ANTARKTIS / FUCHS-EXPEDITION Durch die Eiswüste
Das hölzerne Erinnerungskreuz für den Südpolmärtyrer Scott schimmerte im orangefarbenen Licht der Polarsonne, als vier zerbeulte Raupenschlepper kreischend stoppten. Elf vermummte Gestalten sprangen aus den Schlepperkabinen und fielen einander mit heiserem Triumphgeheul um den Hals. Elf Männer mit stinkenden Wollklamotten am Leib, mit verfilzten, eisverkrusteten Bärten, mit frostzerfressenen Lippen und blutunterlaufenen Augen torkelten in das Blitzlichtfeuer der versammelten Reporter und das Tschingdara einer Militärkapelle.
Sie hatten das letzte Abenteuer vollbracht, das nach einer vielhundertjährigen Epoche der Forschung und Eroberung für Naturen vom Schlage des Amerika-Entdeckers Kolumbus, der Afrika-Forscher Stanley und Livingstone, der Tibet-Tramps Sven Hedin und Filchner auf der Erde noch übriggeblieben war: die Durchquerung des antarktischen Eiskontinents.
Chef dieser letzten großen Abenteuerreise der Erdgeschichte war der 50jährige britische Forscher deutscher Abstammung Dr. Vivian Fuchs. Verlegen, beinahe mürrisch ließ er das Getöse des Empfangs am Fuße des Erinnerungskreuzes von Scott Base an der Südküste des anarktischen Kontinents über sich ergehen.
Der Empfang am Sonntagmorgen der letzten Woche hatte in der Tat einen ironischen Beigeschmack. 99 Tage lang hatten Vivian Fuchs und seine zehn Männer unter unerhörten Anstrengungen dem Tode getrotzt, der sie in vielerlei Gestalt bedrohte. Hier, am Ende ihrer Reise, demonstrierte ihnen eine Butterkrem-Torte mit der Aufschrift: »Gut gemacht!«, daß der von ihnen eben unter Gefahr für Leib und Leben bezwungene Kontinent längst von der Zivilisation erobert ist, daß es im Zeitalter des Hubschraubers und der Kurzwelle nicht mehr des Todesmutes kühner Forscher bedarf, - daß ihr Unternehmen eine heldenhafte Donquichotterie gewesen war.
Fast gleichzeitig mit dem verspäteten britischen Konquistador Fuchs hatten andere Expeditionen - vor allem eine amerikanische und eine sowjetische - mit anderen Mitteln begonnen, den Eiskontinent zu durchforschen. Längst gibt es inmitten der antarktischen Polarwüste komfortabel eingerichtete Forschungsstationen, die Tag für Tag von Flugzeugen angesteuert werden.
Dennoch erschien es zukunftsgerichteten Geistern auch im Zeitalter der Sputniks und Explorer nicht ganz sinnlos, daß zur Erforschung der Antarktis noch einmal ein Abenteurer sein und seiner Kameraden Leben aufs Spiel setzte. Sie maßen sogar der Tatsache symbolischen Rang zu, daß im Internationalen Geophysikalischen Jahr 1957/58 zugleich der antarktische Kontinent überquert wurde und die Raumfahrt begann.
Denn an keiner Stelle der Erde könnte sich der Mensch auf die bevorstehenden Expeditionen in den Weltraum besser vorbereiten als auf dem leblosen Kontinent aus erstarrten Wassermassen. Kein Teil der Erde ist weniger für den Menschen geschaffen als der gigantische Block aus Fels und Eis, der sich - fast so groß wie Europa und Australien zusammengenommen - über die Unterseite der Erdkugel wölbt.
Eine geologische Theorie besagt, daß die Antarktis vor vielen Millionen Jahren tropisches Klima hatte; Kohlenfunde verraten zumindest, daß dort einmal Urwälder wuchsen. Doch das Paradies verschwand, als der Schnee zu fallen begann. Schicht um Schicht, Jahrtausend um Jahrtausend wuchs die Eismasse und drückte den Kontinent viele Meter tief in seine Fundamente. Durch ihr eigenes Gewicht wurden die Eismassen vom Zentrum nach allen Seiten auseinandergepreßt. Druck und Gegendruck von Eis und Fels erfüllen das Massiv mit nie endendem Grollen.
Um Berggipfel, eisverschüttete Täler und gefrorene Katarakte legte die Natur einen gigantischen Wallgraben, den Ring des Meer-Eises, das den Kontinent umklammert. Und vor diesem Graben aus Treibeis liegen die gefährlichsten Breiten der Weltmeere, die »brüllenden Vierziger« (Breiten), die »furiosen Fünfziger« und die »gellenden Sechziger«, wie sie der Seemann nennt: Dort stürmen Winde und Wellen von drei großen Ozeanen (Atlantischer, Pazifischer und Indischer Ozean) orkanhaft aufeinander.
Die Stürme der Ozean-Ecke und das Treibeis schreckten die Menschen jahrhundertelang vom Betreten und Erforschen der Antarktis ab. Keiner der berühmten Entdecker der Reformationszeit fand das »große Festland im Süden«, über das schon Ägyptens antiker Geograph Ptolemäus spekulierte. Weltumsegler James Cook umschiffte von 1772 bis 1775 die Polarzone auf der Suche nach dem verheißenen Land, ohne die Antarktis zu sichten. Dem Deutsch -Russen Fabian Gottlieb von Bellingshausen glückte es 1821 nicht, durch die Treibeis -Peripherie bis zur kontinentalen Gletscher -Barriere vorzudringen.
