ZEITGESCHICHTE »Durch und durch dubios«
Der am 29. August 1938 nach England einreisende Raimund Werner Martin Pretzel begann seine Zeit auf der Insel mit einer Notlüge. Den britischen Behörden erzählte der später unter dem Künstlernamen Sebastian Haffner berühmt gewordene Bestseller-Autor, dass er eine Biografie des Automobilfabrikanten Lord Nuffield zu schreiben beabsichtige. Dafür müsse er zwei Monate im Königreich recherchieren.
Tatsächlich plante der damals 30-jährige Berliner, mindestens so lange zu bleiben, wie Adolf Hitler an der Macht war. In Cambridge wartete nämlich seine schwangere Freundin und spätere Ehefrau Erika, die aus einer deutschen, zum Protestantismus konvertierten jüdischen Familie stammte - eine Liebesbeziehung, die nach den Gesetzen der Nazis als Verbrechen galt.
Haffner sprach zunächst kaum Englisch, besaß nur wenig Geld, und seine Juristenausbildung konnte ihm bei den krassen Unterschieden zwischen den Rechtssystemen auch nicht von Nutzen sein.
Als er 1954 nach Berlin zurückkehrte, lag hinter dem Mann mit der hohen Stimme gleichwohl die spektakulärste Erfolgsgeschichte eines deutschen Emigranten in Großbritannien. Ihm war es gelungen, während des Krieges in seinem Gastland zu einem der führenden Meinungsmacher zu avancieren, der zeitweise sogar den Kurs der überaus einflussreichen Sonntagszeitung »The Observer« bestimmte.
Mit welchem Misstrauen die Behörden vor Ort den Aufstieg Haffners beobachteten und wie schwer ihnen eine zuverlässige Einordnung des wendigen Journalisten fiel, zeigt ein gut hundert Seiten umfassendes, nun freigegebenes Dossier des Inlandsgeheimdienstes MI 5, das dem SPIEGEL vorliegt.
Der aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammende Sohn eines preußischen Reformpädagogen sollte zunächst wieder abgeschoben werden - später verdächtigten ihn Mitarbeiter und Zuträger des Dienstes, mal den Kommunisten, mal den Nationalsozialisten nahe zu stehen. »Unsere Unterlagen zu Raimund Pretzel«, notierte ein Beamter, »zeigen erstaunliche Gegensätze in der Einschätzung seiner politischen Ansichten.«
Doch andererseits erwogen britische Geheimagenten und Desinformationsexperten mindestens zweimal, 1940 und 1943, den Deutschen anzuwerben.
Haffner war im Sommer 1938 in ein Land gekommen, das zu diesem Zeitpunkt nur wenige Emigranten aufgenommen hatte. Erst nach der »Reichskristallnacht« am 9. November des gleichen Jahres, während der die Nazis 171 Synagogen zerstörten und fast hundert jüdische Deutsche ermordeten, lockerte London die Einreisebestimmungen; über 60 000 Verfolgte kamen aus dem Dritten Reich auf die britischen Inseln.
Dem Mann aus Berlin verlängerten die Behörden mehrfach die Aufenthaltsberechtigung, und Haffner begann bald nach seiner Ankunft mit der Arbeit am Manuskript seines vor zwei Jahren posthum veröffentlichten Bestsellers »Geschichte eines Deutschen«.
Im April 1939 wurde der Autor, der in seiner Heimat als Feuilletonist für Frauenillustrierte geschrieben hatte, dem MI 5 allerdings suspekt. Haffner, merkte ein Geheimdienstler an, habe »genug Zeit« gehabt, die angeblich geplante Biografie über Lord Nuffield zu verfassen. Auch gebe es schon »viel zu viele deutsche Journalisten in diesem Land«.
Die Entscheidung, dass er das Königreich bis zum 29. Juni wieder verlassen müsse, nahm der Emigrant - wie er später erklärte - seinen Gastgebern »gar nicht übel«. Er habe ja, gab er zu, bei der Einreise geschwindelt.
