PROZESSE Durchaus erstaunlich
Beide Partner waren sich einig, aus Liebe zueinander ihr Leben zu verändern.
Er, Rechtsanwalt in Stuttgart, vierzig Jahre alt, verheiratet und Vater von vier Kindern, wollte Frau und Familie für immer verlassen.
Sie, Teppich-Verkaufsleiterin in einem Möbelhaus, war bereit, ihren Ehemann aufzugeben, mit dem sie ohnehin »keine ehelichen Beziehungen mehr« unterhielt.
Sechs Monate nach der ersten Begegnung verlobten sich die beiden »förmlich«, verabredeten die Scheidung vom bisherigen Lebensgefährten und versprachen sich »in aller Form die Heirat«, wie später im Anwaltsprotokoll zu lesen war.
Doch das aktenkundig »enge Liebesverhältnis« wurde jäh unterbrochen: Die heiratswillige Anita kam, im Juli letzten Jahres, wegen fortgesetzten Betrugs, Unterschlagung und besonders schwerer Untreue in Untersuchungshaft. Ein S.66 Wiedersehen mit dem Liebhaber gibt es jetzt vor dem Stuttgarter Landgericht, wo sich die Kauffrau Anita Denic, 37, diese Woche wegen Heiratsschwindels verantworten muß.
Und der Rechtsanwalt wird Zeuge sein. Denn den Juristen kam die knapp drei Jahre dauernde Bindung an die Liebessimulantin mit 350 000 Mark teuer zu stehen.
Auf 22 Seiten hat die Stuttgarter Staatsanwaltschaft die Einzelheiten des »absolut ungewöhnlichen« Falles zusammengetragen, zu dem es in den Akten der Justiz und der Landeskriminalämter »nichts Vergleichbares« (Staatsanwalt Rainer Christ) gibt. Denn Heiratsschwindel, begangen von einer Frau, kommt nach Schätzung von Kriminalisten in zwanzig Fällen einmal vor. Prozesse gegen männliche Simulanten sind hingegen Alltagstermine.
Als Heiratsschwindler strafbar macht sich jeder, der durch die förmliche oder wiederholte Erklärung etwa, sich scheiden zu lassen oder nicht verheiratet zu sein, ein Eheversprechen abgibt, um damit, so Staatsanwalt Christ, »eine gemeinsame Zukunft vorzutäuschen und für dazu angeblich nötige Investitionen Geld herauszulocken«.
Genau dies gelang der attraktiven Anita aus der kleinen badischen Gemeinde Brühl-Rohrhof. Die ungelernte Verkäuferin, von einem saarländischen Metzger und einem persischen Teppichhändler geschieden, hatte 1975 ihren jetzigen Ehemann, einen Jugoslawen, geheiratet.
Daß sie vor Jahren schon ihren Lebensunterhalt mit kriminellen Teppichgeschäften bestritt und deshalb auch 1979 wegen zwölffachen Betrugs zu zwei Jahren Freiheitsstrafe mit Bewährung verurteilt worden war, blieb dem verliebten Stuttgarter Anwalt ebenso verborgen wie die eheliche Vergangenheit der zweimal Geschiedenen.
Trotz seines Drängens weigerte sich Anita, mit ihrem künftigen Ehemann zusammenzuziehen: weil sie sonst, wie sie vorgab, von ihrem schwerkranken und schwerreichen Vater enterbt werde und weil sie ihren todkranken Gatten nicht verlassen wolle. Außerdem arbeite ihr Mann für einen ausländischen Geheimdienst, und sie sei deshalb in ihren Entscheidungen nicht frei.
Bei Geldforderungen vertraute der schwäbische Jurist der Geliebten ebenfalls, ohne nachzufragen. Er zahlte 5000 Mark, als Anita erzählte, sie müsse einer erpresserischen Forderung ihres früheren persischen Ehemannes nachkommen, wolle aber auf eine Einschaltung der Polizei verzichten.
Die Bitte des Anwalts, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen, wehrte sie aber vor allem mit dem Hinweis ab, sie sei hoffnungslos an Nierenkrebs erkrankt, Rettung versprächen allenfalls Naturheilmittel, die sehr teuer und nur in Jugoslawien erhältlich seien.
Wenig später, die linke Niere hatte sich angeblich gebessert, wurde die rechte Niere von Metastasen befallen - nun mußte mit Schildkrötenblut behandelt werden, der Anwalt zahlte. Dann waren Leber und Lunge betroffen, das Krebsmittel Interferon war vonnöten. Zwischendurch wurde dem Geldgeber mal »Besserung signalisiert«.
Zunächst schienen Anitas Leiden »besiegt«, dann traten, wie sie sagte, neue »entsetzliche Schmerzen« auf - im Magen wuchs ein Tumor, eine jugoslawische Heilpraktikerin mußte ran, Spritzen und Blutaustausch waren nötig, auch Kuraufenthalt und Behandlungsreisen nach Jugoslawien und Frankreich.
Anita Denic reiste stets allein. Bis Ende 1980 hatte sie schon 220 000 Mark kassiert. Erst nachdem ein Sozius des geprellten Juristen »starkes Mißtrauen« bekundete, weil inzwischen allein eine Viertelmillion bar von den Geschäftskonten der Kanzlei abgehoben und meist ohne Quittung ausgehändigt worden war, flog der Schwindel auf.
Mit dem fremden Geld hatte das Ehepaar Denic, wie die Staatsanwaltschaft ermittelte, einen »sehr aufwendigen Lebensstil« gepflegt. Die Jugoslawen besaßen teure Teppiche und Pelze, fuhren einen Porsche und einen Opel Ascona. Die Auslandsreisen, die angeblich der Heilbehandlung dienen sollten, unternahm Anita gemeinsam mit ihrem berufslosen Ehemann; statt zur Tumor-Therapie fuhr sie zum Baden auf die Kanarischen Inseln.
Behandlung war auch gar nicht notwendig: Ein Mediziner in einem Attest für die Staatsanwaltschaft: »Die ärztliche Untersuchung ergab keinerlei Befunde.«