Erst der amerikanische Marineleutnant Charles Wilkes erkannte 1840 auf einer Expeditionsreise durch die südlichen Meere, daß sich hinter dem unwegsamen Treibeis ein ganzer Kontinent verbirgt. Als er indes in einem neunzehnbändigen Werk behauptete, er habe die Antarktis, den sechsten Kontinent, entdeckt, lachten ihn die Wissenschaftler seiner Zeit aus. Niemand wollte glauben, daß sich hinter den Eisschollen das höchste Bergland der Erde verbergen könnte.
Ein anderer Marineleutnant, der Brite Ernest Shackleton, konnte jedoch 70 Jahre nach der Wilkes-Expedition die Beobachtungen des Amerikaners bestätigen. Seine Entdeckungen an den Küsten der Antarktis lösten eine ganze Welle von Erkundungsfahrten in das Innere der Eiswüste aus.
Zu den denkwürdigsten Unternehmungen brachen im Herbst 1911 zwei Marineoffiziere, der norwegische Kapitän Roald Amundsen und der britische Kapitän Robert Falcon Scott, fast gleichzeitig auf: Sie wollten beide den mythischen Nullpunkt der Erde finden, den Südpol. Der Norweger gewann den Wettlauf. Amundsen startete vom Rande des Ross-Meeres im September 1911 und erreichte den Südpol am 14. Dezember um drei Uhr nachmittags. Seinem Rivalen Scott hinterließ er die norwegische Fahne, ein Zelt und einen Brief an den norwegischen König Haakon, zu dessen Ehren er das Gebiet um den Südpol Haakon-Land taufte.
Die Expedition des britischen Kapitäns Scott erreichte zwar ebenfalls - einen Monat später - den Südpol, aber auf dem Rückweg geriet sie in den Schneesturm des einbrechenden Antarktis-Winters und ging zugrunde. Im Frühjahr 1913 fand ein britischer Arzt die Gebeine und das Zelt des Kapitäns Scott. Er fand auch ein Tagebuch. Die letzte Eintragung lautete: »Ich bedaure diese Reise nicht, denn sie zeigt, daß Engländer immer noch im Kampf bis zum letzten Atemzug mit kühnem Geist zu sterben verstehen.«
Der Mann aber, der 1907 die sensationellen Südpol-Fahrten der Amundsen und Scott ausgelöst hatte, Ernest Shackleton, arbeitete inzwischen einen Plan aus, der jahrzehntelang als aberwitzig galt, bis Vivian Fuchs ihn realisierte. Während frühere Expeditionen sich zwar in das Innere des Kontinents vorgewagt hatten, aber stets auf ihrem Hinweg zurückgekehrt waren, wollte Shackleton den antarktischen Kontinent von Küste zu Küste durchqueren: vom Weddell -Meer im Nordwesten zum Ross -Meer im Süden.
Im August 1914, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges, brach Shackleton mit dem Eisbrecher »Endurance« von England auf und versuchte, durch das Treibeis des Weddel -Meeres an die Nordwestküste des Eiskontinents heranzukommen. Doch vergebens kreuzte der Brite zwischen den gefährlichen Eisschollen umher. Im Oktober 1915 wurde die »Endurance« vom Eis zerquetscht.
Shackleton mußte sich mit seiner Mannschaft über die Eisschollen hinweg in Sicherheit bringen. Seine Botschaft an die Nachwelt lautete: »Die Durchquerung der Antarktis ist die letzte große Landreise der Geschichte.«
Das Projekt Shackletons geriet jedoch in Vergessenheit, als die Expeditionsfahrten in das Innere der Antarktis im Zeitalter der modernen Technik allen abenteuerlichen Glanz verloren. Im Jahre 1929 flog der amerikanische Marineoffizier Richard Byrd seine erste Schleife über dem Südpol. Funk und Flugzeug wurden zu den Hauptinstrumenten der antarktischen Forschung.
Im übrigen beschränkte sich die wissenschaftliche Eroberung
des kalten Kontinents auf Reisen zu den Küsten und auf die Benennung aller sichtbaren Erhebungen und Einbuchtungen mit den Namen politischer oder wirtschaftlicher Potentaten. Schließlich meldeten verschiedene Staaten, unter ihnen Großbritannien, Norwegen, Australien, Frankreich und Neuseeland, symbolische Hoheitsrechte an, die jedoch keine völkerrechtlichen Konsequenzen haben:
Das zeigte sich besonders deutlich im Sommer 1955, als die Antarktis-Forschung einen ungeahnten Auftrieb erhielt. Damals trafen die Erdforscher der Welt in Paris zusammen, um die antarktische Erkundungsoffensive für das Internationale Geophysikalische Jahr vorzubereiten. Dabei offenbarten die amerikanischen und sowjetischen Wissenschaftler auf dem Gebiet der Antarktis-Forschung eine Zusammenarbeit, wie sie in der Politik bisher nicht möglich war.
Die Sowjets erlaubten den Amerikanern ohne Widerrede, eine wissenschaftliche Station an der begehrtesten Stelle des Eiskontinents zu errichten, am Südpol. Die Amerikaner dagegen räumten den Sowjets zwei Beobachtungsplätze am sogenannten »Pol der Unzugänglichkeit"* und an einer weiteren Stelle ein, die von den Russen Wostok genannt wird Die Amerikaner hielten sogar ihre schützende Hand über die sowjetischen Antarktis-Forscher, als eine Überraschungsaktion russischer Wissenschaftler die australische Regierung zu einem diplomatischen Protestschritt provozierte.
Im Januar 1956 landete ein Team sowjetischer Wissenschaftler vom Indischen Ozean her in dem Sektor der Antarktis, den Australien als sein Hoheitsgebiet beansprucht. Die sowjetamtliche) Verlautbarung zu diesem Unternehmen verstärkte das Mißtrauen der australischen Regierung. Der betreffende Landeplatz an der Antarktisküste, so ließ Moskau zur Begründung wissen, liege auf dem gleichen Längengrad (dem 82. Grad östlicher Länge) wie die zentral sibirische Stadt Nowosibirsk, »das Herz der UdSSR«.
