Durch alle Instanzen
(Nr. 51/1983, Tierversuche: Dem Heidelberger Jungmediziner Reiner Alting, 29, wurde der Praktikumsschein verweigert und die Studienunterstützung gestrichen, weil er fragwürdige Experimente an Tieren boykottierte) *
Die Studenten, die Tierversuche zu Studienzwecken ablehnen, haben noch Ehrfurcht vor dem Leben, das so manchem Professor abzugehen scheint. Oder wie ist es zu verstehen, daß Anfang 1982 Professor Antoni von der Universität Freiburg das Hobeln von Holz mit dem Experimentieren an Tieren verglich.
Böblingen (Bad.-Württ.) INGEBORG LIVADITIS Vorsitzende »Bürger gegen Tierversuche e. V.«
Es wäre ein echter Fortschritt für zukünftige Ärzte und ihre Patienten, wenn diesem systematischen Verrohungsprozeß gerichtlich Einhalt geboten würde.
Lohfelden (Hessen) ANGELIKA BESSER
Jährlich sterben an Hochschulen und Instituten 7 300 000 Versuchstiere einen grausamen Tod!
Frankfurt URSULA BRÜCK
Gottlob, wir haben ja noch unsere mutige, menschliche Jugend. Das läßt uns hoffen.
Frankfurt GUNHILD ANDREE
Der Medizinstudent Alting hat meine ganze Hochachtung. Endlich jemand, der begreift, wie kurz der Schritt vom Tierversuch zum Versuch am »minderwertigen« Menschen ist.
Dreieich (Hessen) ELKE MÜLLER
Im Land Hessen haben die Medizinstudenten nicht mit Nachteilen zu rechnen, wenn sie die Durchführung von Versuchen an lebenden Tieren verweigern. Sollte einer es ablehnen (das Experiment und die Tötung), hat es nicht zur Folge, daß dadurch die Scheinerteilung unmöglich würde, da die erforderliche Punktzahl auch alternativ erworben werden könnte.
Frankfurt LUBA WEISS
Wir möchten für alle diejenigen Medizinstudenten sprechen, die nicht nur zuschauen, zuhören und nachlesen wollen.
Wir sehen sehr wohl einen Sinn in Tierversuchen und deren Demonstrationen im studentischen Unterricht. Was hier »überflüssiges blutiges Spektakel« genannt wird, würden wir eher als Möglichkeit sehen, an lebendem Gewebe unter fachlicher Anleitung Präparieren zu lernen. Wenn wir nicht den Tierversuch an den Anfang stellen, wird der Patient zum Versuchskaninchen.
Weingarten (Bad.-Württ.) ROLAND und CHRISTOF SCHMID cand. med.
Bei meinem Physiologie-Examen habe ich seinerzeit gemogelt: Ich vertauschte den gezogenen Zettel, der mich zum Köpfen eines Frosches verpflichtet hätte, gegen einen anderen. Mein weiteres Medizinstudium hat darunter nicht gelitten, noch wurde dadurch meine seit dem Staatsexamen (1952) geleistete, klinische und Forschungstätigkeit in irgendeiner Weise beeinträchtigt.
Langenfeld (Nrdrh.-Westf.) DR. MED. NOEMI PASCAL
Nachzutragen ist, daß der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim in einem inzwischen zugestellten Urteil (Az.: 9 S 959/82) die Klage des Heidelberger Studenten Reiner Alting abgewiesen hat.
Zur Begründung wird angeführt, der Student habe ja seinen Praktikumsschein - wenn auch verspätet - erhalten; im übrigen sei seine Weigerung, an Tierversuchen teilzunehmen, unberechtigt gewesen. Die von den Ausbildungsleitern für erforderlich gehaltenen Experimente an lebenden oder soeben getöteten Tieren seien notwendig.
Dieses Urteil wurde inzwischen vom Hamburger Rechtsanwalt Klaus Sojka, der den Studenten vertritt, beim Bundesverwaltungsgericht angefochten. Es wird geltend gemacht, daß auch der Student Alting im Laufe seiner weiteren
Ausbildung mit der Heranziehung zu Tierversuchen rechnen müsse. Diese seien aber, wie unter anderem der Experte Dr. Dr. Ingo Krumbiegel eidesstattlich versichert habe, für ein Studium namentlich der Humanmedizin nicht nur entbehrlich, sondern schädlich. Denn der durch die Teilnahme an Tier-Massakern erfolgende Abbau der sozial-ethischen Achtung vor der Mitgeschöpflichkeit führe zur Minderung der Mitleidensfähigkeit und damit zur Unmöglichkeit, dem Ethos des Arztberufs zu genügen.
