IMPERIEN Duo infernale
Könnte der Kanzler entscheiden, er wüsste, was geht und was nicht. Rupert Murdoch als Erbe Leo Kirchs? »Ich glaube, wenn er ähnlich erfolgreich wie in England Pay-TV macht«, sagt Gerhard Schröder, »sollten wir keinen Einwand haben.«
Und Silvio Berlusconi? »Es ist nicht unproblematisch, wenn ein Ministerpräsident eines mit uns befreundeten Landes ausgerechnet im deutschen Medienbereich Einfluss hätte.« Sagt der Kanzler, doch was sagt das schon?
Mag sein, dass man ihm noch höflich zuhört, wenn er seinen Rat gibt. Gut möglich auch, dass die Vorstellungen des Kandidaten Edmund Stoiber (CSU) freundlich zur Kenntnis genommen werden. Doch das war's dann auch mit dem Einfluss der Politik. Zumindest im Moment.
Die Entscheidungen über die Zukunft des maroden Kirch-Konzerns - das haben Schröder und Stoiber in den vergangenen Wochen schmerzhaft realisieren müssen - werden jetzt ohne sie getroffen: von den Banken, die längst selbst zu Getriebenen geworden sind. Verzweifelt versuchen sie, wenigstens einen Teil der rund sieben Milliarden Euro zu retten, die sie Kirch geliehen haben.
So bedrohlich ist die Lage des Unternehmens, dem unter anderem die Sender Sat.1, ProSieben, N24 und Premiere gehören und das eine 40-Prozent-Beteiligung am Springer-Verlag ("Bild«, »Welt«, »Hörzu") hält, dass sich inzwischen selbst der alternde Patriarch mit seinem Rückzug abgefunden hat.
Aber wer kommt dann? Bis Mittwochnacht war unklar, wie es weitergehen wird. Zwei Szenarien galten als die wahrscheinlichsten:
* Kirch geht zum Amtsrichter und erklärt seine Zahlungsunfähigkeit, weil er sich sonst der Konkursverschleppung schuldig machen könnte.
* Banken und Investoren einigen sich auf eine Überbrückungsfinanzspritze von 200 Millionen Euro, um zumindest so lange das Überleben des Konzerns zu sichern, bis eine endgültige Lösung gefunden ist.
Und dann? Am vergangenen Wochenende hatten die Banken zunächst signalisiert, sie würden über eine Kapitalerhöhung ein letztes Mal 800 Millionen Euro zuschießen und damit die Mehrheit an Kirchs Kernfirma KirchMedia übernehmen - eine groteske Vorstellung, dass ausgerechnet sie den angeschlagenen Konzern sanieren könnten. Durch ihre riskante Kreditvergabe haben sie in der Vergangenheit hinreichend unter Beweis gestellt, wie wenig sie von der Sache verstehen.
Bliebe also nur noch die endgültige Pleite - oder womöglich eine Lösung, die vielen in Politik und Wirtschaft als die schlimmste aller denkbaren Varianten gilt: Der italienische Ministerpräsident und Medienunternehmer Silvio Berlusconi und sein australoamerikanischer Partner Rupert Murdoch übernehmen die unternehmerische Führung in Kirchs bröckelndem Imperium.
Als Minderheitsgesellschafter können sie ohnehin eine Einigung erschweren. Unmissverständlich haben sie in der vergangenen Woche den Banken deutlich gemacht, dass an ihnen kaum ein Weg vorbeiführt. Wer, bitte schön, könne einen Medienkonzern führen, wenn nicht sie?
Murdoch besitzt zudem eine Option auf große Teile des Münchner Konzerns, die im Oktober wirksam wird. Kirch hatte sie ihm vor drei Jahren eingeräumt, als er finanziell - wieder einmal - am Abgrund stand. Jetzt könnte sie dazu führen, dass die schlimmsten Horrorphantasien der deutschen Eliten wahr werden.