Das sowjetische Wissenschaftler-Team taufte zwar seine Station an der antarktischen Ostküste schleunigst Mirnij (friedlich), aber das zerstreute nicht den Argwohn der Australier, die Sowjets wollten in jenem Küstenstrich womöglich Hoheitsansprüche demonstrieren und einen geheimen U-Boot -Stützpunkt anlegen. Als die Australier in Washington ihre Besorgnis bekundeten, winkten die Amerikaner jedoch ab. »Washington erkennt die Souveränitätsansprüche in der Antarktis ebensowenig an wie Moskau«, klagte die Londoner »Times«.
So wenig Verständnis Washington für die politischen Sorgen Australiens zeigte, so sehr waren die Amerikaner bemüht, die sowjetische Konkurrenz im wissenschaftlichen Wettlauf um die Antarktis zu übertrumpfen. Die Errichtung wissenschaftlicher Stationen auf dem Eiskontinent lag in den Händen der amerikanischen Marine, die ans Werk ging, als gelte es, die Invasions-Schlachten des pazifischen Weltkrieges (1941 bis 1945) zu wiederholen.
Kaum hatten sich die Teilnehmer am Internationalen Geophysikalischen Jahr über die Details des wissenschaftlichen Angriffes auf den Eiskontinent geeinigt, da brauste bereits ein Dutzend schwerer
und leichter Schiffseinheiten der amerikanischen Marine in den stürmischen Süden. Die »Seebienen«, wie die Navy-Pioniere genannt werden, warfen Tausende Tonnen Material an die Küste des Ross -Meeres: Nissenhütten und Planierraupen, automatische Waschmaschinen und Plattenspieler. Sie montierten binnen drei Monaten zwei Stationen an der Küste des Ross-Meeres, um einen Flugvorstoß zum Endziel - dem Südpol - vorzubereiten.
In der Polarnacht, bei 60 Grad Kälte, bauten 93 »Seebienen« im bleichen Licht generatorenversorgter Flutlampen in der Hauptbase McMurdo einen Flugplatz für viermotorige Transportmaschinen. Sie brauchten den ganzen Polwinter 1956 (März bis Oktober) für ihr Sisyphus-Duell gegen die Schneestürme, die jedes Stück freigeräumter Bahn immer wieder zuwehten. Zweimal mußten die Navy-Pioniere von vorn anfangen, weil die Eisflächen tückische Hohlräume hatten, in die landende Flugzeuge einbrechen konnten.
Als im November 1956 die Polarsonne wieder über dem Horizont auftauchte, setzten die Amerikaner zu ihrem Flugsprung zum Südpol an. Der Chef der amerikanischen Expedition, Konteradmiral George J. Dufek, flog mit seinem Stab in einer zweimotorigen DC-3 von McMurdo 1500 Kilometer weit über Gletscher und Berge. Dann schwebte die Maschine ein, schlitterte ein Stück über eine kahle Schneefläche und kam 20 Meter neben dem Südpol zum Stehen.
Das Sternenbanner in den Fäusten, sprang Admiral Dufek aus der warmen Kabine in den frostklirrenden Wind ("Mir war, als ob mir einer mit einem Eisblock ins Gesicht schlägt«, erinnerte er sich später) und stand 45 Jahre nach den heroischen Fahrten Amundsens und Scotts als dritter Eroberer am Südpol.
Ein Offizierskamerad Dufeks pickelte ein Loch ins Eis, und der Admiral pflanzte die Flagge auf. Die Männer salutierten, Kameras klickten, Radar-Reflektoren, die den Flug zum Pol erleichtern, wurden ringsum aufgestellt. Rechtzeitig zum Abendessen waren Dufeks Pol-Ausflügler wieder im gemütlichen Kasino von McMurdo; sie konnten den allabendlichen Hollywood-Film im Stützpunkt-Kino genießen und sich getrost in ihre elektrisch beheizten Decken wickeln: Die Technik hatte auch den letzten Schrecken irdischer Natur gebrochen.
Sechs mit Glaswolle isolierte Spezialhütten, Traktoren, Instrumente und 450 Tonnen Vorräte segelten aus der Luft an bunten Fallschirmen auf den Pol herab. Als die Sonne zum Antarktis-Winter 1957 hinter den Gletschern versank, saßen 19 Amerikaner - Meteorologen, Geologen und Hilfspersonal - in der Polstation an ihren Petroleumöfen und hörten bei Mendelssohn-Musik die Schneestürme draußen heulen.
Mit Lebensmitteln und Brennstoff für drei Jahre, aber auch mit Sahne zum Dekorieren von Geburtstagstorten ausgerüstet, harrten sie zuversichtlich der tiefsten Temperaturen, die Menschen je erlebten: Im September 1957 maß die Polstation den Kälterekord von 86,4 Minusgraden Celsius.
Auch die sowjetischen Wissenschaftler in Mirnij suchten die Antarktis im amerikanischen Stil zu bezwingen. Aber gegen die »Seebienen« und Piloten der US-Navy kamen sie nicht auf. Eins ihrer Handicaps bestand darin, daß ihre Ausgangs- und Versorgungsbasis eine Sechswochenreise entfernt im ostpreußischen Königsberg liegt, während die Amerikaner von einer Base in Neuseeland aus, der Stadt Christchurch, operieren.
Zehn Flugzeuge und Hubschrauber, die Sowjetrußlands Team in Einzelteile zerlegt mit dem Dampfer nach Mirnij brachte, reichten nicht aus, in der Antarktis Inlandsbasen aus der Luft anzulegen. So waren die Sowjets gezwungen, die Plätze für ihre wissenschaftlichen Stationen - das Gebiet Wostok und den Pol der Unzugänglichkeit - auf dem Landweg zu erreichen.
