GROSSBRITANNIEN Echtes Experiment
In der schönen Welt des Films hat sie es als Miss Moneypenny, als Sekretärin der Chefin von James Bond, zu gewisser Bekanntheit gebracht. Im wirklichen Leben fand die Londoner Schauspielerin Samantha Bond jetzt eine neue Rolle: als Fürsprecherin der Autofahrer der britischen Hauptstadt, die sich von ihrem Bürgermeister entrechtet fühlen.
Die blonde Mimin, die gerade als blutdürstige Lady Macbeth auf der Bühne steht, macht Front gegen die Einführung einer Mautgebühr für das Stadtzentrum. Die Abgabe sei »völlig unmoralisch« und eine »totale Ungerechtigkeit«.
In jeder deutschen Großstadt wäre Miss Moneypenny bei ihrem Kreuzzug für die geknechteten Autofahrer sofort eine Volksheldin, nicht so im coolen London. Zu einer groß angekündigten Protestversammlung gegen die »Congestion Charge« ("Verstopfungsabgabe") erschienen gerade mal 300 Motoristen.
Dabei ist höchste Eile geboten: Ab Anfang nächster Woche, so plant es der Bürgermeister und notorische U-Bahn-Nutzer Ken Livingstone, wird für das Autofahren im Zentrum der Sieben-Millionen-Metropole eine Maut erhoben. Gebührenpflichtig ist dann ein 20 Quadratkilometer großes Gebiet zwischen Hyde Park und Tower Bridge. Fünf Pfund täglich - 7,60 Euro - muss jeder Motorist blechen, der an Werktagen zwischen 7 und 18.30 Uhr in dieser Zone nicht auf sein Gefährt verzichten will.
Ausgenommen sind Busse, Taxis, Feuerwehr und Polizei, Motorräder, aber auch mit Flüssiggas oder Strom angetriebene Kraftwagen. Anwohner der City müssen nur zehn Prozent bezahlen.
Mit der Maut will Bürgermeister Livingstone die Zahl der ins Stadtzentrum fahrenden Autos um mindestens zehn Prozent reduzieren und so die Verkehrsgeschwindigkeit um ein Viertel steigern. Außerdem möchte er mit erwarteten Einnahmen von rund 130 Millionen Pfund (198 Millionen Euro) pro Jahr den öffentlichen Nahverkehr verbessern.
Livingstone ist ein Mann mit Überzeugungen und Mut zum Risiko. Er hat schon als »Roter Ken« gegen Maggie Thatcher rebelliert und triumphierte im Frühjahr 2000, nach seinem Ausschluss aus der Labour Party und trotz übelster Diffamierungen durch Premier Tony Blair, bei der Bürgermeisterwahl. Bereits während seines Wahlkampfs hatte er die Maut angekündigt, inzwischen haben die städtischen Verkehrsbetriebe ein zeitgemäßes System für die Umsetzung entwickelt.
So können Autofahrer nicht nur in Zeitungsläden und anderen Geschäften vorab die Maut bezahlen, sondern auch über Internet, Telefon oder SMS. An den Einfahrtsstraßen und in der Mautzone selbst sind rund 800 Kameras zur Erfassung von Nummernschildern installiert; Computer gleichen ihre Bilder mit den Daten derer ab, die bezahlt haben. Wer sich um die Maut drückt, muss mit einer Strafe von 40 Pfund rechnen.
Livingstone beruft sich bei seinem Modellprojekt auf Singapur. Dort gelingt es - wenn auch in kleinerem Maßstab - seit 1975, mit einem Mautsystem den Autoverkehr zu reduzieren und in Fluss zu halten.
Im verwinkelten Stadtzentrum von London kommen Kraftfahrzeuge oft nur noch mit Tempo 15 voran. Das sinnlose Herumstehen in Staus, so schätzen die Verkehrsplaner, verursacht jährliche Kosten von mehr als 15 Millionen Euro.
Die meisten Bezirksverwaltungen unterstützen das Projekt, die Regierung Tony Blairs hingegen hält sich zurück. Noch im Bürgermeisterwahlkampf hatte der Premier gegen Livingstones Mautpläne polemisiert.
Da selbst die Konservativen nur Details der Planung benörgeln, sind es eher Außenseiter und Selbstdarsteller aller Couleur, die gegen die Maut zu Felde ziehen. Die »Autofahrer gegen Blitzen« etwa wollen die Überwachungskameras demolieren. Oder Terry Burrows, angeblich der schnellste Fensterputzer der Welt, hat einen rührenden Protestsong gegen die Maut aufgenommen.
Zum Glück für Livingstone ist die Leidensbereitschaft der Londoner, die sich mit U-Bahn-Engpässen, Feuerwehrstreiks oder Mega-Staus abplagen müssen, ungewöhnlich hoch. Ebenso ausgeprägt ist ein pragmatischer Common Sense, der Autos nicht als Freiheitsikonen begreift, sondern als Mittel zur Fortbewegung.
Sogar der Royal Automobil Club hat inzwischen erkannt, dass das Land mit den meisten Staus in Europa ohne Maut bald zum Stillstand kommen würde. In London sprachen sich in einer Meinungsumfrage 39 Prozent gegen die Congestion Charge aus, 48 Prozent dafür.
Ärger machen mal wieder Tony Blairs beste Freunde, die Amerikaner. Ein Sprecher der US-Botschaft lehnte es »aus prinzipiellen Gründen« ab, dass die rund 700 Diplomaten und Beschäftigten der Botschaft die Abgabe entrichten. Gebe Livingstone nicht nach, so die unfreundliche Warnung, werde man sich »entsprechende Maßnahmen« für britische Diplomaten in Washington ausdenken.
Für deutsche Touristen, die mit ihren Automobilen nach London kommen, kann indes weiter die heimische Devise »Freie Fahrt für freie Bürger« gelten. Denn in Deutschland werden ausländische Bußgeldbescheide - im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern - nicht eingetrieben. MICHAEL SONTHEIMER