Mit Berlusconi und Murdoch würde ein Duo infernale in den wichtigsten Medienmarkt Europas vordringen, das seinen Aufstieg der hemmungslosen Kombination von Geld und - konservativer - Medienmacht verdankt.
All das, was ihr deutscher Partner Leo Kirch jahrzehntelang letztendlich vergebens versucht hat aufzubauen - Murdoch und Berlusconi haben es geschafft.
Mit brutalen Preiskriegen hat Murdoch seine Konkurrenten in England unter Druck gesetzt. Innerhalb kürzester Zeit gelang es ihm immer wieder, das Niveau seiner neu erworbenen Zeitungen gegen null abzusenken - und sie als Waffe gegen seine politischen Gegner in Stellung zu bringen. Selbst ein ehemals angesehenes Traditionsblatt wie die Londoner »Times« ist inzwischen zum publizistisch unbedeutenden Renditeobjekt verkommen.
Berlusconi wiederum hat in einer beispiellosen Verquickung von medialer und politischer Macht die veröffentlichte Meinung seines Landes weitgehend gleichgeschaltet. Unliebsame Kritiker werden gefeuert - einmalig in einer westlichen Demokratie.
Kein Wunder, dass solche Angreifer bei deutschen Medienmanagern für Alpträume sorgen. Dass die TV-Verantwortlichen, die sich hier zu Lande wohlig in ihrem Oligopol aus zwei öffentlich-rechtlichen und zwei großen privaten Senderblöcken eingerichtet haben, nun aufjaulen, ist dabei am wenigsten überraschend. Zu viel Konkurrenz war ihnen schon immer ein Gräuel.
Doch selbst überzeugten Anhängern eines harten Wettbewerbs wird unwohl bei dem Gedanken, dass nun ausgerechnet zwei Männer von dem freien Marktzugang profitieren könnten, die in der Vergangenheit ihre publizistische Macht skrupellos für ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen eingesetzt haben.
Der Aufstieg des italienischen Ministerpräsidenten zeigt zudem, wie unregulierter Wettbewerb dazu führen kann, dass der Markt am Ende auf der Strecke bleibt. In einer für Europa einzigartigen Konzentration von Medienmacht kontrolliert Berlusconi, dem immer wieder - von ihm dementierte - Verbindungen zum organisierten Verbrechen nachgesagt werden, inzwischen das komplette Fernsehen seines Landes: Die Privatsender gehören ihm ohnehin, die staatlichen kontrolliert er. Für die Demokratie ist das Gift.
Medien, das zeigt sich jetzt wieder einmal, sind zwar ein Wirtschaftsgut, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Internet und Fernsehen sind sensiblere Produkte als Stacheldraht, Babywindeln oder Leberkäse. Für die politische Meinungsbildung einer freien Gesellschaft sind sie unverzichtbar.
Deshalb gelten für sie auch schärfere Wettbewerbsregeln, die verhindern sollen, dass eine in- oder ausländische Firma zu große Meinungsmacht erreicht. Doch ausgerechnet Leo Kirch hat über seine konservativen Helfer in der Politik mit dafür gesorgt, dass die deutschen Medienkonzentrationsgesetze niemandem so richtig wehtun.
In Amerika ist es ausländischen Konzernen untersagt, mehr als 25 Prozent einer TV-Kette zu übernehmen. Deshalb hat der Australier Rupert Murdoch 1985 kurzerhand die US-Staatsbürgerschaft angenommen. Undenkbar also, dass beispielsweise der mexikanische Staatspräsident in den USA sein eigenes TV-Network besitzen könnte. In Deutschland hingegen gibt es kein Gesetz, das einem Silvio Berlusconi verbieten würde, mehrere Fernsehsender zu betreiben. Mag der Kanzler dazu sagen, was er will.