Den Raum Wostok erreichten die Russen zwar, der Pol der Unzugänglichkeit hingegen machte seinem Namen alle Ehre Der Beobachtungsplatz, der auf dem Pol der Unzugänglichkeit aufgeschlagen werden sollte, mußte mehrere hundert Kilometer vor dem Pol auf einen 4000 Meter hohen Punkt in einer noch unerforschten Ödnis errichtet werden.
Trotz ihrer Schwierigkeiten aber hat die Sowjet-Expedition ihre Hauptstation Mirnij »ebenso gut organisiert, wie das in McMurdo, der größten wissenschaftlichen Station der Vereinigten Staaten, der Fall ist«. Das berichtete ein Korrespondent der »New York Times« anerkennend von einer Stippvisite, die ein amerikanischer Eisbrecher Ende Januar in Mirnij machte, um den kalten Frieden der Antarktis mit einer Wodka-Fete zu begehen und nebenbei zu inspizieren, ob die Sowjets nicht doch Raketenabschußrampen in den Gletscherspalten versteckt hätten.
»Wir fanden nichts dergleichen«, meldete der »New York Times«-Reporter. Statt dessen mußten sich die Amerikaner milde Vorwürfe friedlicher Sowjetforscher anhören, weil ihr Navy-Eisbrecher mit Kanonen bestückt war. Was die amerikanischen Besucher vorfanden, war eine Expedition, die als transportables Laboratorium aufgezogen war, fern allem abenteuerlichen Entdeckerdrang darauf abgestellt, die Wirklichkeit des grausamen Kontinents möglichst bequem und risikolos in nüchterne Zahlen und graphische Kurven zu verschlüsseln. Die Sowjets schienen in Ozeanographie, Meteorologie und Glaziologie den Amerikanern »ein ganzes Stück voraus« zu sein.
Mit einem mächtigen Aggregat hatten die Russen Hunderte von Metern tiefe Löcher gebohrt, um das Eis der Tiefenschichten zu analysieren. Sie hatten einen Wetterballon 38 Kilometer in die Höhe geschickt (amerikanische Südpol-Ballons stiegen bisher nur 32 Kilometer hoch). Ihre 18 Lagergebäude sind gemütlicher als die Bauten amerikanischer Stationen: »Elektrisch beheizt, Wände mit bunten Tapeten beklebt, nagelneue Teppiche auf dem Boden, Schaukelstühle und zum Frühstück täglich Kaviar«, notierte sich der Korrespondent der »New York Times«.
In der antarktischen Winternacht vertreibt sich die Besatzung von Mirnij die Zeit durch Funk-Fernschach-Turniere mit ihren Heimatklubs in der Sowjet-Union. In Mirnij hielten sich sogar drei Damen der sowjetischen »Akademie der Wissenschaften« auf - die ersten Frauen in der Eiswüste der Antarktis.
Das bedeutet aber nicht, daß die Überwinterung in Mirnij, McMurdo oder in den Polstationen ein beneidenswertes Vergnügen wäre. Auch bei heimeligstem Komfort ist sie bestenfalls ein zermürbendes Exil, eine ausweglose Gefangenschaft.
Das unangenehmste Leiden in der Polarnacht ist die Schlaflosigkeit. Apathisch hocken die Männer endlose Stunden lang herum, stieren ins Leere, schlürfen Kaffee und warten, bis schiere Erschöpfung ihnen den ersehnten Schlummer bringt. Andere werden von manischer Budenangst befallen und versuchen, sich durch Camping-Ausflüge in die Eiswüste Luft zu schaffen.
Nur an Samstagabenden finden die amerikanischen Wissenschaftler periodischen Trost in einer »glücklichen Stunde« unbegrenzten Schnapsausschanks. Weder betrunken noch nüchtern allerdings bekunden die Männer in der Antarktis Interesse für die Außenwelt, geschweige denn für deren politische Querelen. Sogar »der ungarischen Rebellion und der Suez-Krise schenkten Dufeks Leute nur wenig Aufmerksamkeit«, berichtete der amerikanischen Journalist Edwin Rees. »Ihre Isolation ist zu groß, der Rest der Welt zu weit entfernt.«
Auch das wichtigste Thema unbeweibter Männer ist kaum je akut. »Die Antarktis ist der friedlichste Ort der Welt, weil es dort keine Frauen gibt«, hatte schon Admiral Byrd erklärt und sich erst nach dem Ausbruch der kollektiven Empörung amerikanischer Frauenverbände mit gequälter Galanterie verbessert: »Der größte Mangel der Antarktis ist der Mangel an Versuchung.«
Auch die Hollywood-Heroinen scheinen in den Stützpunkt-Kinos nur knabenhafte Verwunderung zu erregen. »Die Stars kommen einem da unten so völlig fremd und unwirklich vor wie bunte Fische in einem Tiefsee-Aquarium«, meinte ein Polar-Veteran. Die einzige gegenteilige Beobachtung meldete der britische »Daily Mail« -Reporter Noel Barber aus der Station am Südpol. Dort gebe es einen gewissen »Jerry, der jeden Abend während der Filmvorführung klagende Schreie ausstößt, wenn ein Mädchen auf der Leinwand erscheint«. Während die Stützpunkt-Pioniere geruhsam, wenn auch in einer Art Dauerbetäubung ihren Hollywood-Komfort genossen, kämpfte sich die Landexpedition des Vivian Fuchs durch den antarktischen Winter. Fuchs und seine Männer waren zwar ebenfalls im Zeichen des Geophysikalischen Jahres ausgezogen, aber sie beseelte ein anderes Ziel: Sie wollten ihre Messungen nicht in gemütlichen Stationen vornehmen wie die Amerikaner und Russen, sondern den Traum des alten Pioniers Shackleton verwirklichen - die Antarktis auf dem Landwege zu durchqueren.