Der »Bund gegen den Mißbrauch der Tiere e. V.« hat die Prozeßkosten übernommen. Dieser »Musterrechtsstreit« wird also durch alle Instanzen geführt werden.
Hamburg TERESA REINEKE
Sehr geehrter Herr Kollege Alting! Wünsche Ihnen für Ihren Prozeß betreffend die ungerechten und unsinnigen Tierquälereien den besten Erfolg. Es geht um eine menschliche Gesellschaft, der zunehmend die Beziehung zu den elementaren Moralbegriffen verlorengeht.
Zwiesel (Bayern) DR. MED. OTTO SPAETH Chefarzt
BRIEFE
Systematisch niedergemacht
(Nr. 49/1983, Szene) *
Sie berichten in erstaunlich einseitiger Weise vom Streit einiger Künstler, darunter auch mir, mit dem Chef des Kulturteils der Zeitschrift »Konkret«, Hartmut
Schulze. Allerdings erwähnen Sie nirgends inhaltlich, was uns an der Konkret-Kultur so verbittert hatte, so daß in Ihrer Darstellung nur Geschmacks- und finanzielle Interessendivergenzen übrigblieben.
Seit über einem Jahr aber werden Künstler, die öffentlich gegen den Nato-Raketen-Beschluß singen und sprechen, in »Konkret« systematisch niedergemacht, so daß dies mit solidarischer Kritik nichts mehr zu tun hatte. Nicht ein einziges Mal wurde anhand einer Lied- oder Textpassage belegt, wo denn diese Künstler künstlerisch zu schwach oder politisch zu wenig radikal gewesen seien. Statt dessen wurden sie von oben nur diffamiert: C. Wecker, BAP, H. Belafonte, Geier-Sturzflug, K. Lage, A. Heller, bots, Wolf Biermann, A. Brauer, H. Wader, P. Maffay und viele andere. Als dann noch in einem Auszug aus einem Buch des »Konkret«-Autors R. Goetz über Heinrich Böll und Günter Graß zu lesen war: _____« Die präsenilen Chef-Peinsäcke ... die von » _____« Friedenskongreß zu Friedenskongreß ziehen ... und dabei » _____« den geistigen Schlamm und Schleim absondern ... » _____« Nullenpack ... »
entstand unser Aufruf an die Redaktion von »Konkret«.
Frankfurt DR. DIETER DEHM
BRIEFE
Hanebüchene Unterstellung
(Nr. 51/1983, Schulen: Sollen türkische Kinder an deutschen Schulen Türkisch oder Englisch lernen?) *
Wenn von dem Berliner Schulversuch »Türkisch anstelle der 1. Fremdsprache« berichtet wird, der seit Februar 1983 in Berlin sogar schulgesetzlich verankert ist, dann sind die anderen Oberschularten Realschule, Gesamtschule und Gymnasium, an denen sich bereits in den 7. und 8. Klassen zahlreiche türkische Schüler mit diesem Fach befinden, »vergessen« worden. Paßt diese Tatsache nicht in den Tenor des Redakteurs, mit Türkisch würde den türkischen Schülern eine Sackgasse angeboten, was angeblich selbst die türkischen Eltern bemerken?
Wieso wird von seiten des SPIEGEL plötzlich so getan, als ob Zeit für diese Kinder in zwei Kulturen keine besondere Rolle spielt? Sie brauchen jetzt Englisch erst in der 7. Klasse zu lernen und können ihre unsicheren Türkisch-Kenntnisse zuvor festigen. Wieso wird der Eindruck erweckt, als ob das Erlernen der Muttersprache nicht eine wichtige Hilfe bei der Integration und zur Wahrung der kulturellen Identität darstellt?
Nimmt man den Einsatz der Deutschen für die Pflege der deutschen Sprache bei
deutschstämmigen Auswanderern in aller Welt als Grundlage, so muß die Unterstellung, mit Einführung von Türkisch würden Konservative das Getto stabilisieren, als hanebüchen zurückgewiesen werden.
