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Dublin

An der Liffey schuf EU-Förderung die Grundlage für das Wirtschaftswunder.
• aus DER SPIEGEL 34/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Chris Horn ist der Vizepräsident der Firma Iona Technologies und legt wenig Wert auf ein protziges Büro. Darin stehen ein schlichter heller Schreibtisch und ein paar Bücher, nur ein Foto an der Wand verrät, dass seine Karriere lange schon abgehoben hat - es zeigt eine B-29. »Das ist der Flugzeugtyp, von dem aus 1945 die Atombombe auf Hiroshima abgeworfen wurde«, sagt er. Er flog die Maschine vor ein paar Jahren über Seattle. Boeing gehört zu den Kunden von Iona Technologies.

Horns Firma produziert Bausteine, welche die Software anderer Hersteller integrieren und sie miteinander kommunizieren lassen. 370 Angestellte arbeiten für ihn weltweit, 120 davon in der Firmenzentrale in Dublin. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Iona einen Umsatz von 77,8 Millionen Dollar. Zu den illustren Kunden gehören mittlerweile auch Motorola, Nokia und AT&T, Air France, Reuters oder die Lufthansa.

Horn, 50, blond, offener Kragen, gutmütiges Lächeln, ist ein lässiger Vertreter der kreativen Klasse. Er kam als kleiner Junge nach Dublin, als Sohn eines englischen Tennislehrers. Ihm gefällt heute noch besonders gut an der Stadt, dass er, egal wo er sich gerade aufhalten mag, den Schrei der Möwen hören kann, die in der Dublin Bay kreisen.

Iona Technologies schreibt eine der vielen Erfolgsgeschichten in diesem Land, das sich in nur 20 Jahren rasant modernisiert hat: Innerhalb einer Generation entwickelte sich Irland von einem der ärmsten Länder Europas zu dem mit dem zweithöchsten Pro-Kopf-Einkommen in der EU. Kein Wunder, dass der »keltische Tiger« inzwischen Vorbild ist, vor allem für die neuen EU-Staaten aus Osteuropa.

Dieses moderne Irland besteht im Kern aus Dublin, und nirgends ist die Veränderung besser zu besichtigen als im Hafen der Hauptstadt, wo noch vor 30 Jahren der Hauptexportschlager - Rinder - in die Schiffe getrieben wurde und sich nun die Glas- und Stahlpaläste der Hightech-Unternehmen aneinanderreihen.

Dublin, früher der Inbegriff der »Dirty Old Town«, der schmutzigen alten Stadt, schließt mit seiner Mischung aus frisch geschrubbten, restaurierten Ziegelbauten und moderner Architektur auf zu den europäischen

Metropolen. Sogar die Liffey, Dublins Fluss, wird wiederentdeckt. Von James Joyce noch als eine Art flüssige Müllkippe, als »sniffy«, als »stinkend«, geschmäht, suchen jetzt schicke Restaurants und teure Hotels, wie das von der Rockband U2 erworbene »The Clarence«, die Nähe des mythenumwobenen Stroms. 230 Euro kostet das günstigste Zimmer; das Haus soll so gut wie immer ausgebucht sein.

Der neue Reichtum hat sich mit großen Limousinen und Designer-Boutiquen in das Stadtbild hineingefräst. Im neuen Irland gibt es, gemessen an der Einwohnerzahl, fast so viele Millionäre wie in der Zentrale des Kapitalismus, den USA. Chris Horn ist einer von ihnen.

Für den ungewohnten Wohlstand sorgten die Milliarden, die seit dem Beitritt Irlands zur Europäischen Gemeinschaft im Jahr 1973 nach Dublin und Umgebung flossen, und geschickte Regierungen, die diese Flut an Subventionen gut anlegten und umsichtig verteilten.

Vor 20 Jahren, 1987, schloss überdies die Regierung mit den Gewerkschaften und den Arbeitgebern einen Sozialpakt, in dem sie Steuersenkungen und geringe Lohnerhöhungen beschlossen - diese Art korporativer Staat ist ein wesentlicher Grundstein für das Wirtschaftswunder.

So konnte die Industrial Development Agency, eine staatliche Behörde, vorzugsweise Hightech-Unternehmen ins Land locken. Große IT-Konzerne aus den USA wie Intel, Microsoft, IBM oder Dell siedelten sich rund um Dublin an. Angezogen durch die niedrige Körperschaftsteuer und die englische Sprache, betrachten viele Firmen die Hauptstadt als Brückenkopf zum europäischen Markt.