Wie Shackleton wollte Fuchs die Antarktis zwischen dem Weddell-Meer im Nordwesten und dem Ross-Meer im Süden des Eiskontinents durchziehen - dies aber mit Mitteln und Methoden, die eher in die Zeit der Scott und Amundsen paßten. Fast schien es, als habe sich der britische Expeditionschef mit Vorbedacht Schwierigkeiten ausgesucht.
Während Amerikaner und Russen an den leichtzugänglichen Punkten der Antarktis-Küste ihre Hauptstationen errichteten, schlug Fuchs sein Ausgangslager an der wilden Küste des Weddell-Meeres auf. Diese Küste hatte als unerreichbar gegolten, seit Shackletons Schiff »Endurance« dort im Oktober 1915 untergegangen war. Und obschon Fuchs die schwerste Anmarschroute hatte, besaß er keinen Eisbrecher.
Mit Pickeln, Schaufeln und Dynamitpatronen kämpfte sich seine Crew mit ihrer kümmerlichen 829-Tonnen-Korvette »Theron« wochenlang durch die aufgetürmten Schollen. Mehrere Male saßen sie fest in der übermächtigen Umklammerung des Eises.
»Vielleicht erklären alle diese Schwierigkeiten erst, warum Fuchs diese Reise unternommen hat«, meinte das britische Sonntagsblatt »Observer«. »Er ist ein Entdecker der romantischen Tradition ...«
Wie fast alle raren Exemplare romantischer Männlichkeit im 20. Jahrhundert erinnert Fuchs an die Helden, über die Ernest Hemingway zu schreiben pflegt. Gleich den schwermütig rastlosen Stierkämpfern, Löwenjägern und Schwertfisch-Fängern in den Romanen Hemingways war Vivian Ernest (Spitzname: »Bunny") Fuchs zeitlebens auf der Suche nach den klaren, einfachen Taten und Tugenden; die das Maschinenzeitalter in Materialschlachten pervertiert und hinter Büroschreibtischen und Schalttafeln lahmgelegt hat.
Auch er hatte es nicht leicht, in einer heillos komplizierten, künstlichen Welt das große Abenteuer zu finden. Der »kühne britische Geist«, der Kapitän Scott einst beseelte, hätte allein vielleicht nicht mehr dazu ausgereicht. Aber es kam die Dickschädeligkeit hinzu, die er von seinen mitteldeutschen Ahnen geerbt hat.
Siebenjährig war sein Vater aus dem Thüringer Wald auf die britischen Inseln übergesiedelt. Er rackerte sich zu einem der wohlhabendsten Farmer der südenglischen Grafschaft Kent empor, schickte seinen Sohn nach Cambridge und hinterließ ein Vermögen, das Bunny Fuchs fürderhin vom Zwang des Gelderwerbs befreite.
Bunny war ein streitbarer Einzelgänger von Jugend an, denn es war kein Spaß, im ersten Weltkrieg als Sohn eines Deutschen in eine englische Schule zu gehen. Verbissen versuchte er, seinen Jähzorn unter Kontrolle zu bringen. Dennoch war er am St John's College von Cambridge als teutonischer »blowtop« (Hitzkopf) berüchtigt, und noch heute gedenkt - wie ein Korrespondent der »New York Times« berichtete - »mindestens ein distinguiertes Fakultätsmitglied von Cambridge der Vorderzähne, die ihm Fuchs im Verlaufe einer studentischen Auseinandersetzung lockerte«.
Mit 21 Jahren ging Bunny Fuchs 1929 auf seine erste Expedition nach Ostgrönland. Seitdem verging kaum ein Jahr, in dem ihn seine teutonische Wanderlust nicht in einen möglichst entlegenen, möglichst ungezähmten, extrem kalten oder heißen Winkel der Erde trieb.
Er gondelte in einem schrottreifen Chevrolet quer durch die Sahara, er paddelte über die ostafrikanischen Seen. Er heiratete die unternehmende Forschertochter Joyce Connell, die ihrerseits schon auf eigene Faust um die Welt getrampt war, und schleppte sie bald darauf 5119 Meter hoch auf die Spitze eines der höchsten Berge Afrikas.
Er promovierte 1935 mit einer Untersuchung über die Geologie des afrikanischen Rif-Tals, aber die Geologie war mehr ein Vorwand für seine abenteuerliche Besessenheit. Diese konzentrierte sich nach dem zweiten Weltkrieg (er hatte in Afrika und Westeuropa gekämpft und war im britischen Heeresbericht genannt worden) ganz auf die Antarktis als den letzten und härtesten Prüfstein.
Lange Zeit schien es, als würde Bunny Fuchs das Land seiner Sehnsucht nie erreichen. Niemand in einer vom Nutzeffekt besessenen Welt stiftet gern Millionen, um zu erfahren, wie oft die antarktischen Gletscher kalben. Auch Admiral Byrd, der erste Südpol-Flieger, mußte von ungeahnten Uranvorkommen unter Eis munkeln, ehe er die Dollars für seine Nachkriegsexpedition zur Antarktis zusammenbekam.
Dem Bunny Fuchs kam jedoch die Weltpolitik zu Hilfe. Seit dem zweiten Weltkrieg erhoben Argentinier und Chilenen Ansprüche auf den Teil der Eiswüste, den Großbritannien als sein Hoheitsgebiet betrachtet. Um ihre Rechte in der Antarktis zu behaupten, schickte die britische Regierung nach dem zweiten Weltkrieg eine ständige Forschungsgruppe zum sechsten Kontinent. Ihr Chef wurde Vivian Fuchs.
