Du oder ich - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 22 / 92

PRESSE Du oder ich

Das Duell im größten deutschen Zeitungsverlag ist entschieden. Vorstands-Vize Prinz trat bei Springer zurück. Konzernchef Tamm, ein Freund Helmut Kohls, bleibt mit dessen Hilfe im Amt. *
• aus DER SPIEGEL 21/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Dienstag letzter Woche wurde Peter Tamm 59 Jahre alt, und seine Mitarbeiter beim Axel Springer Verlag hatten mal wieder Mühe, dem Vorstandsvorsitzenden ein geeignetes Geschenk für seine Seefahrt-Sammlung zu machen. Tamm, früher Schiffahrtsredakteur bei Springers »Hamburger Abendblatt«, hortet in seinem Hamburger Haus schon 15000 Schiffsmodelle und 30000 Bücher.

Doch dann wurde dem Verlagschef doch noch Neues zuteil: Sein Stellvertreter Günter Prinz, 57, Redaktionsdirektor von »Bild«, »Bild am Sonntag«, »Bild der Frau« und »Auto Bild«, reichte seinen Rücktritt ein. Prinz, hieß es in einer Verlagsmitteilung, habe von einem »Sonderkündigungsrecht Gebrauch gemacht«, das ihm einst noch Axel Springer eingeräumt hatte.

Der schöne Nebeneffekt dieser Vertragsklausel ist für ihn eine Steuerersparnis von über einer Million Mark. Denn Prinz bekommt nach seiner Kündigung zum kommenden Jahreswechsel seine vollen Bezüge für die restlichen zweieinhalb Jahre seines Fünfjahresvertrags - zu einem reduzierten Steuersatz, wie bei solchen Abfindungen üblich.

Dem Rücktritt von Prinz war ein schweres Zerwürfnis der beiden Konzernchefs vorausgegangen (SPIEGEL 14/1987). Tamm und Prinz beschuldigten sich gegenseitig, einer habe den anderen demontieren wollen. Nun bedauert Tamm »es ganz außerordentlich, daß es durch irgendwelche Umstände so weit gekommen ist«.

Das Rätsel um das konfliktträchtige Irgendwie in der Springer AG ist damit zu erklären, daß es sich bei dem Duell nicht nur um eine Zwei-Personen-Fehde handelte. Mitgemischt haben Großaktionäre wie die Brüder Franz und Frieder Burda, die über Tamms sperrige Distanz verärgert waren, aber auch der Aufsichtsratsvorsitzende Bernhard Servatius, der mit dem Vorstandschef eine Art Idealkonkurrenz um Axel Springers verlegerisches Erbe austrägt - allerdings nicht immer in harmonischem Duett.

Ins Gehege gekommen waren sich der Manager und der Aufseher schon, als Alleinverleger Springer den Hamburger Prominentenanwalt Servatius im Dezember 1984 zum Vorsitzenden einer- in Abwesenheit des Verlegers tagenden-Geschäftsführerkonferenz bestellt hatte. Servatius stellte sich daraufhin, wie dem Verleger hinterbracht wurde, bei Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundespräsident Richard von Weizsäcker als designierter Nachfolger Axel Springers vor.

Nach Springers Tod im September 1985, der Verleger hatte die Aktienmehrheit zuvor verkauft, pochte Servatius als Testamentsvollstrecker abermals auf Mitsprache. Doch Tamm erklärte den Vorstand, und damit sich selbst, zum »Verleger und Unternehmer in einem« und drängte Servatius ab, der sich freilich mit Prinz besser verstand.

Dann verdarb es Tamm auch mit der Deutschen Bank, die als Springer-Depotbank durch ihren Sprecher Friedrich Wilhelm Christians im Springer-Aufsichtsrat vertreten ist. Denn um die Jahreswende kursierten Gerüchte über den Verkauf eines Tamm-eigenen Springer-Aktienpakets an den Münchner Filmgroßhändler Leo Kirch, der eng mit der Frankfurter DG-Bank liiert ist. Tamms Schicksal schien besiegelt - obwohl der Vorstandschef den Kirch-Deal dementierte und auch Prinz ein gleichartiges Ein-Prozent-Paket (für weit über zehn Millionen Mark) verkauft hatte.

Die Vorgänge ramponierten auch die Beziehungen zwischen Tamm und Prinz. Jahrelang war ihr Verhältnis kaum getrübt gewesen - zumal Tamm, der bei Springer einst in Ungnade gefallen war, durch gutes Zureden von Prinz beim Verleger »vom Strick geschnitten« worden war, wie der Helfer einmal scherzte.