Und so könnte bald eintreten, was Schröder noch vor wenigen Wochen bei einem Mediengipfel im Gasthaus »Wichmann« in Hannover auf jeden Fall verhindern wollte (SPIEGEL 7/2002). Rolf Breuer, Chef der Deutschen Bank, war ebenso angereist wie Thomas Middelhoff, der Vorstandsvorsitzende des Bertelsmann-Konzerns, der mit seiner RTL-Kette mit Kirch konkurriert. Auch Erich Schumann vom Essener WAZ-Konzern war geladen worden.
Nach zwei Stunden hatten sich die Herren auf einen Plan geeinigt, wie man Murdoch auf eine rein wirtschaftliche Rolle zurückdrängen könnte. Publizistisch - das war Konsens - solle der Amerikaner in Deutschland auf keinen Fall zum Zuge kommen.
Stattdessen setzte die Kanzlerrunde auf eine andere Lösung:
* Kirchs defizitäres Bezahlfernsehen Premiere ginge an Murdoch, wenn er denn wolle.
* Kirchs sonstige TV-Aktivitäten müssten nicht zuletzt aus kartellrechtlichen Gründen an verschiedene Anbieter verkauft werden. Ein Engagement verschiedener kleinerer Medienhäuser sei wünschenswert.
* Kirch müsste die unternehmerische Führung abgeben und die Gläubigerbanken auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Nur so lasse sich ein Konkurs verhindern mit all seinen Folgen für die etwa 10 000 Mitarbeiter.
Ein schöner Plan, um Murdoch zu verhindern. Vielleicht zu schön, um wahr zu werden.
Denn inzwischen kommen die wahren Dimensionen der Finanzkrise des Kirch-Konzerns ans Licht, so dass die Banken nur noch an wenige Alternativen glauben: Immer wahrscheinlicher wird, dass sie Murdoch und Berlusconi das Feld überlassen könnten - und damit für eine Neuordnung der deutschen Medienindustrie sorgen, deren Folgen niemand bisher abschätzen kann.
Kommt Murdoch in Deutschland zum Zuge - das fürchtet nicht nur der Kanzler - könnte das politische und gesellschaftliche Klima bald deutlich rauer sein, als es jetzt ohnehin schon ist. Gut möglich, dass es dann schnell vorbei ist mit den harmlosen Fernsehbeiträgen über Uschi Glas, Naddel oder Klaus-Jürgen Wussow, mit denen ProSieben oder Sat.1 in ihren Boulevardmagazinen das Publikum erfreuen.
England ist das abschreckende Beispiel, denn dort gehören Politiker inzwischen selbst zum Unterhaltungsprogramm - naturgemäß selten zu ihrem Vorteil. Nicht ohne Grund warnte Londons Premier Tony Blair seinen deutschen Kollegen Schröder vor einem Einstieg Murdochs in Deutschland.
Der hatte mit einer andauernden Kampagne seiner britischen Boulevardblätter zunächst mitgeholfen, die konservative Regierung unter John Major zu stürzen. Genüsslich berichtete die »Sun« über die Affäre eines bekannten Tory-Staatssekretärs mit Antonia de Sancha, die es als einbeinige Pizza-Lieferantin in Softpornos zu begrenztem Ruhm gebracht hatte. Im Fußballkostüm seines Lieblingsvereins, wusste die Dame auf Seite eins zu berichten, habe ihr der Staatssekretär Ihrer Majestät die Zehen gelutscht.
Danach erwischte es weitere Regierungsmitglieder und Abgeordnete der Konservativen: Der Umweltminister musste wegen eines unehelichen Kindes zurücktreten, wenig später folgte sein Kollege aus dem Verkehrsressort nach dem - anscheinend eifersuchtsbedingten - Selbstmord seiner Gattin. Während Premierminister Major rasant an Ansehen verlor, machten Murdochs Blätter mit Schlagzeilen über den »Abgeordneten und das Nacktmodell« oder »die geheime Affäre des Ministers« Millionenauflagen.