Das Land Berlin hat jedenfalls mit Unterstützung der alten und der neuen Bundesregierung Schulbücher für Türkisch in den Klassen 5 und 6 ab Januar 1984 auch für Klasse 7 entwickelt, deren auf Integration abzielende Inhalte die Nachfrage in Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg nach diesem Lernmaterial zu beachtlichen Auflagen anwachsen ließen. Mit finanzieller Unterstützung der EG-Kommission erfolgt außerdem eine Erprobung der Türkisch-Bücher in den Niederlanden, Belgien, Großbritannien, Dänemark und Schweden.
Also wohl doch ein guter Einstieg zur Integration!
Berlin DR. HANNA-RENATE LAURIEN Senatorin für Schulwesen, Jugend und Sport in Berlin
BRIEFE
Infame Auseinandersetzung
(Nr. 45 u. 50/1983, Musikwissenschaft) *
Sieht man davon ab, daß Herr Professor Karbusicky in unzulässiger Weise Interna
eines Habilitationsverfahrens in die Öffentlichkeit getragen hat, sind einige Richtigstellungen notwendig:
Es gab fünf Gutachten, unter denen eins, nämlich das von Karbusicky, negativ ausfiel. Für eine positive Annahme der Schrift haben sich also nicht nur die Herausgeber eingesetzt, sondern weitere drei Gutachter. Das Habilitationsverfahren wurde nicht annulliert, sondern von mir selbst zurückgezogen. Die infame Auseinandersetzung um eine Habilitationsschrift deutet auf ein Symptom in unserer Hochschullandschaft hin, nämlich auf das Unvermögen, Urteile über wissenschaftliche Leistungen von Antipathien gegen Personen zu trennen. In dieser Hinsicht spielt Herr Karbusicky eine auffallend unangenehme Rolle.
Nordkirchen (Nrdrh.-Westf.) PROF. DR. BRUNHILDE SONNTAG
BRIEFE
Noch immer Kanonendenken
(Nr. 51/1983, Libanon: Das US-Schlachtschiff »New Jersey«, Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg, feuert gegen Drusen und Syrer) *
Der Einsatz des Fossils »New Jersey« und die damit zusammenhängende Kanonenphilosophie Reagans weckt Erinnerungen an das Kanonendenken im Ersten und Zweiten Weltkrieg.
1918 ließ der deutsche Kaiser die französische Metropole mit dem berühmt-berüchtigten »Paris-Geschütz« aus 128 Kilometer Entfernung beschießen.
Hitler wollte noch 1944 (!) England mit Granaten aus der 80cm-Eisenbahnkanone »Dora«, dem größten Geschütz aller Zeiten, belegen. Zu diesem Zweck ließ er Untersuchungen anstellen, wie sich die Schußweite des 1350 Tonnen schweren Monsters von rund 40 Kilometern zumindest verdoppeln ließe. Dafür hätte der Schieß-Saurier, schon bei seiner Fertigstellung 1941 ein Anachronismus, unter anderem anstelle des 32 Meter langen Rohres eines von 80 Meter Länge erhalten müssen. Das zu einer Zeit, als es bereits Düsenjäger und Fernraketen gab.
Wenn 1983 Weltkrieg-II-Granaten gegen Drusen und Syrer orgeln, beweist das nur, daß sich noch immer »Herrscher« vom Kanonendenken leiten lassen.
Köln GERHARD TAUBE
Es ist noch anzumerken, daß das Monster der »New Jersey« nicht in der Lage ist, eine Vollsalve, das heißt mit allen Geschützen gleichzeitig, zu schießen. Durch den dadurch entstehenden Gasdruck und die Erschütterung würde die bei dem Umbau eingebaute Elektronik völlig zerstört werden. So muß die Navy nun per Geschützturm oder sogar per einzelnem Rohr ihre Granaten in den Schuf schicken.
Soviel über den Wert des schwimmenden Dinosauriers, aber was ist ein Admiral ohne ein Schlachtschiff, es sieht halt so nett aus.
