CHINA Echte Mutter
Wenn Dietrich Ohlmeyer einen Deoroller der Marke »Fa« in die Hand nimmt, prüft er mit dem Finger automatisch die Unterseite der Flasche: Spürt er anstatt kleiner Glasnoppen längliche Rillen, verdüstert sich die Miene des Managers, der für den deutschen Waschmulti Henkel arbeitet: »Ganz klar eine Fälschung. In der Flasche befindet sich nur gefärbtes, parfümiertes Wasser.«
Alp Altun, Geschäftsführer einer deutschen Fabrik für Malerbedarf in Peking, erlebt Ähnliches fast jeden Tag. Zwar findet er in den Baumärkten häufig genug Farbroller mit dem Namen seiner Firma. Nur: Die Ware entpuppt sich als billige Kopie. »Es wird hemmungslos abgekupfert«, schimpft der Geschäftsmann.
Die Erfahrungen der beiden deutschen Unternehmer in China sind keine Einzelfälle. Hunderte ausländische Investoren werden im Reich der Mitte immer wieder Opfer skrupelloser Fälscher. Die werfen ihre täuschend echt nachgemachten Produkte zu Spottpreisen auf den Markt und gefährden damit den Ruf der ursprünglichen Hersteller.
Ob Bohrmaschinen oder Batterien, Schuhe oder Sicherungen, Vergaser oder Viagra-Pillen, Motorroller oder Mars-Riegel - die Produktpiraten imitieren so ziemlich alles, was ausländische Firmen in China herstellen. Zuweilen, so als hätten sie ein schlechtes Gewissen, verändern sie einige Buchstaben des Markennamens: Statt »Fa« steht dann »Fu« auf der Sham-
pooflasche, die dem Original ansonsten bis ins Detail zu gleichen scheint - ein Unterschied, den chinesische Kunden kaum ausmachen können.
Vor und in den Bars der Pekinger Sanlitun-Straße bieten Händler Raubkopien von CDs und DVDs mit den neuesten Hollywood-Streifen für umgerechnet einen Euro an. Ein paar Kilometer südlich, auf dem so genannten Seidenmarkt, präsentiert sich ein unerschöpfliches Angebot von Louis-Vuitton-Taschen, Adidas-Trainingsanzügen, Nike-Sportschuhen, Burberry-Schals oder Anoraks mit der begehrten Aufschrift »The North Face«. Die Waren sind unglaublich günstig und genauso echt wie ein 25-Euro-Schein.
DaimlerChrysler ließ jüngst 4000 gefälschte Windschutzscheiben zerstören. Nach der Premiere des Computerprogramms Windows XP dauerte es nur wenige Tage, bis die erste Raubkopie auf den Märkten Pekings erhältlich war.
Nicht nur in der Hauptstadt, in Schanghai oder Kanton, sondern auch im Ausland dringen die in China gefälschten Marken inzwischen in den Handel. Versuchen sich die betroffenen Unternehmen zu schützen, indem sie etwa das Design ihrer Verpackungen verändern, dauert es nur wenige Tage, bis die Fälscher nachziehen.
»Ohne Zweifel: Die Situation in China ist schlimmer als in jedem anderen Land«, klagt Joseph Johnson vom niederländischbritischen Konzern Unilever. Experten schätzten den wirtschaftlichen Schaden schon für 1998 auf etwa 18 Milliarden Euro - Raubkopien von Büchern, CDs, Medikamenten und nachgemachten Zigaretten noch nicht einmal eingerechnet. Die Gewinnspannen der Fälscher hingegen sind enorm, sie sparen unter anderem Forschungs- und Entwicklungskosten.
Schwerer aber noch als entgangene Gewinne, sagt Ohlmeyer, wiege der Verlust des guten Rufes. Wenn aus einer Shampooflasche eine wohlriechende, aber wirkungslose Flüssigkeit fließt, die womöglich noch mit schädlichen Stoffen versetzt ist, »machen die Fälscher unsere Marken kaputt«.
Auch viele chinesische Betriebe werden Opfer einschlägiger Ganoven. »In China ist nur deine Mutter echt«, lautet ein geflügeltes Wort. So verkaufen einheimische Apotheken Antibabypillen, die nichts als Stärke enthalten. Supermärkte bieten Tee, Schnaps und Kekse berühmter Marken an, denen die Fälscher auch schon mal giftige Substanzen beigemischt haben.
