PARTEIEN / SPD Du, Willy
Student Jörg Rommerskirchen, Hamburg 70, Helbingatralle 4, fühlte sich nicht angesprochen. Vier Wochen nach seinem Übertritt von der CDU zur SPD begrüßte ihn der sozialdemokratische Hauskassierer an der Tür: »Hallo, ach du bist der neue Genosse!«
Was der Sohn des CDU-Bundestagsabgeordneten Josef Rommerskirchen »seltsam« fand, »dieses Duzen, als ob wir uns schon seit Jahren kennen würden«, rief am Tag vor dem dritten Advent auch andernorts Widerspruch hervor -- auf dem Bezirksparteitag der pfälzischen SPD in Kaiserslauterns Fruchthalle.
Dort begehrte der Ortsverein Ludwigshafen-Süd von den Delegierten die Empfehlung an den Bundesparteitag: »Die Anrede »Genosse« ist offiziell nicht mehr zu gebrauchen«, denn diese Anrede -- so die Begründung -- »stößt bei Nichtmitgliedern auf Unverständnis. Sie stammt aus einer Zeit der Kampfgemeinschaft ... Inzwischen ist ein Wandel in der Struktur unserer Partei eingetreten«.
Und den Wandel markierte sogleich Kaiserslauterns Oberbürgermeister Dr. Hans Jung, der die Delegierten begrüßte: »Meine Damen und Herren, liebe Freunde und -- ich bitte die Delegierten von Ludwigshafen-Süd um Nachsicht -- liebe Genossinnen und Genossen.«
Das Wort ist vieldeutig. »Genossen«, lehrt der Große Brockhaus in seiner 17. Auflage, waren ursprünglich »diejenigen, die auf der gleichen Weide Vieh hielten«. Im 19. Jahrhundert erhielt die Vokabel für rechtliche und wirtschaftliche Gemeinschaft politischen Rang: 1879 regte der SPD-Historiker Franz Mehring an, die Anrede »Genosse« zu verwenden. Und seither hat der Ausdruck Gemütswert.
Für Parteiveteranen verbinden sich Anrede und das vertrauliche Du mit der Erinnerung an Aufmarsch und Aufbegehren, an Verfolgung und Verfemung: im Kaiserreich, das sie als »vaterlandslose Gesellen« behandelte, in der Weimarer Republik, in der sie als »Vaterlandsverräter« diffamiert wurden, im NS-Reich« das sie in Emigration oder in die Konzentrationslager trieb.
Wie schwer Deutschlands traditionsreichster Partei der Abschied vom Genossenschaftswesen fällt, offenbarten die Pfälzer Sozialdemokraten: Der Bezirksvorstand in Kaiserslautern lehnte den Ludwigshafener Antrag ab, weil »kein Parteitag über so etwas abstimmen kann« (Rudolf Kaffka, MdB und stellvertretender Bezirksvorsitzender).
Der Vorstoß des Ludwigshafener Ortsvereins ist freilich nicht der erste gescheiterte Versuch, die Ballonmützen-Anrede abzuschaffen, Schon 1962 lag dem Bundesparteitag der Sozialdemokraten in Köln ein Antrag vor, die »Genossen« durch »Parteifreunde« zu ersetzen -- aber die Delegierten gingen ohne Diskussion zur Tagesordnung über.
Damals wollten einige Genossen keine solchen mehr sein, weil sie die Anrede »durch den dauernden Mißbrauch von seiten der kommunistischen Partei- und Staatsorgane ... entwertet« glaubten; heute gibt es hingegen -- so der Ludwigshafener Antragsteller Willi Kußmaul -- »das Problem des absoluten Du im Umgang mit den neuen Ministern«,
Für die SPD-Minister selber allerdings ist das absolute Du kein Problem mehr. Wenn sie in Bonn zur Kabinettsitzung gehen, bleibt das Du draußen, und die Genossen reden sich protokollgerecht mit »Herr Bundeskanzler« oder »Herr Minister« an. Obschon nach Ansicht eines Kanzleramtbediensteten Vertraulichkeiten mit dem Kanzler ("Du, Willy, hör mal") »nicht der Arbeit im Koalitions-Kabinett dienen« würden, halten sich nicht immer alle an das Bonner Duz-Dogma.
Während sich in der Hauptstadt und in der Provinz die Sozialdemokraten noch immer nicht daran gewöhnen können, Herren zu sein, ist diese Frage von einem alten Genossen längst entschieden worden. Seit 1964 eröffnet Vize Herbert Wehner, der die SPD schon von mancher Überlieferung befreite, die Parteitage mit der Formel: »Herr Oberbürgermeister! Exzellenzen! Meine Damen und Herren! Liebe Freunde der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands!«
* Von links: Fraktionschef Wehner, Bundesminister Möller, Leber, Schmidt.