Hamburg ANDREAS LAPPÖHN
BRIEFE
Übersetzer sauer
(Nr. 51/1983, Bücher: Der Schriftsteller Yaak Karsunke über Robert Coover: »Die öffentliche Verbrennung") *
Als Korrektur: Nicht der Luchterhand-Verlag war es, der die Namen der Übersetzer nicht nennen wollte, sondern die Übersetzer weigerten sich, mit ihren Namen die vom Verlag durchgeführte »Bearbeitung« ihrer Übersetzung abzusegnen. Ein Beispiel: aus »Der Kommunismus ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung« wurde »... und erkennt sich als diese Lösung«. Zitate sollte man nicht korrigieren, auch wenn sie - wie dieses - von Karl Marx stammen!
Köln PETER BEHRENS, KARIN GÖTTE WERNER SCHÄFER, HEIKO DETERS
BRIEFE
Grün und blau
(Nr. 52/1983, Frauen: Prügel unterm Tannenbaum) *
Aus meiner Erfahrung im Umgang mit Frauen möchte ich darauf hinweisen, daß Frauen keine besondere Spezies der Gattung Mensch sind. Wenn sie stärker sind, schlagen sie genauso brutal zu wie die Männer. Ich bezog bis zum 14. Lebensjahr von meiner älteren Schwester regelmäßig Prügel. Erst als ich boxen gelernt hatte, vertrugen wir uns.
Wenn Frauen meinen, eine Memme geheiratet zu haben, reizen sie ihn häufig, bis er endlich einmal männlich wird und zuschlägt. In völliger Unkenntnis bestimmter weiblicher Verhaltensweisen schlug ich meine Partnerin vor Jahren einmal grün und blau, also frauenhausreif. Inzwischen genügt es, wenn ich sie hart an den Oberarmen packe.
Norderstedt (Schlesw.-Holst.) KLAUS SCHMIDT
Der SPIEGEL irrt, wenn er berichtet, das Norderstedter Frauenhaus müsse schließen. Es besteht vielmehr Einmütigkeit zwischen allen in der Norderstedter Stadtverwaltung tätigen Fraktionen/ Gruppierungen darüber, das Norderstedter Frauenhaus funktionsfähig zu erhalten. Keine Fraktion/Gruppierung hat bisher eine Schließung ins Auge gefaßt.
Norderstedt (Schlesw.-Holst.) WILHELM BRETFELD FDP-Stadtrat
Zahlreiche Spenden in Höhe von 40 000 Mark und zwei Stellen aus Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ermöglichten
uns, seit dem 1. Januar 1983 33 mißhandelte Frauen und deren Kinder aufzunehmen. Leider mußten wir Ende 1983 aus der angemieteten Wohnung ausziehen.
Die CDU-Mehrheit im Gemeinderat ist nicht bereit, dem Verein Räume zu vermieten, obwohl solche vorhanden sind. Auf die Stadt kämen für 1984 durch die Vermietung keinerlei Kosten zu. Der Verein finanziert das Frauenhaus allein. In einer Zeit, wo im sozialen Bereich überall der Rotstift angesetzt wird, kann es sich die Stadt Friedrichshafen erlauben, auf ehrenamtliche Sozialarbeit zu verzichten. Leidtragende sind die mißhandelten Frauen und ihre Kinder.
Friedrichshafen (Bad.-Württ.) ELKE KNÖDLER Verein Frauen helfen Frauen e. V.
BRIEFE
CD-Führung billigte Putsch
(Nr. 51/1983, CDU: Geißler wirbt in Chile für mehr Demokratie) *
Weder die chilenische Christlich-demokratische Partei noch irgendwelche andere CD-Partei der Welt haben die blutigen Übergriffe der Junta von Anfang an verurteilt. Ganz im Gegenteil: Die politischen Vorbereitungen des Militärputsches 1973 waren den Christdemokraten Chiles bekannt. Mit Ausnahme von einigen CD-Politikern, die sofort nach dem Putsch verfolgt wurden, billigte die CD-Führung den Putsch.
Herr Eduardo Frei (Präsident Chiles von 1964 bis 1970) hoffte, die politische Macht aus militärischen Händen kurze Zeit nach dem Staatsstreich zu bekommen. Deshalb schwieg die CD-Führung Chiles in den dramatischen ersten Monaten nach dem Putsch, als das Militär den linken Flügel ihrer eigenen Partei vernichtete, was für viele CD-Mitglieder Tod, Folter, Gefängnis, KZ und Exil bedeutete.
Ausländische CD-Politiker, die 1973 das mit politischen Gefangenen überfüllte National-Stadion in Santiago besuchten, erlaubten sich scherzhaft zu sagen, das Stadion wäre sogar sehr angenehm in diesen sonnigen Tagen.