Mit Hundeschlitten unternahm er 1948 tiefe Vorstöße über die rauhe Palmer -Halbinsel im äußersten Nordwesten des Eiskontinents. Er verpaßte sein vom Eis vertriebenes Expeditionsschiff und blieb mit seinen Leuten anderthalb Jahre im Eis-Exil. Erst als der letzte Hund verzehrt war, erreichte die Gestrandeten ihr Dampfer.
Was jedem anderen Mann den Appetit an der Antarktis vergällt hätte, machte Fuchs erst munter. Damals faßte er den Plan, Shackletons gescheiterte Antarktis -Durchquerung vom Weddell- zum Ross-Meer in die Tat umzusetzen. Als schließlich mit dem Nahen des Internationalen Geophysikalischen Jahres 1957/58 Englands Forscher besorgt erwogen, wie das Königreich trotz begrenzter Mittel seinen Weltmacht-Rang auch im erdkundlichen Wettstreit mit Amerika und Sowjetrußland wahren könne, schlug die Stunde des Vivian Fuchs.
Der britische Forscher machte seiner Regierung den Vorschlag, sie solle ihn zum Leiter einer Forschungsexpedition der Commonwealth-Länder ernennen, mit der er, Fuchs, die Antarktis durchqueren wolle. Fuchs verband seinen Vorschlag mit einem verführerischen Argument: Wenn die Durchquerung gelinge, dann würde England damit seinen amerikanischen und sowjetischen Rivalen die Schau stehlen; die Wissenschaftler Moskaus und Washingtons seien ohnehin nur an der Errichtung von Beobachtungsstationen, nicht aber an einer Landexpedition interessiert.
Zudem versprach Fuchs, er werde alle 50 bis 80 Kilometer Messungen vornehmen, um die Eisstärke und die Höhe der darunterliegenden Felsen zu ermitteln. Vielleicht bringe die Expedition sogar Klarheit darüber, ob die Antarktis tatsächlich aus einer zusammenhängenden Landmasse oder zwei oder mehr eisüberkappten Inseln bestehe.
Die britische Regierung akzeptierte den Vorschlag, schränkte das Projekt allerdings in einem Punkt ein, was dem abenteuer besessenen Forscher wenig behagte. Das Unternehmen, so entschied die Regierung, sei für eine Expedition allein zu gefährlich; darum solle der neuseeländische Mount -Everest-Bezwinger Sir Edmund Hillary von der anderen Seite der Antarktis den zweiten Teil von Fuchsens Durchquerungsroute erkunden und an ihr entlang Depots anlegen.
Aus dieser Zweiteilung erwuchs der Expedition eine Belastung, an der sie beinahe gescheitert wäre. Denn Fuchs und Hillary verkörpern zwei völlig verschiedene Forscher-Persönlichkeiten: Während der lange Neuseeländer, Stolz des Commonwealth, an die Macht der modernen Technik glaubt, hätte Bunny Fuchs die Eiswüste am liebsten mit Hundeschlitten und auf Skiern durchquert, um so seinen Glauben an die Unzerstörbarkeit männlicher Tugenden zu bezeugen.
Zwischen den beiden Männern kam es später - wenn auch nur über den Funk - zu erheblichen Spannungen. Paradoxerweise wurden sie von den gleichen Errungenschaften ausgelöst, die den Kampf mit dem Eiskontinent so enorm erleichtern. Gerade die bequemen Hilfen und raschen Auswege der Technik unterhöhlten die Widerstandskraft und den Durchhaltewillen der Männer.
Der krasse Kontrast zwischen den Mühen ihrer Fahrt und den lockenden Flugzeugen am Südpol, die jederzeit herbeizurufen waren, setzte die Fuchs-Expedition Versuchungen und psychischen Belastungen aus, mit denen Scott und Amundsen sich nicht zu plagen brauchten. Fuchs mußte den Entschluß zum Durchhalten an jedem Morgen gleichsam neu fassen, seinen Vorgängern blieb nach dem einmal begonnenen Unternehmen kaum etwas anderes übrig, als es fortzusetzen.
Am 24. November des letzten Jahres brach Fuchs mit Beginn des antarktischen Sommers vom Weddell-Meer auf: Weihnachten sollte er den Südpol erreicht haben. Aber schon nach wenigen Tagen kam er buchstäblich nur noch schrittweise voran.
Plötzlich hatte sich Wolkendunst vor die tiefstehende Sonne geschoben und die Antarktis schikanierte Fuchs und seine Männer mit ihrem unheimlichsten Trick, der sogenannten »weißen Finsternis« (whiteout). In ihrem undurchdringlichen, milchigen Zwielicht verschwammen Himmel und Erde, alle Konturen lösten sich auf. In einem whiteout kann ein Mann zwar seine Füße erkennen, aber nicht den Boden, auf dem sie stehen. Er kann nicht unterscheiden, ob ein dunkler Punkt vor ihm ein entfernter Felsengipfel oder eine weggeworfene Proviantpackung seines Vorreiters ist. Der menschliche Richtungssinn wird von einem übelkeiterregenden Gefühl der Schwerelosigkeit aufgehoben. »Es ist das Schweben in einem grenzenlosen unsichtbaren Raum«, sagte ein Forscher. »Wenn jemand erfahren will, was das Nichts sei - das whiteout ist es.«
Fuchs lernte das weiße Nichts fürchten. Seine Männer konnten die immer häufigeren whiteouts auf ihrem Wettlauf mit dem Winter schließlich nicht mehr in ihren Zelten »aussitzen«, wenn sie nicht zu viel Zeit verlieren wollten. Sie mußten hindurch, blind, nur nach den Kompassen an den Armaturenbrettern ihrer »Schneekatzen« (Raupenfahrzeuge) über verharschte Schneedünen und Felsbuckel steuernd.