Dass er dennoch bleiben durfte, hatte er schließlich seiner Schwägerin Ursula Hirsch zu verdanken, die beim German Emergency Committee arbeitete, einer Hilfsorganisation der Quäker für verfolgte Deutsche, und erfolgreich beim Innenministerium intervenierte: Sie versprach, den Familienvater zu unterstützen.
Freilich verschlechterten sich für ihn die Verhältnisse, als die Briten nach dem Einmarsch Hitlers in Polen dem Dritten Reich den Krieg erklärten und die deutschen Mitbürger zu verdächtigen Ausländern stempelten. Eigens etablierte Gerichtshöfe hatten zu prüfen, welcher Flüchtling die Sicherheit zu gefährden drohte.
Haffner wurde in die Kategorie A - als Sicherheitsrisiko - eingestuft. Der Richter schrieb: »Ich glaube, dieser Mann lebt von anderer Leute Dummheit und ist durch und durch dubios, und mit Hilfe seiner Schwägerin ... und seiner Verleger kann er sehr gefährliche Kontakte aufbauen.«
Über zwei Monate musste der Gegner Hitlers in einem Lager in Seaton ausharren, wo die Briten gleichermaßen Nazis wie deutsche Kommunisten eingesperrt hielten. Seine Verleger Martin Secker und Frederic Warburg sorgten schließlich für die Freilassung - ihnen lag inzwischen das Manuskript von »Germany: Jekyll & Hyde« vor, in dem Haffner Ratschläge für den Krieg gegen den NS-Staat erteilte.
Dass der Zuwanderer aus Deutschland hilfreich sein könnte, fiel im August 1940 auch dem britischen Auslandsdienst MI 6 auf. Zu diesem Zeitpunkt war Haffner abermals interniert, in diesem Fall in einem Lager auf der Isle of Man. Der Bombenterror der Nazis hatte die Briten so aufgewühlt, dass Premierminister Winston Churchill Pogrome befürchtete und deshalb über 20 000 Deutsche und Österreicher vorsichtshalber festsetzen ließ.
Der MI 6 - später durch die James-Bond-Filme als Arbeitgeber von Agent 007 bekannt geworden - zog nun in Erwägung, den Journalisten kluge Texte gegen den deutschen Diktator verfassen zu lassen. Doch bevor es dazu kam, paukte Verleger Warburg seinen Schützling ein zweites Mal heraus, und ein Wechsel der Zuständigkeiten bei den Geheimdiensten beendete vorerst das Interesse an dem Deutschen.
Als das britische Informationsministerium im März 1941 Emigranten aus dem Reich die Gründung des Blattes »Die Zeitung« erlaubte (und insgeheim finanzierte), wurde Haffner Leitartikler. Die Londoner Polizei merkte dazu an: »Seine Arbeit wird als direkte Unterstützung der britischen Kriegsanstrengungen angesehen.«
Dennoch überwachten die Dienste den Autor weiterhin mit Argwohn. Sie registrierten, wie er bei einem Mittagessen mit dem Labour-Abgeordneten Stephen King-Hall dafür plädierte, »eine deutsche Division in diesem Land aufzustellen und in die britische Armee einzugliedern, möglicherweise einschließlich eines Selbstmordkommandos aus Fallschirmspringern, die über wichtigen deutschen ... Zentren abgesetzt werden sollen«.
Und auch Haffners Haltung zum Bombenkrieg erregte Interesse. Es sei, so sagte er zu King-Hall, »lebenswichtig für dieses Land, auch weiterhin Deutschland so intensiv wie möglich zu bombardieren und die Blockade strikt aufrechtzuerhalten, um den Deutschen das Leben möglichst schwer zu machen«.
