Edler Saft - DER SPIEGEL
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DE-GAULLE-BESUCH Edler Saft

• aus DER SPIEGEL 49/1958
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Protokollarische Eitelkeiten und persönliche Erinnerungen hatten den Konferenzort bestimmt: Adenauer war nicht nach Paris gekommen, sondern nur bis Colombey - les - Deux - Eglises - folglich konnte de Gaulle nicht nach Bonn reisen; daß die Wahl auf Bad Kreuznach fiel, hat das idyllische Kleinstädtchen zumindest zum Teil dem Umstand zu verdanken, daß der General de Gaulle vor nicht ganz vier Dezennien als 32jähriger Commandant (Major) dortselbst im Hauptquartier der französischen Besatzungsmacht Dienst tat.

Ältere Bürger des Badeorts an der Nahe erinnern sich noch, daß sie vor dem Commandant de Gaulle, der wegen seiner Länge stadtbekannt war, den Gehsteig räumen und unter zivilen Ehrenbezeigungen im Rinnstein verharren mußten.

Freilich waren es nicht nur solche herzerwärmenden Erinnerungen, die den Retter Frankreichs bestimmten, Bad Kreuznach zum Ort seines zweiten Zusammentreffens mit Konrad Adenauer zu erwählen; auch die örtlichen Gegebenheiten sagten dem anscheinend von Attentatsfurcht geplagten General zu: Das als Gesprächsort ausersehene Kurhaus - in dem im Ersten Weltkrieg Kaiser Wilhelm II. zuzeiten sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte liegt inmitten der Nahe auf einer Insel und hat nur einen Zugang, der sich unschwer blockieren läßt.

Das wurde mit erstaunlicher Gründlichkeit besorgt: Mehrere Hundertschaften Polizei und Gendarmerie riegelten die Wasserburg hermetisch gegen Presse und' Publikum ab. Sogar die gegenüberliegenden Uferhöhen und Weinberge wurden von unauffälligen Herren in Joppen oder Lodenmänteln kontrolliert.

Die Furcht, daß sich unter die in beträchtlicher Zahl angerückten Presse-Korrespondenten und -Photographen bombenwerfende Algerier gemischt haben könnten, trieb absonderliche Blüten: Als der französische Ministerpräsident auf dem Bahnhof Kreuznach des Kanzlers Mercedes bestieg und der Bonner Pressephotograph Engels mit seinen Apparaten in Schußposition ging, drohte der Kriminalist Büttner von der Bonner Sicherungsgruppe aus seinem schwarzen Porsche: »Ich lasse Sie auf der Stelle verhaften!« Den Absperrmannschaften rief er den Befehl zu: »Durchsagen: die Presse zurückdrängen!«

So gewaltig der Sicherheitsaufwand für das Treffen der beiden langen Regierungschefs war, so dürftig war das Ergebnis der Begegnung - was freilich schon aus zeitlichen Gründen kaum anders zu erwarten war: Ganze fünf Stunden standen für die Beratungen zur Verfügung, wovon noch ein Teil für ein Mann - zu - Mann - Schwätzchen Adenauers mit de Gaulle draufging.

In dieser knappen Zeitspanne die diffizilen Probleme etwa der Freihandelszone gründlich zu erörtern, war platterdings unmöglich und offenbar auch nicht geplant: De Gaulle war darauf aus, dem Kanzler und Erhard unbestimmte und deshalb später ausdeutbare Zusagen in Sachen Freihandelszone gegen Einigkeitsbeteuerungen in Sachen Berlin abzuhandeln, die ihn nichts kosten.

Das gelang vollkommen. Die beiden Wirtschaftsminister Pinay und Erhard einigten sich darauf, den an der Freihandelszone interessierten Staaten eine »multilaterale Assoziation« vorzuschlagen, worunter sich selbst Fachleute nichts vorzustellen vermögen. Bundespressechef Felix von Eckardt erklärte noch tags darauf auf die Frage, ob er diese geheimnisvolle Formel etwas näher erläutern könne: »Das kann ich beim besten Willen nicht. Ich habe auch noch niemanden gefunden, der mir das erklären kann.«

Die Bereitschaft der Bundesregierung, derart nebulösen Formulierungen zuzustimmen, deren gallische Interpretation erst offenbar werden wird, wenn demnächst in Paris Verhandlungen über die, Freihandelszone und deutsche Kredite für Frankreich beginnen, honorierte de Gaulle mit der Erklärung, daß er den Standpunkt der Bundesregierung in der Berlin-Frage vollkommen teile, technische Kontakte mit den Zonen-Machthabern grundsätzlich ablehne und überhaupt auf der »Aufrechterhaltung des Status von Berlin« beharre, »so wie er durch die in Kraft befindlichen. internationalen Vereinbarungen bestimmt wird und wie er durch die Regierungen Frankreichs, der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs, denen sich die Regierungen der übrigen Mitgliedstaaten der Nato angeschlossen haben, garantiert ist«.

Daß solchen französischen Solidaritätsbeteuerungen bestenfalls deklamatorischer Wert beizumessen ist, machte am nämlichen Tage der amerikanische Außenminister Dulles klar, als er in krassem Gegensatz zur offiziellen Bonner Haltung eine »DDR«-Kontrolle der Verkehrswege nach Westberlin unter der Voraussetzung 'für akzeptabel erklärte, daß man die »DDR«-, Kontrolleure kurzerhand als Beauftragte der Sowjet-Union betrachte.

Obschon derart vom Bonner Kurs abweichende Tendenzen der tonangebenden Amerikaner und auch der Engländer schon vor 'Beginns des Kreuznacher Treffens offenbar geworden waren, wurde de Gaulles Erklärung zur Berlin-Frage prompt als großer politischer Erfolg des Kanzlers bete jubelt und löste, auf der Nahe-Insel eine deutsch-französische Solidaritäts-Euphorie aus. »Es ergab sich ein deutsch-französisches Einvernehmen, wie es seit Generationen nicht mehr zu verzeichnen war«, erklärte der Sprecher der französischen Delegation.

Dieses Einvernehmen der Kontinental-Europäer unter sich wurde auch auf der abendlichen Pressekonferenz demonstriert. Noch bevor die Außenminister von Brentano und de Murville das Konferenzzimmer betraten, übergaben Delegationsfunktionäre das Kommuniqué den Vertretern der französischen und deutschen Presseagenturen. Die Vertreter der britischen Reuter-Agentur und der amerikanischen Nachrichten-Agentur United Press gingen leer aus.

Am Morgen dieses Tages hatte der Kreuznacher Heimatdichter Hans Herrmann gereimt:

Staatsbesuch no langer Dauer

in de Nahemetropol:

Bundeskanzler Adenauer

und de Musje Charles de Gaulle

im Gefolge die Minischder

sinn im Kurhaus aach debai.

Losst jetz strahle alle Lichter,

daß der Tag erleuchtend sei.

Reicht eich brüderlich die Hände,

trinkt Nahewein, den edlen Saft,

un es bleibt uns ohne Ende

dann e prima Nochberschaft.

So war es denn auch.

Besucher de Gaulle, Gastgeber Adenauer

Worte ohne Wort

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