Doch auch der nachfolgenden Linksregierung wurde nur eine kurze Schonzeit gewährt.
»Der Schmutz ist wieder da«, jubelte die »Sun« schadenfroh, als auch unter Blair die Affären begannen:
Erst musste der verheiratete Minister für Wales zurücktreten, nachdem er an einem Schwulentreffpunkt ausgeraubt worden war - die Chefs der wichtigsten Boulevardzeitung des Landes wollten ihm nicht glauben, dass er nachts im Park nur spazieren gegangen war.
Dann folgte der Landwirtschaftsminister mit seinem Outing - und schon stand das Urteil der Blattmacher über die neue Regierung fest: Sie sei mit einer »schwulen Mafia« vergleichbar. Wegen Blairs Europa-Politik fragten Murdochs Kampfschreiber gar, ob er der »gefährlichste Mann« des Landes sei.
Beide politischen Lager hatten damit schmerzhaft erfahren, was Murdoch schon vor Jahren verkündet hatte: Er könne »die politische Agenda bestimmen« und den Wahlausgang beeinflussen, sagte der Herrscher über die »Sun«, das Sonntagsblatt »News of the World« und die ehemals seriöse »Times«, die zusammen über sieben Millionen Auflage machen.
Mit äußerster Härte verfolgt Murdoch seine wirtschaftlichen und politischen Interessen. »Murdoch kontrolliert die Presse zu seinem Besten, genau wie der Führer«, urteilte CNN-Gründer Ted Turner über seinen Erzfeind, der »eine Schande für den Journalismus« sei. Murdochs »New York Post« konterte ganz im Stile ihres Herrn: »Ist Ted Turner verrückt?«
Wie sein Geschäftspartner Kirch ist Murdoch das Auf und Ab seines Milliardenvermögens gewohnt. »Ich hoffe, einer von euch übernimmt die Rechnung«, frotzelte er nach dem Börsencrash 1987 bei einem Geschäftsessen: »Ich habe heute 1,2 Milliarden verloren.«
Doch anders als Kirch haben ihm die Verluste langfristig nicht geschadet. Inzwischen kontrolliert er ein Konglomerat von weltweit Hunderten von Firmen - einige davon steuersparend auf den Bermudas oder den Cayman Islands - mit einem Umsatz von 13,8 Milliarden Dollar. Skrupellos auch gegenüber dem Fiskus, zahlte der Konzernchef nach einer Schätzung des »Economist« im Durchschnitt nur sechs Prozent Steuern.
In Australien, den USA, in Großbritannien, Lateinamerika und China ist er aktiv - nur auf dem europäischen Festland hatte Murdoch, der sich selbst für »etwas schwerfällig und humorlos« hält, wenig Glück. Weder in Frankreich noch in Italien gelang es ihm, Fuß zu fassen.
»TV-Hai Rupert Murdoch überfällt Deutschland«, titelte »Bild« 1999, als er schon einmal über die Spartensender Vox und TM3 ins Land drängte - und scheiterte.
Jetzt setzt er zum zweiten Versuch an - weil er muss. Sieben Milliarden Dollar wollte er lockermachen, um den amerikanischen Satelliten-TV-Betreiber DirecTV zu kaufen, doch der Konkurrent Echostar bremste ihn aus. Nun muss mit dem Geld dringend an anderer Stelle expandiert werden, sonst könnten seine Aktionäre unruhig werden.
In Berlusconi hat Murdoch jetzt womöglich den richtigen Partner gefunden, um über die Kirch-Gruppe endlich auch den deutschen Markt zu erobern. Der Italiener ist dem »Hai« aus Australien mehr als ebenbürtig.
Anders als Kirch und Murdoch setzte der »Cavaliere«, der aus einer Baufirma den milliardenschweren Medien-Mischkonzern Fininvest aufbaute, seine Meinungsmacht gezielt dazu ein, die eigene politische Karriere zu fördern. 1994 wurde er das erste Mal Ministerpräsident. Seitdem nutzt er seine drei Sender Italia 1, Canale 5 und Rete 4 ohne Gnade für sich und seine rechtspopulistische Bewegung Forza Italia.
