und das Ergebnis ist noch mehr Isolation.«
Berlins Senat versucht das aufzufangen, Aufklärungsvideos werden den Kassettenvertreibern zum Gratisverleih überlassen. Ein Senatsstück über Aufenthaltsberechtigung etwa wurde binnen Quartalsfrist immerhin 1000mal entliehen. Der beigelegte Fragebogen nach weiteren Informationswünschen ergab Nachfrage zu Themen wie Arbeitslosigkeit, Wohnungssuche, Militärdienst in der Türkei - sowie die Anregung, Informationsfilme über die türkische Minderheit zu produzieren und in den Videotheken der Deutschen ebenfalls gratis anzubieten.
Derweil sind schon erste soziale Auswirkungen des Videokonsums innerhalb der türkischen Gemeinde Berlins zu erkennen - die »Droge Video« (Barbara John) beginnt festgefügte türkische Gewohnheiten zu sprengen. So ändert sich der Ablauf gegenseitiger Besuche, früher ein unumstößliches Freizeitritual. »Besucher bringen jetzt Kassetten mit«, klagt Gewerkschafter Gürbaca. »Und nach dem Essen sitzt man dann stundenlang vor der Glotze.«
Dietrich Klitzke: »Das 4. Programm - Studie zum türkischenVideomarkt«. Express-Edition, Berlin; 24,80 Mark.