FERNSEHEN Dummerchens Lied
Der Programmbeirat des Deutschen Fernsehens wird sich in den nächsten Wochen mit der heiklen Frage befassen müssen, ob ein westdeutsches Kabarett Bischofsworte auch dann kritisch behandeln darf, wenn die Kabarett-Vorstellung vom Fernsehen übertragen wird. Anlaß dazu ist die Protestaktion katholischer Würdenträger gegen eine Fernsehsendung des NWRV, in der ein Gastspiel des Düsseldorfer Kabaretts »Kom(m)ödchen« übertragen wurde.
Die »Kom(m)ödchen«-Chansonette Gisela Saur war am 18. Juni auf den Bildschirmen im Kohlenpott erschienen und hatte - wie seit Ende Februar sie und ihre Vorgängerinnen schon 133mal bei Vorstellungen des »Kom(m)ödchens« in fast allen größeren Städten des Bundesgebiets - als ahnungsloses »Dummerchen« den Leuten an Rhein und Ruhr ihr »Hirtenlied« vorgetragen. Zwitscherte Gisela:
»Verzeihn Sie, daß ich hier so dreist vor Ihnen
stehe, obwohl uns eine Kluft unüberbrückbar
trennt. Sie sind konfessionell in Ordnung, wie
Ich sehe, ich aber bin das Teilergebnis einer
Ehe, die der Herr Bischof nur aus Nachsicht an
erkennt. Seit seinem Hirtenbrief erscheint mir
alles schal. Ich frage mich, wie kompensiert
man sowas seelisch? Ich bin ein Mischling.
Mein Papa ist evangelisch - und, stellen Sie
sich vor: es stört ihn nicht einmal. Dabei gibt
es kein größeres Unglück als die Ehe mit
einem Verirrten: ... schreiben die Hirten.«
Mit dem Hirtenbrief, der das »Kom(m)ödchen«-Kind nach seelischer Kompensation verlangen läßt, war ein Sendschreiben gemeint, in dem zu Anfang des Jahres katholische Repräsentanten vor einer (konfessionellen) Mischehe gewarnt hatten. Die aus diesem Hirtenbrief resultierenden Nöte des »Mischlings« Saur hörten sich im Fernsehen so an:
»Ich war ein ausgesprochen ausgeglichnes
Kind, denn ich verstand all diese Dinge noch
nicht richtig. Jetzt, da ich weiß, wie kraus und
kompliziert sie sind, erscheinen sie mir
ungeheuer groß und wichtig ... Und das sind sie
doch auch - nicht wahr? Sonst würden die
Hirten, indes Sputniks und Langstreckenraketen
ihr Spiel mit uns treiben, nicht solche Briefe
schreiben (Pause) ... es sei denn, sie irrten
- die Hirten.«
Die Reaktion der - katholischen - Hirten erfolgte prompt. Protestbriefe scheuchten die Kölner Fernseh-Herren auf, Münsters Domkapitular und Weihbischof Heinrich Tenhumberg, der die Übertragung selbst nicht mitangesehen hatte, schickte seinen Protest nicht nur ins Kölner Funkhaus, sondern gleich auch an Programmbeirats-Mitglieder des Fernsehens.
Die katholische Kritik am NWRV-Fernsehen erreichte ihren Höhepunkt in einem über die beiden ersten Seiten laufenden Leitartikel der »Kirchen-Zeitung für das Erzbistum Köln«, des auflagenstarken Pflichtorgans des Kirchenvolkes von Erzbischof Kardinal Frings. Dem NWRV-Fernsehen wurde dort eine »Entgleisung« vorgeworfen, die unvereinbar sei mit den »besonderen Rücksichten, die der Rundfunk« zu nehmen habe.
Weder die von der Kölner »Kirchen -Zeitung« im »Hirtenlied« entdeckten Motive aus dem »Propagandaklavier der FDP« noch die eben dort befürchtete Wirkung des »Hirtenliedes« als Wahlschlager bei den nordrhein-westfälischen Landtagswahlen erklären jedoch hinreichend die Heftigkeit der plötzlichen Proteste gegen ein längst eingelaufenes Kabarettprogramm. Das Bistumsblatt hatte sich sogar zu einer nur schwach kamouflierten Drohung hinreißen lassen, als es vorschlug: In Zukunft sollten an die katholische Jugend als »stellvertretende Öffentlichkeit« Eintrittskarten zum Sendestudio verteilt werden, damit das ganze Publikum erlebe, wie die »Öffentlichkeit« Hirtenlieder »und dergleichen« mit sehr eindeutigen Mißfallenskundgebungen quittiere.
Erst der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), die den Kom(m)ödchen-Chef Kay Lorentz und seine Frau Lore kürzlich noch »zu den wachsten und kritischsten Zeitgenossen« gezählt hatte, gelang es schließlich, die Bedenken des Klerus plausibel zu erläutern: KNA entdeckte an Hand des »Hirtenliedes« die Grenze zwischen »Cabaret intime und Cabaret televisionaire": »Was man dort« - in der Schaubude - »begrüßen kann, ist hier« - auf dem Fernsehschirm - »eine grobe Entgleisung.«
Wer eine Karte für das Kom(m)ödchen -Programm löst, weiß, was ihn erwartet. Ungezählte tumbe Fernsehzuschauer hingegen werden durch »Dummerchens Hirtenlied« verwirrt.
Kom(m)ödchen-Chansonette Saur
Sie irrten - die Hirten