Dünne Luft - DER SPIEGEL
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Chile Dünne Luft

Ein Bergarbeiter-Streik stürzte Chile in eine Staatskrise. Ein Militärputsch scheiterte -- aber das verschafft Chile nur eine Atempause.
• aus DER SPIEGEL 28/1973
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Der Lug von 150.000 Demonstranten staute sich vor der Moneda, dem Sitz der Regierung in Santiago. Zwei Tage nachdem Präsident Allende einem Mordversuch entgangen war, feierte Chiles Volksfront ihren Volkshelden in gereimten Sprechchören. An die Spitze der Menge hatten Allendes Strategen Bergarbeiter aus den Kupferminen von El Teniente gestellt, in ihren silberfarbenen Aluminium-Helmen besonders dekorative Proletarier. Allende bedankte sich für die Treue, die Mineros lobte er als die »Speerspitze der chilenischen Revolution«.

Das war im September 1970, wenige Wochen vor der Inauguration des Marxisten Salvador Allende zum chilenischen Staatspräsidenten. Am vorletzten Sonnabend, als über hunderttausend linke Chilenen erneut vor die Moneda zogen, fehlte die Speerspitze aus dem Kupferrevier. Zuvor hatten 150 Offiziere und Soldaten des 2. Panzerregiments versucht, unter dem Feuerschutz von vier Panzern den Präsidenten-Palast zu stürmen. Allende als Geisel zu nehmen und damit der Volksfront gewaltsam ein Ende zu machen. Doch der dilettantisch inszenierte Putsch schlug fehl. Weder Armee noch Volk schlossen sich dem Aufstand des unbekannten Oberst Souper an.

Die Mineros von El Teniente freilich fehlten nicht nur in der Dank-Prozession. Mit einem Ausstand von 75 Tagen dem längsten Lohnstreik in der neuen Geschichte Chiles – hatten die Kupferarbeiter die Volksfront-Regierung in ihre bisher schwerste Krise gestürzt und damit die rechte Opposition zum Staatsstreich ermuntert. Um seine Autorität zu retten. mußte der Marxist Allende gegen die Streikenden sogar Militär einsetzen, ein Kombifahrer wurde dabei erschossen, ein Bilderbuch-Bei spiel kapitalistischer Unterdrückung.

Auf der Seite Allendes hatte die Mehrheit der Kupferkumpels, besonders auf der Mine El Teniente, nie gestanden. Die riesige Abraumhalde in 2000 Meter Höhe, etwa 80 Kilometer südlich von Santiago, war von der amerikanischen Firma Braden Copper, Tochter der Kennecott-Gesellschaft, projektiert worden. Die hohe Rendite erlaubte es den Amerikanern, für die harte Arbeit in dünner Luft chilenische Spitzenlöhne zu zahlen: drei- bis viermal soviel wie die Facharbeiter in der Industrie, zwischen 1000 und 2000 Mark im Monat. Die Kumpel konnten ihre feuchten Elendsquartiere auf dem Berg gegen schmucke Einfamilienhäuser in der Ebene von Rancagua eintauschen, dort gibt es ausreichend Schulen, Kindergärten, Kneipen und Kinos. Als Allende die Enteignung der Amerikaner ankündigte, klatschten die Bergarbeiter noch Beifall. Doch schon auf der Kundgebung zum 1. Mai 1971 mußten sie sich vom Präsidenten sagen lassen: »Wenn ihr glaubt, die Minen gehören jetzt euch, dann seid ihr im Irrtum: Sie gehören dem ganzen Volk«

Die Kupferkumpel stellten auf Langsamarbeit um; außerdem fielen die Weltkupferpreise. Allendes Plan, das sozialistische Experiment per Kupferexport zu bezahlen, war gescheitert. Als der Präsident im April wegen der Inflation allen Arbeitern eine Lohnerhöhung von 60 Prozent zubilligte, forderten die Kupferarbeiter für sich weitere 41 Prozent. Allende lehnte ab. Damen von den Oppositionsparteien sammelten für die Streikkasse der Bergarbeiter, Rollkommandos der extremen Rechtsgruppe »Vaterland und Freiheit« überfielen in Rancagua das Büro der Kommunistischen Jugend. Auf dem von der Regierung verbotenen Marsch von 7000 Mineros auf Santiago schoß die Armee, ein Student starb. Der Arbeitskampf weitete sich zur Staatskrise aus. Die rechte Opposition setzte seit November 1970 Verfassungsklagen gegen 5 Minister und 20 Provinzgouverneure durch – sie blockiert das Gesetz über die Verteilung von enteignetem Land an Landlose. Auch die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien und das Gesetz, das die private Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel begrenzt, wollen die Allende-Feinde wieder aufheben.

Damit wäre Allendes Experiment gescheitert, Sozialismus unter Verzicht auf Zwang und Parteikontrolle einzuführen. Chiles Bürgertum, durch den Sozialismus um hohe Rendite und bequeme Pfründe gebracht, reagiert auf die Volksfront mit Produktions-Boykott und dem Hamstern von Waren. Gerettet wurde der bedrängte Präsident, der in beiden Kammern des Parlaments keine Mehrheit hat, am vorletzten Freitag nur von der Armee, die ihre Treue zur Verfassung und damit den Gehorsam auch gegenüber einem marxistischen Staatspräsidenten über den Streit der Parteien stellt. Die Generale haben dem Allende-Regime eine Atempause verschafft, die Mehrheit des Volkes scheint nach dem Putsch wieder auf seiner Seite zu stehen. Allende konnte es sich sogar leisten, den Streit mit den Bergarbeitern von El Teniente beizulegen: Er erkannte die Forderungen rückwirkend an.

Ob die Frist für die Volksfront freilich reicht, bezweifelt selbst Allende. Ein Bürgerkrieg – so vertraute er »Newsweek« an – ist jeden Moment möglich. Im Sender »La Voz de los Andes« schloß er sogar nicht aus, daß die Volksfront an der Revolte der Rechten zerbricht. »Dann wird ein faschistisches Regime an die Macht kommen.« Im bolivianischen Exil sollen nach Berichten der Volksfront-Zeitung »Ultima Hora« bereits die chilenischen Ex-Offiziere Arturo Marshall und Roberto Jara 3000 rechte Emigranten im Guerilla-Kampf drillen – für eine chilenische Schweinebucht-Aktion.

* Tohá, der Verteidigungsminister wenige Stunden nach dem Putsch die Moneda inspizierte, wurde am Freitag nicht in das neue Kabinett berufen.

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