Im whiteout von der Route abgekommen und in Spalten-Labyrinth geraten«, funkte Fuchs. »Zwei (von vier) Fahrzeuge in Schründe verklemmt. Haben sie wieder herausgehievt, aber Steuerung von Schneekatze 'Rack and Ruin' ('Folter und Ruin') gebrochen. Wir müssen reparieren ...« Immer wieder reparieren, im Schneetreiben bei 30 Grad Kälte. Dauernd das angespannte Lauschen auf verdächtige Geräusche der Schneekatzen; der »körperliche Schmerz«, den eine schleifende Kupplung einem Mann verursacht, dessen Heil von ihrem Funktionieren abhängt.
Die Gletscherspalten erwiesen sich als die schwerste Gefahr für die Expedition. Sie zerteilen das Eis-Massiv in gewaltige Labyrinthe aus blaugeränderten Klüften, »groß genug, um einen zweistöckigen Londoner Autobus zu verschlingen«, wie Fuchs später erzählte.
Nur auf dünnen künstlichen »Eisbrücken« konnten die schweren Raupenfahrzeuge sie überqueren, mit Stahltrossen aneinandergebunden wie Bergsteiger in einer Steilwand, damit das Gewicht der anderen Schlepper eine einbrechende Schneekatze vor dem tödlichen Sturz in die eisige Tiefe abfangen konnte.
»Werden von Gletscherspalten aufgehalten«, funkte Fuchs. »Wir hatten nicht erwartet, daß dieses kurze Etappenstück so schlecht ist. Stratton und ich versackten mit unserer Schneekatze 'Rock'n'Roll'. Verbrachten fünf unangenehme Stunden über dem Bodenlosen schwebend, ehe es den anderen gelang, uns herauszuziehen.«
Ständig mußten die Forscher auf verborgene Risse gefaßt sein, die unter morschen Krusten in scheinbar glatten und festen Schneefeldern klaffen. Sie blieben unsichtbar, bis sich eine der Schneekatzen knirschend vornüberneigte, träge kippte
und die Männer in der Kabine nur noch beten konnten.
»Über schründiges Gebiet zu fahren«, berichtete Fuchs, »das kommt der Fahrt eines Panzerwagens über ein Minenfeld gleich. Mit dem einzigen Unterschied, daß wir darauf warten, in die Tiefe zu stürzen, statt in die Luft zu fliegen.« Jede Fortbewegung auch im Kriechtempo wurde zum halsbrecherischen Wagnis. Fuchs meldete: »Sicht null. Müssen kampieren und besseres Wetter abwarten.«
In einem solchen Augenblick traf Fuchs das, was englische Journalisten den »Dolchstoß des Sir Edmund Hillary« nannten. Während die Fuchs-Expedition in der Eiswüste steckenblieb, preschte der Neuseeländer Hillary zum Südpol vor, obwohl vereinbart worden war, daß Hillary am letzten Depot vor dem Südpol auf Fuchs warten und dem Engländer die »Eroberung« des Pols überlassen sollte.
Doch Hillary, der mit fünf Begleitern auf gewöhnlichen Ackertraktoren am 15. Oktober 1957 vom Ross-Meer gestartet war, hätte mindestens sechs Wochen lang auf das Eintreffen Fuchsens warten müssen, um den zweiten Teil seines Auftrages zu erfüllen: Fuchs auf dem Marsch zum Ross-Meer zu begleiten und damit seinen eigenen Weg wieder zurückzugehen.
»Da nahmen wir unsere Gelegenheit wahr«, berichtete Sir Edmund, das für einen Mount-Everest-Bezwinger etwas ruhmlose Depotanlegen durch einen Sprint zum Südpol zu krönen. »Marschieren mit Volldampf zum Pol, so Gott will und die Gletscherspalten es erlauben«, funkte Sir Edmund Hillary mit viel Sinn für geschichtsbuchreife Formulierungen.
Ganz Neuseeland vom Premierminister abwärts entflammte vor Begeisterung für die Bravour seines Nationalhelden. Man sprach von einem »Wettlauf zum Pol«, den Sir Edmund am 4. Januar 1958 mit 16 Tagen Vorsprung vor Fuchs gewonnen habe. Das aber war eine doppelte Unfairneß gegenüber Fuchs: Einmal hatte Hillary den kürzeren und leichteren Weg zum Pol zu bewältigen und zum anderen war der eigentliche Zweck der Fuchs-Expedition gar nicht das Erreichen des Pols, sondern die allerdings weniger populäritätsträchtige Überquerung des antarktischen Kontinents von Küste zu Küste.
Am Pol dann, nach drei Monaten inmitten der Eiswüste, brach Hillarys vielgerühmte Unverwüstlichkeit unter einer »psychischen Beanspruchung« zusammen, die nach Sir Edmunds Eingeständnis »schlimmer war als bei der Besteigung des Mount-Everest«. Der Empire-Superman, der mit jedem Atemzug zwei Liter Luft mehr in seinen mächtigen Brustkasten zu pumpen vermag als ein normaler Mann, klappte innerlich zusammen. Er kapitulierte vor seiner Hauptaufgabe, Fuchs zum Ross-Meer zu führen.
»Ich habe die Nase voll von Schnee und Gletscherspalten«, erklärte er bitter. »Auf mich könnt ihr nicht mehr rechnen. Ich überwintere nicht noch einmal. Ich habe Frau und Kind, und ich will sie wiedersehen. Meinen Kameraden geht es genauso wie mir.«
In seiner Heimat, auf der »grünen Insel« Neuseeland, war Hochsommer. Seine Frau sonnte sich mit ihren zwei Kindern am Strand von Auckland. Sie schickte ein Glückwunschtelegramm zum Südpol und fragte, wann Hillary zurückkomme. In einem runden Tag hätte er mit dem Flugzeug bei ihr sein, sich in der blauen Brandung des Pazifik tummeln und mit seinen Kindern eine Strandburg im Sand bauen können.