Nach dem Ausscheiden des »tüchtigen und erfolgreichen Journalisten«, wie Tamm auch heute noch über Prinz sagt, ergibt sich das erstaunliche Faktum, daß beim größten deutschen Zeitungskonzern kein Blattmacher mehr im Vorstand sitzt. Nicht zuletzt dank Prinz ist die »rote Gruppe«, wie die »Bild«-Objekte konzernintern nach ihren Emblemen _(Oben: mit Verlegerwitwe Friede ) _(Springer, Kohl am 29. April bei der ) _(Eröffnungs-Gala des Springer-Verlags zu ) _(den 750-Jahr-Feiern in West-Berlin; ) _(unten: Am 9. März beim Andruck der ) _("Ja«-Erstausgabe in der ) _(Springer-Druckerei in Ahrensburg. )

genannt werden, das Kernstück des Unternehmens.

Das gnadenlos erfolgreiche Ausschlachten privater Tragödien, das Aufmotzen von Sex- und Verbrecherstorys betrieb der schlesische Fabrikantensohn mit professioneller Kälte und populistischem Instinkt. Zehn Jahre, bis 1981, war Prinz selbst »Bild«-Chefredakteur gewesen, hatte die Redakteure getriezt und die Auflage um 1,4 Millionen auf 4,7 Millionen hochgetrieben.

Die »blaue Gruppe« hingegen, »Welt« und »Welt am Sonntag«, und die meisten Zeitschriften des Springer-Konzerns führte Prinz am längeren Zügel. Intensiv kümmerte er sich um die im März gestartete Wochenillustrierte »Ja«, die nach großem Werberummel nur wenig Käufer fand. Mit Sextiteln mühsam auf 450000 Auflage gehievt, soll die neue Zeitschrift in den nächsten Wochen nachrichtlicher getrimmt werden, bevor über ihr Schicksal entschieden wird.

Während sich Prinz seinen Redaktionen mit unterschiedlicher Aufmerksamkeit widmete, hat Tamm den Chefredakteuren bereits mehr Gleichberechtigung zugesagt - wohl ohne einen Prinz-Nachfolger im Vorstand.

Professionelle Unterschiede ganz anderen Kalibers hatten schon in den wachsenden Konflikt zwischen Tamm und Prinz hineingespielt. Als die Führungsschwäche Helmut Kohls Mitte 1985 den Kanzler in ein öffentliches Meinungstief stürzte, berichtete auch die »Bild«-Zeitung: »Kohl - der Riese wankt«. Prinz berief sich dabei auf die »Aufgabe einer Tageszeitung«, über »die Ereignisse des Tages zu berichten - egal, ob sie positiv oder negativ für den Betroffenen, in diesem Falle Kohl, sind«. Kohl beschwerte sich über solche Berichte bei Tamm und fand ein offenes Ohr für seine Klagen.

Der Kanzler, der nach einem geflügelten Bonner Wort seine Freunde nicht vergißt, half auch Freund Tamm aus der Klemme, als der im Springer-Aufsichtsrat ins Wanken geriet. Tamm: »Ich habe ihn nicht darum gebeten.« Zuerst intervenierte Kohl bei Servatius und Christians. Nach gelungener Rettung des Vorstandschefs lobte der Bundeskanzler beim Springer-Fest zur Berliner 750-Jahr-Feier, daß die Tamm-Crew »das Ruder im Hause fest in der Hand« halte.

Prinz war es, der über Bord ging. Er setzte sich in Urlaub nach Venedig ab und antwortet vieldeutig auf umlaufende Gerüchte, daß er eine eigene Presse-Consulting-Firma plane: »Ich schließe das nicht aus, ich schließe im Moment gar nichts aus.«

Im Frühjahr war er weniger unentschieden. Da legte er sich im Zorn über den von Tamm geäußerten Verdacht, er habe sich an der Kampagne gegen Tamm beteiligt, mit einer Alternative für den Abgang fest: »Du oder ich.« Tamm, nach dem Shoot-out: »Sehr schade.«

Oben: mit Verlegerwitwe Friede Springer, Kohl am 29. April bei derEröffnungs-Gala des Springer-Verlags zu den 750-Jahr-Feiern inWest-Berlin;unten: Am 9. März beim Andruck der »Ja«-Erstausgabe in derSpringer-Druckerei in Ahrensburg.

Zur Ausgabe
Artikel 22 / 92