Erst Anfang März demonstrierten Zehntausende in Rom auch gegen die Medienmacht des Ministerpräsidenten - und gegen das abstruse Gesetz seines Kommunikationsministers, das den offenkundigen Interessenkonflikt zwischen politischem Amt und wirtschaftlichen Aktivitäten als schlicht nicht existent bezeichnet. Das »Betrugsgesetz« sei eine Schande, riefen die Demonstranten, und eine billige Entschuldigung für ein gebrochenes Wahlversprechen.
Noch im Wahlkampf hatte Berlusconi, der vor neun Monaten zum zweiten Mal Ministerpräsident wurde, versichert, er werde innerhalb der ersten hundert Tage diesen Interessenkonflikt lösen. Schnee von gestern.
Stattdessen hat Berlusconi seine Medienmacht weiter ausgebaut. Nun beherrscht er auch noch die drei Kanäle des Staatsfernsehens RAI. Mit den Stimmen der Regierungsmehrheit wählte der Aufsichtsrat Agostino Saccà zum Generaldirektor, der kurz vor seiner offiziellen Ernennung dankbar verkündet hatte, er und seine Familie wählten die Forza Italia. Auch der neue RAI-Präsident Antonio Baldassarre steht Berlusconi politisch nahe.
Ein Ministerpräsident mit einem faktischen Fernsehmonopol. Das ist, als hätte sich in Deutschland Leo Kirch auf dem Höhepunkt seiner medialen Macht mit publizistischer Hilfe seiner Sender zum Kanzler wählen lassen - und dann die Intendanten von ARD und ZDF bestimmt.
Kein Wunder, dass der römische Oppositionsführer Francesco Rutelli die Medienallmacht seines Ministerpräsidenten mit der des sowjetischen KPdSU-Generalsekretärs Leonid Breschnew in den siebziger Jahren vergleicht.
Mit seinem neuesten Coup ist Berlusconi auf Nummer sicher gegangen. Nötig war die Aktion nicht, denn schon lange vorher hatte er den Staatsfunk durch eine geschickte Personalpolitik in der zweiten Reihe auf Kurs gebracht: Im vergangenen halben Jahr widmeten die RAI-Nachrichtensendungen ihm mehr als doppelt so viele Sendeminuten wie dem Chef der Opposition. Bei seinen eigenen Kanälen lag das Verhältnis bei etwa 17:1 - auch wenn die Berlusconi-Kanäle seichte Unterhaltung und spärlich bekleidete Showgirls bevorzugen.
Im Wahlkampf wurde wieder einmal deutlich, dass der Medienunternehmer ganz spezielle Vorstellungen von Pressefreiheit hat. Telefonisch ließ er sich während einer RAI-Sendung zum Moderator ins Studio durchstellen, um ihn zur Ordnung zu rufen: »Sie stehen im öffentlichen Dienst, mäßigen Sie sich.«
Mit Leo Kirch verbindet den Italiener eine langjährige, innige Geschäftsbeziehung. Man kennt sich, man schätzt sich, man hilft sich. Und so gibt es nicht wenige in der Umgebung des alternden Filmhändlers, die sich die Lösung aller Probleme ausgerechnet von dem vermeintlichen Kirch-Freund im Palazzo Chigi in Rom erträumen.
Kirch könnte - so die Hoffnung - seine Kontakte, sein Know-how und seine Informationen dem alten Partner Berlusconi zur Verfügung stellen, der damit über wichtiges Insider-Wissen verfügen würde - und so seinen Konkurrenten die Show stehlen könnte. Als Gegenleistung würde der Italiener die Insolvenz nicht weiter betreiben und sich für einen sanften Abgang des bankrotten Filmhändlers einsetzen.
