ABERGLAUBE Dung per Post
Wenn Louis Bernstein, erfolgreicher Broker an der Johannesburger Börse, eine riskante Spekulation plant, schaut er vorher bei Simon Tshabalala vorbei. Er glaubt: »Mit einem Stück Affenhaut oder einer Löwenkralle in der Tasche läßt sich's besser mit Millionen jonglieren.«
Der weiße Manager bekommt die traditionellen Glücksbringer der Schwarzen, in Südafrika Muti genannt, in einem kleineren düsteren Laden in der Jepestreet, unweit der Börse. Umgeben von Hyänenschwänzen, Rhinozeroshörnern, gedörrten Schlangen und Spinnen, bedient dort Simon Tshabalala seine Kunden -- in zunehmender Zahl weiße Südafrikaner.
Denn wie etwa in Deutschland während der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre oder in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erleben in dem durch den Rassenkonflikt aufgewühlten Südafrika Wahrsager und Wunderheiler einen Boom.
Eine Ausstellung »Afrikanische Lebensformen« im hochmodernen Carlton-Einkaufszentrum von Johannesburg wurde zur ständigen Einrichtung. Hauptanziehungspunkt: ein Hexenkral. Damen aus den Nobelvierteln Bryanstone, Sandton und Houghton kriechen jeden Tag zu Dutzenden auf allen vieren in die strohgedeckte Hütte und erkundigen sich besonders nach Liebestränken. »Schwarze Zauberkraft«, freut sich der für die Ausstellung verantwortliche Direktor Adrian Boushier, »wirkt auch auf die Weißen.«
»Die politische Unsicherheit der letzten Jahre hat bei vielen Weißen eine Identitätskrise ausgelöst«, weiß ein Psychologie-Dozent der südafrikanischen Witwatersrand-Universität. Bürger, die keinen Ausweg mehr sehen, suchen hei Zauberern Zuflucht. Von der modernen Medizin enttäuschte Patienten drängen -- wie in allen westlichen Industriestaaten -- zurück zur Natur.
Unter Südafrikas schwarzen Naturheilern und Scharlatanen hat sich das herumgesprochen, und immer mehr Zauberer nehmen sich der zahlungskräftigen weißen Kundschaft an. Simon Tshabalala kuriert Halsschmerzen mit Hilfe weißer Steine, die der Patient 20 Minuten lutschen muß. Er verlangt dafür nur vier Mark. »Wenn die Leute zum weißen Doktor gehen«, kritisiert er die studierte Konkurrenz, »werden sie schon wegen der hohen Kosten wieder krank.«
Die Leute sind bereit, auch schwarzen Medizinmännern kräftig zu zahlen und weite Anreisen in Kauf zu nehmen, etwa zu Nyathi, einer Sangoma (Hexe), die im nördlichen Transvaal, nicht weit vom Eingang des Krüger-Nationalparks, eine florierende Praxis führt.
Für 400 bis 800 Mark vertreibt die nachts am flackernden Feuer beim Klang von Buschtrommeln arbeitende Hexe ihren ausschließlich weißen Patienten alle Leiden. Sie verabreicht ihnen Mittel gegen Krankheiten, häusliche Sorgen und nachlassende Vitalität.
Die Sangoma bietet sogar einigen Luxus. Die Heil- und Heilungsuchenden müssen nicht mehr wie sie selbst im Staub der Hütte hocken, sondern dürfen auf einem zerschlissenen Sofa bequem in Trance fallen.
Neuerdings ist es auch möglich, sich mit traditionellen Heilmitteln zu Hause zu kurieren. Für die Heimbehandlung schickt die L. Alexander (Pty) Limited in Swasiland, der größte Muti-Händler im südlichen Afrika, alles Notwendige per Post: Hyänenhaut, Schakaldung, Nilpferdfett. ausgetrocknete Chamäleons.
Die Preise sind allerdings kräftig gestiegen. Denn, so die Firma, »es ist nicht mehr so leicht und billig, Tierfette, Häute, Knochen, Wurzeln und Rinde zu bekommen«.