Insgesamt 1100 ausländische Firmen gibt es in Dublin, 45 000 Ausländer arbeiten in der Großregion mit ihren rund 1,2 Millionen Einwohnern: auf dem Bau oder in Callcentern, als Ärzte oder Ingenieure, als Gärtner oder Klempner.

In kaum einem anderen Land Europas löst die Globalisierung mehr dynamische Veränderungen aus als im veränderungsbedürftigen Irland. Mit mehr als 250 000 neuen Arbeitsplätzen in zehn Jahren weist das Land eine besonders hohe Steigerungsrate in der industrialisierten Welt auf. Nach Singapur und Belgien ist Irland heute pro Kopf der drittgrößte Exporteur der Welt. Damit dies so bleibt, treibt der Staat die Bildungsoffensive der vergangenen Jahrzehnte weiter voran: Rund 90 Prozent der irischen Schüler erlangen die Hochschulreife. Zum Vergleich: In Deutschland sind es lediglich 37 Prozent.

Deshalb treffen die Firmen in Dublin auf hochmotivierte junge Leute, die an einer der fünf Hochschulen in der Hauptstadt studieren und momentan noch ziemlich leicht ziemlich gute Jobs finden.

Chris Horn gehörte dazu. Nach dem Abitur besuchte er das Trinity College, Hauptfach Informatik. »Die Computer waren zum Teil zwei Jahre oder älter«, sagt Horn, »aber die Firmen schenkten uns fortlaufend neue.« Die Lehrer seien in ihren späten Zwanzigern oder frühen Dreißigern gewesen, sagt Horn. »Jeder kannte jeden.«

Als dann die EU ein Forschungsprojekt ausschrieb, dessen Ziel es sein sollte, in Europa eine einheitliche Software-Architektur zu erfinden, hatte Horn sein Lebensthema gefunden. Große Firmen wie Olivetti oder Siemens zeigten wenig Interesse. Gemeinsam mit seinen Partnern Sean Baker und Annrai O'Toole gründete Horn im Jahr 1991 Iona. Das Firmenkapital betrug 3600 Euro, fast die gesamten Ersparnisse der jungen Unternehmer flossen hinein.

Zwölf Monate tingelten sie von Bank zu Investor und weiter zum Geldgeber, der Leuten wie ihnen Startkapital gab. Niemand aber sah eine Zukunft für die drei. »Nach 40 Meetings gaben wir auf«, erzählt Horn. Sie verlegten sich auf einen Beratungsservice, vorerst. Mit den Profiten stellten sie ihr erstes Produkt her: Orbix, ein Integrationsbaustein für die Software anderer.

Es folgten, wie bei vielen Technologieunternehmen, der Blitzaufstieg und die Katastrophe. 1997 ging Iona an die Börse,

eine Aktie kostete 18 Dollar, zwei Jahre später war sie 105 Dollar wert, wieder drei Jahre später 1,50 Dollar.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Chris Horn mit einem Paket im Wert von 250 Millionen Dollar aus dem aktuellen Geschäft zurückgezogen.

Er sagte zu seiner Frau: »Ich versuche jetzt die Firma zu retten und hoffe, dass ich in zwei oder drei Jahren noch einmal die Chance bekomme, mich zurückzuziehen.«

Heute steht sein Laden wieder ganz gut da, findet er. 138 Millionen Dollar Börsenwert, drei Dollar die Aktie, große Filialen im kanadischen St. John's, in Peking und Boston. Im Dubliner Hauptquartier drängen sich gutausgebildete Fachkräfte aus vielerlei Ländern: Moldauer, Letten, Niederländer und Franzosen sind darunter. Das ist so etwas wie eine kleine Internationale der kreativen Klasse.

Horns Leute leben gern eine Weile in dieser jungen Stadt mit ihren zahllosen Kneipen, Bars und Restaurants. Sie tragen bei zum neuen liberalen Flair, das allmählich den grundkonservativen Katholizismus des Landes auflockert.

Auch der Vizepräsident Horn mag seine Stadt noch immer. Der Laden läuft wieder, die Firma ist gerettet, und eigentlich kann er jetzt über seinen zweiten Rückzug nachdenken. THOMAS HÜETLIN

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