Erst als die Versprechungen der Faschisten sich endgültig als falsch bestätigten, kapierten die CD-Führer, daß mit Faschisten kein politisches Abkommen möglich ist. Herr Frei brauchte drei grausame Jahre Militärdiktatur, um die Junta öffentlich anzugreifen. Erst in den Jahren nach 1976/1977 stellte sich die CD-Partei Chiles entschieden in die Opposition. Zu dieser Wende führten sowohl die Krise der Wirtschaft als auch die mutige Haltung der katholischen Kirche, deren progressivster Sektor sich auf die Seite der Hungernden und Unterdrückten stellte.
Es wäre gut für die geistige Gesundheit der chilenischen Christdemokraten, sich keine zu großen Illusionen über die Solidarität der CD-Internationale zu machen: Sie wird halbherzig sein, solange im Ausland die absurde Einbildung herrscht, Chile sei in Gefahr, aus der Militärherrschaft direkt in den Kommunismus zu geraten.
Was mich persönlich anbelangt: In meinem über zehn Jahre langen Exil bin ich niemals von einem Christdemokraten angesprochen worden, etwa um mich nach der Tragödie meines Landes zu fragen, nicht einmal aus Neugierde.
Bielefeld EDGARDO SALAS SANTANA Exil-Chilene
BRIEFE
Impotenz breitet sich aus
(Nr. 51/1983, Schallplatten: Krise bei Pop und Klassik) *
Wir hätten absolut keine Angst, mit einem noch so alten Fuchs aus der Plattenbranche über einen Vertrag zu verhandeln. Selbst wenn man 100 Einladungen schickt, läßt sich keines dieser Stinktiere bei einem Club-Konzert von uns sehen. Sie hocken lieber in ihrem muffligen Bau und träumen von den Zeiten, als es nur drei Rockgruppen auf der Welt gab.
Die Inhaber der jungen Platten-Labels sitzen noch ab und zu in den Kneipen herum, wo die neuen Bands spielen, um sich gegenseitig über ihre Mißerfolge zu trösten. Schließlich darf sich nicht jeder
Krauter in einem SPIEGEL-Interview ausweinen.
Eines ist klar: Im Plattengewerbe breitet sich die Impotenz immer mehr aus. Deswegen bekommen wir auch keinen Vertrag, weil die Herren nicht gerne die Wahrheit hören.
Augsburg ARNO LÖB für die Gruppe »Impotenz«
Ich höre einen Song im Radio und möchte die Platte kaufen. Nachdem ich mich telephonisch beim Sender nach genauem Titel und Interpreten erkundigt habe (die Moderatoren ersparen sich ja diese Information), klappere ich dann die Fachgeschäfte ab. In deren Regalen stehen Singles, die sich zur Hälfte aus Werken der Gnadenbrot-Riege des Herrn Heck und der Musikladen-Peep-Show rekrutieren. Die »Fachverkäufer/ innen« teilen mir dann mit, daß mein Plattenwunsch nicht im Regal steht - heißen Dank - und, nach zwei bis drei Wochen Wartezeit, daß die Platte beim Verlag nicht verfügbar ist.
Bei nächster Gelegenheit schneide ich den Song dann auf Kassette. Soviel zur Popmusik, aber, falls die Branche nach Marktlücken sucht: Country Music besteht für den deutschen Rundfunk leider nur aus Johnny Cash und dann seit zehn Jahren mit »Ring Of Fire«.
Darmstadt HARALD F. TÄUSCHEL
Der böse Konsument möchte den Schwachsinn nicht mehr erstehen. Ihm reicht diese Art der Musik von Disco-Stampf bis zu Dadada-Dreck. Darum übt er Konsumverzicht als das einzige Mittel, seinem Wunsch nach besserer Musik Ausdruck zu verleihen.
Als Ausrede der Flaute nennt Dr. Jung den Video-Boom. Aber er kann doch nicht die Schuld auf einen Konkurrenten abwälzen, der zum größten Teil auf gleichem niedrigen Niveau steht. Nur sich selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen und manche kurzfristige Million Mark sausen lassen gegenüber längeren Projekten wird der Branche helfen. Dies wird man aber erst einsehen, wenn man die meisten entlassen hat.
Kandel (Rhld.-Pf.) PETER KEPPEL