Am Morgen nach seiner Ankunft am Südpol flog Sir Edmund zurück in sein Ausgangslager Scott Base. Von dort funkte er, Fuchs solle doch die Durchquerung am Pol unterbrechen. Sein - Sir Edmunds - Mechaniker habe ihm gesagt, daß die Schneekatzen bei 45 Grad Kälte nicht mehr funktionierten. »Stellt eure Fahrzeuge am Südpol ab, fliegt nach Hause, kehrt im November 1958 zurück und vollendet dann die zweite Hälfte der Durchquerung«, funkte Hillary.
Damit war offenkundig geworden, daß Hillary der Versuchung der Flugzeuge erlegen war und nun auch Fuchs versuchen wollte. »Ich habe Hillary informiert«, tönte die Stimme des Briten aus der Eiswüste zurück, »daß ein Aufgeben der Expedition nicht in Frage kommt und daß eine Weiterführung im folgenden Winter unpraktisch ist.« Das verbissen-verbohrte Nein des Vivian Fuchs, dem nur die Durchquerung des Eiskontinents in einem Zuge Ruhm bringen konnte, zwang den Superman des Empires, wieder in die Antarktis zurückzufliegen. »Hallo, Bunny«, sagte Sir Edmund zu Vivian Fuchs, als er vierzehn Tage später mit dem Engländer am Südpol endlich zusammentraf. »Ich glaube doch, daß wir es schaffen können.« Sie schafften es, gemeinsam den Weg vom Pol nach Scott Base zu bewältigen, der den ersten Landmarsch quer durch die Antarktis vollendete.
Als Vivian Fuchs am Sonntagmorgen der letzten Woche nach 99 Tagen und Nächten die Station Scott Base am Ross-Meer erreichte, saß der Engländer mit Sir Edmund, der die Fuchsexpedition praktisch seit ihrem Eintreffen am
Südpol geführt hatte, kameradschaftlich in seinem Raupenfahrzeug »Rock'n'Roll«.
Die beiden Männer bemühten sich redlich, im Begrüßungs-Zelt von Scott Base bei Sekt und Kaviar das Zwischenspiel am Südpol vergessen zu machen. »Die Gletscherspalten hätten uns kaputtgemacht, wenn wir nicht Hillary gehabt hätten, der uns durch alle Fährnisse führte«, lobte Vivian Fuchs. Und der Neuseeländer brummte: »Manchmal habe ich geglaubt, daß Sie es nicht schaffen würden, Bunny. Ich bin froh, daß ich mich getäuscht habe.«
Die gegenseitigen Lobeshymnen wurden durch das Eintreffen einer Eildepesche des Staatssekretärs für Commonwealth-Beziehungen in London stimmungsvoll gestört. Ein Mitglied der Expedition las vor: »Folgende Erklärung wird soeben von Downing Street 10 veröffentlicht. Die Königin hat huldvollst ihre Absicht kundgetan, Vivian Ernest Fuchs, Landedelmann, Leiter der Transantarktischen Expedition des Commonwealth, die Würde eines Ritters zu verleihen.« Wenig später telegraphierte Königin Elizabeth: »Gut gemacht!«
Begeistert lobte auch die britische Presse, daß Dr. Fuchs mit der Landdurchquerung der Antarktis eine Tat vollbracht habe, durch die Amerikas und Sowjetrußlands wissenschaftliche Anstrengungen auf dem sechsten Kontinent in den Schatten gestellt worden seien. »Bis zu der Expedition des Dr. Fuchs konnte es nicht einmal als sicher gelten, daß die Antarktis ein Kontinent ist«, schrieb die Londoner »Times«.
Amerikanische Wissenschaftler freilich meinten, die geophysikalische Ausbeute der Expedition sei gering. Die englischen Forscher hätten derartig mit den Widrigkeiten der antarktischen Witterung kämpfen müssen, daß zu wissenschaftlicher Arbeit kaum Zeit geblieben sei. Zudem hätte man mit Flugzeugen vielleicht weit nützlichere Forschungen durchführen können, ganz abgesehen davon, daß seit Wilkes und Shackleton niemand ernstlich an dem kontinentalen Charakter der Antarktis zweifle.
Fuchs hingegen hatte, als er vor der Expedition sein Projekt gegenüber der britischen Regierung begründete, auf die Bedeutung des Unternehmens für die Erforschung der menschlichen Physiologie hingewiesen. Man werde beobachten können - so meinte er -, »wie der menschliche Körper über lange Zeiträume hinweg sich extremen Wetterbedingungen anpaßt«.
Hinter dieser wissenschaftlich kühlen Formulierung verbarg sich eine Frage von ethischem Rang - die Frage nämlich, ob der Mensch vermöge Mut, Ausdauer, Zähigkeit und Todesverachtung seinem eigenen Körper das Unwahrscheinliche abzuzwingen vermag.
Vermutlich ist die heldenhafte Antwort, die Fuchs mit seiner Expedition gab, für die künftige Erdforschung bedeutungslos, denn die moderne Technik hat einen Schimmer von Donquichotterie über Unternehmen geworfen, die freiwillig oder aus finanziellen Gründen auf eine perfekte technische Ausstattung verzichten. Die Erde hat keinen Bedarf für Helden und Abenteurer mehr - wahrscheinlich aber das All mit seinen Räumen, die noch kälter und tödlicher sind als die Antarktis.
* Der Pol der Unzugänglichkeit ist der Punkt in der Antarktis, der von allen Küsten des Eiskontinents am weitesten entfernt ist.
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