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Spanien Dummer Fehler

Ein Geheimkommando flog auf: Die blutrünstigen baskischen Terroristen sind Franzosen.
• aus DER SPIEGEL 16/1990
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Den Richter Jose Francisco Mateu Canovas schossen sie 1978 auf offener Straße nieder. Auf General Victor Lago Roman leerten die Mörder 1982 das ganze Magazin einer Maschinenpistole. Vizeadmiral Cristobal Colon de Carvajal warfen sie 1986 eine Handgranate ins Auto.

Dann wurde es noch schlimmer: 50 Kilo Sprengstoff zerfetzten 1987 einen Autobus voller Soldaten - zwei Tote, 40 Verletzte. Fünf Kinder, zwei Frauen und vier Beamte starben im selben Jahr, als eine raffinierte Autobombe die Kasernenwand der Guardia Civil in Zaragoza aufriß. Die Staatsanwältin Carmen Tagle wurde im vergangenen Jahr von zwei Pistolenschützen vor ihrem Garagentor niedergestreckt.

Das alles, und noch weit mehr, ist das Werk eines einzigen Kommandos der baskischen Terror-Organisation Eta - »Euskadi Ta Askatasuna« (Baskenland und Freiheit). Zwölf Jahre lang hielt ein winziger Stoßtrupp von Attentätern die Polizei zum Narren. Die vermutete zwar, daß ein von der Organisation der Eta losgelöstes »Mobiles Kommando« existieren mußte - doch es gab nie einen verwertbaren Hinweis.

Nun löste sich das Rätsel wie von selbst, durch einen dummen Fehler, so scheint es, oder durch Verrat, wie baskische Nationalisten vermuten. Vorletzte Woche gab ein junger Mann in der Nähe von Sevilla Gas, als ihn ein Beamter der Guardia Civil zur Kontrolle an den Straßenrand winkte.

Eine Nagelsperre zerriß hundert Meter weiter die Reifen des davonrasenden Wagens, der Fahrer entleerte zwei Magazine seiner SIG-Sauer Neun-Millimeter-Pistole auf die Beamten, dann fällten die ihn mit einem Tritt in die Hoden. Im Auto fanden sie 300 Kilo Sprengstoff.

»Wenn der den Paß gezeigt hätte, wäre er unbehelligt durchgekommen«, staunte ein Polizeibeamter. Denn der gefaßte Terrorist ist Franzose - und hätte wohl noch jahrelang unerkannt weitermorden können.

Mindestens 33 Menschen hat Henri Parot, Jahrgang 1958, auf dem Gewissen. Eine Zündvorrichtung in seinem Wagen war identisch mit dem Mechanismus der Autobombe von Zaragoza. Acht Stunden Verhör genügten, um ihn zum Reden zu bringen.

Dann schlug in Frankreich die Polizei zu: In Bayonne, Anglet und Biarritz faßten Beamte der Antiterrorpolizei Raid über 20 Verdächtige, nicht wie sonst bei solchen Aktionen spanische Exil-Basken, sondern Bürger ihrer eigenen Republik. Neun wurden nach Paris verfrachtet, darunter der Benediktiner-Novize Philippe Saez und die letzten Kampfgefährten Parots, Frederic Haremboure und Jacques Esnal.

»Die baskischen Gudaris (Freiheitskämpfer) waren französische Söldner«, frohlockte am darauffolgenden Tag die konservative Madrider Tageszeitung ABC, und El Mundo bekräftigte: »Die Pistolen der Eta sprechen Französisch.«

Die Schadenfreude hat tiefe Wurzeln: Seit Jahren klagen die Spanier, daß Frankreich nur halbherzig gegen die Terroristen aus dem Nachbarland vorgehe. Ministerpräsident Felipe Gonzalez pocht zwar immer auf die »besondere Freundschaft« mit Frankreichs Francois Mitterrand, sind doch beide Sozialisten, aber inoffiziell klagen Beamte über französische Erpressungsversuche. Erst nachdem sie den Spaniern ihren Hochgeschwindigkeitszug TGV verkauft hätten, bequemten die französischen Behörden sich, Eta-Flüchtlinge gründlicher zu verfolgen.

Auch ideologische Gründe mögen die Sozialisten im Nachbarland gehemmt haben. »Die haben lange nicht geglaubt, daß wir auch demokratisch sind, sie hatten ein schlechtes Gewissen gegenüber den vermeintlichen Freiheitskämpfern der Eta«, meint ein baskischer Politiker. »Als in Frankreich die Rechten regierten, war die Zusammenarbeit viel intensiver.«

Doch nun hat Paris den Untersuchungsrichter Gilles Boulouque, der schon heimische Terroristen von der »Action directe« durch die Mangel zog, auf die Basken angesetzt. Er wird freilich suchen müssen, wo bisher niemand fahndete. Denn das »Mobile Kommando« der Eta war so raffiniert organisiert, daß nicht einmal die Mitglieder der Terrororganisation selbst eine Ahnung davon hatten.

»Ich wurde 1978 von Domingo Iturbe angeworben«, gestand Parot in Sevilla. Bekannt als »Txomin«, war Iturbe der letzte charismatische Führer von Eta, der, noch während er Fühler zur Regierung in Madrid ausstreckte, die teuflischste Waffe schmiedete, über die Eta je verfügte. Nur er allein wußte, daß französisch-baskische Mietmörder für 5000 Franc pro Kopf und Monat fortan für seine Vorstellung von einem freien Baskenland töteten.

Die Finte funktionierte zwölf Jahre lang. Unbelästigt von Fahndern reiste Parot als Vertreter einer Rohrfabrik legal nach Spanien.

Auch die anderen Mitglieder der Truppe hatten einwandfreie Legenden - oder reisten als Touristen. Nach gelungenem Attentat brachte sie der französische Ausweis problemlos durch alle Sperren.

Als »Txomin« 1987 in Algerien bei einem Unfall starb, übernahm sein Nachfolger die Kontrolle über die Phantom-Killer. Die Schlagkraft der Truppe verlieh dem Erben Francisco Mugica Garmendia alias »Artapalo« ein gewaltiges Gewicht in der Organisation. Bestrebungen seiner Kampfgenossen, die über Frieden verhandeln wollten, konnte er durch seine blutrünstigen Anschläge vereiteln.

Die 300 Kilo Sprengstoff in Parots Auto sollten in Sevilla das Polizeipräsidium und die Baustelle der Weltausstellung 1992 treffen. f

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