Für die Kunden kann dies lebensgefährlich werden, wenn sie falsche Medikamente schlucken oder miserable Bremsbelege montieren lassen - im guten Glauben, sie hätten Markenprodukte erworben. Fahndern des Lebensmittelmultis Unilever gelang es, im letzten Moment eine Untergrundfabrik zu entlarven, »die unter unsäglichen hygienischen Verhältnissen unsere Erdnussbutter kopierte«, klagt Johnson.
Die Unternehmen geben mittlerweile jedes Jahr Millionen Dollar aus, um ein Heer von Anwälten und Detektiven auf die Schwindler anzusetzen. Henkel-Experte Ohlmeyer leitet eine Truppe von 30 Ermittlern, die im ganzen Land Großmärkte durchkämmen: »Wir holen Zigtausende falscher Deos aus den Regalen.«
Vielen Tätern fehlt das Unrechtsbewusstsein, denn das Konzept vom Schutz des geistigen Eigentums ist ebenfalls ein Westimport und existiert in China erst seit wenigen Jahren. Das hat vor allem kulturhistorische Gründe: In der traditionellen Malerei etwa ist eine gute Kopie genau so viel wert wie das Original.
Nicht selten sind die Fälscher den Opfern bestens bekannt: Immer wieder berichten ausländische Geschäftsleute, dass sich ihre einheimischen Ingenieure und Meister mit Blaupausen und Know-how davonmachen, um mit dem exakt gleichen Produkt eine eigene Firma zu gründen. 77 Multis, darunter Bosch, VW, Siemens, Nokia und Microsoft, haben sich inzwischen zu einer Anti-Fälscher-Koalition zusammengeschlossen, um Zentralregierung und Lokalbehörden zu überzeugen, dass der Schutz ausländischer Produkte im eigenen Interesse liegt. Die EU-Kommission veranstaltet gemeinsam mit dem chinesischen Außenhandelsministerium Kurse für Juristen, Zöllner und Journalisten über die Grundzüge des Patentrechts und des Schutzes geistigen Eigentums.
Denn neben der noch immer tiefen Rechtsunsicherheit, der wuchernden Korruption und der erdrückenden Bürokratie gehört der mangelnde Marken- und Titelschutz zu den drängendsten Problemen ausländischer Betriebe in China. Henkel erwog bereits ernsthaft, die Investitionen im Reich der Mitte einzustellen. Die Software-Firma Adobe drohte, in Zukunft auf chinesische Versionen ihrer Programme vollständig zu verzichten. Einem Manager war in Peking die gesamte Produktpalette der Firma für umgerechnet knapp 50 Cent angeboten worden.
Pekings Behörden und Politiker geben sich denn auch einsichtig, zumal ihnen Steuern in Milliardenhöhe entgehen. Der Nationale Volkskongress, Chinas Scheinparlament, verschärfte jüngst das Markenrecht und die Gesetze zum Schutz des geistigen Eigentums. Öffentlichkeitswirksam vernichten Bulldozer gefälschte CDs, Taschen oder Parfümflakons. Allein im vorigen Jahr schlossen die Behörden nach eigenen Angaben eine halbe Million Fälscherwerkstätten, die Waren im Wert von umgerechnet 2,3 Milliarden Euro produziert hatten.
Doch trotz aller Kampagnen gegen die Produktpiraten »grassiert nach wie vor in einigen Teilen des Landes die Herstellung und der Verkauf falscher Produkte«, musste der chinesische Premier Zhu Rongji zugeben. Schlimmer noch: Zuweilen zählen auch nicht ausgelastete Staatsbetriebe zu den Schwindlern. Oder die Fälscher stecken mit Polizei und Armee unter einer Decke. Weil die Werkstätten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und in manchen Orten womöglich der einzige Arbeitgeber sind, weigern sich Lokalregierungen, sie zu schließen.
Ertappte Fälscher haben überdies nicht viel zu befürchten. »Die Piraten werden nicht genügend abgeschreckt, weil nur viel zu niedrige Geldstrafen verhängt werden«, schimpft Ohlmeyer. »Uns ist es noch nie gelungen, jemanden hinter Gitter zu bringen.« ANDREAS LORENZ
* Mit konfisziertem Tee in einem Supermarkt.