WIRTSCHAFTSKRIEG Ehrlicher Mäkler
Kurz bevor Konrad Adenauer am Donnerstag letzter Woche zu Charles de Gaulle reiste; um mit ihm über die Zukunft Europas zu plaudern, hatte Britanniens Premier Harold Macmillan den Bonner Kanzler brieflich und vertraulich gewarnt: Neue Gefahren für Europa zögen an unerwarteter Stelle auf, ein Ansturm amerikanischer Exportgüter auf den Weltmarkt stehe bevor.
Die neue amerikanische Regierung, so schrieb Macmillan an Adenauer, lege offensichtlich größten Wert auf die Ausweitung ihres Exports in aller Welt, was notwendigerweise die Exporte europäischer Länder treffen würde.
Das Rezept gegen solche Konkurrenz: Einigkeit - weshalb sich die europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) der Sechs Staaten Frankreich; Westdeutschland, Italien, Belgien, Holland und Luxemburg nicht nach den Wünschen de Gaulles weiter konsolidieren und mit politischen sowie kulturellen Organen komplettieren dürfe.
Rasch müsse vielmehr eine Brücke zur Europäischen Freihandelszone (Efta) der sieben Staaten (England, Schweden, Norwegen, Dänemark, Portugal, Österreich und der Schweiz) geschlagen werden. Denn nur vereint könne Europa der Wirtschaftsoffensive Amerikas widerstehen.
Daß EWG und Efta den Handel innerhalb ihrer Sechser- und Siebenermärkte erleichterten, werde auf die Dauer den Export in alle Welt nicht aufwiegen können, zumal die Binnenmärkte bald gesättigt sein würden.
Macmillan bat den Bonner Kanzler, den französischen Staatschef gelegentlich der Pariser Visite im Interesse Gesamteuropas und nicht zuletzt auch im Interesse der Atlantischen; Gemeinschaft zu überzeugen: Eine weitgespannte Zusammenarbeit aller Europäer bringe mehr Erfolg als die Isolation in teileuropäischen Räumen.
Die Bonner Regierung, jedenfalls werde doch wohl begreifen, daß ihr Interesse am besten gewahrt bleibe, wenn alle europäischen Mächte bei den künftigen Auseinandersetzungen über Geschick und Gestalt der Nato zusammenarbeiteten. Einen, milden Tadel für den Bonner Adressaten fügte der Briefschreiber in London noch hinzu: Am 10 August des vergangenen Jahres habe der Kanzler doch versichert, die Bundesregierung werde sich um die Überwindung der Gegensätze zwischen EWG und Efta bemühen. Derlei Verheißungen, seien bisher leider nicht erfüllt worden: Bei seinem letzten Paris-Besuch sei er, Macmillan, immer wieder auf die alten Sonderwünsche de Gaulles gestoßen.
Großbritannien habe die Vorstellungen de Gaulles von engerer politischer Koordination der EWG zwar stets geteilt, doch nur in der Form, daß man politische Themen gemeinsam berate und nicht neue übernationale Institute einrichte.
Die Bildung eben solcher Superinstanzen aber - das berichtete wiederum Botschafter Herbert Blankenhorn aus Paris nach Bonn - wolle de Gaulle dem Kanzler in Paris vorschlagen, wenn auch gegenüber ursprünglichen Plänen etwas modifiziert. Frankreichs Staatschef werde versuchen, seinen Gast aus Bonn auf die Konstituierung einer kontinentalen »dritten Macht« unter französischer Führung festzunageln.
In diesem Zwiespalt zwischen den politischen Forderungen Frankreichs und den wirtschaftlichen Vorschlägen Englands wurde den Kanzler eine bindende Entscheidung einstweilen noch nicht abverlangt.
Die Regierungschefs der EWG-Staaten, die einen Tag nach dem Zwiegespräch. Adenauer - de Gaulle Zusammentraten, stellten de Gaulles Zementierungspläne für die EWG zurück. Britanniens Vorstellungen von den europäischen Wirtschaftsproblemen sollen in französisch-britischen Sachverständigengesprächen behandelt werden.
Briefschreiber Macmillan: Gefahr aus Amerika