Schon der MI 5 bemerkte, was später in der Bundesrepublik Millionen Haffner-Leser empfanden: Seine Ansichten waren schwer zu fassen. Mal war er Kalter Krieger, mal vehementer Befürworter der Entspannungspolitik; mal dämonisierte er die DDR, mal glorifizierte er den ostdeutschen Staat. Ein Geheimdienstler vermerkte schon 1948 rückblickend über Haffners Ruf unter Emigranten: »Einige sahen in ihm einen Liberalen und Anti-Nazi, andere einen Beinahe-Kommunisten, und manche nur einen Opportunisten, der sich als Nazi-Gegner ausgab, weil es ihm gelegen kam.«
Von Zuträgern erfuhren die Londoner Behörden, dass Haffner vor allem für die im Königreich überdauernden Sozialdemokraten eine Reizfigur darstellte. Viele hatten im Kampf gegen Hitler ihr Leben riskiert; Tausende Genossen leisteten immer noch Widerstand im Reich. Der Star-
Autor der »Zeitung« behauptete dagegen, eine wirklich politische Opposition gebe es in Deutschland nicht. »Kein Sozialist«, empörte sich daraufhin der spätere SPD-Staatssekretär unter Willy Brandt in Bonn, Walter Auerbach, würde »mit einem Haffner zusammenarbeiten«.
Ein Sozialdemokrat unter dem Decknamen »Kurt« denunzierte Haffner wohl deshalb bei den Briten: Dieser sei »ein beinharter Reaktionär, in einigen Fragen sogar reaktionärer als die Nazis. Er lässt nur aus reinem Opportunismus Liberales und Demokratisches drucken, teils will er den liberalen jüdischen Abonnenten gefallen ... teils die Briten beschwichtigen. Um von seiner schwarzen Vergangenheit abzulenken, versucht er nun, englischer zu sein als die Engländer«. Außerdem habe der Leitartikler einst für die »Nazi-Presse« geschrieben - was nicht zutraf, wie die Briten wussten.
Als die geheime Propaganda-Einheit Political Warfare Executive (PWE) 1943 bei dem für das Inland zuständigen MI 5 anfragte, ob es Einwände gegen eine Beschäftigung Haffners im Deutschlandreferat gebe, verneinten die Kollegen.
Ob der Publizist dann in irgendeiner Weise tatsächlich mit der PWE zusammengearbeitet hat, geht aus seinem Dossier nicht hervor. Allerdings mutmaßte ein Diplomat des britischen Außenministeriums, dass der Deutsche insgeheim mit den Desinformationsexperten Londons kooperiere.
Die alte Erfahrung der Geheimdienste, derzufolge allzu umfängliches Detailwissen den erwünschten Durchblick leicht verstellen kann, hat indessen auch der MI 5 zeitweilig vernachlässigt. 1946 stand Haffner im Verdacht, mit Kommunisten zu sympathisieren - auf Grund eines Vorgangs, der fünf Jahre zurücklag.
Ein Kollege der »Zeitung« hatte damals weitergegeben, dass der Journalist angeblich von einer »Einführung des Faschismus« in Großbritannien sprach - und zwar mit Arbeitsminister Ernest Bevin von der Labour Party als Diktator. Eine absurde Idee.
Doch der Analytiker vom MI 5 nahm noch 1946 den seltsamen Informationsschnipsel als Beleg dafür, dass die Ansichten des auffälligen Deutschen einen »kommunistischen Beigeschmack« hätten. Bei regelmäßiger Lektüre etwa des »Observer« hätte dem Geheimdienstler eigentlich auffallen müssen, dass Haffner bereits zu einem vehementen Befürworter des Kalten Krieges gegen die Sowjetunion geworden war, wovon er später, in den sechziger Jahren, freilich wieder abrückte. KLAUS WIEGREFE
* Links: in Berlin 1946; rechts: Deutsche und Österreicher aufdem Weg nach Port Erin 1940.