Ein frommer Wunsch, der nur einen einzigen Nachteil hat: Er steht nicht auf der Agenda der Banken. Für sie ist Kirch längst ein Mann von gestern, mit dem es sich kaum noch zu reden lohnt.
Seit Wochen schon verhandeln Investoren und Banken fast täglich um das Erbe des Firmenpatriarchen, und von Treffen zu Treffen nimmt die Dramatik zu: Je tiefer die Runde in Kirchs bislang so nebulöses Medienkonglomerat Einblick nimmt, desto dramatischer werden die Ausmaße seiner Schulden. »Obwohl die Aktendeckel bisher erst ganz wenig geöffnet sind«, sagt ein Beteiligter, »stinkt es schon ohne Ende.«
Niemand rechnet noch damit, dass Kirch und seine Manager in ihrem alten Unternehmen eine Zukunft haben werden - wenn es sich überhaupt retten lässt.
Kirchs designierter Nachfolger Dieter Hahn und Finanzvorstand Brian Cook hielten sich zwar stets bereit - waren in den Verhandlungen aber kaum mehr gefragt.
Wirklich werthaltig und zukunftsfähig, das hatte die Saniererrunde auch ohne die Kirch-Manager schnell erkannt, ist ohnehin nur die Kernfirma KirchMedia, in der das Film- und Sportrechtegeschäft gebündelt ist und die mit 52,5 Prozent die Mehrheit an der Kirch-Senderfamilie ProSiebenSat.1 Media AG hält. Neben Kirch und seinem Sohn Thomas, die gemeinsam etwa 72 Prozent an dem Unternehmen halten, sind an KirchMedia sechs weitere Investoren beteiligt - neben Murdoch (2,5 Prozent) und Berlusconi (4,8 Prozent) auch die Handelsgruppe Rewe und der saudische Prinz Walid.
Vor einer Woche schien zunächst ein möglicher Ausweg aus der Misere gefunden zu sein: Die vier Kirch-Gläubigerbanken Bayerische Landesbank, HypoVereinsbank, DZ Bank und Commerzbank wollten, so das Rettungsszenario, über eine Kapitalerhöhung die Mehrheit an der KirchMedia übernehmen - was dem Unternehmen zumindest für die nächsten Monate etwas Luft verschafft hätte.
Zudem wollten die Banken, das war das Ergebnis einer weiteren Krisensitzung, über eine »Brückenfinanzierung« auch die kurzfristige Liquidität der Münchner sicherstellen: So konnte der Konzern zuletzt eine Forderung des Hollywood-Studios Columbia nicht bedienen; weitere Zahlungsverpflichtungen in dreistelliger Millionenhöhe, etwa die Zinsen für den Formel-1-Kredit, stehen in allernächster Zeit an.
Doch die Geldinstitute hatten die Rechnung ohne Kirchs Mitgesellschafter Berlusconi und Murdoch gemacht. Bei einem Treffen der Italiener am Montagabend in Mailand, an dem Murdoch per Konferenzschaltung teilnahm, einigte sich die Runde darauf, mit den anderen Investoren die Mehrheit an Kirch und damit auch dessen operative Führung zu übernehmen. Die Geldinstitute, so die einleuchtende Argumentation der anwesenden Manager, hätten schließlich keinen blassen Schimmer vom Programm.
Die Banken signalisierten ihre prinzipielle Zustimmung, allerdings unter einer Bedingung: Berlusconi und seine Partner müssten sich an der kurzfristigen Finanzierung beteiligen, mit der man Kirch bis zur endgültigen Lösung über Wasser halten würde - die Italiener weigerten sich. Zumindest bis zum späten Mittwochabend.
Reine Verhandlungstaktik sahen darin die einen. Berlusconi habe in Italien genug Probleme und eigentlich »null Interesse« am deutschen Medienmarkt, sagten die anderen - die Verteilungsschlacht um das marode Medienimperium des Leo Kirch war in der vergangenen Woche auch eine Schlacht der Spekulationen und Gerüchte.
Doch eines wurde am Mittwoch außerdem klar. Die Politik wird nicht tatenlos zusehen, dass mit Berlusconi ein ausländischer Regierungschef die Kontrolle über eine deutsche Senderkette übernehmen könnte. Während sich der Kanzler in einem SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 34) noch diplomatisch äußerte, zog sein Parteifreund Wolfgang Clement, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, am Mittwoch bereits die verbale Keule hervor.
»Die Vorstellung, dass ein Mann, der etwa 90 Prozent des italienischen Fernsehmarkts und einen Großteil der dortigen Printmedien beherrscht, jetzt auch maßgeblichen Einfluss auf dem deutschen Medienmarkt erhalten könnte, ist ungeheuerlich«, empörte sich Clement: »Es liegt auf der Hand, dass damit Verfassungsfragen aufgeworfen würden, die gegebenenfalls zu ergänzenden gesetzlichen Regelungen führen müssten.«
Unverhohlen drohten führende Sozialdemokraten den Bankmanagern: »Wenn ihr Berlusconi reinlasst, wird es eine Debatte geben, die sich gewaschen hat.« Eine öffentliche Auseinandersetzung - das wäre wohl das Letzte, was sich die gern so diskreten Banker wünschen.
Und so ist der Ausgang des Feilschens um den Kirch-Nachlass noch offen. Werden Murdoch und Berlusconi tatsächlich mit Hilfe der Banken zur zweiten großen Kraft des deutschen Privatfernsehens?
Oder bleibt, weil eine Verständigung nicht möglich ist, am Ende nur der Gang zum Konkursrichter?
Auch dann könnte das Duo infernale sich in einem Bieterverfahren aus der Konkursmasse die Perle des Kirch-Imperiums sichern - die ProSiebenSat.1 Media AG. Und das, weil andere Interessenten rar sind, zum Schnäppchenpreis.
In deutschen Verlagen wird noch über eine dritte Variante spekuliert. Die AG könnte - weil der politische Widerstand gegen Murdoch und seinen Kompagnon zu groß oder deren Angebot zu mickrig ist - aufgeteilt werden. Ein Verkauf der Einzelteile wäre möglicherweise lukrativer - und würde zudem Murdochs Macht begrenzen. In diesem Fall müssten allerdings die freien Aktionäre der AG abgefunden werden.
Der Australoamerikaner spielt auch in diesem Modell eine zentrale, aber eben eingeschränkte Rolle: Ihm fiele - neben dem Pay-TV-Sender Premiere - der Spielfilmkanal ProSieben zu. An dem Paket könnten auch die Hollywood-Studios beteiligt werden, um die Filmrechte zu sichern.
Für Sat.1 gibt es genügend Interessenten, sei es der Springer-Verlag oder die WAZ-Gruppe oder beide zusammen. Und auch für Kabel 1 würde sich wohl leicht ein Liebhaber finden.
Doch die Schlüsselrolle in allen Szenarien spielen die Banken, die verzweifelt versuchen, zumindest einen Teil ihrer Milliardenforderungen zu retten.
Währenddessen beobachtet der Mann, der für den gewaltigen Schuldenberg verantwortlich ist, geradezu fatalistisch, wie sein Lebenswerk implodiert. »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen«, sagte Leo Kirch vor wenigen Wochen im SPIEGEL-Gespräch. In seiner Umgebung wird nicht ausgeschlossen, dass es Kirch am Ende den Banken und Murdochs dieser Welt noch einmal zeigt - indem er selbst zum Konkursrichter geht und sich mit einem großen Knall, der die gesamte Republik erschüttern könnte, verabschiedet.
»Der Leo«, sagt ein Vertrauter, »hat den Zünder in der Hand.«
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, FRANK HORNIG,
WOLFGANG REUTER, MARCEL ROSENBACH